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Ausgabe:

1916 Nr. 6

Spalte:

128-131

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thode, Henry

Titel/Untertitel:

Luther und die deutsche Kultur 1916

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 6.

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effe ift, dem es um wiffenfchaftliche, fpeziell kunftwiffen-
fchaftliche Forfchung zu tun ift. In der Tat liegt auch,
was an Wiffenfchaft in dem Buche fteckt, ausfchließlich
auf der kunftwiffenfchaftlichen Seite, zumal wenn man
abfieht von der allgemeinen Frage nach der religiöfen
Wertung, wie fie fich in der reicheren oder geringeren
Benutzung franziskanifcher Motive in der Kunft der Jahrhunderte
fpiegelt. Kleinfchmidt erzählt unter heben Kapiteln
(I. In der Welt: Geburt und Jugendjahre ufw.; II.
Der Ordensftifter: Vermählung mit der Armut; S. Franziskus
und der Papft; S. Franziskus und S. Klara ufw.;
III. Der Naturfreund; IV. Der Menfchenfreund; V. Der
Gottesfreund: Liebe zu Maria; Die Krippenfeier zu Greccio;
S. Fr. u. das Altar[s]fakrament; Kreuzesliebe; Stigma-
tifationufw.; VI. Vollendung: Letzte Krankheit; Heimgang;
äußere Erfcheinung; VII. Verherrlichung) fchlicht und
ohne jeglichen gelehrten Ballaft die Legende des Heiligen
nach der Lebensbefchreibung Bonaventuras und gibt zu
den einzelnen Abfchnitten und Epifoden die zugehörigen
künftlerifchen Illuftrationen. Für jeden neuauftretenden
Künftler ift fehr zweckmäßigerweife in einer Fußnote eine
kurze biographifche Notiz und Charakteriftik beigefügt.
Warum fie für Ribera (S. 82) und Cabezalero (S. 91) weggeblieben
, ift nicht erfichtlich. Auch fonft mag da und
dort in diefen Fußnoten, den einzigen, die das Buch hat,
ein Verfehen unterlaufen fein; ganz offenkundig ift es in
der Bemerkung zu Gerard Seghers (S. 75), deffen Stecher
Pieter dejoded.j. unmöglich 1567 geftorben fein kann,
wenn Seghers felbft erft 1591 geboren ift; die Lebensdaten
für Peeter de Jode II find in Wirklichkeit 1606 bis
nach 1674.

Aus Kl.s Bilderfammlung ergibt fich, was er felbft
in der Einleitung über die ,welt- und kunftgefchichtliche
Bedeutung des heiligen Franziskus' (1—5) bereits betont,
daß aus den Kunftwerken, die im Laufe der Jahrhunderte
den hl. Franz bzw. irgend eine der zahlreichen frommen
Erzählungen von ihm dargeftellt haben, fich ein ganzes
Leben des Heiligen wiedergeben läßt; dabei ift manche
Einzellegende Gegenftand der Kunft erft in neuerer oder
neuefter Zeit geworden, auch ein Beweis, wie die Künftler
wieder und wieder felbftändig fich in das Leben des
hl. Franz verfenkt haben und umgekehrt wie diefes als
dankbarer Stoff die Künftler immer aufs neue zu faffen,
anzuregen und zu feffeln wußte.

Ein anderes Ergebnis oder vielmehr ein Ergebnisbündel
ift Kl. entgangen, weil er es, was an fich fchon
wünfchenswert gewefen wäre, verläumt hat, die in feinem
Buche vertretenen Künftler in einer nach Jahrhunderten
und innerhalb diefer nach Nationen geordneten Überficht
zufammenftellen. Tut man das, fo hat man folgende
Reihen:

13. Jahrhundert: Cimabue, Giotto, Margaritone,
einige Porträts in Rom, Subiaco, Greccio; Meifter der
Glasgemälde von St. Elifabeth in Marburg.

14. Jahrhundert: Simone Martini, Antonio Vite,
Taddeo Gaddi; Glasmalereien des Klofters Königsfelden
(Schweiz).

15. Jahrhundert: Gozzoli, Fil. Lippi, Fra Angelico,
Ghirlandajo, Pinturicchio, Andrea della Robbia, Donatello,
Bened. da Majano; Jan van Eyck, Mabufe; Schule Mich.
Wohlgemut, Rheinifcher Meifter, Meifter E. S., Hans Fries
(Schweizer).

16. Jahrhundert: Florentinifche Schule, Moretto,
Raffael, Correggio, Tizian; Dürer; El Greco; Reymonde.

17. Jahrhundert: Gerard Seghers, Abr. v. Diepen-
beeck, Rubens, van Dyck, Rembrandt; La Hyre; Cabezalero
, Murillo, Ribera, Zurbaran.

18. Jahrhundert: —

19. —20. Jahrhundert: Moderne Gemälde in Portiun-
cula, AI. Loverini; Auguftin Querol (Bildhauer); Fritz
Kunz, von Führich, Overbeck, Ed. von Steinle, H. Com-
mans, Rofe Plehn, Albermann; Fr. Lafon, Leon Benouville;
Ernft Wante (Niederländer).

