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Ausgabe:

1916 Nr. 3

Spalte:

59-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luther, Johannes

Titel/Untertitel:

Studien zur Bibliographie der Kirchenpostille Martin Luthers 1916

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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59

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 3.

60

Schwartz, Gerhard: Die Beietzung der Bistümer Reichsitaliens
unter den fächfifchen u. falifchen Kaifern, mit
den Liften der Bifchöfe951—1122. (VIII, 338 S.) gr. 8°.
Leipzig, B. G. Teubner 1913. M. 12—; geb. M. 14 —

Das Erftlingswerk von Gerhard Schwartz hätte hier
wie an andren Stellen fchneller angezeigt werden follen,
damit dem nun für das Vaterland gefallenen Verfaffer
die Möglichkeit geboten wäre, fich mit mancherlei Aus-
ftellungen im Kleinen zu befchäftigen und die Anerkennung
im Ganzen als freudige Zuftimmung zur Weiterarbeit
aufzunehmen. Nun mag an diefer Stelle ein Wort
fchmerzlicher Freude über das erfte und leider letzte
größere Werk des jungen Forfchers flehen.

Der Zweck der Abhandlung ift, die von den deutfchen
Kaifern aus der fächfifchen und falifchen Dynaftie bei der
Befetzung der italienifchen Bistümer verfolgte Politik, ins-
befondere die Heranziehung von Deutfchen feftzuftellen.
Um das im Einzelnen zu können, hat der Verfaffer umfangreiche
Studien zur Chronologie der Bistümer und der
Bifchöfe Italiens vorangehen laffen müffen. So nimmt
den Hauptteil des vorliegenden Buches eine von S. zu-
fammengeftellte Bifchofslifte für Reichsitalien von 951—
1122 ein. S. hat fich da fchon für manche Kirchen auf
die Angaben in Kehrs Italia pontificia beziehen können:
fonft ift ihm Ughellis Italia sacra ein Hilfe gewefen

Der bekannte Forfcher auf dem Gebiet des Bücherdrucks
der Reformationszeit legt Studien vor, die den
Nachweis erbringen, daß weit öfter, als es bekannt war,
an größeren Druckfchriften mehrere Druckereien beteiligt
gewefen find. Die Winterpoftille, die Michael Lotther 1533
in Magdeburg erfcheinen ließ, ift anfangs vom Vater
Melchior in Leipzig gedruckt, erft bei Bogen Y fetzt die
Druckerei des Sohnes ein, und das Ganze erfcheint dann
als Arbeit des Sohnes. Dasfelbe wiederholt fich bei der
Ausgabe von 1535. Die Sommerpoftille, die Mich. Lotther
1529 ausgehen läßt, zeigt zwar durchweg die Eigentümlichkeiten
feiner Druckerei; gleichwohl treten von Bogen N
an auch Typen auf, deren fich bisher nur der Vater bediente
. Da Mich. Lotther Ende 1528 von Wittenberg
nach Magdeburg überfiedelte, fo ift es eine anfprechende
Vermutung, daß die erften Bogen noch in Wittenberg
gedruckt wurden, daß aber der Vater bei der Neueinrichtung
des Sohnes in Magdeburg ihn auch mit neuem
Material aus den eignen Beftänden ausftattete. Zugleich
ergibt fich aus dem für die Buchdruckerverhältniffe Wittenbergs
fo wichtigen Briefwechfel Stephan Roths, daß Michael
L. Wittenberg räumte, weil die einheimifchen Drucker
fich darüber befchwerten, daß eine auswärtige Druckerei
ihre Arbeit und Verdienft beeinträchtige. Sie fehen alfo
in feiner Druckerei nur eine Filiale der Leipziger des
Vaters, und tatfächlich betrachtete diefer auch die Wittenb.

Obwohl S.'s Feftftellungen nicht in allen einzelnen Punk- j Offizin ganz als feine eigene. Erft in Magdeburg wurde

ten durchaus zutreffend und in anderer Hinsicht nicht j der Sohn felbftändig. Die Winterpoftille von Joh. Grunen-

völlig abfchließend find, fo ift doch eine große Anzahl von ; berg 1525 ift in den letzten 15 Bogen nicht von diefem,

Verbefferungen gegen die Bifchofsliften von Garns und j fondern von Hans Weiß in Wittenberg gedruckt Das-

Eubel erbracht. Das ftatiftifche Material, das S. in aus- j felbe Verhältnis zeigt fich bei der neuen Ausgabe 1528.

gezeichneter Sorgfältigkeit hier zufammengetragen hat, ! Aber hier find die Grunenbergfchen Bogen überhaupt

wird für jeden, der fich mit mittelalterlicher Kirchenge- ; nicht neu gedruckt, fondern find Reftbogen von 1525;

fchichte zu befchäftigen hat, eine Quelle erften Ranges fein. diefer Teil ift alfo in größerer Auflage hergeftellt gewefen

