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Ausgabe:

1916 Nr. 24

Spalte:

513-516

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmarsow, August

Titel/Untertitel:

Kompositionsgesetze in der Kunst des Mittelalters. Studien. 1. Halbbd 1916

Rezensent:

Strzygowski, Josef

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 24.

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als zwanzig Quartbänden die fieben Konzilien 431—879 1 Reiche weifen auf griechifch-byzantinifche Rhythmik, im
umfallen. Die eingefchobene dritte Abteilung foll die Unterfchiede von der lateinifchen, konfervativ weftrömi-
,Collectio contra Monophysitas et Origenistas destinata' ; fchen Bafilikaform zurück', und .diefer unwiderlegbare Zubringen
(Jnsunt Acta Synodorum Constantinopol. et Hie- fammenhang mit höfifcher Kultur des örtlichen Kaifer-
rosol. anni 536'). Für das Ephesinum find nicht weniger ( tums' laffe fich in die kurze Bezeichnung .Konzentrations-
motive' prägen. Es ift hier nicht der Ort, auf diefe Frage
vom entwicklungsgefchichtlichen Standpunkt aus einzugehen
. Man blicke aber in das Innere des Domes zu
Aachen und von Germigny-des-Pres, beachte, daß die
Goten (Codex argenteus) eine Vorliebe für folche Bogen-
gruppen hatten, die ebenfo in die vorkarolingifchen
Miniaturen übergingen, wie fie in den Kanonesarkaden
der fyrifch-armenifchen und griechifchen Handfchriften
üblich find.

In dem Buche von S. geht diefem Kern voraus eine
lange Grundlegung mit einem Abfchnitte über die holzgedeckte
Kirche. Schmarfow nimmt die altchriftliche
Bafilika ,als das ideahte Raumgebilde der Übergangszeit
von der Spätantike her', gerade in einem Zeitpunkt, in dem
wir anfangen, fie als Zeichen des tiefften Verfalles nach
der großzügigen helleniftifch-römifchen Gewölbearchitektur
zu erkennen. Ihre Säulenreihen geben S. Anlaß
zu allerhand Gedankengängen, für die ich fpäter ein Bei-
fpiel bringen werde. Er fteigt vom Säulenpaar und Schaltraum
auf zur Reihe, deren Parallelismus, dem Licht-
gaden und den Konzentrationsmotiven, deren Kennzeichnung
er an der Hand der Poefie als Vers, Periode und
Strophe vornimmt. Zum Schluß der Grundlegung handelt
es fich um Belege dafür. Und da gewinnt man nun den
Eindruck, als würden die Denkmäler ganz ungereimt und,
foweit fie altchriftlich find, ohne rechte Kritik als Verbrämung
an den Schluß gefetzt. Mit den äfthetifchen
Ideen, die voraufgehen, ift der Zufammenhang jedenfalls
fehr lofe. Der Kunfthiftoriker nimmt in erfter Linie An-
ftoß daran, daß Schmarfow S. 93 ohne jede Begründung
von der römifchen Säulenbafilika hinüberfpringt auf
Pfeilerbauten in Mefopotamien und Syrien, fchließlich
fogar auf den .byzantinifchen' Kuppelbau, als wenn das
alles etwas mit feiner ,altchriftlichen Bafilika' zu tun hätte.
Dabei kann nur ein Spiel, kein Ernft herauskommen.
S. fchöpft für den Orient aus zweiter Hand, aus dem
Werke feines Schülers Wulff, der in Sachen der Baukunft
felbft nicht klar fleht. Aber das ift nicht der einzige
Einwand, den Ref. gegen das Buch zu machen hat.
Der erfte planmäßig einleitende Teil erweckt grundsätzliche
Bedenken.

Der Profeffor der Kunftgefchichte an der Univerfität
Leipzig fetzt dem Lefer in dieser Einleitung auseinander,
daß er beabfichtige, Wahrheit und Recht des eigenen Gefühls
ans dem Strome jenes gelehrten Pumpwerkes zu
retten, das fich Kunftgefchichte nennt. ,Die Schlacken
zeitlicher Bedingtheit hinwegzuräumen und das geläuterte
Verftändnis zum genießbaren Erlebnis zu geftalten, ift
unfres Amtes.' Unfres: weifen? Das Buch beginnt'mit

