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Ausgabe:

1916 Nr. 4

Spalte:

85-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clasen, P. A.

Titel/Untertitel:

Der Salutismus. Eine sozialwissenschaftl. Monographie über General Booth u. seine Heilsarmee 1916

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 4.

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nichts einwenden. Diefe Vorftellungen find aber faft ausnahmslos
falfch. Das erklärt fich teils aus ungenügender
Analyfe der Schriften, teils daraus, daß der Verf.s es nicht
für nötig hält, von einem willigen Eingehen auf Kettelers
Gedanken zur Kritik fortzufchreiten, zu allermeift aber
möchte ich es dem Umftande zufchreiben, daß dem Verf.
über die vor und neben Ketteier tätigen katholifchen
Sozialtheoretiker, vollends aber über die proteftantifchen
Sozialpolitiker Deutfchlands felbft die allerbefcheidenften
Kenntniffe fehlen. Die treffende Bemerkung, die Karl
Holl 1912 (Chalmers und die kirchlich-foziale Bewegung:
Zfchr. f. Theol. u. Kirche 23, S. 261 Anm. 2) den kritik-
lofen Kettelerenthu haften entgegengehalten hat, ift dem
Verf. unbekannt; fie hätte ihn fonft vielleicht aufzurütteln
vermocht.

So aber kommt er höchftens gelegentlich einmal aus dem Texte
(etwa S. 254 über Kettelers Abhängigkeit von Laflalle, aber i86f. zeigt,
daß Verf. auch hier die Sachlage nicht durchfchaut), faßt im übrigen
Kettelers Arbeiterfrage' von 1864 ebenfo unkritifch an (vgl. z. B. 212h,
230, 245) wie ,Die großen fozialen Fragen' von 1849, erkennt nicht die
angelernte Steigerung in Kettelers Einficht noch deffen allmähliche, immer
wieder auch von außen angetriebene Einfühlung in die praktifchen Aufgaben
, und meint das fozialpolitifche Stillfchweigen Kettelers von 1849
■—1863 erklärt zu haben, wenn er fagt: auch nur fchmerzlich fah er fich
m erften Jahrzehnt feines Bifchoftums durch die notwendige Ordnung der
Diözefe gehindert, fozial zu arbeiten (S. 183, vgl. S. 110 und 208 f.). Von
Edmund Joerg fpricht er nicht, und wenn er einmal einen (anonymen
) Auffatz Joergs heranzieht (S. 248), weiß er nicht, mit wem er es
zu tun hat. über Schulze-Delitzfch redet er ganz flüchtig, völlig befangen
in der Voreingenommenheit wie fie Ketteier zeigte (vgl. 250), und von
dem Dafein des preußifchen Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden
Klaffen fcheint er ebenfo wenig etwas zu wiffen wie von den frühen
fozialpolitifchen Verdienften der rheinifchen Liberalen. Seine Unwiffen-
heit über Victor Aime Iluber möge durch die S. 236 flehende Behauptung
beleuchtet werden, daß .grundlegende Anregungen aus der katholifchen
Bewegung ihn beeinflußt haben müflen, wie er ja auch felbft eifrig
Anfchluß an die katholifche Sozialbewegung bei den ,Hiftorifch-polit.
Blättern' und bei Bifchof v. Ketteier, mit dem er korrefpondierte, gefucht
hat' — die letzten Worte eine mehr als kühne Umkehrung der dem Verf.
nicht unbekannten Wirklichkeit.

Die Beifpiele für derartige, mit größter Selbftverftänd-
lichkeit hingeftellte Behauptungen ließen fich häufen. Sie
zeigen, daß diefes Buch, deffen Lefer in ihrer Maffe gewiß
noch erheblich kritiklofer fein werden als der Verf.,
in bedenklichfter Weife ungefchichtliche Vorftellungen
fördert Vielleicht regt das in der Hauptfache mißglückte
Buch einen kritifcheren Kopf zu einer wiffenfehaft-
lich befriedigenden Darftellung des fozialen Katholizismus
Deutfchlands im 19. Jahrhundert an; daß fie ein wiffen-
fchaftliches Bedürfnis ift, hat Franz wider Willen von
neuem gezeigt. Eine folche Arbeit müßte natürlich auch
die zeitgeschichtliche Literatur, insbefondere die .Chriftlich-
fozialen Blätter', in ganz anderem Ausmaße verwerten, als
es durch F. gefchehen ift.

Freiburg i. Br. F. Vigener.

RaiIton, George S.: General Booth. With a Preface by
General Bramwell Booth. (VIII, 311 S.) 8°. London,
Hodder & Stoughton 1912. s. 6 —

Clafen, P. A.: Der Salutismus. Eine fozialwiffenfchaftl.
Monographie über General Booth u. feine Heilsarmee.
(Schriften zur Soziologie der Kultur, hrsg. v. A. Weber.
2. Band.) (XX, 330 S.) gr. 8°. Jena, E. Diederichs 1913.

