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Ausgabe:

1916

Spalte:

54-57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Jesus 1916

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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weiß; fiewünfchen auch von den Mängeln der Überlieferung (S. 22); er beftreitet jede magifche Bedeutung des Kult-
und den Lücken unferer Erkenntnis zu erfahren. Unter ortes und will fogar die Maultierlaften Naemans auf den
diefem Gefichtspunkt würde ich eine Kürzung der erften | Wunfeh zurückführen, ,vorJahve in jeder Beziehung kultifch
Abfchnitte S. 6—28 für ratfam gehalten haben, um die [ rein zu erfcheinen' (S. 33); die Haltung Elias beim Regen-
Befprechung des iffaelitifchen Stoffes ausgiebiger geftalten zauber auf dem Karmel erklärt er als ,ein ftillfchweigendes
zu können. Vielleicht würde fich dann noch Platz gefunden j Erwarten der göttlichen Offenbarung' (S. 38); der im AT
haben, über die Art, wie Ifrael das h. Land befetzt, die oft bezeugte Namenglaube wird als unbewiefen abgelehnt
vorgefundenen Bewohner behandelt hat und dgl., einiges 1 (S. 81); aus Gen. 4,26 will er eine ,fpätere Anfetzung des
zu bemerken, zumal da wir in diefen durchaus nicht j kultifchen Gebets bzw. des Kultus überhaupt' erfchließen
gleichgültigen Dingen klarer fehen als in den Erzväter- j (S. 86); die ftärkere Betonung des Individualismus in der
fagen. j nachexilifchen Zeit gilt ihm als eine .Folge des Exils, des

Der Preis der einzelnen Hefte, die den Vereinsmit- ; fich weitenden Horizontes, vor allem des notwendig
gliedern unentgeltlich geliefert werden, ift niedrig geftellt | werdenden reiigiöfen Unterrichts und des Gegenfatzes
(M. —60) und rechnet auf Maffenverbreitung. Die Samm- j gegen den fich mehrenden Freifinn und Unglauben' (S. 94)
lung fördert nicht nur die Kenntnis des Landes und feiner j ufw. So fehlt es nicht an Anregung, wo man widerfprechen
Gefchichte, fondern dient auch dem Bedürfnis der Gegen- muß. In Ganzen ift die Studie fleißig gearbeitet und verwart
, die durch große Ereigniffe auf die Bedeutung des ; dient ernfte Beachtung.

Vorderen Orients für Mitteleuropa hingewiefen wird. Das I Zehlendorf bei Berlin. Hugo Greßmann

Unternehmen ift daher auch zeitgemäß und verdient eine j ________

freundliche Aufnahme. WtrnXe, prof D paul. je[u8 (Xy> ^ &) g0 Tübingen>

Leipzig. Guthe. j J. C. B. Mohr 1916. Geb. M. 5 —

Wernles charaktervolle wiffenfchaftliche Ehrlichkeit
und fein feines religiöfes Verftändnis laffen in diefem Buche
eine Sammlung des Ertrages der jüngften kritifchen Arbeit
und reiigiöfen Selbftbefinnung zugleich erwarten, die uns
im Verftändnis fördern werden. Diefe Hoffnung wird von
dem Buche, das mitten unter der Kriegsliteratur wie
der Zeuge einer anderen Welt auftaucht, reichlich erfüllt.
Es ift kein Leben Jefu. Diefe Illufion ift gründlich ver-

Greift, Prieft. D. theol. Ant.: Das Gebet im Alten Teftament.

(AltteftamentlicheAbhandlungen. V.Bd., 3. Heft.) (VIII,
144 u. IIIS.) gr. 8°. Münfteri. W., Afchendorff 1915.

M. 3.80

Mißglückt ift das dritte Kapitel über die Formen
des Gebets. Es enthält zunächft auf ganzen vier Seiten

(S. 48—52) eine .äfthetifche Betrachtung der altteftament- j abfehiedet; novelliftifch-pfychologifierende "Züge finden

liehen Gebetstexte'. Da lieft man Sätze wie: ,Auf die Ge-
betsfprache fcheint der Chronift beftimmenden Einfluß
gehabt zu haben. Wie E. Bayer wahrfcheinlich macht,
find Dan. 9,4ff. und Baruchs Exulantengebet von ihm abhängig
' (S. 49). ,Die hebräifche Poefie kennt keinen ausgeglichenen
Rhythmus, kein Metrum. Alles bisherige Suchen
nach einem folchen ift erfolglos geblieben' (S. 49). ,Der
Umftand, daß Hallelujah nur in den beiden letzten Pfalmen-
bücbern vorkommt, fpricht dafür, daß es eine nachexilifche
Formel ift' (S. 76). Der Verfaffer unterfcheidet zwei
Gattungen, Hvmnus und Gebet, und bemerkt dazu: ,Der

fich nur gelegentlich. Es ift eine Darfteilung der Predigt
Jefu und der in ihr fich ausfprechenden Perfönlichkeit.
Diefe Predigt betrifft, wie ich es auch feit langem darfteile,
zwei Gegenftände: die Reichserwartung und die wahre
Gerechtigkeit, die an dem Reiche allein Anteil gewährt.
Die Wurzelung beider Grundgedanken in der alten Pro-
phetie und der Bibel ift klar aufgezeigt. Gleichfam ein-
gefchloffen in diefe Gegenftände als ihre immanente, in
ihnen fich auswirkende Vorausfetzung ift der Gottesglaube
und Gottesgedanke Jefu, auch er aus der Bibel erwachfen
und in der ungeheuren Spannung der Reichsverkündigung

