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Ausgabe:

1916 Nr. 23

Spalte:

497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Isenkrahe, Caspar

Titel/Untertitel:

Über die Grundlegung eines bündigen kosmologischen Gottesbeweises 1916

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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497

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 23.

498

mehr oder minder nachdrücklich abgelehnt werden. Erft
im letzten Jahrzehnt find diefe Gefichtspunkte in den
Vordergrund gerückt und nicht nur lebhaft erörtert, fondern
auch fehr ernfthaft für einen theologifchen Neubau
verwertet worden. Unter denen, die fich um diefe Dinge
bemüht haben, wird auch der Rezenfent mit freundlicher
Anerkennung genannt. Er glaubt jedoch, bemerken zu
dürfen, daß die programmatifchen Ideen von Troeltfch
und der ftreng fyftematifche Aufbau von Stange, die
beiden ftärkften an Schleiermacher anfchließenden Entwürfe
von durchaus eigenartigem Gehalt, nicht ihrer Bedeutung
entfprechend gewürdigt find.

Berlin. Heinrich Scholz.

Ifen krähe, Prof. Dr. Cafpar: Über die Grundlegung eines
bündigen kosmologifchen Gottesbeweiles. (304 S.) gr. 8°.
Kempten, J. Köfel 1915. M. 4.50

,Alle Worte, Ausdrücke, Wendungen ufw., die auf das
Gemüt einwirken, find der Erforfchung der Wahrheit
hinderlich; fie follen nach Möglichkeit ausgefchaltet und
erfetzt werden durch folche, die diefe Wirkung nicht
haben' (259). Diefe ,Generalregel' liegt den Ausführungen
des Verf.s zu Grunde und gibt denfelben als einen For-
fcher zu erkennen, der prinzipiell die praktifche Bedingtheit
des religiöfen Erkennens ablehnt. Es ift deshalb
nicht zu verwundern, daß die Selbftkritik, die I. in einem
Satze feines Vorworts übt, zugleich eine Beruhigung mit
fich führt, die manchen Lefern nicht genügen dürfte:
,Sollte . . . gar zu fehr der Schulmann, der alte Pädagoge
und Mathematiker hervortreten, fo wird das, denke ich,
kein erheblicher Schaden fein' (S. IV). Der Schaden ift für
diejenigen nicht groß, die dem Satze des Vatikanifchen
Konzils zuftimmen, den der Verf. auf die erfte Seite feines
Buchs fchreibt: Recta ratio fidei fundamenta illuftrat',
und den er durch einen Spruch Dinglers illuftriert: ,Wir
gehen _ einem neuen Zeitalter der Axiomatik entgegen'.
Diejenigen aber, die diefe Vorausfetzung nicht teilen,
werden dem deduktiven Verfahren, das der Verf. in feinem
dreihundert Seiten ftarken Band zur Grundlegung des
kosmologifchen Gottesbeweifes (.Grundlegung heißt nicht
Ausgeftaltung und nicht Abfchluß', S. VII) anwendet, kein
Verftändnis entgegenbringen. Das foll fie aber nicht
verhindern, der wahrhaft imponierenden Belefenheit L's
und feiner Virtuofität in der Begriffsfpaltung ihre höchfte
Anerkennung zu zollen. Bei diefer admiratio implicita
muß es aber fein Bewenden haben; die bloße Inhalts-
überficht würde den dem Ref. zur Verfügung flehenden
Raum weit überfchreiten. Der Verf. gibt fich als einen
Siebzigjährigen zu erkennen (S. V); daß er bis zu diefem
Alter fich die Luft und Kraft zum Spekulieren bewahrt
hat, ja zur vorliegenden Arbeit noch eine weitere ergänzende
und vollendende in Ausficht ftellt, kann unfere
Hochachtung nur Reigern: fo mag denn diefe Anzeige
uns jeder weiteren Kritik entheben und in einen aufrichtigen
Glückwunfeh für den gelehrten Jubilar ausklingen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Norrenberg, Geh. Oberreg.-R. Dr. J.: Die deutfehe höhere
Schule nach dem Weltkriege. Beiträge zur Frage der
Weiterentwickig. des höheren Schulwefens, gefammelt
v. N. (VIII, 275 S.) Lex.-8°. Leipzig, B. G. Teubner
1916. M. 4.80; geb. M. 5.40

