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Ausgabe:

1916 Nr. 2

Spalte:

540-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Freisen, Joseph

Titel/Untertitel:

Verfassungsgeschichte der katholischen Kirche Deutschlands in der Neuzeit 1916

Rezensent:

Sehling, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 25/26.

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fuhrung, wie fie der Band gibt, abgefehen davon, daß
das Regifter unzulänglich ift und, was weit weniger betagt
, die Malerei vor dem Kunftgewerbe erwartet wird,
nicht nur eine wohl abgerundete, fondern auch eine fern-
lehrreiche und dankenswerte Leiftung hinnehmen. Die
Darftellung geht nicht allzutief, verliert fich aber auch
nicht über der Fülle des verarbeiteten Materiales, das,
wie ausdrücklich betont fei, die Denkmäler der kirchlichen
und weltlichen Kunft umfaßt, in die Breite, fondern
hält feft die Zügel in der Hand, Bedeutendes mehr,
weniger Bedeutendes kürzer befprechend oder eben nur
ftreifend. Der Text, allgemein verftändlich mit einem
Stich ins Populäre, Fremdwörter vorbildlich vermeidend,
ruht durchweg auf eigenem Studium und offenbar in
weitem Umfange auf eigener Anfchauung der Quellen
bzw. der Denkmäler. Als tatfächliche Unrichtigkeit weiß
ich nur eine zu nennen, fie betrifft die Angabe von dem
Chor der ehemaligen Zifterzienferkirche zu Otterberg bei
Kaiferslautern (61), der nicht rund, wie gefagt wird, fondern
dreifeitig ift.

Im übrigen weiß Michael felbft nach dem Maße
feiner ausgedehnten Literatur- und Quellenkenntnis und
feiner theologifchen Bildung manche klärende und berichtigende
Feftftellung zu geben, fei es hinfichtlich
eines einzelnen Punktes, z.B. S. 161A. 1 und S. 162A. I
betreffs der Datierung eines namenlofen Grabmales in
der Schloßkirche zu Quedlinburg und der damit fich berührenden
Datierung des Grabmales Heinrichs des Löwen
und feiner Gemahlin Mathilde im Dome zu Braunfchweig,
fei es hinfichtlich allgemeiner Probleme wie des über die
Betätigung geiftlicher Perfonen als Baumeifter (16 ff.) oder
die Signierung mittelalterlicher Künftler (424 f.).

Ob freilich von einem deutfchen Übergangsftil mit
demfelben Rechte gefprochen werden dürfe und müffe
wie von einem franzöfifchen (8 f.), fcheint mir fraglich;
jedenfalls darf man nicht überfehen, daß es fich beider-
feits um fehr verfchiedene Dinge handelt: dort, in Frankreich
, um eine tatfächliche Fortentwickelung von der
Romanik über die Kreuzgewölberippe zur Gotik, hier,
bei uns, um die Entlehnung franzöfifch-gotifcher Elemente
in dem romanifchen Kirchenbau.

Mit feinem äfthetifchen Urteil hält Michael nicht
zurück. Aber nicht die Stilkritik fteht ihm im Vordergründe
, fondern vielmehr, wie fchon gefagt, der Überblick
über die künftlerifche Produktion als folche in
ihrem Gefamtumfange, wobei ftets die, mitunter bis in
die Anfänge der chriftlichen Kunft zurückgreifende, Anknüpfung
an die dem 13. Jahrhundert vorausgehende
Entwickelung fkizziert ift, unter der fteten Berückfich-
tigung des kulturhiftorifchen Gefichtspunktes. Dem letzteren
vorzugsweife gehören zu die wertvollen Ausführungen
etwa über die Beteiligung des Volkes an den kirchlichen
Bauten und die Bauhütte (26 ff.) fowie über die Aufbringung
der Geldmittel zum Bau (40 ff.) oder namentlich
auch ein großer Teil aus dem Abfchnitte über das
Kunftgewerbe und die Kleinkunft: Verwendung der
liturgifchen Kämme, die Glockenweihe, -poefie und
-sagen uff.

Die eigentliche Kritik gegenüber dem Werke Michaels
fetzt da ein, wo die rein fachlich-wiffenfchaftliche Darlegung
aufhört und die Weltanfchauung oder auch die
fromme Phrafe fpricht. Eine folche ift es, wenn der
Verfaffer fchreibt: ,es ift in hohem Grade bezeichnend,
daß Gotik und Vertikalismus zur felben Zeit ihr Ende
fanden, als weite Kreife der abendländifchen Chriftenheit
den Blick nach oben verloren, nach rückwärts richteten
und in der Antike ein Syftem begrüßten, das dem Zug
nach unten mehr entfprach als das transzendente
Chriftentum' (15). Wie fchief und wie kurzfichtigl Denn
wenn der Vertikalismus der Architektur und der religiöfe
Zug nach oben zufammengehören, dann haben nicht
etwa nur die Chriften der alten Kirche mit ihrer rein auf
die Horizontale angelegten Bafilika den Zug nach oben

nie befeffen, fondern es müßten auch Ordensleute wie
die Zifterzienfer allen Sinnes für das mittelalterliche
transzendente Chriftentum bar und dem Zug nach
unten verfallen gewefen fein, fie, die gleichfalls den Vertikalismus
der Gotik in ihrem Kirchenbau ftets verpönten
und mit den Türmen auch alle Entwickelung in der
Höhendimenfion von ihren Oratorien fernzuhalten fachten.