M. 4.50; geb. M. 5.70
1. Die erftere diefer beiden Veröffentlichungen rührt
, von. emem Manne, der, wie man aus der zweiten
lernen kann das Lebenswerk von William Booth (t 20.
ädfXr äff §Ut kannte wie außer ihm wohl nur fein
BrSl Rnnn3 T ¥tee der Heilsarmee flehender Sohn,
GeoTe Wf R i fb" l856)- Vierzig Jahre lang hat
u2rSco t ,lallrt?"' der IHron l8*2£ „och ehe die
.Heisarmee' als folche exiftierte, als Student von
W lham Booth gewonnen war, an B.s Arbeit regften Anteil
genommen. Er ift fein erfter .Commfssioner'

(Territoriumskommandeur) gewefen, hat ihm innerlich fehr
nahe geftanden und ift kein Jahr nach ihm in Deutfchland,
das ihm befonders am Herzen lag, im Zuge auf dem
Kölner Hauptbahnhofe geftorben (19. Juli 1913). Doch
wer mit entfprechenden Erwartungen an das Buch herankommt
, wird enttäufcht werden. Es ift die erfte, zunächft
für die Salutiften, nicht für die wiffenfehaftliche Welt ge-
fchriebene, offenbar eiligft zufammengeftellte Biographie
des eben verdorbenen Generals, voll von Zitaten aus feinen
Werken, Anfprachen und Briefen und aus Zeitungsberichten
über ihn und fein Tun, nicht ein Heiligenleben, aber
natürlich nur bewundernd, eine Erinnerungsfchrift, der
zwar ein propagandiftifcher Zug fo wenig fehlt wie irgendeinem
Auftreten der Heilsarmee, die aber doch Verftändnis
und Verehrung für den Gründer der Heilsarmee mehr
vorausfetzt als zu wecken beftimmt ift, eine Schrift
volier Pietät, aber unberührt von den Fragen pfychologi-
fcher und gefchichtlicher Art, die dem Hiftoriker feinem
Helden gegenüber fich aufdrängen müffen. Den, der von
William Booth noch wenig weiß, wird diefe kunftlofe
Biographie eher langweilen als anregen und aufklären.
Dem aber, der ein Buch wie das gleich zu befprechende
von Clafen oder das bekannte Koldefche (Die Heilsarmee
, 2 Aufl., 1899) vorher gelefen hat, dem mag das
Railtonfche den Platz einer Biographie folange ausfüllen
, bis es eine beffere gibt. Am intereffanteften
waren mir, muß ich ehrlich geftehen, die Porträts des fehr
fympathifch ausfehenden jetzigen Generals, feiner Gattin
und feiner 1903 in Amerika bei einem Eifenbahnunfall
verunglückten Schweiler Emma Booth-Tucker. Die drei
anderen Bilder (des alten und des toten William Booth
und das feiner fchon 1890 verftorbenen Gattin) mögen,
von dem Totenbildnis abgefehen, für die, denen fie neu
find, ein ähnliches Intereffe haben können.

2. Das an zweiter Stelle genannte Buch dagegen ift
eine überaus dankenswerte Gelehrten-Arbeit. Der Ver-
faffer, ein anfeheinend jüngerer Nationalökonom aus A.
Webers Schule, offenbar katholifcher Erziehung, aber
warm nur für ein undogmatifches Chriftentum intereffiert,
hat nicht nur mit größtem Fleiße eine überaus reiche Literatur
durchgearbeitet (S. XIII—XX: 242 Nummern, die
im Buche leider ftets nur mit ihrer unlebendigen Ziffer
zitiert werden), fondern auch perfönlich in eindringendfter
Weife — gelegentlich in der Uniform eines Heilsarmee-
Offiziers — das Treiben der Heilsarmee in England
und Deutfchland ftudiert. Daß er dabei zum Bewunderer
der Heilsarmee geworden ift, verdenke ich ihm nicht. Im
Gegenteil ich bin ihm dankbar dafür, daß er mir, der
ich die Heilsarmee fchon vor 31'/2 Jahren in England (in
London und in Cheltenham) kennen gelernt und feitdem
mit Intereffe verfolgt habe, manche Bedenken in ein
milderes Licht gerückt und von der großen fozial-ethifchen
Bedeutung der Heilsarmee mir ein noch günftigeres Bild
gezeichnet hat, als ich's fchon vordem befaß. — Freilich
ift mir der Verfaffer zu ftark panegyrifch; und der Theologe
hat mancherlei richtig zu Hellen, auch wenn er etwas
anders ausfieht als der .zünftige Theologe', der bei Clafen
gelegentlich als unangenehme Größe zwifchen den Zeilen
auftaucht. Dennoch kann ich das Buch jedem, der die
Heilsarmee wirklich kennen lernen will, nur angelegentlichft
empfehlen. Über den allzuftark panegyrifchen Ton will
ich mich nicht weiter verbreiten. Dem, der weiß, daß hier
auf Erden nichts ,ganz rein abgeht' — ich habe diefe Wahrheit
auch praktifch an der Heilsarmee beftätigt gefunden
—, würde William Booth nicht kleiner werden, wenn man
des .Menfchlichen' an ihm und feiner Bewegung mehr fiähe.
Und es ift nicht ohne berechtigten Sinn, wenn Clafen die
Heilsarmee als ,zur Religion erhobenen Altruismus' bezeichnet
(S. 123 u. S. 166). Aber er vergißt, von der Bei-
feitfebiebung des Evangelismus in diefen Worten abgefehen
, daß wirkliche Selbftlofigkeit ein fehr zartes Gewächs
ift, das in der Verborgenheit, die Gott allein fieht,
doch wohl noch beffer gedeiht als in der Öffentlichkeit