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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

18-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lange, Karl

Titel/Untertitel:

Vom Religionsunterrichte, der zu Herzen geht. 2. Aufl 1916

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 1.

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gläubigkeit zu unterfuchen, etwa aus dem Fehlen des
Lehrftücks von der vaterlofen Geburt Chrifti, aus der
Faffung der Trinität als einer Offenbarungstrinität, aus der
Ausfage, daß das son der Abendmahlsworte ,das nicht
tragen kann, was ihm Luther zumutet', oder aus andern
Ausfprüchen, deren Zahl fich leicht mehren ließe, den Schluß
zu ziehen, daß es mit der Orthodoxie des Verf. übel
beftellt ift, und an diefes Urteil allerlei kirchenpolitifche
Erwägungen anzufchließen. K's Verfuch will als Ganzes
verftanden werden, und der Kern desfelben ift, wenn ich
recht fehe, in dem Worte zu fuchen, das der Verf. als
,das Urteil der Gefchichte' aufftellt: ...Das Chriftentum ift
fupernatural oder es ift nicht' (46). Über den Sinn diefes
Axioms fpricht fich K. mit aller wünfchenswerten Klarheit
aus. Was er bekämpft, ift die Zuverficht, daß in
unfrer wirklichen Welt nichts wirklich fei, das nicht aus
der Kontinuität der Gefamtentwicklung erwachfe, das
nicht feine Analogie finde in dem uns auch fonft bekannten
Leben und Sein. Der fo formulierte Wider-
fpruch ift aber nicht ein Widerfpruch der Wiffenfchaft,
denn ob es außerhalb des gefetzlich erfaßten Seins etwas
gibt oder nicht, ob das Hineinwirken einer höheren Wirklichkeit
in unfere gemeine Wirklichkeit möglich ift oder
nicht, entfcheidet keine exakte Wiffenfchaft. So konzentriert
fich das Wefentliche des in Frage flehenden Problems
auf die beiden Worte .Offenbarung und Glaube', die K.
unter verfchiedenen Geftalten und von verfchiedenen
Gefichtspunkten aus immer wieder beleuchtet. An diefem
Punkte zeigt fich aufs neue die innere Verwandtfchaft
der modern pofitiven Theologie mit Grundgedanken, die
Albert Ritfehl im Anfchluß an Luther energifch zur
Geltung gebracht hat. Allerdings find bei K. die Linien
in eine Richtung weiter gezogen, die Ritfehl in einem
gewiffen Halbdunkel ließ, was begreiflicherweife ihm von
rechts und links fcharf genug vorgeworfen wurde. — In
welchem Maße das Buch Kaftans pädagogifch brauchbar
fein und fich wirklich zu einem Unterricht im Chriftentum
eignen wird, das zu entfeheiden, muß die Zukunft lehren;
vor allem wird es von der Perfönlichkeit des Religionslehrers
felber abhängen. Doch richtet K. fchließlich das
Auge weniger auf die Schüler unfrer höheren Anftalten
als ,auf die Herangereiften und immer noch Reifenden in
allen Ständen unferes Volkes' (9).

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Bainvel, J.-V.: De vera religione et Apologetica. (VII, 270S.)
8°. Paris, G. Beauchesne 1914.

Für den Katholiken, und zwar für ihn fowohl als
Chriften als auch Theologen, gibt es nur eine gebundene
Marfchroute. Alles ift feftgelegt, und zwar nicht nur das
Dogma felbft, fondern auch die Art feiner Verteidigung.
Seit dem Vaticanum und feiner berühmten Konftitution
,Dei Filius' (,rien de lumineux et de grand comme les
solennelles assertions contenues dans la Constitution Dei
Filius' S. 236) kann es nur noch eine katholifche Apologetik
geben. Demnach hat fie erftens einen rationalen,
fpekulativen Teil, in welchem aufzuzeigen ift, Deum rerum
omnium prineipium et finem naturalis humanae rationis
1 umine e rebus creatis (alfo kosmologifcher Gottesbeweis)
certo cognosci posse, zweitens einen pofitiven, hiftorifchen
Teil, der fich mit der Offenbarungsreligion und fpeziell
den Vorzügen des Katholizismus befchäftigt. In diefem
zweiten und Hauptteil ift einmal die Pflicht des Glaubens-
gehorfams zu betonen, fodann aber und vor allen Dingen
die Glaubwürdigkeit (credibilitas) der chriftlichen, fpeziell
katholifchen Lehre darzutun, und zwar keineswegs mit
Proteftanten und Moderniften auf fubjektiviftifche Weife
(etwa lumen internum, fittliches Erleben, religiöfes Gefühl),
fondern objektiv durch Hinweis auf äußerliche Zeichen,
in erfter Linie Wunder und Weisfagungen, ferner die
moralifchen und und fonftigen Eigenfchaften der chriftlichen
Religion, bzw. der katholifchen Kirche. Ift dies

die vorgezeichnete, feit Jahrzehnten begangene und durch
das Vaticanum feftgelegte Bahn, fo blieb es der Apologetik
natürlich unbenommen, fich in Abwehr und Angriff
mit den herrfchenden Zeitftrömungen auseinanderzufetzen
und dadurch ein gewiffes zeitgemäßes Gepräge zu gewinnen
.

