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Ausgabe:

1916 Nr. 23

Spalte:

494-495

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wapler, Paul

Titel/Untertitel:

Johannes von Hofmann. Ein Beitrag zur Geschichte der theologischen Grundprobleme, der kirchlichen und der politischen Bewegungen im 19. Jahrhundert 1916

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 23.

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dem auch zum Schluffe Toleranz, ja fogar eine Art von
Parität zu erringen im Stande war. Wenn eine Gemeinde,
ausgefchloffen von jeder Anteilnahme an der Verwaltung
des Gemeinwefens, obwohl fie die meisten Steuerlasten
zu tragen hatte — wie fchwer trug man doch früher daran
— viele Jahrzehnte hindurch den Kampf um religiöfe
Duldung führt und trotz aller Mißerfolge nie daran verzweifelt
, fo ift das ein, Zeugnis von der Kraft der in ihr
wirkfamen religiöfen Überzeugung. Auch hier hat man
es verflicht, durch Vertreibung der Geistlichen den evan-
gelifchen Glauben zum Erlöfchen zu bringen — die Gemeinde
hat das fchwer empfunden; aber die eigentlichen
Träger der Bewegung waren nicht die Geistlichen — von
allgemeinerer Bedeutung waren die in Dinkelsbühl wirkenden
Männer kaum — fondern Laien. Die Gestalten
der Männer, die unentwegt für die Sache des evange-
lifchen Glaubens eintraten und auf äußere Vorteile verzichteten
, find Lichtgeftalten in dem oft trüben Bilde der
Reformationsgefchichte von Dinkelsbühl. Sowie die Kraft
der Überzeugung in den einzelnen rege geworden war,
traten fie unbekümmert um die wirtfchaftlichen Folgen
für ihre und ihrer Glaubensgenoffen Überzeugung uner-
fchrocken ein.

Dinkelsbühl lag an der Grenze des fränkifchen Kreifes,
in der Nähe des bedeutendsten evangelifchen Territoriums
jenes Kreifes, der Markgraffchaft Brandenburg-Ansbach.
Die führenden Männer diefes Landes — von Althamer,
Rurer bis zu Lälius — haben die Entwicklung ihrer
Heimat genugfam beeinflußt. Aber zwifchen beiden bestehen
keine "Verbindungslinien. Auch Adam Weiß von
Crailsheim fcheint keinen nachhaltigeren Einfluß auf die
Entwicklung des Dinkelsbühler Kirchenwefens ausgeübt
zu haben. Höchst feiten rief man Markgraf Georg Iftied-
rich um feinen Beistand auf dem Reichstage an. Mehr
Puhlung hatte man mit fchwäbifchen Reichsstädten und
mit Pfalz-Neuburg. Aber auch fie hatten auf die Gestaltung
des religiöfen Lebens wenig Einfluß. Die Annahme
der Neuburgifchen Kirchenordnung ift eigentlich
nur etwas zufälliges gewefen.

Die Gleiche mit manchen anderen Reichsstädten
tritt deutlich hervor. Auch hier hat ein kath. Rat, der
fich nur mit kaif. und bifchöfl. Hilfe behaupten kann —
trotz der Minderheit der Glaubensgenoffen — alle Macht
in Händen. Auch hier bedeutet der Ausfchluß der
Zünfte von der Leitung der Stadt ihren finanziellen Niedergang
.

Bürckftümmer verfügt über reichliches Material; vor
allem hat er die im Dinkelsbühler Stadtarchiv felbft liegenden
Quellen nutzbar zu machen verstanden. Daß fich
diefes ohne weiteres noch weiter vermehren ließe, liegt
auf der Hand; aber er hat wohlgetan, uns jetzt fchon
feine Ergebniffe vorzulegen, fchon jetzt konnte er uns
ein abgefchloffenes Bild bieten.

Vielleicht aber darf auf etliche Punkte aufmerkfam
gemacht werden, die noch einer weiteren Bearbeitung
wert wären: Plötzlich fehen wir in Dinkelsbühl evange-
lifche Gedanken rege. Schon vor 1524 foll ein evange-
lifcher Barfüßermönch Conr. Abelius im ev. Sinne gepredigt
haben. Sollte es ohne jegliche Bewegung ge-
fchehen fein? Sollte gleich beim erften Anlauf das
Evangelium feinen fiegreichen Einzug gehalten haben.
Nach der fpäteren Haltung des Rates zu fchließen, ift
es kaum glaublich. Allerdings wird es fchwer fein, das
aufzuhellen. Die wichtigste Quelle, die Ratsprotokolle,
find verfchwunden; vielleicht ließe fich aber doch in Ulm
über den oben genannten Abelius, der gar nicht fo unbedeutend
gewefen zu fein fcheint, etwas finden. Man möchte
auch mehr über die Gestaltung des Gemeindelebens
felbft erfahren; unter den fortwährenden Kämpfen mußte
dies ganz zurücktreten, ja längere Zeit konnte man davon
überhaupt nicht mehr fprechen, aber andererfeits
mag doch die Abgefch!Offenheit des Territoriums gerade
darin befonders zum Ausdruck gekommen fein. Daß

