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Ausgabe:

1916

Spalte:

133-136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Laible, Wilhelm (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Wahrheit des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, dargelegt von zwölf deutschen Theologen 1916

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 6. 134

alfo die Willensgemeinfchaft der Menfchbeit letztlich doch Ende 1913 und Anfang 1914 erfchien in der AUg

überall an der Geftaltung und Erkenntnis der Natur- I Evang.-Luth. Kirchenzeitung eine Serie von Auffätzen

gefetze inhaltlich haften. Einheit ift alles

Die Herausarbeitung eines folchen Syftems der Ethik
ift felber eine genau fo unendliche Aufgabe der Wiffen-
fchaft wie die des Naturbegriffes. Sie ift damit wie diefer
gebunden an den jeweiligen Stand der fie vorbereitenden
und anbahnenden Einzelwiffenfchaften. Sie erzeugt daher
aus deren jeweiligem Stand das von ihm aus mögliche Bild
einer Syftematik der Menfchheit, kritifiert, reinigt und

über das Apoftolikum, die als eine große hiftorifche und
religiöfe Apologie diefes Bekenntniffes von Seiten berufener
namhafter Theologen gedacht war. Nun hat der
jetzige Herausgeber der Kirchenzeitung diefe Auflatze,
um die er geworben hatte, als Sammlung veröffentlicht.
Das Apoftolikum hat lange dafür gegolten, zwölf Artikel
darzubieten. Möglich, daß das hur der Reflex der Legende
über es als gemeinfames Werk der zwölf Apoftel geentwickelt
durch diefe Syftematifierung wieder die Einzel- wefen. Merkwürdig immerhin, daß das alte römifche
wiffenfchaften und damit auch den Gang der Welt- Symbolum R fleh deutlich als gegliedert in drei Teilen,
gefchichte im gegebenen Moment, der fleh ja im Kern aber zwölf Abfätzen darfteilt. Erft feit Luther redet
in der Gefchichte der Wiffenfchaft, in der Erzeugung des man von ,drei Artikeln' des Glaubens. Die zwölf Ab-
Nalarbegriftes und der Syftematik der Menfchheit, voll- < handlungen der genannten Kirchenzeitung entfprechen
zieht und befriedigt. Die früheren roheren, unzufammen- im wefentlichen den Abfätzen von R. Sie folgen dem
hängenderen, romantifcheren Perioden find als unbewußte j Wortlaute des textus reeeptus und das ift bei ihrem
und unvollkommene Beftrebungen folcher Syftematik zu 1 praktifch-gemeindlichen Abfehen ja auch einfach das gebetrachten
. Das letztere gilt namentlich von der Reli- 1 vviefene. Aber T ift nicht mehr ebenfo leicht und (tober
gionsgefchichte, die ftets geneigt war, die reine Immanenz , wie R auf die Zwölfzahl zu disponieren. In der Ge-
des Gefetzes in irgend einen anthropomorphen Theismus, fchichte begegnen wir den verfchiedenften Kombinationen
die Gemeinfchaft der Erziehung zur Humanität in Kirchen feiner Artikel. Die Weife, wie in den Auffätzen das
und Sekten, die Gebundenheit an das Gefetz der geiftigen 1 Bekenntnis zerlegt ift, erklärt fleh leicht aus dem Ge-
Entwickelung in myftifche Offenbarungen und die ledig- i danken, dem fie dienen, fofern diefer es empfehlen konnte,
lieh irdifche lRichtung auf Erkenntnis und Geftaltung der : die Eingangsworte, die ,Gott' betreffen, fo zu trennen,
Natur in jenfeitige Schwärmerei und ungefunde Askefe daß der Gedanke von ihm als .Schöpfer' für fich zu
zu verwandeln. Der Gedanke der Kindfchaft Gottes ift I einem Thema gemacht werde. Im Sinne von R ift das
zu erfetzen durch den der ,Kindfchaft aus Einem', der ! nicht. Daß darin von der Schöpfung der Welt durch
der Religion durch den der Schule und der wiffenfchaft- ; Gott gar nicht gefprochen wird, bedeutet nicht, daß daran
liehen Erziehung. ■ nicht gedacht fei, gar daß diefer Gedanke der Kirche

