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Ausgabe:

1916 Nr. 2

Spalte:

41-42

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vorwerk, Dietrich

Titel/Untertitel:

Erziehung zum tätigen Christentum m. besond. Berücksichtigung des erziehl. Wertes der Inneren Mission 1916

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Seite 1

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4i Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 2. 42

und daß es auch auf Antrag des Vaters durch eine Ver- ] chriftlicher Liebestätigkeit zu erziehen (Vorlefungen, Kurfe,
fügung der Staatsgewalt für ehelich erklärt werden kann. ! Berichtigungen), ohne in die Gefahr der Zerfplitterung zu
Daß weder das Gefetz noch die Statiftik die ,unehelichen verfallen, gefchieht doch bereits weithin. Aber wirkliche
Geburten in der Ehe' kennt, ift ganz richtig; aber weiß j Tatchriften kann nur Gott geben, und es wird wohl immer
etwa Michels etwas darüber? Wenn er davon als der 1 dabei bleiben: ,Viele find berufen, aber wenige find aus-
,weiteren großen Rubrik' fpricht, fo fagt er fchon mehr | erwählt'.

als er beweifen oder auch nur wahrfcheinlich machen Viele feine Beobachtungen enthält das 5. Buch:

kann. Dagegen ift es recht merkwürdig, daß er bei Er- ,die Seele des Kindes in ihrem Verhältnis zum tätigen

örterung des .Problems der Meffung der Sittlichkeit' (dies
ift das 5. Kapitel) nichts von dem Unterfchiede weiß
zwifchen folchen unehelichen Kindern, die aus Verlöbniffen

Chriftentum'. Als Kenner der darin behandelten Probleme
hat fich der Verf. fchon durch eine Reihe früherer Veröffentlichungen
ausgewiefen. Die pfychologifchen Grund-

und Verhältniffen, welche zur Ehe zu werden beftimmt ; lagen dazu find in Kap. 4 und 5 dargelegt, wobei es zwar
find und in fehr vielen Fällen wirklich dazu werden, ent- j in dem Gegenfatz zwifchen Intellektualismus und Volun-
fpringen, und hingegen folchen die der Venus vulgivaga tarismus zu keiner vollen Entfcheidung kommt, aber doch,
ihr Dafein verdanken, wozu auch Verhältniffe gerechnet wie zu erwarten, ein ftark voluntariftifcher Einfchlag zu-
werden müffen, denen jene Beftimmung durchaus fern , tage tritt.

liegt. ,Die' Statiftik, nämlich die amtlichen Verzeichnungen, Der oben angedeutete Mißftand macht fich am

wiffen von diefem Unterfchiede freilich auch nichts. Aber meiften bei dem III. Teil ,die Erziehung zum tätigen
eine kritifche, kombinierende Statiftik kann fie auffpüren, Chriftentum' geltend. Wenn dabei der Einfluß der Be-
und nur folche nimmt wiffenfchaftliche Bedeutung recht- j fchäftigung mit der chriftlichen Liebestätigkeit fo ftark
mäßig in Anfpruch. Auch diefer Unterfchied fcheint dem j in den Vordergrund gefchoben wird, fo drohen die gerade
Verf. unbekannt zu fein. im IL Buch fo fchon gefchilderten natürlichen Faktoren

Wohl begreiflich—das Vorwort ift aus Turin datiert— ; nicht zu ihrem Recht zu kommen, und nicht minder als
aber weniger erfreulich ift auch der auffallende Vorzug, Übungsfeld des Tatchriftentums die natürlichen Aufgaben
den Verf. bei feinen Zitaten italienifchen Autoren gibt; < des Elternhaufes, der Schule, des Berufs. Es entfpricht
auch da, wo deutfche und andere über diefelben Gegen- das, wie aus verfchiedenen Äußerungen zu erkennen ift,
ftände Befferes hervorgebracht haben. Außer Italienern i nicht der Abficht des Verfaffers, aber der Schein ift nicht
und Franzofen werden faft nur Marx und Sombart mehr- vermieden. Daß uns gerade auch im nächften Lebens-
facher Beachtung für wert gehalten. Bei alledem wird ; kreis mehr Betätigung der chriftlichen Nächftenliebe not

das Buch — aus dem ich noch die Kapitel über Behand
lung des Proletariats in der Wiffenfchaft, über zeitliche
Widerftandsfähigkeit des Adels und über die internationale

tut, und daß Trieb und Fähigkeit dazu nicht von felbft
wachten, fondern daß die Erziehung dazu zielbewußt
darauf anzulegen fei, darauf ernftlich hingewiefen zu haben,

Bougeoifie (7-9), endlich befonders das letzte (10) über j ift z.weifellos die Bedeutung, wie des ganzen Buches, fo
Wirtfchaft und Politik hervorhebe — vielen Lefern zur I auch diefes letzen Teils.

Belehrung und Anregung dienen können. ( Frankfurt a. M. D Schloffer.

