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Ausgabe:

1916 Nr. 4

Spalte:

92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nilsson, Mart. P.

Titel/Untertitel:

Die volkstümlichen Feste des Jahres 1916

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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9>

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 4.

92

auch könne man an verfchiedenen Texten, die durch
denfelben Verfaffer bearbeitet werden, erft recht feine
befondere Art erkennen und ftudieren. In einer folchen
Sammlung fteure jeder nur einen Beitrag bei, und nehme
dazu naturgemäß dasjenige, von dem er glaube, daß es
ihm am beften gelungen fei. Andere aber werden hieran
anknüpfend fagen, daß dies grade wünfchenswert fei,
Mittelgut fei des Druckes nicht wert, und auf der anderen
Seite habe es feinen beftimmten Reiz, fo viele Prediger
neben einander vergleichen zu können, grade auch für
Zwecke des Studiums. Eine Sammlung eines Predigers
fei leicht eintönig, und nicht von Wiederholungen frei.
Was nun die formelle Homiletik anbelangt, fo wird jedenfalls
die zweite Auffaffung Recht haben: ein folcher
Predigtband zeigt deutlich, wie verfchieden eine Predigt
angelegt und auch im Einzelnen durchgeführt werden
kann. Und was den Inhalt anbelangt, fo betont der
Herausgeber, daß nicht ein beftimmter dogmatifcher
Standpunkt die Vorbedingung der Mitarbeit gewefen
ift, daß aber doch ein einheitlicher Eindruck wohl erzielt
worden fei. Er definiert diefen dann dahin, daß bei aller
Verfchiedenheit der dogmatifchen Anfchauungen die Stellung
der Verfaffer zur Heiligen Schrift durchfchnittlich die-
felbe fei. Das ift zuzugeben, es ift die Auffaffung der neueren
Theologie in ihrer freieren Art, die mit gefchichtlichem
Sinn die Schriftauslegung handhaben möchte. Freilich
ift nun diefe fehr verfchieden, bei einzelnen Predigten
ift der Text nicht viel mehr als das Motto, bei anderen
aber ift er nicht nur die Grundlage, fondern feine Auslegung
und Anwendung wirklich der einzige Zweck der
Predigt. Auffällig ift noch die Verfchiedenheit hinficht-
lich der Länge der Predigten; es gibt Predigten von
wenigen Seiten und folche, die über zehn Seiten lang find.
Die meiften Mitarbeiter haben einen bekannten Namen,
bes. auch als Prediger. Es ift natürlich ganz unmöglich
ins Einzelne zu gehen, nur foviel fei gefagt, daß auch einiges
weniger Gelungene fich darunter findet, und daß öfters
die Gefahr zu abftrakt zu werden, nicht nur bei den
Themen, fondern auch in den Ausführungen, nicht ganz
vermieden ift. Aber beides, verfchiedene Länge, wie
verfchiedene geiftige Höhenlage der Predigten hängt auch
wohl mit den verfchiedenen Teilen Deutfchlands wie der
Verfchiedenheit der Gemeinden felber, in denen gepredigt
ift, zufammen. Jedenfalls ift die Sammlung des Studiums
wert, man wird viel Schönes und Gutes finden, bei manchem
anders urteilen, in allem aber reiche Förderung' erhalten,
auch wenn man den Standpunkt manches Predigers nicht
teilen dürfte.

Ahlden/Aller. E. W. Bussmann.

Schulz, Pfr. A.: Licht, Liebe, Leben. Predigten. (144 S.)
8°. Dresden, ,Globus' (1915). M. 2—; geb. M. 3—

Es find 22 Predigten, ohne erfichtliche Sachordnung
zufammengeltellt. Bei der Flut von Predigtfammlungen
drängt fich immer wieder die Frage auf: wofür? wer foll
fie lefen? Manchmal beftimmte wohl ein Wunfeh der
Gemeinde dazu. Ein bedeutender Prediger pflegte folche
Wünfche mit dem Worte abzutun: Predigten find Reden,
und darum zum hören, aber nicht zum lefen da. Das
Wahre daran ift, daß man Predigten anders hört, als lieft.
Dort wirkt vieles, vor allem die Perfönlichkeit des Predigers
, mit. Beim Lefen ift man viel nüchterner und kri-
tifcher. Das trifft vor allem bei Predigten von fo ftark
rhetorifcher Art, wie diefe, zu. Ich könnte mir denken,
daß fie beim Hören großen Eindruck gemacht hätten.
Es ift dem Prediger offenbar ein hoher Ernft, er möchte
auf alle Weife an feine Gemeinde (fehr rhetorifch fchon die
Anrede: ,Gemeinde des Herrn') heran. Er bringt Bilder
und Gleichniffe aus allen Gebieten, um feine Gedanken
einleuchtend und eindringlich zu machen. Beim Lefen
aber vermißt man oft fchärfere Gedankenentwicklung.