Aufbau von Hymnus und Gebet ift ziemlich gleich . . . ! nur noch mehr verinnerlicht und verfittlicht, aber voll von
Überhaupt laffen fich Hymnus und Gebet nicht immer j theoretifchen Spannungen und Gegenfätzen. Nicht minder
ftreng fcheiden' (S. 51). Dann folgt eine Abhandlung j eingefchloffen in diefe Predigt ift auch der Gedanke Jefu
über .liturgifche Gebete und Gebetsformeln' (S. 52—7fy- von feiner eigenen Stellung zum kommenden Gottesreich
Hier werden nach den .Signalworten', dem Segen Aarons j und in ihm, feine Stellung als Prophet und als Meffias,
und dem Tempelweihfpruch Salomos folgende .Hymnen' an welch letzterem Punkte heute bekanntlich die fchwierig-
behandelt: Pf. 29. 104. 114. 84. 45 und 72 und folgende ften Fragen, ja das eigentliche Kernproblem der Evange-
,Gebete': Pf. 124. 22. 137. Die Pfalmen werden überfetzt, lienforfchung hängen. Wernle hat die Themata leider nicht
mit kritifchen Gloffen verfehen und gegliedert; von einer
wirklichen Erklärung des Inhalts oder der Form kann nicht
gesprochen werden. Und das foll eine ftilgefchichtliche
Unterfuchung fein ? Greift hat die Glocken läuten hören,
aber wo fie hängen, weiß er nicht.

Die anderen Kapitel find glücklicherweife beffer. Das
erfte behandelt die Etymologie der hebräifchen Ausdrücke j diefer Spannung auf das Reich und in der Hingebung an
für .beten', das zweite die Archäologie und das vierte j feine Sendung für das Reich liegt doch die eigentliche
,die ideelle Entwicklung der Theologie' des altteftament- j Triebkraft Jefu. Wernle unterfcheidet dafür lieber ruhende
liehen Gebetes. Im Anhang werden das Morgen- und und momentane Elemente und bevorzugt begreiflicherweife
Abendgebet(Schma')unddasAchtzehngebetimhebräifchen die ruhenden. Ich glaube aber freilich, daß auch die
Urtext nach Staerk und in deutfeher Überfetzung mitge- ruhenden Elemente alle Farbe und Kraft aus dem Momenteilt
. Auch ein ausführliches Verzeichnis der zitierten tanen gewinnen, mit ihm unlösbar verbunden find. Die
Stellen ift hinzugefügt. Scheidung ift doch erft eine vom heutigen Standpunkt

Der Verfaffer ift nicht nur gut belefen, fondern auch aus vollzogene, wo das Momentane natürlich das Fremd-
kritifch ebenfo fehr gegen denTextwie gegen dieForfchung. artigere ift. Im übrigen find Wernles Bemerkungen über
Er hat felbftändige Gedanken und fucht eigene Wege zu die nur fehr relative Neuheit der Jefus-Predigt fehr zu-

in diefer allein natürlichen Reihenfolge geordnet, fondern
doch wohl im Anfchluß an die Durchfchnittsdogmatik fachlicher
und unperfönlicher: Gottesglaube, Ethik, Reichshoffnung
, Meffianität. Der eigentliche Kern- und Or-
ganifationspunkt, die Reichsankündigung, fcheint mir dadurch
aus feiner entfeheidenden Stellung verdrängt. In

gehen, freilich nicht gerade mit Glück; z.B. will er CM Slp
verliehen als: sprechen in derErfcheinung' oder konkreter
,im Kleide der Gottheit' (S. 15); bei bbenn leugnet er die

treffend. Auch das ift richtig, daß der Fortfehritt in der
Religionsgefchichte öfter auf dem Ernft-Machen mit alten
Gedanken als auf der Einführung neuer beruht. In der

von Wellhaufen erfchloffene Grundbedeutung ,fich Ein- ; Tat erwächft aus einem Ernft-Machen mit dem Alten —
fchnitte machen' und fchlägt ftatt deffen vor ,fich ein j freilich auch in neuer, die alte prophetifche Politik und
Orakel geben laffen' oder ,für fich ein Orakel erbitten' ! die alte prophetifche Sozialethik ausfchaltender Situation,