Wenn in diefem umfangreichften Teile der Arbeit
vielleicht auch das von dauerndem Werte der Arbeit und
das Refultat größten Fleißes fleckt, fo regt doch die
frifche und lebhaft gefchriebene Einleitung und Problem-
ftellung ganz hervorragend an. Sie würde auch in einer
weiteren Erörterung nicht unfruchtbar bleiben, felbft wenn
man die Anficht Schwartzs nicht wird aufrecht erhalten
können. Die deutfch-römifchen Kaifer brauchten in Italien
Hilfe, Hilfe des eigenen Stammes gegen die fremden
Machthaber im eroberten Gebiet. Die Karolinger und
ihre Nachfolger fandten als kaiferliche Vertreter in diefe
Länder ihre Grafen; in der Stauferzeit waren die kaifer-
lichen Boten Minifterialen. Die fächfifchen und falifchen
Kaifer ftützten fich wie in Deutfchland auf reifige Äbte
und Bifchöfe fo in Italien auf die Diener der Kirche. Die
Bifchöfe im Regnum Italiae waren Vermittler der kaifer-
lichen Gewalt; fie mußten aber neben der geiftlichen Autorität
noch einen realen Hintergrund ihrer Macht haben,
wenn fie das kaiferliche Anfehn in wirkungsvoller Weife
vertreten follten. Daher ift für Italien die Bindung von
Bifchof und Graffchaft vielleicht fchon recht früh anzu-
fetzen — vermutlich befteht da eine Verknüpfung aus vor-
kaiferlicher Zeit? Daß Heinrich V. mit dem Wormfer
Konkordat jeglichen Einfluß auf die Befetzung italienifcher
Bistümer aufgegeben hat, ift fehr bedauerlich, weil damit
für die fpätere Zeit und feine Nachfolger im Kaifertum
der rechtliche Anlaß zum Eingreifen fehlte. Mit dem
Verluft des Einfluffes auf rein kirchliche Dinge ergab fich
notwendiger Weife der Verluft jeglicher politifcher Macht in
diefen Gebieten. Das deutet Schw. wenigftens an. Es ift
zu hoffen, daß andre Forfcher die von Schw. angefchnit-
tene Frage weiter erörtern werden.

Leipzig. Otto Lerche.

Luther, Johs.: Studien zur Bibliographie der Kirchenpottille
Martin Luthers. [Aus: ,Zentralbl. f. Bibliothekswefen'.]
(34 S.) gr. 8°. Leipzig, O. Harraffowitz 1915. M. 1 —-

als der Schluß, der daher um die Reftbogen verwenden
zu können, noch einmal gefetzt werden mußte. Joh.
Grunenbergs eigne Setzertätigkeit bricht alfo fchon 1525
— wir wiffen nicht, warum — mitten in jenem Druck ab.
Auch die Feftpoftille, die Johann Lörsfelt in Marburg
1528 herausgab, zeigt bei genauerer Prüfung, daß fie eine
Gefchichte gehabt. Die Bogen A—M weifen nämlich die
Eigentümlichkeiten der Preffe von Gabriel Kantz in
Zwickau auf. Wir erfahren, daß in deffen Druckerei am
8. Februar 1528 einen großes Schadenfeuer ausbrach.
Hierin wird der Grund gegeben fein, daß eine andre
Preffe den Druck vollendete.

Es find minutiöfe Unterfuchungen, die nur ein Mann
anftellen kann, der das Material überfieht und ein für
Druckverfchiedenheiten geübtes Auge hat. Für Luthers
Arbeit an der Poftille fällt dabei direkt nichts ab, aber
es ift verftändlich, daß für die Beurteilung von Lesarten
es von Bedeutung fein kann zu wiffen, ob ein Bogen in
Leipzig oder in Magdeburg, in Zwickau oder in Marburg
gefetzt wurde.

Berlin. Kawerau.

Gabriel, Stud.-Infp. Lic. Dr. Paul: Die Theologie W. A.

Tellers. (Studien zur Gefchichte des neueren Prote-
ftantismus. 10 Heft.) (III, 91 S.) gr. 8°. Gießen, A.Töpel-
mann 1914. M. 2.60

Die Arbeit will einen neuen Bauftein für die zu
fchreibende Gefchichte der Aulklärung bilden und foli
als folcher mit Dank aufgenommen fein. In gründlicher
Einzelunterfuchung verfolgt fie die theologifche Entwicklung
Tellers, deffen Bild alle bekannten Züge der deutfchen
Aulklärungstheologen trägt. Semler's Selbftbiographie hat
einen eigentümlichen Reiz dadurch, daß man fühlt, wie
fich dem werdenden Gelehrten die hiftorifch-kritifche Betrachtung
der Bibel förmlich wider Willen aufdrängt, wie
er vor den Ergebniffen fall erfchrickt. Ähnlich fieht man
bei Teller diefe Methode einfetzen und allmählich zur