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Ausgabe:

1916 Nr. 3

Spalte:

66-67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sachsse, Eugen

Titel/Untertitel:

Einführung in die praktische Theologie 1916

Rezensent:

Eger, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 3.

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behandelten Fragen über die Entftehung der fog. öku-
menifchen Symbole werden fehr kurz erledigt. Dafür
wird eine Kirchengefchichte des arianifchen, neftorianifchen
und monophyfitifchen Streites in nuce gegeben und eine
Art exegetifch-dogmatifche Erläuterung der einzelnen
Symbol-Auslagen, die gelegentlich fehr arg vorbeigreift.
(Vgl. S. 49 über das f/ovoytvTj, und S. 113 das Eintreten
für das tz övo rpvasoju als Original-Lesart im Chalce-
clonense.) -— Auch der zweite Teil, der in ähnlicher Weife,
doch mit ftarkem Zurücktreten des exegetifch-dogma-
tifchen Stoffes, die Partikular-Symbole behandelt, über-
rafcht mit manchem, was man hier findet: als (mittelalter-
lich-)lateinifche Partikularfymbole erfcheinen zunächft die
Befchlüffe von Orange (529), dann die Synode von 1079 1
gegen Berengar, dann das Laterankonzil von 1179, dann
das filioque und endlich — die Anfelmifche ,Verföhnungs-
lehre'. Der Menge der fog. .reformierten' Symbole gegenüber
hat Verfaffer fich zu befchränken vermocht. Daß
am Schluß diefes Abfchnittes das Vatikanum und einige
Encykliken Leo's XIII und Pius X zur Sprache kommen,
entfpricht der chonologifchen Anordnung der beiden erften 1
Hauptteile, führt fie aber m. E. zugleich ad absurdum. —
Der .komparativen Symbolik', dem dritten Hauptteil, j
bleibt nur 3/8 des ganzen Raumes. Daß hier nicht die I
Lokalmethode regiert, würde ich rühmen, wenn die 9 Ab-
fchnitte (i.Introduction,2.ThePrinciples of the Reformation,
3. The Sacraments, 4. The Doctrines of Faith and Morals,
5. The Formula of Concord and its Opponents, 6. The
Synod of Dort and Arminianism, 7. Old and New School
Calvinists, 8. The Westminfter Confession and the Con-
flicts of British Christianity, 9. The modern Consensus) i
die Sache erfchöpften. Doch felbft, wenn man das Regifter
zu Hilfe nimmt (vgl. dort z. B. .Church'), läßt fich das j
nicht fagen. Die Abfchnitte 5, 6, 7 (Amyraldismus und I
Consensus Helveticus) und 8 hätten ihrer Art nach ebenfo
gut wie die Unfehlbarkeitslehre und der Altkatholizismus
im zweiten Hauptteil ihre Stelle finden können. Bei den !
rein dogmatifch-komparativen Abfchnitten bildet die Be- I
fprechung der römifch-katholifchen und der evangelifchen
Anfchauungen nicht getrennte Gedankenmaffen, fondern
eine Art Flechtwerk. In geiftreicherer Ausführung könnte
folche Behandlung den mit dem Stoff vertrauten Theo- |
logen feffeln. Dem Studenten, der die Dinge noch nicht
kennt, muß es bei diefen Ausführungen werden, ,als ging 1
ein Mühlrad ihm im Kopf herum'.

Halle 1 Saale). Loofs.

Rudolph, Herrn.: Theolophie. Gefammelte theofoph. Vor-]
träge üb. die Einheit v. Religion, Wiffenfchaft, Philo-
fophie u. Ethik. Zur Förderg. der theofoph. Kultur u. |
zur Verföhng. der Völker u. Religionen. 1. Bd. Der j
Pfad zur Selbsterkenntnis. Buchfchmuck v. Max Thal- ;
mann. (IX, 321 S.) gr. 8° Leipzig, Theofophifcher
Kultur-Verlag 1914. M. 4.50; geb. M. 5.50

Wir haben hier eine Reihe zwanglos aneinander gefügter
Vorträge vor uns, die uns in die Anfchauungswelt [
der internationalen theofophifchen Verbrüderung
einführen follen, einer Verbrüderung, die die einzelnen i
Religionen und Konfeffionen als alles umfpannende Einheit
in fich umfaffen will. Diefe L T. V. gründet fich vor allem
auf die 1888 erfchienene .Geheimlehre' der Frau Bla- ;
vatsky und geht des weiteren befonders auf indifche I
Philofopheme zurück, mit Reinkarnations- und Karmalehre
und mancherlei phantaftifchen mythologifchen Elementen. |
Die Wefenseinheit aller Dinge als Teile der alles um- I
faffenden (geistigen) Weltfubftanz wird hier vor allem be- J
tont. Die Befchränktheit des Menfchen läßt ihn fich frei- j
lieh zunächft als ein Sonderwefen empfinden, das feine
perfönlichen Intereffen und Begierden zu befriedigen fucht.
Die Erlösung durch die Theofophie besteht dann darin,
daß er feine höhere Natur als das ewige Sein erkennen