Das vorliegende Werk Bainvels hält die angedeutete
Linie inne. Insbefondere wird die ,neue' apologetifche
Methode, als deren Vertreter hauptfächlich Blondel gilt,
apologetica subjectiva et immanentiae, abgelehnt. Nach
einer Einleitung, in welcher unter anderm die für den
Apologeten maßgebenden Dokumente (außer jener Konftitution
des Vaticanums befonders die antimoderniftifche
Encyclica Pascendi) angeführt werden, handelt der Verf.
ziemlich eingehend von den philofophifchen und religiöfen
Zeittendenzen. Sodann folgen die grundlegenden Ausführungen
über Wefen und Methode der Apologetik, denen
fich ein gut orientierender Überblick über die Formen der
Apologetik inderVergangenheitanfchließt, wobei allerdings
die neuere Zeit etwa feit Auguftin zu kurz kommt. Den
zweiten Hauptteil bildetdie eigentliche Ausführung der Apologetik
. In ihm wird nacheinander befprochen die Religion
im allgemeinen, fodann das Chriftentum als die wahre
Religion und der Katholizismus als das wahre Chriftentum
im behenderen. Auf Einzelheiten einzugehen erübrigt
fich, zumal der Verf., der fein Buch in erfter Linie als
Leitfaden für feine Zuhörer beftimmt hat, fich der größten
Kürze befleißigt und vielfach mit Andeutungen und litera-
rifchen Hinweifen begnügt.

Von den dem Buche beigefügten Zugaben ift befonders
der Auffatz des verftorbenen R. P. de la Broise, S. J. La
religion et les religions au XIX Siecle bemerkenswert.
Er bildet mit feiner feinen, geiftreich-rhetorifchen, echt-
franzöfifchen Schreibweife einen eigenartigen Gegenfatz
zu der fcholaftifchen Trockenheit der voraufgehenden
Ausführungen.

Iburg. W. Thimme

Lange, Oberfchulr. Dr. Karl: Vom Religionsunterrichte, der

zu Herzen geht. 2. Aufl. (108 S.) 8°. Leipzig, J. Klinkhardt
1914. M. 1.50; geb. M. 2 —
Mit lebhafter Freude zeige ich dies Büchlein an. Es
ift eine der bellen religionspädagogifchen Schriften, die
mir letzter Zeit zu Geficht gekommen. Der Verf. ift ein
frommer Mann und ein erfahrener, vielfeitig gebildeter
j Lehrer; bei beftimmtem eigenen Standpunkt (mildpofitiv)
', weitherzig genug, das Gute zu nehmen, wo er es findet;
bei aller Wertung der Bibel ganz gegenwartsoffen.

Sein Grundgedanke ift: ,Die Wurzel des Glaubens
| ift das auf lebendiger Anfchauung beruhende Gefühl'.

Dar aus folgert er: ,Der Religionsunterricht wird dann
| dem Kinde zu Herzen gehen, wenn er ihm religiöfe Er-
lebniffe vermittelt'. Und er gibt die Anweifung: ,Schaffe
durch lebendige Darfteilung ftarke, gefühlsbetonte religiöfe
Anfchauungen im Kinde; laß es an und mit diefen
Anfchauungen durch denkende Vertiefung religiöfe Werte
I gewinnen und rege fo in ihm und durch zeugenhafte Ver-
j Kündigung religiöfe Entfchlüffe an*. Während ich neulich
in einem hochgerühmten religionspädagogifchen Buch
I immer wieder die hölzerne Pfychologie vorgetragen fand:
erft verftandesmäßiges Erfaffen, dann gefühlsmäßige Er-
! wärmung, fchließlich Willensentfchlüffe — wird uns hier
| mit hegender Uberzeugung immer wieder dargelegt, daß
1 Anfchauung und Gefühl das Erfte und Grundlegende, das
fchlechterdings Unentbehrliche, das zur Not Ausreichende
1 find; die verftändige Überlegung foll nur klärend und
beteiligend hinzukommen, um die Gefühle zu dauernden
I Überzeugungen zu geftalten und dieUmfetzung in Willensbetätigung
zu erleichtern.

Von diefer unerfchütterlichen Stellung aus werden
alle pfychologifch verfehlten und innerlich unwahren
Methoden, das gewaltfame Konftruieren von Gefchichten