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Ausgabe:

1916

Spalte:

416-417

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bezzel, Hermann von

Titel/Untertitel:

Pflicht und Recht der Innern Mission 1916

Rezensent:

Knoke, Karl

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doppelten Typus von Werten, den äfthetifchen und den
ethifchen. Die Gottheit, welche jene garantiert, wird
wefentlich als Naturmacht vorgeftellt und fallt unter die
Kategorie der Immanenz: in ihrer konfequenten Aus-
geftaltung würde fie zum Pantheismus führen und einen i
perfönlichen Verkehr zwifchen dem Menfchen und der
Gottheit ausfchließen, demnach die Religion felbft auf-
löfen. Der die ethifchen Werte verbürgende Gott ift als
fittliche Macht vorwiegend univerfaliftifch gedacht und
fällt unter die Kategorie der Transfzendenz: die einfeitige
Fortbildung diefes Typus würde in einen moralifierenden
Deismus ausarten. Die höhere Synthefe diefer beiden
in zahlreichen Variationen gefchichtlich hervortretenden
Formen liegt im Evangelium vor: dasfelbe ftatuiert einen
abfoluten Wert, das Gottesreich, das durch Gott als heilige
Liebe garantiert wird. — Der zweite Teil der N.fchen
Schrift handelt von der Wirklichkeit Gottes (101—187).
Im Mittelpunkt des Ganzen fteht der Nachweis von der
Lebensnotwendigkeit der normalen religiöfen Intuition.
Außerhalb letzterer und ohne fie erftirbt das Leben, an
Schwindfucht (etiolement), wenn fie an der ausfchließlich
äfthetifchen Intuition zehrt, — an krankhafter Überreizung
ihres Prinzips, wenn fie aus der einfeitig ethifchen An-
fchauung ihre Nahrung zieht. Nur vom Standpunkt der
im Evangelium gegebenen höheren Synthefe jener zwei
Intuitionen ift Gott als Quelle des Lebens zu erreichen:
Dieu est, parce que la vie spirituelle est (157—158).

Wie das Erftlingsbuch des Verfaffers ,La religion
hors des limites de la raison' 1911 beruht auch die gegenwärtige
gedankenreiche und nach manchen Seiten anregende
Schrift auf der Grundlage der ,philosophie cri-
ticiste'. Der Nerv der Ausführungen N.s liegt in dem Satz,
daß das Dafein Gottes ein Poftulat des Dafeins der vie
spirituelle ift. Der Unterbau diefer Poftulatentheorie ift
allerdings von der Kant'fchen Position fehr verfchieden: die
Ausfage, ,vivre la vie spirituelle, c'est croire en Dieu' (165)
verrät ein tieferes Verftändnis fowohl von der Gemüts-
feite der Religion als von dem Moment der Offenbarung,
das für die Wechfelbeziehung zwifchen Gott und den
Menfchen einen Raum offen läßt; auch die fchönen Worte
über das Gebet (165—167, vgl. die Schlußworte 184—187)
find nicht an Kant orientiert. — Neben den mit großer
Energie durchgeführten Grundgedanken enthält N s Schrift
eine Fülle von feinen und lehrreichen Bemerkungen, die
auf manche Gegenftände Licht verbreiten und zum Nachdenken
reizen (vgl. z. B. über die aprioriftifche und em-
piriftifche Auffaffung des Sittlichen S. 134: L'experience
ne cree pas la loi; eile se borne ä provoquer l'epanouis-
sement d'une loi latente en tous et qui chez beaucoup
reste ä l'etat involue, mais qui est essentielle ä l'homme
et pleinement evoluee dans les esprits adultes). — Es ift
schade, daß die formellen Eigenfchaften der N.fchen
Schrift hinter ihrem Gedankengehalt zurückbleiben; der
Verf. hat fich eine eigentümliche Sprache gefchaffen, die
an den Lefer keine geringen Anforderungen ftellt und
vielleicht die Wirkung, auf welche fie fonft zählen dürfte,
beeinträchtigen wird.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Seeberg, Reinhold: Ewiges Leben. 2., mehrfach verb.Aufl.
(VII, 113 S. m. Titelbild.) 8°. Leipzig, A. Deichert
Nachf. 1915. M. 2.40; geb. M. 3.—

