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Ausgabe:

1916 Nr. 6

Spalte:

142

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goldschmidt, Ludwig

Titel/Untertitel:

Verwahrung gegen die Behandlung Kants in Lehre und Schrift. Anruf an die Hochschulen u. Regierungen 1916

Rezensent:

Kowalewski, Arnold

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 6.

142

Die vorliegende tüchtige Differtation, die allerdings nur die
Hälfte des handfchriftlichen Originals wiedergibt, hellt eine wichtige
Seite der Lockefchen Erkenntnistheorie auf, die man bisher
nur gelegentlich und darum unzureichend behandelt hat. Der
Reihe nach werden alle Stufen des Erkenntnisprozeffes auf ihre
aktiven Elemente hin genau unterfucht, die Senfation und Reflexion
, das affoziative und apperzeptive Denken. Das letztgenannte
ift hier freilich nur in feinen einfachen Funktionen berückfichtigt,
da an diefer Stelle der Druck abbricht. So entgehen uns auch
,ZufammenfalTung und Schlußfolgerungen' des Manufkripts. Doch
läßt fleh aus dem gedruckten Stück fchon zur Genüge erkennen,
daß die weitgehende feelifche Aktivität bei Locke der gewöhnlichen
fenfualiftifchen Einordnung dieres Denkers widerftrebt.
Man dürfte ihn jetzt näher an Kant rücken können.

Königsberg i. Pr. Kowalewski.

Berkeley, George: Siris. Überfetzt u. hrsg. v. Luife Raab u.
Dr. Frdr. Raab. (Philofophifche Bibliothek, 149. Bd.) (XXIV,
139 S.) Leipzig, F. Meinor 1914. M. 3.50; geb. M. 4 —

Diere Überfetzung macht die merkwürdigste Schrift Berkeleys
zum erften Male dem weiteren deutfehen Leferkreife bekannt.
Es ift ein Gemenge von medizinifchen, naturphilofophifchen,
reiigionsphilofophifchen,philofophiehiftorifchen und paränetifchen
Reflexionen, ein lebendiges Spiegelbild der vielfeitigen Intereffen
der großen Persönlichkeit. Um das Philofophifche zu vollerer
Geltung zu bringen, hat die deutfehe Ausgabe die nur medizin-
hiftorirch intereffanten Teile, die über die Bereitung und den
Gebrauch des Teerwaffers handeln, unterdrückt und durch kurze
Inhaltsreferate erfetzt. Die Einleitung bringt das Nötige über die
Entßehungsweife des Buches in biographifcher Einkleidung. Anmerkungen
erläutern vor allem die zahlreichen literarifchen Zitate
und Anfpielungen. Neben einem Namen- und Sachregifter find
noch die von Berkeley mehr oder weniger terminologifch gebrauchten
Worte mit ihren Überfetzungen verzeichnet. Eine löbliche
Zugabe. Es hätten aber die wichtigeren termini auch im
Texte felbft durch eingeklammerte Originalausdrücke fichtbar
gemacht werden follen.
Königsberg i. Pr. Kowalewski.

Hunte, David: An Enquiry Concerning Human Unterstanding And
Selections from A Treatise of Human Nature. With Hume's
Autobiography and a Letter from Adam Smith. Ed. by J.
Mc. Cormack and Mary Whiton Calkins. (Bibliotheca Philo-
sophorum, vol. VII.) (XXVIII, 267 S.) 8». Leipzig, F. Meiner
1913. M. 2.50; geb. M. 3 —

Der glänzende erkenntnistheoretifche Effay Humes kommt
in diefem trefflichen wohlfeilen Neudruck um fo mehr zur Geltung,
als ihm wertvolle biographische Dokumente vorangefchickt werden,
die uns für die Perfonlichkeit des Denkers begeiftern können.
Die als Anhang beigefügten Kapitel aus dem /Treatise' behandeln
die wichtigen Lehrftücke der Kaufalitäts- und Subftanzialitäts-
theorie und bieten fo fchön präpariertes Material zur entwickelungs-
gefchichtlichen Analyfe. Ein forgfältiger Index erleichtert das
Studium des Bandes.
Königsberg i. Pr. Kowalewski.