Das Buch ift mit großer fyftematifcher Denkkraft, j gleichgültig fei, fondern lediglich, daß er als ohne weiteres
auch mit bemerkenswerter fprachlicher Kraft gefchrieben ! in dem Gedanken von Gott als .allmächtigem Vater' mit
und für Sinn und Konfequenzen eines folchen Stand- , gegeben betrachtet wurde. R ift älter als der durch Gnofis
punktes des abfoluten formal-logifchen Monismus äußerft j und Marcionitismus heraufbefchworene Streit um Gott
intereffant und lehrreich. Es hat die volle Intoleranz j als .Schöpfer'. Ob T einen neuen .Artikel' bilden wollte,
eines folchen Monismus und erklärt fich auch gegen die j indem es das creatorem coeli et terrae einfchaltete, ift
Toleranz, die Sekten und Kirchen neben einander und j kaum zu entfeheiden. In der Gegenwart darf es in einer
neben der Wahrheit ruhig beftehen laffen will; deshalb j apologetifchen Beleuchtung des Inhalts von T praktifch
erkennt der Verf. in dem kirchlichen Dogma den ver- richtig genannt werden, daraus eine Ausfage für fich im
w andten Zug der radikalen Intoleranz gerne an, nur daß j chriftlichen Glauben zu machen. Unter fonftiger Inne-
eben bei den Kirchen die Intoleranz aus der Verend- haltung der Gliederung von R ift in den Auffätzen fpäter,
lichung der Idee folgt,, während fie bei dem Verfaffer aus um die Zwölfzahl zu gewinnen, die Doppelausfage in T
dem Willen zur Wahrheit kommt. Die praktifche Zu- ! und R, daß Chriftus zum Himmel aufgefahren fei, und
kunftsrichtung, in deren Einfchlagung die Weltgefchichte daß er zur Rechten Gottes fitze, zufammengefaßt und
nach dem Verfaffer gegenwärtig begriffen ift und die von gemeinfam behandelt worden. Sachlich hat das gewiß
ihm felbft weiter geführt wird, liegt dem wirklichen Leben : keine Bedenken. Dagegen ift es zu beanftanden, daß
der Gegenwart freilich ferne genug, und feine hiftorifchen das Bekenntnis überhaupt fo in Einzelausfagen zerlegt
Anfchauungen, die jenen Willen zur Syftematik als den oft , worden, wie der Fall ift. Das mag bei T (bei R wäre
unter kraufen Formen verkleideten Gehalt der bisherigen Ge- es das nicht!) grammatifch berechtigt fein. Aber das
fchichte bezeichnen, widerfprechen den ganz überwiegen- 1 zeigt zugleich die Grenze des Werts von T. Denn daran
den Anfchauungen der eigentlichen Hiftoriker in beinahe haftet der Eindruck, den die evangelifche Kirche be-
grotefker Weife. Allein das kann bei fo rückfichtslofem ; kämpfen muß, als ob der Chriftenglaube ein Fürwahr-
tormal-logifchem Monismus überhaupt nicht überrafchen. halten von Einzelheiten fei, von denen man am Ende
Die Mehrzahl der Menfchen war eben immer nicht eigent- quantitativ etwas abmarkten könne, oder das den Glauben
lieh wiffenfchaftlich gefinnt, gebildet und befähigt, und i dann als ftark und gefund erfcheinen laffe, wenn es ent-
wer diefen ganzen Begriff vom Wefen der Wiffenfchaft fchloffen auf jeden Artikel' gehe. Da liegt auch wirklich
beftreiten wollte, würde auch heute noch diefemTadel fich | mein Hauptbedenken wider diefe Sammlung. Zwar da-
ausfetzen. Der .wiffenfehaftliche' Denker weiß kraft des j gegen habe ich nichts einzuwenden, daß man den chrift-
Logifchen, wie die Dinge gewefen fein müffen und wie : liehen Glauben auch als fides historica erkennbar mache,
fie fein werden müffen. Was der .Wiffenfchaft' wider- j Und andrerfeits ift von den Verfaffern der Auffätze oft
fpricht, ift damit ganz von felbft gerichtet, und was die j genug, ja faft immer ausdrücklich darauf hingewiefen,
Wiffenfchaft fei und fordere, darüber kann nur der mathe- | daß das Apoftolikum in dem Sinn als Glaubens-
matifche Rationalismus diefer Schule entfeheiden. Alle j bekenntnis zu verliehen fei, daß es ein .Ganzes' darftelle,
anderen find denkfaul oder abfurd, Romantiker, die nichts j daß jeder Artikel ein Glied fei, das feine Bedeutung,
von den Naturwiffenfchaften und ihrem allmächtigen lo- 1 feinen Wert erft und nur in feinem organifchen Zufammen-
gifchen Zwange verftehen. hang mit allen andern habe, und dies wieder fo, daß

Berlin. Troeltfch. nicht die Addition das .Ganze' mache, fondern die Ge-

famtintuition, aus der heraus alles das hervorgehoben

Die Wahrheit des Apoftolilchen Glaubensbekenntnifles, dar- f. waus das. Bekenntnis berühre Aber ich halte es doch
gelegt von zwölf deutfehen Theologen Hrsg v Wil- ■ ^mehr mit Luthers Behandlung des Bekenntniffes im
° . ÖT ., . , C on T • • 8 nrsg. v. wi kleinen Katechismus und meine, es fei nicht evangehfeh
heim Laible. (197 S.) 8". Leipzig, Dorffling & Franke gedacht, wenn infonderheit die Einzelheiten der Gefchichte
1914. M. 3—; geb. M. 4— Jefu neben einander wie gleich gewichtig behandelt