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Ausgabe:

1916

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dunkmann, Karl

Titel/Untertitel:

Idealismus oder Chhristentum? Die Entscheidungsfrage der Gegenwart 1916

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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4P

Chriftus- und Marienverfolger und — als Leichenfchänder der Menfch aus fich felbft nicht leiften kann, das vermag

hingeftellt: „greift nun zur Schaufel noch, ihr Freiheits- nur die Religion, die vollkommene Religion, die chrift-

helden, Wühlt auch die Todten aus dem engen Haus, liehe (77. 132).

verbannt auch fie und was fie fchweigend melden; werft Aus den Grundgedanken, in denen Ref. verfucht hat,
Gott und Freiheit ganz zum Land hinaus, tilgt aus Marias den Ertrag der Ausführungen D.s zu fixieren, dürfte erBild
, Marias Namen, denn euer Todfeind ift ,des Weibes hellen, daß der Verf. unter dem Idealismus, dem er im
Samen" (S. 47). Als Document humain ift die Schrift lehr- Namen der richtig verftandenen Religion den Krieg erklärt,
reich. in letzter Inftanz einfach den Pelagianismus verfteht. Ob-
Berlin. Graf Hoensbroech. Sldch E». erft am Ende feiner Schrift, und nur einmal, den

alten klealiften Pelagius' (155) erwähnt, fo drangt fich dem

; aufmerkfamen Lefer die Gleichfetzung von Pelagianismus

Dunkmann, Prof. D. theol. K.: Idealismus oder Chriltentum? und Idealismus als Löfung des von dem Verf. geftellten

Die Entfcheidungsfrage der Gegenwart. (VII, 165 S.) Pro;lems mij wachfender Klarheit und Stärke auf D.efe

,, _ . . . * . f XT ,° K ' 0 ' ' Deutung wird durch die Schlußbetrachtungen .Antianfto-

80. Leipzig, A. Deichert Nachfi 1914. teles und Antikant< (152-165) nur beftätigt, und fowohl

M. 3.60; kart. M. 4.20 die Erwähnung Auguftins ,des großen Warners gegen
.Idealismus oder Chriftentum': das Befremdende, das allen Idealismus' (155) als auch die Gegenüberftellung
in diefer Frageftellung liegt, fchwindet in dem Maße als Luthers und Anftoteles', des gottlofen Verteidigers des
man fich in die nähere Betrachtung des von D. auf- liberum arbitmm, weifen in diefelbe Richtung und laffen
geftellten ,Entweder-Oder' einführen läßt. Der Verf. ver- über die Tragweite der von D. vorgefchlagenen Frage-
fteht unter Idealismus nicht nur jeden Verfuch, dem Heilung keinen Zweifel beftehen. Das Recht jener Iden-
menfchlichen Leben einen geiftigen Inhalt zu geben und tifizierung von Idealismus und Pelagianismus hat der Verf.
Ideale zur Geltung zu bringen, fondern vor allem das m- E- nicht überzeugend begründet. Wie die willkürliche
Beftreben, diefe Ideale aus dem Wefen des menfehlichen Paffung des .Idealismus', fo muß aber auch D.s Definition
Geiftes felbft abzuleiten (75). Das ganze Wefen des der Religion als eines rein paffiven Verhaltens aufs ernftefte
Idealismus ift Aktivität, Selbfttätigkeit (85. 94. 110); die beanftandet werden. Die Unterfuchung über das Wefen
Taten und Werke des Idealismus entflammen der Quelle des Chnftentums enthält zwar feinfinnige und treffende
eigenfter Lebenskraft und Selbftbehauptung (in); der Bemerkungen, leidet aber unter der Einfeitigkeit und UnIdealismus
ift das Reich der felbftgefchaffenen Ideen klarheit der von dem Vei t, vertretenen Vorausfetzungen.
(118), Glaube an die Menfchenfeele, trotzige Aktivität , Die polemifchen Anfätze, die im Laufe der Auseinander-
derfelben (124), gefteigerte Selbfttätigkeit (131). In diefem fetzungen zuweilen auftreten, bleiben aus demfelben Grunde
raftlofen Streben nach eigenen Schöpfungen (84), kann unwirkfam (Vgl. S. 118:,Der Neuproteftantismus ift feinem

fich das Seelenleben auf verfchiedene Weife äußern und
betätigen: es gibt einen Idealismus der Vernunft (19—29:
von Ariftoteles bis Hegel), des Gefühls (29—42: von Plotin
bis Emerfon), des Willens (42—56: von Kant bis Nietz-
fche); es gibt einen univerfalen Idealismus (Fichte, Eucken
56—75). Bei aller Mannigfaltigkeit des pfychologifchen
Ausdrucks bleibt fich aber der Idealismus in feinem
inneren Wefen gleich: er ftellt das felbftgefchaffene Ideal
auf, wie es nach feiner Auffaffung für fich felber leuchtet
und in den ewigen unveränderlichen Wefenstiefen des
menfehlichen Geiftes wurzelt (113). So ift der Idealismus
das Größte, Erhabenfte und Schönfte, was der Menfch in
feiner eigenen Kraft leiften und vollbringen kann (132);
aber weder kommt er zu einer Verftändigung über den
Inhalt des Ideals, noch viel weniger gelangt er zur Ver-