Diefe auf den erften Blick als höchft lehrreich fich erweifende
Überficht befagt 1) — das auffälligfte und merk-
würdigfte —, daß das 18. Jahrhundert in der Iconographia
s. Francisci völlig ausfcheidet, alfo einen Beitrag nicht
zu liefern hat (wobei allerdings zu berückfichten ift, daß
Kl. fein Bildermaterial nur in Auswahl, nicht insgefamt
bietet); 2) daß Franzofen und Spanier erft mit dem 16.
Jahrhundert einfetzen, Spanier jedoch nur mit dem aus
Italien eingewanderten El Greco; 3) daß im 17. (und im

18. )Jahrhundert die Italiener ganz fehlen, während an ihrer
Stelle vor allem die Niederlander ftehen: eine intereffante
Parallele zur allgemeinen Kunftentwickelung; 4) daß im

19. —20. Jahrhundert weitaus die Deutfchen unter den
Franziskus-Künftlern die Mehrheit haben; 5) daß nicht
nur katholifche, fondern auch evangelifche Künftler, allen
voran Rembrandt, fich mit dem hl. Franziskus befchäftigt
haben; 6) daß der heil. Franz faft ausfchließlich Gegenftand
der Malerei, dagegen nur ganz wenig der Skulptur
(A. della Robbia, Donatello, Ben. da Majano, Albermaun,

§uerol) gewefen ift. Das Bild, das die hier gegebene
berficht zeigt, möchte fich in der einen und anderen
Beziehung etwas verfchieben, falls das gefamte künftle-
rifche Franziskus-Material vorgeführt würde; aber im
wefentlichen dürfte es dasfelbe bleiben. Vielleicht benützt
der verehrte und gelehrte Verfaffer die Gelegenheit der
neuen Auflage, fein Buch mit einer in der vorftehenden
Form gegebenen Künftlerüberficht zu ergänzen, und alsdann
wäre er wohl in der Lage, eine Iconographia s. Francisci
zu fchaffen, die möglichft lückenlos alles enthält, was
je und je an Kunftwerken in betreff des Heiligen ent-
ftanden ift.

Zwei Bemerkungen, eine fachliche und eine äußenicne,
zum Schluß! Verkehrt ift es, das Holland Rembrandts
bilderfeindlich zu nennen (105). Davon kann keine Rede
fein. Allerdings wenn man unter Bildern nur Heiligenbilder
verfteht, dann gewiß. Aber kein Land war bekanntlich
bilderfreundlicher als das Holland zur Zeit Rembrandts
mit der Fülle feiner Maler. Und wenn Rembrandt
in der Regel auch keine Heiligenbilder malte, fo malte
er defto mehr religiöfe Bilder, Bilder der Bibel.

Ich nehme an, daß die Fortlaffung des Erfcheinungs-
jahres im Titel, das, nur ganz leife und verborgen gedruckt,
dem Copyright-Vermerk zu entnehmen ift, dem Verlag
zu Laften kommt; jedenfalls ift fie ein Unfug, den der
Herausgeber nicht dulden wolle.

Berlin. Georg Stuhlfauth.

j Gottfchick, f D. Johs.: Luthers Theologie. (Zeitfchrift 1.
Theologie u.Kirche 1914. 1. P>g.-Heft.) (IV, 92 S.) gr. 8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1914. M. 3 —

Thode, Henry: Luther u. die deutiche Kultur. (92 S.) gr. 8°.

München, G. Müller (1915). M. 1.20

Daß der am 3. Januar 1907 verftorbene Johannes Gottfchick
an einer /Theologie Luthers' arbeitete, war in den
Fachkreifen allgemein bekannt; feine zahlreichen Studien
verrieten von Zeit zu Zeit den etappenartigen Fortfehritt
der Arbeit. Das Werk hat nicht mehr zum Abfchluß gebracht
werden können. Seinen Tübinger Studenten hat
G. feit 1892 in regelmäßigem Turnus, alle zwei Jahre, eine
Vorlefung über Luthers Theologie gehalten, und diefe
legt jetzt der Sohn aus dem Nachlaffe vor. Zugrunde
gelegt ift die Vorlefungshandfchrift von 1906, fie wurde
erweitert und ergänzt durch Niederfchriften aus früheren
Jahren. Der Text bietet offenbar nur eine Grundlage, ent-
fprechend dem bei fyftematifchen Vorlefungen oft üblichen
Diktat, die dann der Vortragende zu ergänzen pflegte.
Wer G.s reiche theologifche Arbeit einigermaßen kennt,
wird nicht überrafcht fein, auf Schritt und Tritt den Spuren
Ritfchls zu begegnen. Es ift nicht ganz leicht, diefe Vorlefung
über Luthers Theologie zu charakterifieren; ein
genetifcher Aufriß, wie Köftlin ihn bot, ift fie nicht, ein