Kiel. Ferdinand Tön nies.

Uhler Glaube ift der Sieg. Praktifche Darftellg. der Haupt-
Vorwerk, Konfift.-Rat u. Superint. a. D. Pfr. Dietrich: ftucke der chriftl. Wahrheit. Hrsg. v. Paft. J. Simfa.
Erziehung zum tätigen Chriftentum m. befond.Berückficht. ^yill, 284 S.) 8°. Hamburg, Agentur des Rauhen

des erziehl. Wertes der Inneren Miffion. (239 S.) 8°. Haufes (1915). M. 3_; geb. M. 4__

Schwerin, F. Bahn 1915. M. 3-; geb. M. 4- , Wer wollte leugnen daß eine einfache praktifche

Chriftliche Erziehung ift Taterziehung, Erziehung zur j Darfteilung der Plauptftücke chriftlicher Wahrheit ein
Betätigung und darum durch Tat. Das erweift der Verf. : Bedürfnis ift? Theologifche Darftellungen gibt es genug.
(I. Teil) aus der Gefchichte der chriftlichen Taterziehung Solche, die für jedermann verftändlich find nur wenige,
in der Bibel, der kirchlichen Vergangenheit und in der Die vorliegende Darftellung, an der fich außer dem Heraus-
Gegenwart (l. Buch), fowie aus der Gefchichte der Er- i geber J. Simfa, Paftor in Bannen: Geh.-Rat Conrad-Berlin,
ziehung (2. Buch), fodann im II. Teil aus der Pfychologie : P. Küche-Köln, P. Plerbft-Barmen, Paftor Dr. Bufch-Frank-
des tätigen Chriftentums, um dann daraus die Folgerungen ; furt a;M., P. Sartorius-Barmen, P. Keefer-Düffeldorf, P. Roth-
für die Erziehung zum tätigen Chriftentum zu ziehen. ! weiler-Gütersloh, Generalfuperintendent D. Blau-Pofen und
Die .befondere Berückfichtigung des erziehlichen Wertes P. Keller-Döbeln beteiligt haben, will auf drei Arten von
der Inneren Miffion', erweift fich dabei der Klarheit der , Lefern Rückficht nehmen: auf die dem Evangelium Ent-

Darftellung und der Straffheit der Gedankenlührung nicht j fremdeten, auf alle, die mit Ernft Chriften fein wollen,
immer günftig. Das Intereffe an der chriftlichen Liebes- j und auf die .zwifchen Entfremdung und Erweckungs-
tätigkeit und das an der chriftlichen Taterziehung durch- bewegung' flehenden Kreife. Das ift etwas viel auf
kreuzen einander beftändig, und es ift nicht immer deut- j einmal. Dem erften Gefichtspunkt werden nur die bei-
lich, worauf es letzlich abgefehen ift. Andererfeits ver- ! den Beiträge von Geh.-R. Conrad über ,die Wirklichkeit

leiht gerade fie durch die genaue Vertrautheit des Verl
mit diefem Gebiete dem Buch einen befonderen praktifchen
Wert, den namentlich Erzieher, Pfarrer und Lehrer zu

Gottes' und über den ,Sinn der Welt' gerecht. Gut find
auch die klaren Ausführungen über .Kirche und Reich
Gottes' von D. Blau, die vor allem auch auf die innern

fchätzen wiffen werden. Befonders, was ,zur Pfychologie Gründe zur Entftehung kirchlicher Gemeinfchaftsgebilde
der tätigen Chriften' über die ihre Entwicklung beftimmen- hinweifen. Die andern Auffätze werden nur denen et-
den Einflüffe angeführt wird, gehört zum Intereffanteften j was bieten, die auf demfelben Standpunkt mit den Ver-
und Anregendften des ganzen Buches. Bedauerlich ift faffern flehen. Von einer gefchientliehen Verwendung
dabei die Feftftellung, daß fo wenige von den Helden ; der Bibel, wie fie Konrad vertritt und wie der Heraus-
der chriftlichen Liebe aus Pfarrhäufern flammen. Daß, ! geber fie wenigftens theoretifch zugibt, ift in der Mehrum
das zu beffern, der Hebel bei der Vorbildung der zahl der Beiträge wenig zu merken. In den Auffätzen
Pfarrer anzufetzen fei, wie der Verf. gleich vielen Kritikern über .Himmel und Hölle' (von Herbft) und ,Was wiffen
unfrer kirchlichen Zuftände meint, halte ich für verfehlt, j wir vom Ende' (von Keller) führt die kritiklofe Behand-
Die gegenwärtige Vorbildung unferer Pfarrer hängt innig | lung biblifcher Ausfagen manchmal zu fehr bedenklichen
mit dem Wefen unferer Volkskirche zufammen. "Was in Phantafien. Die großen chriftlichen Grundwahrheiten
ihrem Rahmen möglich ift, um fie zu Tatchriftentum und kommen zwar in allen Auffätzen zur Geltung, aber fie