Auch der Wirklichkeit wird diefe rhetorifche Art trotz
aller Bilder nicht gerecht. Da flehen Licht und Finfter-
nis, Zeit und Ewigkeit, Welt und Himmel einander gegenüber
. In Wirklichkeit ift das fo viel komplizierter und
feiner. Vor allem diefe fcharfe Trennung von Zeit und
Ewigkeit mag rhetorifch recht wirkfam fein, doch entfpricht
fie weder tieferem chriftlichen Verftändnis, noch dem Bedürfnis
heutiger Menfchen. Am meiften rührt an die
Fragen, die das heutige Gefchlecht bewegen, die Predigt
über den ungerechten Haushalter (S. 53). Gibt es da
wirklich keine andere Löfung als Wohltun und Barmherzigkeit
? Wo bleibt die hochnötige Ethik des modernen
Erwerbslebens?

Ich kann darum nicht anders urteilen: ein offenbar
tüchtiger Prediger, aber zum Drucken wäre noch Zeit gewefen
.

Frankfurt a. M. Schloffer.

Referate.

Nils Ton, Prof. Mart. P.: Die volkstümlichen Feite des Jahres.

1.—5. Tauf. (Religionsgefchichtliche Volksbücher f. die deutfehe
chriftliche Gegenwart. III. Reihe, 17. u. 18. Heft.) (76 S.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1914. M. 1 —; geb. M. 1.30

Schade, daß der Titel fo wenig bezeichnend ift! Der Inhalt
handelt von Maizweig und Maibaum, vom Weihnachtsbaum, von
Maibraut und Maikönig, Regenzauber und Jahresfeuer, vom
Weihnachtsfeft, der Zeit vorher, den Zwölften, dem altnordifchen
Julfeft, von Faftnacht, Falten und Oftern. Trotz der gedrängten
Kürze empfängt man ein klares, zuverläfflges Bild von den Tatfachen
, erhält Antwort auf die Fragen, die man etwa aufwerfen
könnte, und wird auch in die Probleme eingeführt, fodaß man
wenigftens ungefähr den Grad der Sicherheit beurteilen kann.
Das Büchlein ift feffelnd gefchrieben und bringt intereffante Bei-
fpiele, ohne in den Einzelheiten aufzugehen. Man lieft es nicht
nur mit Vergnügen, fondern kehrt gern wieder zu ihm zurück,
um fich immer aufs neue zu belehren; die Tatfachen werden eben
nicht bloß gefammelt und regiftriert, fondern auch erklärt und
in einen gefchichtlichen Zufammenhang geftellt. Die Urfprünge
bleiben oft in Dunkel gehüllt; man erfährt aber ftets die Möglichkeiten
, die in Betracht kommen. Die Darfteilung ift in jeder
Beziehung gut gelungen und aufs wärmfte zu empfehlen.
Schlachtenfee. Hugo Greßmann.

Pefch, Chriftian, S. J.: Zur neueren Literatur über Neftorius.

Kneller. Karl Alois, S. J.: Der hl. Cyprian und das Kennzeichen
der Kirche. (115. Ergänzungsheft zu den ,Stimmen aus
Maria-Laach'.) (III, 71 S.) gr. 8". Freiburg i. B., Herder 1914.

M. 1.80

Das innere Band, das die beiden hier zu einem Hefte vereinigten
Abhandlungen verbindet, ift die vollendete Unfähigkeit
ihrer Verfaffer, auch nur für Augenblicke ihren dogmatifchen
Zwangsvorstellungen zu entfagen und wiffenfchaftlich hiftorirch
zu denken. Das Urteil von Loofs über Neftorius und Cyrillus ift
nach Pefch ,das Parteiverdikt eines rationaliftifchen Theologen,
dem auf feiten Cyrills das fcharfe Betonen eines Offenbarungs-
geheimniffes und der enge Anfchluß an Rom höchlichft mißfallen'
(S. 6). Wenn aber Pefch felber S. 16 die Unfehlbarkeit der Kirche
im Urteil über ,theologifche Tatfachen' anruft, fo ift das natürlich
vorurteilslos Wiffenfchaft. Die ayiünazoi xal ütooeßlozazm
inlaxonoi des ephefinifchen Urteilsfpruches find bei Pefch moderne
,hochwürdigfte Bifchöfe' geworden. Daß Neftorius ganz korrekt gelehrt
habe, wird freilich übertrieben fein, aber die Frage: ,Wenn
Neftorius fo durchaus richtig gelehrt hat, wie war es da möglich,
daß er von den meiften feiner ehemaligen Anhänger fo vollständig
verleugnet wurde, wie es fönst keinem Härefiarchen je begegnet
ift?' (S. 12) ift doch recht naiv und unfchuldsvoll. Daß fchon im
fünften Jahrhundert nicht die gebildete Oberfchicht, fondern die
paganiftifch gestimmte Maffe in der Kirche durchdrang und mit
dem eifernden Orthodoxismus Heuchelei und Charakterlosigkeit
im Dreiverband standen, ift freilich eine Erkenntnis, der Pefch
unzugänglich bleiben wird. Die Vorlefungen von Loofs ,Nestorius
and his place in the history of Christan Doctrine' (Cambridge
1914) lagen Pefch noch nicht vor.

Knellers Studie befaßt fich mit De cath. eccl. unit. c. 4 und 5,
Ep. 48,3 (,ut ecclesiae catholicae matricem et radicem agnocerent
ac tenerent'und: ,communicationemtuamid est catholicae ecclesiae