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Ausgabe:

1917 Nr. 11

Spalte:

224-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kerschensteiner, Georg

Titel/Untertitel:

Charakterbegriff und Charaktererziehung 1917

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr. 11.

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diefem Kompendium nicht zu erwarten. — Das Buch zer- trachtet (§ 13). Daß durch folche Schlagworte eine erfällt
in drei Teile. Der erfte, vorwiegend fpekulative, ent- i fprießliche Diskuffion des Problems ausgefchloffen ift,
wickelt die .Theorie der Offenbarung', d. h. den Begriff verfteht fich von felbft. Die fummarifche Wiedergabe der
der geoffenbarten Religion, ihre Möglichkeit, Notwendig- j Reuß-Graf-Wellhaufenfchen Gefchichtsauffaffung mündet
keit und Erkennbarkeit (S. 4—34). Diebeiden folgenden j in die Formel aus: ,So ftellt fich die altteftamentliche
Teile behandeln die ,Tatfache der Offenbarung', und zwar j Gefchichte als eine Fälfchung dar' (46, vgl. auch § 15 II
zunächft die Göttlichkeit des Chriftentums als der ! der übernatürliche Urfprung des Chriftentums und die
Vollendung der heilsgefchichtlichen Offenbarung (35—77), ■ gegnerifchen Hypothefen.)

fodann die göttliche Stiftung und Leitung der katholifchen j Der 3. Teil der M.'fchen Apologetik, der es befon-
Kirche als der bleibenden Trägerin der Offen- | ders mit der katholifchen Auffaffung von der Fortpflan-
barung (78—158). Der dritte Teil ift für fich allein um- i zung und Verkündigung der Offenbarung durch die
fangreicher als die zwei erften zufammen; der Schwer- ; Kirche zu tun hat, umfaßt zwei Gruppen von Lehren: die
punkt des Intereffes liegt für den Verf. weniger in der , eine, die fich auf das Priefter- und Hirtenamt (§ 23—34),
allgemeinen religiöfen und chriftlichen Grundlegung als in : die andere, die fich auf das Lehramt in Glaubensfachen
der gegenüber dem Proteftantismus und dem Modernismus : (§ 35—45) bezieht. Im letzteren Abfchnitt ift § 39 über
durchgeführten Verteidigung des fpezififch katholifchen die Unfehlbarkeit des Papftes mit unleugbarem Gefchick
Lehrfyftems. Die Probleme, welche für den proteftan- i gefaßt und begründet. Durch diefen ganzen Abfchnitt zieht
tifchen Theologen im Vordergrunde der Diskuffion flehen, j fich die Polemik gegen den Modernismus und den Prowerden
bei M. recht ftiefmütterlich behandelt, ja in vielen | teftantismus hindurch; der Ton diefer Polemik ift durch-
Fällen kommen fie nur gelegentlich in Betracht, und erft ! aus fachlich und vornehm. Bereits in den beiden erften
aus der Betrachtung des gefamten Stoffs gewinnt man die j Teilen hatte der Verf. Stellung genommen gegen den
Richtlinien und Grundprinzipien, nach denen der Verf. 1 Subjektivismus, der zur fortfchreitenden Auflöfung führt
verfährt. i (23); der Modernismus ift die neuefte Form des Volunta-

Über die Aufgabe der Apologetik und die Grenzen, 1 rismus und Myftizismus (15. 17. 50J. M. konftatiert
innerhalb deren diefe Aufgabe zu löfen ift, erfahren wir j übrigens mit Genugtuung, daß die modern proteftantifche
Folgendes. ,Die Apologetik ift diejenige Wiffenfchaft, j Forfchung das Unhiftorifche der reformatorifchen An-
welche die Glaubwürdigkeit des katholifchen Chriftentums j griffe auf mancherlei katholifche Lehren und Inftitutionen
als der von Gott geoffenbarten Menfchheitsreligion nach- : (83. 93. 121. 131) erkannt hat. Es mag fchließlich inter-
weift' (l); fie ift ,eine Wiffenfchaft die ihr Ziel, den Nach- ■ effant fein zu notieren, daß M. die Verbalinfpiration der H.
weis der Offenbarung, mit den Mitteln des natürlichen ! S.entfchiedener als manche katholifche Theologen vertritt

Denkens zu erreichen fucht' (15). ,Die Vernunft kann j (142—143), fich mit dem kathol. Satze von der Heilsnot-
zwar die Möglichkeit der göttlichen Offenbarung nicht j wendigkeit der Kirche ganz fchön abzufinden weiß (116
pofitiv dartun, wohl aber die Einwände gegen fie als ; bis 119); bei der Entwicklung des Traditionsbegriffs die
nicht fchlüffig zurückweifen' (13). ,Die Apologetik bewegt konfervative Seite der Überlieferung auf Köllen der dem
fich auf derfelben Linie wie die Metaphyfik, deren Ge- ' Kurialismus genehmen produktiven Tätigkeit der Tradition
fchäft fie aufnimmt und weiter führt. Die Exiltenz eines ; urgiert.