der ev. Glaube auch im fittl. Leben feine Kraft zeigte,
deutet Bürckftümmer felbft an. — Der Rat, der nur der
kaiferliehen Hilfe feine Macht und fein Bestehen verdankte
, barg auch in ihrer Art charaktervolle Männer in
fich. Mit großer Energie verfolgte er fein Ziel. Wir
dürfen, um diefen Leuten gerecht zu werden, nicht untere
Maßstäbe anlegen. Hatten fie aber die kath. Bürgerfchaft
hinter fich? Fast fcheint es, als ob fie ihren
Führern weit voraus geeilt wären und Frieden mit den
Evangelifchen gehalten hätten. Vielleicht liegt hier der
Schlüffel zum Verständnis der arg gereizten Haltung
des Rates; er wußte, daß er nicht einmal in der Stadt,
bei feinen Glaubensgenoffen den nötigen Rückhalt hatte;
von hier aus erklären fich auch manche für uns befremdliche
Maßnahmen.

Mögen auch die benachbarten anderen einst ev.
Reichsftädte, wie Rothenburg, Nördlingen, eine derartige
Darfteilung ihrer Schickfale in der Reformationszeit
finden.

Alfeld bei Hersbruck. Schornbaum.

Wapler, Ob.-Lehr. Lic. Dr. Paul: Johannes v. Hofmann. Ein

Beitrag zur Gefchichte der theolog. Grundprobleme,
der kirchl. u. der polit. Beweggn. im 19. Jahrh. (X,
396 S. m. 1 Bildnis.) gr. 8°. Leipzig, A. DeichestNachf.
1914- M. 9—; geb. M. 10 —

Die vorliegende Monographie füllt eine oft empfundene
Lücke der theologifchen Literatur aus und befriedigt
alle billigen Ansprüche1. Wenn die biographifche
Darfteilung durch exzerptartige Ausführungen mehr als
es die künftlerifche Aufgabe an fich gestattet, unterbrochen
, nicht feiten fast zerfprengt wird, fo hängt das
mit dem Gegenstände felbft und mit dem Intereffe, das
wir ihm entgegenbringen, zu eng zufammen, als daß hier
ein Tadel am Platze wäre. Es wird auch der Übelftand
nur deshalb stärker als fonft bei Darstellung eines Gelehrtenlebens
empfunden, weil eben in Hofmann neben
dem theologifchen Dozenten auch der Kirchenmann (zumal
in den Roftocker Jahren) und der Politiker starke
und bedeutende Züge zeigt. H.s Zufammenhang mit der
Romantik verrät manch eigenes, warm empfundenes Gedicht
von einer Kraft der Empfindung und der Ausdrucksfähigkeit
, die man neben feiner trocken-abftrakten Lehr-
fprache nicht vermuten würde. Ein Verdienst W.s ift es,
auf H.s univerfale Bildungsintereffen gebührend hinge-
wiefen zu haben. H. als Politiker wird in feinem nationalen
Einheitsstreben, feinem Antiklerikalismus, feiner
füddeutfeh-demokratifchen Tendenz zum erften Male im
Zufammenhange und ohne Vorurteil, wenn auch nicht
ohne Kritik gezeichnet.

Zweifelhaft ift mir, ob nicht W. in dem Bestreben,
den Zufammenhang der heutigen theologifchen Arbeit
mit H. aufzuweiten, ihn doch modernisiert hat. Er meint,
H.s Realismus ruhe auf völlig neuem Boden; ,Kants
Kritik des Glaubensbegriffs, Schleiermachers chrifto-
zentrifche Erfahrungstheologie und das mit der modernen
gefchichtlichen Weltanfchauung in Einheit stehende neue
religiöfe Erleben haben ihn gefchaffen' (85). Das ift zum
minderten fehr mißverftändlich. Denn Kants Kritik des
Glaubensbegriffs ruht auf einem Naturbegriff, deffen
Strenge fich von der Romantik des naiven H.fchen Supra-
naturalismus (z. B. S. 75, 78, 137, 286, 357f.) aufs beftimm-
tefte abhebt. Schleiermachers .Erfahrungstheologie', neben
der fich die Erlanger ganz unabhängig ausbildete (S. 31 f.),
wird durch ein wunderbares Gleichgewicht religiöfen
.Gefühls' und kritifch-fpekulativen Denkens charakterifiert,
während bei H. — auch nach W. eine feiner größten
Schwächen (S. 78, 288) — die philofophifch-erkenntnis-
kritifche Arbeit ganz ausgefetzt hat. Auch mit der

i) Bedauerlich i(l MUT das Fehlen der notwendigen Regifter.