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Ausgabe:

1916 Nr. 23

Spalte:

500

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Geschichte des Volkes Israel. 1. Bd. Palästina in der Urzeit. Das Werden des Volkes. 3., aufs neue durchgearb. Aufl 1916

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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499

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 23.

500

feinem Erwerb durch die Schule redet er. Diefes Gut ift uns
konfeffionell geformt überliefert und muß fo gepflegt
werden. Aber der beklagenswerten religiöfen Spaltung
ift entgegenzuwirken durch ein religionsgefchichtlich und
religionspfychologifch begründetes VerlTändnis für die
Mannigfaltigkeit der religiöfen Erfcheinungswelt. Einer
bewußten Gegenwirkung bedarf auch die foziale Zerriffen-
heit, die unfer Volk bedroht. Vor allem aber müffen
wir der nationalen Aufgabe der religiöfen Erziehung viel
mehr nachdenken. ,Die Durchdringung von nationalem
Volksgeift und univerfaler Menfchheitsreligion ift für
beide notwendig'. Die Schule hat hier eine große Schuld.
,Unfer Religionsunterricht hat die Fiktion feftgehalten,
als fei das evangelifche Chriftentum eine einfache Rückkehr
zum neuteftamentlifchen Zeitalter, und hat bewußt
im Banne pietiftifchen Biblizismus unfere Jugend faft nur
unter den Palmen Kanaans wandeln laffen. Hat man
damit aber wirklich fie in der Welt Jefu und der Propheten
heimifch gemacht?' ,Man vergaß, daß alle Ideale,
die nur an einer vergangenen Welt dargeftellt wurden,
zu Traumidealen werden und angefichts der ganz anderen
Wirklichkeit zergehen'. So fordert er von dem Unterricht
, daß er das Chriftentum verbinde mit der Ge-
fchichte des deutfchen Wefens, in Literatur, Kunft und
Staatsidee, daß er es mitten in die Gegenwart ftelle. ,Es
fteht in der Tat die Frage zur endgültigen Entfcheidung,
ob wir das hohe Gut einer religiöfen Volkskultur wiedergewinnen
können'. Was ich feit langem empfinde, ift
hier klar und tapfer ausgefprochen.

Wenn ich noch mal auf das ganze Buch zurück-
fchaue, fo wundert mich, daß unter den 27 Beiträgen
des Buches nicht ein einziger ausdrücklich den erziehlichen
Aufgaben der Schule und den Methoden ihrer
Löfung gewidmet ift. Gelegentlich wird öfter darüber
gefprochen. Ein fchönes Ziel zeigt Lorentz (,Das Trugbild
der Allgemeinbildung'): ,Die für die fittliche Bildung
fo überaus notwendige, für unfere deutfche Auffaffung fo
bezeichnende Wechfelwirkung von Freiheit des Einzelnen
und Einordnung in die Gemeinfchaft, innerhalb deren der
Einzelne gerade feine Befonderheit zur Geltung bringen
und fteigern kann, fie wird durch einen weiteren Ausbau
der freien Vereinigungen Gleichftrebender an den höheren
Schulen... ferner durch Ausbau der Selbftregierung der
Klaffengemeinfchaften unter Oberleitung der Lehrer gepflegt
werden.' Das Befte für die pädagogifche Praxis
fagt Erythropel in feinem Beitrag über ,Vor- und
Weiterbildung der Oberlehrer'. Dem brennenden Problem
der gefchlechtlichen Aufklärung widmet Hanftein
(.Biologie und Hygiene') 10 Zeilen, von gefchlechtlicher
Erziehung ift nach meiner Erinnerung überhaupt nicht
die Rede, ebenfo wenig vom Alkohol und von der Schullüge
. Ift diefer Mangel eines befonderen pädagogifchen
Abfchnitts nicht ein Zeichen dafür, daß unfere höheren
Schulen immer noch zu einfeitig als Lernfchulen gelten
und daß ihre erziehliche Aufgabe noch unterfchätzt wird?

Hannover-Kleefeld. Schufter.

Wohlrab, Miff. Pat. P.: LHambara. Werden u. Wachfen e.
heidenchriftl. Gemeinde in Deutfch-Oftafrika. (VIII,
234 S. m. Abb. u. 2 färb. Karten.) 8°. Bethel, Verlh.
d. Anftalt Bethel 1915. M. 1.80, geb. M. 2.80