lernt, das in allen Dingen des Weltalls zum Ausdruck
kommt, daß er mit feiner Liebe alle Wefen umfaßt und
fo auch zu einer allesumfaffenden Macht gelangt. In
immer erneuten Wiederverkörperungen diefem Ziel fich
annähernd, muß er das Leid, das ihn trifft, als gerechte
Vergeltung für feine Sünden werten lernen, eventuell für
folche, die er in einer früheren Dafeinsform begangen hat.
Dabei fteigt er, von häufe aus mit einem fiebenfachen
Körper behaftet, zu immer höherer Sublimität feiner Körperlichkeit
empor, fich fchließlich ganz von Erdendafein
und Begierde loslöfend.

Verf. appelliert für feine Ausführungen vielfach an
das logifche, vernünftige Denken. Er macht aber nirgends
den leifeften Verfuch, irgend einen Beweis für die Wahrheit
feiner Ideen beizubringen. Er, der gegen Autoritätsglauben
geringfehätzig kämpft, verlangt doch faft durchweg
blindestes Vertrauen für feine eigenen Darlegungen,
den Teufel nicht merkend, der ihn am Kragen hat. Der
getragene, feierliche Stil feiner Ausführungen hat aber
trotzdem etwas Eindrucksvolles. Wir haben hier wieder
einmal den Verfuch einer alles umfaffenden Weltanfchauung
mit phyfikalifchen, kosmogonifchen, angelologifchen und
eschatologifchen Elementen, der zum Teil an die alten
Gnoftiker erinnert. Dabei fchreckt R. freilich vor manch
blühendem Unfinn nicht zurück, den er feinen Lefern auf-
tifcht, wie z. B. in feinen Ausführungen über die drei Wurzehaffen
der Menfchheit S. i86ff, oder in der Wiederholung
der Blavatskyfchen Entdeckung, daß Jefus fchon im Jahre
105 vor unferer Zeitrechnung geboren fei (S. 209).

In feiner Kar malehre fucht der Verf., was anerkannt
werden muß, mit der Idee einer fittlichen Weltordnung
Ernst zu machen. Es klafft aber ein Widerfpruch in feinen
Anfchauungen, da er von den Menfchen zwar Liebe
fordert, die Weltidee aber nach ihm nur Vergeltung
kennt, eine Vergeltung, deren Gerechtigkeit noch dazu in
einem trüben Lichte erfcheint, da ich gegebenenfalls kein
Bewußtfein davon habe, weshalb ich leiden muß. Im
ganzen wird man urteilen dürfen, das der Verf. in einem
ziemlich unproduktiven Intellektualismus flecken bleibt.
Es fehlen ihm bei feiner Neigung zum Akosmismus — alles
Einzelfein ift nur Traum der ewigen Substanz — konkrete,
praktifche Ziele, die das fittliche Subjekt in diefer Welt
zu verwirklichen hat. Auch die Liebe, die er predigt,
besteht im wefentlichen nur darin (vgl. z.B. S. 316), dem
Nächsten kein Unrecht zuzufügen.

Königsberg i. Pr. R. A. Ho ff mann.

Sachlfe, Prof. D. Eugen: Einführung in die praktifche Theologie
. Eine zeitgemäße Erörterung neuer Probleme u.
brennender Fragen. (V, 111 S.) 8°. Bonn, A. Marcus
& E. Weber 1914. M. 2.80

Die Schrift bietet nicht fo fehr die nach dem Untertitel
und dem Vorwort zu erwartende ausgiebige Erörterung
der durch Drews' Schrift ,Das Problem der praktifchen
Theologie' (1910) angeregten Fragen und Gedanken, als
vielmehr eine wohl abgewogene, jedoch keine befonders
aktuelle Färbung tragende Prinzipienlehre der praktifchen
Theologie, licht und klar den Standpunkt des Verf. mit
feinen Konfequenzen vertretend, vielleicht da und dort
ein wenig breit und mit manchen Wiederholungen, aber
eine Gabe, in der wir den Niederfchlag einer jahrzehntelangen
Befchäftigung mit den behandelten Fragen begrüßen
dürfen, und für die nicht nur die ehemaligen
Schüler des Verf., an die er im Vorwort in erster Linie
denkt, ihm dankbar fein werden. Der Auseinanderfetzung
mit Drews find nur § 3 und ein paar Sätze in § 4 des
1. Kapitels gewidmet. Drews' Widerfpruch gegen das
Überwuchern des Gefchichtlichen im feitherigen akade-
mifchen Betrieb der praktifchen Theologie findet feine
volle Zustimmung; er will fogar die Zahl der von Drews
vorgefchlagenen hiftorifchen Nebenkollegien noch stärker