Lotze, Hermann: Logik. Drei Bücher vom Denken, vom Untersuchen
u. vom Erkennen. Mit der Überfetzg. des Auffatzes:
Philosophy in the last forty years, e. Namen- u. Sachregifter
hrsg. u. eingeleitet v. Georg Milch. (Philofophifche Bibliothek
Bd. 141.) (CXXII, 632 S. m. Bildnis.) Leipzig, F. Meiner
1912. M. 7.50

— Syriern der Philorophie. 2. Tl.: Metaphyfik. Drei Bücher der
Ontologie, Kosmologie u. Pfychologie. Mit e. Anh.: Die
Prinzipien der Ethik, e. Namen- u. Sachregifter hrsg. v. Georg
Mifch. (Philofophifche Bibliothek Bd. 142.) (VIII, 644 S.)
8». Ebd. 1912. M. 7.50; geb. M. 8.50

Die Einleitung, die M. den dankenswerten Neudrucken vorausschickt
, entwirft vor allem mit Sicherer Hand eine Skizze von
Lotzes philofophifchem Entwicklungsgang. Dabei können manche
verbreiteten Mißverftändniffe aufgeklärt werden. Das gilt
z. B. von der naturwissenschaftlichen Grundlage des Philofophen,
die man bei der genetischen Analyfe Sicherlich etwas überschätzt
hat. Übrigens zieht M. die hiftorifchen Verbindungsfäden zu
Lotzes Hauptlehren nicht nur nach der nächsten zeitlichen Nachbarschaft
, fondern verlängert Sie oft auch bis zur Gegenwart. So
lernen wir den tiefgründigen Denker als fortwirkenden Anreger
unferer modernden logifchen und metaphyfifchen Beftrebungen
kennen. Das beigegebene Lotzebild ift die Reproduktion der im
Berliner Pfychologifchen Inftitut hängenden Photographie, die

vom Mai 1870 herftammt. Den unausgeführten Teil des Syftems
(Ethik, Ästhetik, Religionsphilofophie) Soll die Wiedergabe des
nachgelassenen Auffatzes über die Prinzipien der Ethik
einigermaßen erfetzen. Vielleicht hätten Sich noch beffere Ergänzungen
aus den bekannten Vorlefungsdiktaten Lotzes beibringen
laffen, namentlich nach äfthetifcher und religionsphilo-
fophifcher Richtung. Unter den am Schluß der ,Einleitung' genannten
Philofophen, die zu dem großen Denker Beziehung haben,
durfte vor allem Ludwig Buffe nicht fehlen.
Königsberg i. Pr. Kowalewski.

GoldSchmidt, Gymn.-Oberlehr. Prof. Dr. Ludwig: Verwahrung
gegen die Behandlung Kants in Lehre und Schrift. Anruf an
die Hochfchulen u. Regierungen. (30 S.) gr. 8°. Gotha, F. A.
Perthes 1914. M. — 80

Der Verf. erhebt — wie fchon in früheren Schriften — noch
einmal feine Stimme für ein gründliches pietätvolles Studium der
Kritik der reinen Vernunft. Er verurteilt aufs fchärffte alle voreiligen
Widerlegungen und Fortbildungen des Meifters. Auch eine
entwickelungsgefchichtliche Behandlung des Kritizismus wird mit
fatirifchen Bemerkungen abgefertigt. Demgegenüber findet besonders
die Leistung des treuen Altkantianers Mellin (,Enzyklo-
pädifches Wörterbuch der krit. Philofophie') uneingeschränktes
Lob. Es ift Sicherlich verdienftvoll, auf die Hilfsmittel hinzuweifen,
die uns die Urgemeinde des Denkers zur Interpretation feines
Hauptwerkes darbietet. Die gute pädagogifche Anregung G.s wird
aber durch die gar zu unduldfame Unterdrückung Selbständiger
abweichender Gedanken über den fraglichen Problemkreis beeinträchtigt
.