Diefes anziehend gefchriebene Buch ftellt fleh die
Aufgabe, die Miffionsarbeit der Bielefelder Miffionsgefell-
fchaft in der Landfchaft Ufambara, die als Plantagengebiet
den wirtfehaftlich wertvollften Teil von Deutfch-
Oftafrika bildet und miffionarifch am ftärkften befetzt ift,
auf Grund ihrer 25jährigen Gefchichte darzuftellen. Die
Schilderungen des Verfaffers ruhen auf den umfaffenden
Erfahrungen, die er als Mitarbeiter an diefer Entwicklung
gefammelt hat, und liefern auf Schritt und Tritt den Beweis
, daß er es verftanden hat, fleh liebevoll in das Volkstum
der Schambala zu verfenken und nüchtern und
kritifch feine Eigenart zu ftudieren. Sein Intereffe richtet
fich in erfter Linie darauf, die Entftehung der heiden-
chriftlichen Gemeinden und ihre Befonderheit nach der
religiöfen wie nach der fittiiehen Seite feftzuftellen; das
von ihnen auf Grund reichen Materials gezeichnete Bild
ift in vieler Hinficht lehrreich. Der Umftand, daß das
Buch praktifchen Zwecken dient, beftimmt natürlich feinen
Ton und feine Gefamthaltung, hat auch zur Folge, daß
auf alle Literaturangaben wie auf ein Regifter verzichtet
wird. Aber es enthält mancherlei volkskundliche Nachrichten
, die Beachtung verdienen. Dazu rechnen wir die
Schilderungen des Charakters und der Entwicklungsfähigkeit
der Schambala. Intereffant ift der Nachweis,
wie ihr Zahlenfinn durch die Akkordarbeit auf den Plantagen
und durch den Gebrauch des Geldes geweckt wird
(S. 96 fr.). Die Einwirkungen des Chriftentums auf die
Rechtsverhältniffe der Eingeborenen werden zwar an
mehreren Stellen geftreift — z. B. bei der Befprechung
der Stellung der Älteften S. 135 f., der Einführung der
chriftlichen Ehefchließung S. 143 ff. —, aber wir würden
darüber gern mehr erfahren, da diefes wichtige Gebiet
noch wenig aufgehellt ift. Auf die fchwierige Frage der
Beurteilung der Befchneidung wird nur andeutungsweife
hingewiefen (S. 145) und dabei nicht mitgeteilt, welche
Praxis von der Bielefelder Miffionsgefellfchaft geübt wird.
In Deutfch-Oftafrika wurde mir erzählt, daß fie in diefem
Punkt einen fehr rigorofen Standpunkt einnimmt. Wenn
die Rückficht auf den Leferkreis die hier geübte Zurückhaltung
empfohlen haben follte, dürfen wir vielleicht
hoffen, daß der kundige Verfaffer fich über diefe Streitfrage
an einem anderen Ort ausfprechen wird.

Göttingen. Carl Mirbt.

Referate.

Kittel, Prof. Rud.: Gerchichte des Volkes ITrael. 1. Bd. Paläftina
in der Urzeit. Das Werden des Volkes. Quellenkunde u.
Gefchichte der Zeit bis zum Tode Jofuas. 3., aufs neue
durchgearb. Aufl. (Handbücher der alten Gefchichte. 1. Serie,
3. Abt., 1. Bd.) (XVI, 696 S.) Gotha, F. A. Perthes 1916.

M. 18 — ; geb. M. 19.50; in Halbfrz. M. 21 —
Von der in THLZ. XXXVIII S. 292 fF. befprochenen zweiten
Auflage der Gefchichte des Volkes Ifrael von Kittel ift nach kaum
vier Jahren eine neue Auflage nötig geworden, ein erfreulicher,
aber auch begreiflicher Erfolg, ift doch die Arbeit Kittels durch
erfchöpfende Behandlung aller in Betracht kommenden Fragen,
durch völlige Beherrfchung der Literatur, durch Klarheit der
Darfteilung und forgfam abwägendes Urteil in befonderer Weife
dazu geeignet in das Studium der ifraelitifchen Gefchichte
einzuführen. Eine nennenswerte Änderung hat die eigentliche
Darftellung Kittels nicht erfahren, dagegen ift der in den Anmerkungen
behandelte Stoff ftark vermehrt, ich verweife z. B.
auf die Bereicherungen, welche die Anmerkungen in den §§ 15—20
Verfahren haben, wo alles eingearbeitet ift, was aus affyrifch-
babylonifcher, ägyptifcher wie überhaupt vorderafiatifcher For-
fchung der letzten Jahre für unfere Erkenntnis des vorifraelitifchen
Paläftina von Bedeutung ift. Im Ganzen ift der Umfang diefes
erften Bandes um etwa 5»/a Bogen gewachfen.

Kittel hat diefe dritte Auflage feinem ehemaligen Kollegen
Söderblom, der inzwifchen zum Erzbifchof von Upfala ernannt
ift, gewidmet. Es wäre erfreulich, wenn auf diefem Wege in der
fchwedifchen Pfarrwelt die Ergebniffe deutfeher altteftamentlicher
Wiffenfchaft bekannt und gewertet würden. Jedenfalls wünfeht
Verf. daß bei uns K.s Buch auch in der Folgezeit neue Freunde
gewinnen möge, ift es doch wie wenige geeignet, das da und dort
fleh findende Mißtrauen gegen die altteftamentliche Wilfenfchaft
zu überwinden.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Huck, Pfr. Lic. A.: SynopTe der drei erften Evangelien. 5. durch-
gefeh. u. verb. Aufl. Hierzu als Anh.: Die Johannesparallelen
. (XL, 222 u. S. 223—247). Lex. 8°. Tübingen, J.C.B.
Mohr 1916. M. 5.40; geb. M. 6.60

Die Huck'fche Synopfe hat mit ihrer 3. Aufl. (vgl. die Anzeige
von H. Holtzmann 1907, 375) ihre im wefentlichen endgül-