Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1916

Spalte:

516-518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt-Ewald, Walter

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des weltlichen Territoriums des Bist. Halberstadt 1916

Rezensent:

Lerche, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Uieologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 24.

516

das Auge wirkenden Kunftformen auffucht und erft
auf diefer Grundlage der Gefchichte nachgeht. Dabei
wird es fich aber für die Fachleute der Kunftgefchichte
immer um ein Doppeltes handeln, einmal um das Kunft-
werk felbft, den Künftler und die Kunft, dann um den
Befchauer und fein Verhalten zu Kunftwerk, Künftler und
Kunft. Schmarfow fagt im Titel nicht, was er eigentlich
will. Diefe Unklarheit fcheint in feinem Denken begründet
, er hält beide Forfchungsreihen nicht genügend auseinander
. Offenbar hat er den Befchauer und zwar den der
Gegenwart angefichts der Werke der Baukunft des Mittelalters
im Auge. Trotzdem wird S. 73 der Vorgang des
abtaftenden Sehens als ficher am genaueften dem Verhältnis
der neu bekehrten Völker zu ihrem Kirchenraum
entfprechend bezeichnet. Solche Urteile follte der Fachmann
nur auf Grund zeitgenöffifcher Ausfagen fällen.
Und andererfeits müßten Urteile über Kunftwerke in allen
Fällen, nicht nur für das Abendland, auf genauer Kenntnis
der betreffenden Denkmäler beruhen. Nehmen wir
nun als Beifpiel wieder den Schlußteil der Grundlegung,
die mehr als die Hälfte des Buches einnimmt.

Schmarfow fcheidet auf Grund der phyfiologifchen
Organifation des Menfchen drei Zonen der Bewegung
übereinander und findet fie fchlagend wieder im drei-
gefchoffigen Aufbau von S. Vitale (Ravenna) und S. Sergius
und Bacchus wie der Sophia in Konftantinopel:
Die Rhythmik unfres am Boden haftenden Ganges verbindet
fich kraft feiner „auffteigenden" Dipodie mit der
Rhythmik unfrer Armbewegungen und Hantierungen in
der Gürtelzone, in der auch die Ausdrucksbewegungen
fo vorwiegend fpielen, und endlich mit der Rhythmik der
Blickbahnen, mit denen wir im letzten zufammenfaffenden
Auffchwung in die rein optifche Region auffteigen, d. h.
in den Bilderkreis oder den Fenfterkranz des Lichtgadens
, über die Wandfelder der Gurtbogen und die
fphärifchen Dreiecke der Zwickel zu dem fchwebtnden
Kuppelgewölbe felbft'. Dazu der Schluß und das weitere
Programm (S. 97): ,1. Der ftreng gefchloffene Strophenbau
ift das entfcheidende Merkmal für die Rhythmik des
oftrömifchen Kirchenbaues. 2. Die immer erneute Durchführung
der regelmäßigen Reihe dagegen, das Gliederungsprinzip
des Langhaufes in feinem urfprünglichen
Wefen als Wandelbahn, entfchied den mannigfachen Entwicklungsgang
der Rhythmik des Abendlandes von
den Anfängen der romanifchen Bafilika bis zur gotifchen
Kathedrale. 3. Die Abkehr von dem Bewegungsrhythmus
als treibender Kraft der ganzen Raumkompofition,
zur Beruhigung, zum Stillftand der Schau und damit zum
Einraum, bedeutet die Wendung der Renaiffance'. Wieder
foll auf diefe Art ein Dogma in die Kunftftforfchung
eindringen, das fie dann womöglich jahrzehntelang in die
Irre führt. Schmarfow übernimmt die veralteten Begriffe
,altchriftlich', ,romanifch-gotifch' ,Renaiffance', als
wenn fie für den felbftändig Forfchenden noch zu Recht
beftänden. Er fieht noch nicht, daß die holzgedeckte
Bafilika ein Zweck-, kein Kunftbau ift, wenigftens nicht,
foweit es fich um einen feften, entwicklungsfähigen Bauorganismus
handelt. Chriftliche Architektur ift Gewölbebau
und zwar drängt der Kult immer wieder auf den
Längsbau, trotzdem rein künft'erifch der Kuppelbau
führen will. Das gilt beides fchon für die altchriftliche
Zeit, nur muß man eben die Denkmäler kennen. Wulff
ift dazu ein fchlechter Führer, Schmarfow hätte fich
fchon an die Quellenwerke felbft halten müffen. Die
Renaiffance nimmt im Wefentlichen die altchriftlichen
Wege des Oftens wieder auf. Wir Kunfthiftoriker follen
uns fernhalten von der fpekulativen Rethorik, wie fie zu
allen Zeiten nach Fertigftellung eines Bauwerkes bef. in
Eröffnungsreden üblich war, müffen bei der Wirklichkeit
des Werdens bleiben, was nur unter Berückfichtigung
aller Werte und aus genauefter Kenntnis des Einzelfalles
möglich ift.