Ähnlich unklar ift die Bemerkung am Schluffe des
Bandes (428 f.), die fich gegen die Meinung wehrt, daß
es Leute gebe, ,welche das Mittelalter in die Gegenwart
zaubern möchten', während es fchwer fein dürfte, ,auch
nur einen einzigen zu finden, der ein fo völlig ausfichts-
lofes, den Gefetzen der hiftorifchen Entwicklung wider-
fprechendes Unterfangen ernftlich plant. Indes', fchreibt
der Verfaffer unmittelbar weiter, ,wenn es auch unmöglich
ift und zudem töricht wäre, eine längft verklungene
Zeit wieder aufleben zu laffen, fo ift es doch möglich (!)
und erwünfcht, den gefunden Idealismus, die einheitliche
Grundanfchauung des Mittelalters (!) auf dem Gefamt-
gebiet der Kultur . . . gegenüber dem zerftörenden und
unwiffenfchaftlichen empiriftifchen Atomismus der Jetztzeit
in Geltung zu bringen'. Die Gegenwart unter der
Formel des zerftörenden und unwiffenfchaftlichen empiriftifchen
Atomismus in Baufch und Bogen zu verurteilen,
mag ganz auf fich beruhen —■ das Buch ift bereits 1911
erfchienen —; allein wie der erfte Satz, der den Verfuch
einer Wiederbelebung des Mittelalters in der Gegenwart
für ausfichtslos und unmöglich erklärt, mit dem an-
fchließenden zufammengehen foll, der fie, d. h. nicht nur
den mittelalterlichen Idealismus und die einheitliche Weltanfchauung
im allgemeinen, fondern ,die einheitliche Grundanfchauung
des Mittelalters auf dem Gefamtgebiet der
Kultur, die ... Einheit in Volkswirtfchaft, fozialer Schichtung
und Fürforge, in Glauben und kirchlichem Leben (!),
in Erziehung und Unterricht, in den einzelnen Zweigen
der Wiffenfchaft, in Myftik und Kunft', abgefehen davon,
daß er fie für erwünfcht hält, als möglich anfleht, ift
nicht erkennbar.

Zum Glück find derartige Stellen äußerft feiten.
Darum alles in allem: wer ohne befondere kunftkritifche
Anfprüche einen umfichtigen Überblick haben will über die
künftlerifche Arbeit Deutfchlands im 13. Jahrhundert,
foweit fie uns in den Denkmälern erhalten ift oder auch,
wo diefe vertagen, in literarifchen Nachrichten uns nahe
kommt, zugleich mit lachkundigen Verweifen auf die ein-
fchlägige Einzelforfchung, dem darf das hier angezeigte
Buch warm empfohlen werden. Der Eindruck, den feine
Lektüre inbezug auf die von ihm behandelte Sache der
Kunft des 13. Jahrhunderts hinterläßt, kann jedenfalls
nur in dem Ausruf zufammengefaßt werden: Welch ein
Reichtum ift es, den wir hatten und, trotz aller unfäg-
lichen Verlufte, an unteren hochmittelalterlichen Denkmälern
noch haben und, den Gedanken unterer Feinde
in diefem Ringen zum Trotz, will's Gott auch behalten!

Berlin. Georg Stuhlfauth.

Freiten, Konfilt.-R. Prof. D. Dr. Jofeph: Verfaffungsge-
fchichte der katholifchen Kirche Deutfchlands in der Neuzeit
. Auf Grund des kathol. Kirchen- u. Staatskirchenrechts
dargeftellt. (Grundriß der Gefchichtswiffen-
fchaft. II. Reihe, Abt. 7.) (XXIV, 455 S.) Lex. 8°.
Leipzig, B. G. Teubner 1916. M. 12 — ; geb. M. 14 —

Das vorliegende, höchft bedeutfame Werk follte ur-
fprünglich in Meifters Grundriß der Gefchichtswiffen-
fchaft erfcheinen und fich dort an dieVerfaffungsgefchichte
der deutfchen Kirche des Mittelalters von Werminghoff
anfchließen. Durch die eingehende Berückfichtigung aller
einzelnen deutfchen Staaten ift die Darfteilung für den
Grundriß zu umfangreich geworden; es foll im Grundriß
ein Auszug erfcheinen.

Das Recht der katholifchen Kirche, wie es im corpus