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Ausgabe:

1916 Nr. 5

Spalte:

101-104

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Gerhard

Titel/Untertitel:

Die Oden Salomos, überarbeitet oder einheitlich? 1916

Rezensent:

Staerk, Willy

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IOI

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 5.

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lieh auch mit Luc. bekannt war. Verf. betont indeffen
zum Schluß gefliffentlich, daß diefes nur als Verbuch zur
Löfung, jedenfalls der bisher befte, zu betrachten fei.

Die Autorfrage bei den verfchiedenen Evangelien
behandelt Verf. in der Art, daß er zuerft die betreffenden
Evangelien felbft auf diefe Frage hin unterfucht,
um fich die dabei gewonnenen Refultate von der urchrift-
lichen Tradition nachher beftätigen zu laffen.

Das Evangelium Johannis wird als authentifche Schrift
eines Augenzeugen, und zwar des Zebedaiden, energifch
verfochten (S. 567—634). Der Ephefinifche Presbyter
Johannes als eine von diefem verfchiedene Perfönlichkeit
wird als moderne Irrung abgetan.

Mit feinem ösvrsQog Xöyoq beabfichtigt Lucas, der
Autor der Apoftelgefchichte (S. 543 — 567), nicht fchlecht-
hin eine Miffionsgefchichte zu geben, fondern er will die
Hauptfchwierigkeit befeitigen, die für den Glauben darin
befchloffen liegt, daß die Verheißungen Gottes an Israel
durch den Übergang des Evangeliums zu den Heiden vereitelt
fcheinen. Daher die Auswahl aus dem reichen ge-
fchichtlichen Stoff, der Lucas zu Gebote ftand.

Die Offenbarung Johannis (S. 634—685) fei nicht in
eine Linie mit der fonftigen apokalyptifchen Literatur zu
rücken. Charakteriftifch für die Anfchauungsweife des Verf.s
ift die Bezeichnung ,Vorausfetzung', die bei der Befprechung
des apokalyptifchen Stoffes durchgehends gebraucht wird.
Zu diefen .Vorausfetzungen' rechnet Verf. außer dem A.T.,
der jüdifch-paläftinenfifchen Exegefe der altteftamentlichen
Ausfagen, den eschatologifchen Ausführungen Jefu (be-
fonders Mark hervorgehoben), auch den religiös-fittlichen
Zuftand der kleinafiatifchen Gemeinden zur Zeit des Apo-
kalyptikers. Als Autor der johanneifchen Apokalypfe glaubt
Verf. trotz der fprachlichen Schwierigkeiten, die er offen
zugibt und aus verfchiedenen Gründen zu erklären fucht,
an Johannes, Sohn des Zebedäus, fefthalten zu können.

Ganz fkizzenhaft find die Schlußkapitel über Kanon
und Text geftaltet; auf jedes kommen nur ungefähr zwanzig
Seiten. Das wird zwar bei der Anlage des ganzen Werkes
als ganz berechtigt anzufehen fein. Fraglich aber fcheint
es, ob nicht befonders der den Text behandelnde Abfchnitt
mehr nach praktifchen Gefichtspunkten angelegt werden
könnte, um für die Studierenden als Einführung ins griechi-
fche N. T. zu dienen. Ich vermiffe z. B. eine genügende
Charakteriftik der großen Texttypen und ihre prinzipielle
Wertung, eine Erklärung der Bezeichnungen für die neu-
teftamentlichen Kodizes (befonders von Sodens Syftem,
Gregorys wird überhaupt nicht erwähnt).

Alles in allem: das hier befprochene Werk fpiegelt
einen Verf. wieder, deffen Denken einerfeits durch fcharfe
Klarheit und charaktervolle Gefchloffenheit, anderfeits durch
perfönliche Wärme und Streben nach Gerechtigkeit, entgegengefetzten
Anfchauungen gegenüber, ausgezeichnet wird.

Lund. E. Ei dem.

Kittel, Priv.-Doz. Liz. Gerhard: Die Oden Salomos, überarbeitet
oder einheitlich? Mit zwei Beilagen: I.Bibliographie
der Oden Salomos. II. Syrifche Konkordanz
der Oden Salomos. (Beiträge zur Wiffenfchaft vom A. T.
16. Heft.) (IV, 180 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs
'9T4. M. 5—; geb. M. 6-

In Beilage I diefer Monographie, mit der fich Kittel
jun aufs vorteilhaftefte in die theologifche Wiffenfchaft eingeführt
hat, wird uns eine wohl vollftändige Bibliographie
der Oden Salomos1) geboten, aus der fich ergibt, daß diefe
Liederfammlung von der Erftausgabe Harris* im Jahre 1909
bis zum Jahre 1913 nicht weniger als 119 felbftändige
Arbeiten hervorgerufen hat: Ausgaben, Überfetzungen,
exegetifche Studien über das ganze Material oder Teile

') Erwähnung verdient hätte Reitzenftein's Befprechung von
Schmidt u. Schubart, Altchriftliche Texte, GGA 1911, 537 ff., bef. S. 555.