als fünf Bände beftimmt (Vol. IV: Synodicon Casinense;
Vol. V: Marius Mercator), für das Chalcedonense fechs
(Vol. V: Codex Encyclicus. Collectiones epp. et libell.
de schismate Acaciano; Vol. VI: Collectiones epp. Leonis
papae quae ad haeresim Eutychianam pertinent), für
das fechfte Konzil drei (Vol. III: Synodus Lateranensis
anni 649). Man fieht aus den gegebenen Inhaltsangaben,
daß Schwartz fich die Grenzen weiter gefteckt hat als
feine Vorgänger. Das, was er hinzunehmen will, ift in
der Tat fehr nötig; denn wer könnte z. B. über die Akten
des Konzils, das mit der Verurteilung des Monotheletis-
mus endigte, urteilen, ohne das Laterankonzil von 649
genau zu kennen? Aus demfelben Grunde find den Akten
des 5. Konzils in dem vorliegenden 2. Volumen eine
Reihe von wichtigen Stücken, die fich auf die ftürmifche
Vor- und Nachgefchichte des Konzils beziehen, beigegeben
. Über fie hat der Herausgeber in der Einleitung
ausführlich berichtet; befonders zu beachten ift die Bemerkung
: ,ceterum legem totius conciliorum editionis in
hoc quoque volumine religiöse observavi, ne collectiones
quales Codices praebent, rationibus extrinsecus adduc-
tis discerperem ac delerem; sicut enim ea quae iis con-
tinentur illorum temoorum historiam illustrant, ita etiam
ipsa earum origine compositione ordine ea quae tum gesta
sunt, clariora redduntur'. Wäre doch diefe Regel bei
der Herausgabe der Werke Cyprias, der älteften kirchlichen
Sammlung nach dem Neuen Teftament, beobachtet
worden!

Auf den Inhalt der vorliegenden Stücke einzugehen,
ift im Rahmen diefer Anzeige nicht möglich, und zu formalen
Bemerkungen gibt die vortreflliche Ausgabe keinen
Anlaß. Nur daran fei erinnert, daß das 5. Konzil
mit feiner Vor- und Nachgefchichte in Wahrheit den Ab-
chluß der trinitarifch-chriftologifchen Entwicklung bedeutet
; denn die Kämpfe, die im 6. Konzil ihren Abfchluß
finden, find von Freund und Feind wefentlich nur ex
analogia geführt worden; dagegen pulfiert im 6. Jahrhundert
trotz aller Scholaftik noch ein gewiffes felbftändi-
ges dogmatifcb.es Leben. Daher find die Zeugniffe desselben
hoch zu achten.—

Vier weitere Bände der Sammlung find bereits foweit
vorbereitet, daß ihr Erfcheinen zu erwarten fleht — aber
der Krieg wird wohl auch hier uns Geduld auferlegen.

Berlin. • A. v. Harnack.

Schmarfow, (Prof. Dr.) Auguft: Kompofitionsgefetze in der
Kunft des Mittelalters. Studien. 1. Halbbd. Grundlegung
u. roman. Architektur. Mit 9 Abbildgn. u.

3 Tafeln im Text tu e. Mappe m. 18 Tafeln (in Folio). dem Schlagworte Deutfche Kunftwiffenfchaft'. Sie fei es,

,,,t c- on t • • i) n t- 1 - die diele Autgabe gegenüber den Denkmälern zu er-

(III, 175 S.) gr. 8«. LeIpz.g, B G. Teubner 1915- füllen habe, aber damit über ausfchließlich hiftorifchen

M. 10—; geb. M. 11 — , Beftrebungen zu kurz kommen mußte. Nun folle im
Der Verfaffer, den feit jeher die Formfragen nach j vorliegenden Buche für das Mittelalter das Gleiche geSymmetrie
, Proportion und Rhythmus befchäftigen, geht i fchehen wie in des Verfaffers .Grundbegriffen der Kunft-
in vorliegender Arbeit aus von den Säulenreihen der I wiffenfehaft' 1905 für den Ubergang vom Altertum zum

mittelalterlichen Kirchen des Abendlandes, beobachtet,
daß in den einen durchgehends Säulen, in den andern
ein Stützenwechfel verwendet ift, deffen Urfprung vor

Mittelalter und zwar für die weltliche, germanifche Hälfte
des gefamten Kulturkreifes. Am chriftlichen Kirchenbau
im Befonderen will Schmarfow ,die Auseinanderfetzung

Einführung des Gewölbebaues liege, fo daß zu feiner i des Menfchen mit dem umgebenden Räume' verfolgen.
Einführung ein unmittelbarer Anlaß durch Stoff und Es ift freilich richtig, daß wir alle unter dem Zwang

Werk im Abendlande nicht gefunden werden könne. S. , der befchreibenden Gefchichtsforfchung leiden, die es
glaubt nun in diefem rhythmifchen Motiv byzantinifche | nicht gern fieht, wenn die einzelnen Fächer fich neben

Einflüffe annehmen zu dürfen. Die Unterfuchung wird
durchgeführt von S. Michael in Hildesheim bzw. verwandten
Bauten aus, die noch die durch den Brand — wie
S. annimmt — zerftörte Emporengliederung zeigen. Diefe
,Werke der romanifchen Baukunft im jungen deutfehen

den Gefichtspunkten der zeitlichen und örtlichen Gliederung
, im beften Falle der Zufammenfaffung nach gefell-
fchaftlichen Zuftänden auf die Eigenart der von ihnen behandelten
Lebenswefenheit befinnen, alfo die Gefchichte
der bildenden Kunft zunächft einmal die Werte der auf

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