Königsberg i. Pr. Kowalewski.

Endriß, Stadtpfr. Julius: Religiöfe Naturlaute. Persönliches zur
Glaubenslehre. (133 S.) 8°. Stuttgart, Verlag der Evang. Gesellschaft
1914. M. 1.50
Das Büchlein enthält 18 Skizzen, die nur in lofem Zusammenhang
Stehen und zwifchen HerzensergüfSen und theologischen Betrachtungen
etwa die Mitte halten. Sie find nicht ganz fo persönlich
und ursprünglich, wie mannach Titel und Vorwort vielleichterwarten
konnte, immerhin wird der Herzschlag eigenen Erlebens deutlich
Spürbar. Es werden folgende Themata behandelt: Das Gefühl der
fchlechthinnigen Abhängigkeit, Religiöfe Naturlaute, ,So man des
wahrnimmt', Die abfolute Religion, Ift Jefus eine geschichtliche
Persönlichkeit?, Er ift der, der er fein will, Der Heiland, Das Gefetz
des Opfers, Das doppelte Evangelium, Wunder, Rechtfertigung
aus Gnaden, Hiob, Reformation, Kirche, Das Vaterunfer, dasAbend-
mahl, Pestalozzi, Kierkegard. Der Verfaffer, von dem bereits eine
frühere Schrift ,Entweder das Christentum als Sitte oder als
ziellofe Aufgeregtheit' Beachtung gefunden hat, bekennt, zu der
nicht geringen Gruppe von Paftoren zu gehören, denen die Praxis
des Berufs jugendliche Radikalismen auflöste. An mehr denn
einer Stelle wird jedoch auch berechtigter Kritik, um nicht zu Sagen
Gedankenfchärfe, Scheinbar etwas leichtherzig der Abfchied gegeben
, z. B. in dem Kapitel, das die eigentümliche Überschrift trägt:
,Er (Jefus) «ft der> der er fein will'.
IburS- W. Thimme.

Schiele, Frdr. Mich.: Briefe an Konfirmanden. (28S. m. Bildnis.)
gr. 8». Tübingen, J. C. B. Mohr 1915. M. — 60

Mit prachtvollen Naturfchilderungen verbindet Sch. ungezwungen
feelforgerliche Anwendungen in diefen innigen feinen
Briefen eines Pfarrers, dem in Seinen letzten Wochen feine
Konfirmanden, das teuerste, was einer in feinem Amt hat, immer
am Herzen liegen. Das fchön ausgestattete Heft kann nur für
wenige andre, nur für feine und tiefe Konfirmanden als Gefchenk
in Betracht kommen.
Heidelberg. F. Niebergall.

Priebe, Pfr. Hermann: Kirchliches Handbuch für die evangelische
Gemeinde unter befond. Berückficht, der preuß. Landeskirche
. 2. umgearb. u. verm. Aufl. (VIII, 412 S.) 8». Berlin,

M. Warneck 1914. Geb. M. 4_

Das kirchliche Handbuch von Priebe, deffen erfte Auflage
ich im Jahrgang 1913 Nr. 6 (Sp. 189) anzeigte, hat eine zweite
Auflage erlebt; feine Brauchbarkeit ift dadurch bekundet. Die
neue Auflage ift ftark vermehrt und umgearbeitet worden. Das
Buch hat dadurch noch wesentlich gewonnen. Alle wichtige
Literatur, die näher zu orientieren vermag, ift zu den einzelnen
Abschnitten nachgetragen. Die Landeskirchen der neuen preußischen
Provinzen find ausführlicher berückfichtigt. Der mißverständliche
Abschnitt über die theologischen Richtungen ift jetzt