geiftigen Urhebers der Welt, die Einheit, Allmacht, Heilig- Das lichtvoll gefchriebene, den Plrtrag der gegen-

keit und Vollkommenheit Gottes wird in der Metaphyfik ] wärtigen Arbeit der katholifchen Apologetik in knapper
bewiefen und hier vorausgefetzt' (5). Schon das Form zufammenfaffende Kompendium wird zwar den
natürliche Denken flößt überall in der Wirklichkeit auf Lehrern und den Studierenden wefentliche Dienfte leiden,
fcheinbare Widerfprüche; vor allem ift das Abfolute, dagegen für den Fortfehritt und die Weiterbildung der
das Wefen Gottes, wegen der Unzulänglichkeit aller betreffenden Disziplin kaum nennenswerte Ergebniffe ab-
irdifchen Maßftäbe für uns in tiefes Dunkel gehüllt. . werfen.

Der heutige Agnoftizismus in philofophifchen Dingen ift | Straßburg i E P. Lobftein.

ein deutliches Geftändnis diefer Schwäche des Denkens._____'_

Um fo mehr ift bei einer übernatürlichen Offenbarung 1

vorauszufetzen, daß fie Geheimniffe enthält, die der Dia- ! KeUchenHeiner, Georg: Deutfche Schulerziehung in Krieg
lektik des Verftandes widerftehen (12). Bleibt M. bei und Frieden. Mit e. fchemat. Darftellg. (XI, 242 S.)
allen diefen Frageftellungen und Löfungsverfuchen unter ' g°. Leipzig, B. G. Teubner 1916. M. 2.80; geb. M. 3.40
dem Bann der mittelalterlichen, näher der thomiftifchen _ charakterbegriff und Charaktererziehung. (IX, 207 S.)

Scholaftik, fo ift es auch nicht zu verwundern, daß das "___ ° , „'

Ringen mit den aus den Naturwiffenfchaften für die 8 ■ Ebd- l9™- M. 2.40; geb. M. 3 —

chriftliche Weltanfchauung erwachfenden Schwierigkeiten In der .deutfehen Schulerziehung' vereinigt K.

ihm keine fchweren Sorgen bereitet. Auch hier vermißt fünf Vorträge, zu verfchiedenen Zeiten und an verfchie-
man eine grundlegende prinzipielle Auseinanderfetzung; denen Orten gehalten; die erften vier während des Krieges,
auch hier muß der Lefer mit zufälligen, befonders in § 9 1 der letzte, offenbar ftark erweiterte, bei der Pfingfttagung
(Begriff und Möglichkeit des Wunders) und § 12 (Der j des deutfehen Lehrervereins 1914 in Kiel.
Urftand des Menfchen und die neuzeitliche Wiffenfchaft) Der erfte handelt ,über das eine und einzige Ziel

enthaltenen Äußerungen fürlieb nehmen. Befonders be- der Erziehung in Krieg und Frieden'. Vivere est militare.
ruhigend kann für uns die Tatfache fein, daß große Kampf ift unfere Beftimmung, der fittliche Charakter alfo
Naturforfcher der neueren Zeit an das Wunder geglaubt i das gegebene Erziehungsziel. Zwei Tugenden kenn-
und in demfelben keinen Widerfpruch zur Naturgefetz- j zeichnen ihn: der moralifche Mut und das felbftlofe
lichkeit gefunden haben (27). Auch Behauptungen wie | Wohlwollen. Über Wefen und Wert des moralifchen
die von Seite 37 ,die Ableitung der Menfchenfeele aus : Mutes und der Erziehung dazu hören wir wahre Worte,
dem Tierreich ift metaphyfifch unmöglich' dürften geeignet Auch fagt K. mit Recht, daß der Krieg nur in fehr befein
, dem gedankenlofen Zuhörer zu imponieren. — Etwas dingter Weife ein Erzieher ift. — Bei diefer Gelegenheit
ernfter bemüht fich M. um die Beftreitung der aus der ' muß ich ein Verfäumnis nachholen und noch kurz auf
Religionsgefchichte entnommenen Inftanzen gegen die dasältereBuchüber,CharakterbegriffundCharakter-
Einzigartigkeit und Abfolutheit der chriftliehen Offenba- j erziehung* hinweifen. Auf Grund einer gefchichtlichen
rung. Doch verbaut er fich den Weg einer wiffenfchaft- Überficht über frühere Verfuche, die Grundelemente des
liehen Unterfuchung durch den herkömmlichen Begriff : Charakterbegriffs zu analyfieren (Schleiermacher, Bahnfen,
des Heidentums, das er einfach als die Verdunkelung und ' Ribot, Sigwart, Fouillee, Dewey) unterfcheidet K. den
Verkümmerung einer monotheiftifchen Uroffenbarung be- j ,biologifchen Charakter' d. i. den Kräftekomplex der ele-