Viele Lefer unferer Zeitung dürften diefem Buche
lebhafte Teilnahme fchenken, weil es über den gegenwärtigen
Stand unferer höheren Schulen und wefentliche
Reformwünfche vortrefflich unterrichtet. Außer allgemeinen
Problemen (Univerfität und Schule, das Trugbild
der Allgemeinbildung, Knabenalua»*Hte, Jugendbewegung
u. a.) finden wir fämtliche Unterrichtsgegenftände und
Unterrichtsfächer von der Philofophie bis zur Handarbeit

und den Leibesübungen je von anerkannt tüchtigen
Fachmännern vertreten. Die Folge diefer Stoffverteilung
ift dann freilich, daß aus diefen vielen Stimmen kein
harmonifcher Chor entfteht, fondern mehrfach Wider-
fprüche fich geltend machen. Im Grundfätzlichen wie
im Einzelnen. So fordert der Münchener Univerfitäts-
profeffor A. Fifcher in feinem Beitrag ,Gedanken über
die Form der deutfehen höheren Schulen' eine ftarke
Berückfichtigung der fachlichen Vorbereitung auf die
fpätere Berufsbildung, während der Berliner F.J.Schmidt,
als polemifiere er gegen Fifcher, alle fachunterrichtlichen
Beftrebungen rundweg ablehnt. Er ftellt der
höheren Schule die Aufgabe ,perfönlichkeitsbildender
Geifteszucht'. So bleibt er in der Bahn des neuhuma-
niftifchen Erziehungsziels, nur daß er ,den noch unbe-
ftimmten Gedanken weltbürgerlicher Humanitätsbildung
in den der nationalen Humanitätsbildung umgefetzt
' wünfehtl. In diefer Betonung der nationalen Kultur
als des Fundaments und Mittelpunkts der höheren Jugendbildung
berührt fich Schmidt nicht nur mit Fifcher,
fondern auch mit den Vertretern des deutfehen Faches
(Sprengel-Frankfurt a. M.) und der Gefchichte (Neubauer
-Frankfurt a. M., der als übergeordneten Gefichts-
punkt die ftaatsbürgerliche Erziehung aufftellt und hierzu
einen ganz ausgezeichneten Beitrag liefert). Wenn aber
diefe Fächer und auch die Erdkunde (von der Biologie
zu fchweigen) mit vollem Recht mehr Raum fordern, wie
foll er gefchaffen werden, wo doch die andern Fächer,
voran die viel befehdeten alten Sprachen, mindeftens
ihren bisherigen Raum wahren wollen? Diefe Zirkelquadratur
zu löfen, hat niemand unternommen. Die
widerfprechenden Forderungen ftehen unverföhnt neben
einander. Man vermißt einen zufammenfaffenden Auffatz
über die Zukunft der höheren Knabenfchulen, fo wie ihn
Borbein für die Mädchenfchulen geliefert hat. Der Referent
darf wohl andeuten, daß er feit Jahren auf Seiten
der Reformer fteht. Wohl ruht unfere deutfehe Kultur
auf Antike und Chriftentum; aber wenn wir nun im
,deutfehen Idealismus' eine wundervolle und fpezififch
deutfehe Synthefe diefer beiden Faktoren erhalten haben,
fo ift das für Bildung und Erziehung der Schule die
gegebene Grundlage. Zurückzugehen bis auf die Wurzeln
diefer deutfehen Kultur, ift eine überaus fchwierige
Aufgabe, an der das humaniftifche Gymnafium fich einigermaßen
verfuchen mag, die aber im tieferen Sinne der
Univerfität vorbehalten bleiben muß. Jetzt kranken wir
an der inneren Unwahrheit, daß wir das Mögliche, eine
Einführung der Jugend in die deutfehe Kultur vom He-
liand bis Hindenburg, verfäumen, und das Unmögliche,
ein wiffenfchaftliches Verftändnis der Antike, verfuchen.
(Über das Chriftentum unten eine Bemerkung.)

Die Religion und religiöfe Erziehung wird in verfchie-
denen Beiträgen warm gewürdigt (merkwürdigerweife
ganz übergangen in der philofophifchen Propädeutik, trotzdem
doch kein Fach zur Philofophie innigere Beziehungen
pflegt als die Religionslehre). Die katholifche Religionslehre
insbefondere behandelt Raufchen-Bonn in an-
fprechender fchlicht praktifcher Weife. ,Die Stimmung und
Erfahrung des Krieges geben auch für den Religionsunterricht
Fingerzeige': Hebung des Nationalgefühls,
(deutfehe Heilige, deutfehes Kirchenlied), Toleranz, Wahrung
der nationalen Einheit, Stärkung des Sinnes für
Autorität, Einfachheit, Wahrheit und Treue. Tiefer gräbt
Richert, der Pofener Oberrealfchuldirektor, den wir als
philofophifch gründlich gebildeten Religionspädagogen
kennen. Er unterfcheidet die Religion als perfönhehen
Glauben von der Religion als der Volksfitte einer be-
ftimmten Weltanfchauung und Lebensführung. Von
diefem letzteren überaus wertvollen nationalen Befitz und

1) ,Der Gyninafiallehrerfiand muß endlich werden, was er zu werden
beftimmt ift: Der Träger der geiftigen National-Jugenderziehung'. Daher
fordert Schmidt: ,Die Erhebung der Pädagogik zu einem wirk-
famen Gliede des wiffenfchaftlichen Uuiverfitätskörpers'.