Die Unficherheit, die S. den Denkmälern der altchriftlichen
Kunft und befonders des Orients gegenüber
hat, hört fofort auf, fobald er auf die deutfchen und
l franzöfifchen Bauten kommt. Ich habe deshalb mit
t einem Abfchnitt aus der Mitte des Buches heraus, den
holzgedeckten Langbauten, begonnen. Man folgt dem
Verf. gern, wenn er weiter zum Gewölbebau übergeht
und die bewußte Flandhabung feiner rhythmifchen Dy-
: namik zu beweifen fucht. Hier fetzt fich der fubjektiv
i Äfthetifierende fchon eher in den objektiven Beobachter
! der Tatfachen und ihres Werdens um. Die einfchiffigen
Kuppellängsbauten im Süden Frankreichs wie die reicheren
Aquitaniens werden auf plaftifche Körperbildung, mi-
mifche Bogenfchwingung und die Optik der Lichtzufuhr
hin unterfucht, unter befonderer Beachtung der ,Dipo-
die' natürlich. Der Vergleich (S. 125) mit den römifchen
I Thermenfälen wird vielleicht in Zukunft erfetzt werden
durch einen Blick auf Firuzabad, Sarviftan und die
j armenifchen Kirchen. Immer wieder, wie bei der Drei-
fchiffigkeit gewölbter Kirchen, der Einführung von Emporen
, der Eigenart von Mainz, Worms und Laach
gegenüber Speyer, weift S. auf den Orient und Byzanz.
j Wie ftark erft würde er bei Kenntnis der Vorausfetzungen
| (vgl. Zeitfchrift für chriftliche Kunft XXVIII [1916] S. i8if.j
j bei der eingehenden Befprechung der Kölner Bauten
darauf zurückgekommen fein.

Schmarfow verfpricht S. 167 weitere Bände über die
Kompofitionsgefetze des romanifchen Außenbaues, über
die Geftaltung des Gefamtkörpers im umgebenden Raum
uff. Wäre feine Grundlegung mehr induktiv aus dem
Verkehr mit den Denkmälern felbft gewonnen — wie er
fie ja nachträglich eingehend als Belege heranzieht—wir
hätten an der fchweren Arbeit mehr Freude. Immerhin
nehmen wir diefen Erftlingsverfuch einer fyftematifchen
Betrachtung der geiftigen Werte mittelalterlicher Kunft
dankbar hin, wenn auch das Erklärungsprinzip des Schreitens
die ganze Betrachtungsweife einfeitig beherrfcht. So
z. B. auch bei Erklärung des Motivs der Kuppel durch
Stauung unter der Vierung (S. 142) und des Überganges
vom Schreiten zum Sehen, von der Tiefe zur
Höhe. Man muß auch hier wieder Zweifel darüber aus-
fprechen, ob die Kuppel als rein künftlerifche Löfung
ihren Eingang findet, denn fie tritt zunächft mit der
Trichternifche verfehen auf, einer Form, die auf Herübernahme
von Iran bzw. Armenien weift, wo diefe Art
Kuppel den Haus- bzw. Kirchenbau von vornherein beherrfcht1
. Vielleicht löft fich auf diefem Wege auch die
Überrafchung, von der S. fpricht, daß die Kuppel fich
in gewiffen Gegenden finde, bevor noch der abendländi-
fchen Kunft die ,Zwecke objektiver Darftellungsmittel'
ganz geläufig geworden feien.

Es ift nicht Zufall, daß S. öfter auf Schnaafe und Kug-
ler zurückzugreifen, fich mit ihnen auseinanderzufetzen hat.
Beide — der vorfpezialiftifchen Zeit angehörig — waren
bei aller Einftellung auf die Gefchichte doch zunächft
vom Wefen der bildenden Kunft ausgegangen und faßten
die erwiefene Tatfache nach ihrem lebendigen, künftleri-
fchen Eigenwert, dem nachzugehen überhaupt erft den
Gehalt fachmännifcher Forfchung ausmacht. Möchten
die Lehrkanzeln anfangen, an den Ernft diefer ihrer vor-
nehmften Aufgabe (Mufeum und Denkmalpflege gegenüber
) zu glauben. Dann wird die Kunftgefchichte mit
vereinten Kräften bald als felbftändige Wiffenfchaft da-
ftehen.

Wien. Jofef Strzygowski.

Schmidt-Ewald, Walter Dr.: Die Entltehung des weltlichen
Territoriums des Bist. Halberltadt. (Abhandlungen zur
mittleren u. neueren Gefchichte. 60. Heft.) (XIII,

1) Vgl. des Referenten ,Die bildende Kunft des Oftens'und ,Altai-
Iran und Völkerwanderung'. Dazu Zeitfchrift für Gefch. d. Architektur
VII (1916) S. 51 f. und Monatshefte f. Kunflwiff. VIII (1915) S. 34yf.