davon, und Monographien über beftimmte hiftorifche und
theologifche Probleme, die fich fofort erhoben. Das
wiffenfehaftliche Intereffe an den Oden ift alfo in den
erften Jahren feit ihrer Wiederentdeckung durch Auffindung
des fyrifchen Textes das denkbar ftärkfte gewefen.
Dann ift es aber ebenfo ftark und fchnell erlahmt, wenig-
ftens in Deutfchland und bei den Neutralen. Soweit fich
bei dem derzeitigen Abbruch der wiffenfehaftlichen Beziehungen
zwifchen den kriegführenden Kulturnationen
etwas feftftellen läßt, fcheint es im feindlichen Ausland
auch nicht anders zu fein. K.s wertvolle Arbeit dürfte
alfo ein Ruhepunkt in der Diskuffion über die Oden
Salomos fein.

Sie ift es aber wohl auch fachlich, infofern ihr m. E.
das Verdienft zukommt, der etwaigen weiteren Forfchung
einen geeigneten Standort für den ruhig betrachtenden
Rückblick und den prüfenden Ausblick gefchaffen zu
haben. Ich glaube, K. hat durch fcharfe kritifche Mufterung
die Richtung und den Weg gefunden, die fernerhin einzuhalten
find, um die wiffenfehaftliche Arbeit an den Oden
ohne Kraft- und Zeitverluft vorwärts zu bringen. Im
Banne der geiftvollen Ausführungen Harnack's flehend,
habe ich felbft feiner Zeit in meinen kritifchen Bemerkungen
zu den O. S.*s (Z. f. wiff. Th. 1910, 289fr.) die Inter-
polationshypothefe verfochten. Seitdem habe ich mich
mehr und mehr davon überzeugt, daß fie mitfamt ihrer
Vorausfetzung, der Annahme jüdifcher Herkunft der
Lieder, auf Ichwachen Füßen fleht. K. hat mich nun für
meine Perfon endgültig davon überzeugt, daß beide Hypo-
thefen unhaltbar find, und ich bin der Zuverficht, daß
feine Beweisführung auch auf die andern Verfechter der-
felben — Harris felbft hat fie bekanntlich fchon fehr bald
fallen laffen — des Eindrucks nicht verfehlen wird.

K. hat mit Abficht nur eins der vielen Probleme in
Angriff genommen, die die Oden bieten, und zwar ein
formales: die Frage nach der literarifchen Einheitlichkeit
diefer Dichtungen. Aber die Behandlung diefes Problems
gibt ihm reichlich Gelegenheit, zu einer Menge anderer
wichtiger Streitfragen Stellung zu nehmen. In den z. T.
fehr umfänglichen Anmerkungen zu den beiden Hauptteilen
feiner Unterfuchung S. 12ff und 446*". fleckt eine
Fülle wertvollen Materials zum exegetifchen und religions-
j gefchichtlichen Verftändnis der Oden. Andrerfeits ift die
! als Beilage II angefügte fyrifche Konkordanz zum
j Wortfehatz der Lieder, die die einzelnen Beobachtungen
j in Teil II fyftematifch ausbaut, ein unentbehrliches Hilfsmittel
für alle weiteren Unterfuchungen über deren religiöfe
Vorftellungs- und Begriffswelt, für das wir K. zu befon-
derem Danke verpflichtet find.

Teil I ,Zur Stiliftik der Oden Salomos' bereitet
den 2. Hauptteil gefchickt vor. Er fucht die zahlreichen
formalen Unebenheiten und Unklarheiten der Lieder, die
von den Vertretern der Interpolationshypothefen gegen
deren Einheitlichkeit ins Feld geführt worden find, ftil-
gefchichtlich und pfychologifch zu erklären. Mit Recht
unterfcheidet K. zwei ganz verfchiedene Stiltypen: den ganz
perfönlichen kontemplativ-myftifchen Stil der ,Ich'- und
I ,Wir'-Stimmung und den epifchen und didaktifchen Stil
! der meift ganz allgemein gehaltenen Schilderungen, bef.
innerweltlicher und kosmifch-himmlifcher Vorgänge, von
Bildern und Abftraktionen des Geiftigen und von fentenzen-
haft vorgetragenen Wahrheiten. Das formale Charakte-
riftikum der Oden ift nun die Mifchung diefer beiden
Typen, die fehr oft innerhalb einer Dichtung in einer für
uns aesthetifch unerträglichen Härte unvermittelt aufeinander
folgen oder einander durchdringen. Schon durch
die Aufdeckung diefes Tatbeftandes hat K. eine Menge
von Anftößen aus dem Wege geräumt, die uns das Recht
zur Annahme von fpäteren Überarbeitungen der Oden
klar zu beweifen fchienen. Es kommt ihm dann weiter
darauf an, diefe feine formalen Gegengründe durch fachliche
zu ergänzen. Das ift die Aufgabe, die K. in Teil II
(.Kritik der Interpolationshypothefen') zu löfen ver-