innerften Wefen nach Idealismus'.) Zu wiederholten Malen
fcheint D. dem von ihm behandelten Problem die höchfte
Wichtigkeit beizulegen [vgl. den Untertitel: ,Die Entfcheidungsfrage
der Gegenwart']; wenn er uns aber ander -
feits verfichert .Offenbarungen mögen Andre haben; der
Verf. hat nie derartige gehabt' (4), fo dürfen wir ihm aufs
Wort glauben. —

Straßburg i/E. P. Lobftein.

Michels, Robert: Probleme der Sozialphilolophie. (Wiffen-
fchaft u. Hypothefe XVIII.) (VI, 208 S.) 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1914. Geb. M. 4.80

Über ein Büchlein wie dies ift faft unmöglich, in einigen
wirklichung desfelben (76). i Zeilen zutreffend zu urteilen; denn man müßte jeden der

Auf Grund diefer Definition bildet D. das Urteil: der ! kleinen Auffätze gefondert behandeln. Zehn Kapitel: ,Zum
Idealismus ift der Todfeind der Religion (100); zwifchen ! Problem' der Kooperation, der Eugenik, der Solidarität

beiden klafft eine tiefe unüberbrückbare Kluft (114). Ift
doch alle Religion paffives Bewußtfein der Abhängigkeit
(85), nicht felbftgefchaffene oder ideelle, fondern wahr-

und des Kaftenwefens, des Fortfehritts ufw. Im Vorwort
heißt es, Verf. wolle einige Fragen erörtern, die im
Mittelpunkt der Sozialphilofophie flehen. Gehört dazu

hafte, unumftößliche Abhängigkeit (89); fie beruht auf auch das .Problem der Koketterie', das als 6. befprochen
Offenbarungen, die nicht aus uns und unfrer Seele flammen [ wird? Verf. weiß auch darüber ziemlich geiftreich zu
(93); an die Stelle der Selbfttätigkeit, die die Seele des ! plaudern, und gar manches außerdem ift. ungeachtet des
Idealismus ift, tritt hier Empfänglichkeit, Ergebung, Still- 1 Aufwandes an Gelehrfamkeit, woran es nicht fehlt, als
ftand und Befinnung (97). Das gilt im höchften Maße Plauderei oder Feuilleton zu bewerten. Nicht als ob es
und in hehrer Vollendung vom Chriftentum, das zugleich an beachtenswerten Gedanken fehlte; aber es überwiegt
eine in der Gefchichte wurzelnde und auf die Gefchichte ; der Impreffionismus, der fo vielfach in foziologifchen
einwirkende, lebendige und perfonaliftifche Religion ift, Schriften verwüftend wirkt. An fragwürdigen Behaup-
welche in der Perfon Chrifti ihren Mittelpunkt hat, bei tungen ift folglich kein Mangel. Z. B. S. 86: .Nach dem
welcher ein tranfzendenter Faktor wirkfam ift (115. 120. Gefetz gilt jedes in gültiger Ehe erzeugte Kind als ein ehe-
127. 129—132): gegenüber diefer injefus fich vollziehen- liches. Auch wenn der Erzeuger diefes Kindes ein ungülden
Gefchichte Gottes unter uns, find wir rein Empfan- < tiger, ein außerehelicher (?!) Mann ift. Selbft wenn diefer
gende, nichts als Empfangende (130). —So fetzt die Religion | Tatbeftand von allen beteiligten Seiten — Ehefrau, Eheein
, wo unfre Ideen vertagen; wo die Aktivität ein Ende , mann, Ehebrecher — zugegeben wird. Ein derartiges
genommen hat und wo das Leiden anhebt, da fängt der j Eingeftändnis ändert juriftifch nichts an der Ehelichkeit
Religion heiliges Leben an (100—102). Der Idealismus der Geburt'. Vergeffen wird, daß die Ehelichkeit durch
ift ein Beweis, daß tatfächlich der Menfch zu Höherem I den Ehemann angefochten werden und daß alsdann der
berufen ift, ohne höheren Wert und Gehalt nicht exiftieren j Richter ein Kind für unehelich erklären kann. Vergeffen
kann; aber er ift zugleich ein Beweis von der Unzuläng- ' wird ebenfo, daß ein uneheliches Kind durch Ehefchließung
lichkeit menfehlichen Denkens, Fühlens und Wollens, Was | der Eltern die rechtliche Stellung eines ehelichen erhält