,Den Leidtragenden' zugeeignet, will die Schrift in
diefen Tagen großen Sterbens Troft bringen den Gebildeten
unter ihnen. So mußten nicht wenige philofophifche
Erörterungen Eingang finden. Theologifche Lefer können
ihr die Grundlinien der theologifchen und philofophifchen
Anfchauungen des Verf. entnehmen. Es behandeln z. B.
die Abfchnitte 5—7 ,Die verftandesmäßige Betrachtung
der Welt', ,Die Welt als Leben und Wille', ,Die Erfaffung
des Lebens. Empfindung, Wille, Denken'.

Wie fehr man auch von Steinmanns ,kulturphilofo-

phifcher' Unterfuchung des religiöfen Unfterblichkeits-
glaubens (1912) eingenommen ift, fo follte man doch den
Gefchmack für deffen metaphyfifchere und pfychologi-
fchere Anfaffung nicht verloren haben und mit einem
vitaliftifchen, voluntariftifchen Panentheismus wie dem Seebergs
im allgemeinen fympathifieren. Im einzelnen fehlt
es nicht an Unausgeglichenem, Sprunghaftem, Unzulänglichem
in den gedankenreichen Erörterungen. Wie S. 6ff.
die Begriffe Materie, Körper, Ding und Erfcheinung,
Außenwelt, Atom gebraucht werden, ergibt keine klare
Vorftellung vom Transfubjektiven.

Das Gewicht der philofophifchen Anfaffung des chrift-
lichen Glaubens ans ewige Leben fcheint mir aber doch
nicht richtig angenommen zu fein. Mit dem ,von vornherein
gegebenen Ewigkeitsbewußtfein in der menfch-
lichen Seele' (S. 71) wird zu viel operiert, als daß die
Hoffnung, der allmächtige Vater werde mich verklärt zu
Sich nehmen, noch als der höchfte Gipfel der Frömmigkeit
hervorträte. Alfo nach meinem Gefühl — Verf. gebraucht
recht eigenfinnig immer .Empfindung' — doch zu
viel Rationalifierung des allerfrömmften Vertrauens auf
die grundlofe Barmherzigkeit.

Daß diefe beim Tode nicht aus nichts das ewige
Leben fchafft, fondern ein fchon vorhandenes Etwas davon
verklärt, ift der Grundgedanke der Schrift. Demgemäß
vertritt fie zum Zweck der Beruhigung über das ewige
Leben der Unreifen, Ungläubigen, die im Kriege gefallen
find, eine poenitentia sera und eine poenitentia abscon-
dita. Es ftreift ein wenig an gewiffe Grabreden. Aber
ift die heterodoxe Tröftung damit, daß man Gott auch
ein jenfeitiges Bekehren zutrauen könne, wertvoller?

Mit Genugtuung erfüllt fonft die kritifche Anfaffung der
j biblifchen und kirchlichen Eschatologie. Tieffinnig hat die
j Allgemeine Evangelifch-Lutherifche Kirchenzeitung (1915,
j 301)geurteilt: ,Der fchönfte Abfchnitt des Buches ift zweifel-
j los der ,vom ewigen Leben im deutlichen Kirchenlied" —
vier Seiten, wo faft weiter nichts fteht als bekannte Stro-
i phen aus dem Gefangbuch!

; Leipzig. Karl Thieme.

I -

Bezzel, Oberkonfift.-Präf. D. Dr. Hermann von: Pflicht und
Recht der Innern Million. Vortrag zur Jahresfeier des
Landesvereins f. Innere Miffion in Bayern, geh. im
Odeon zu München. (25 S.) 8°. München, P. Müller
(1915). M. - 50

In geiftvoller Ausführung, wenn auch hier und da
j etwas gefucht und gefchraubt in der fprachlichen Darfteilung
, behandelt der vorliegende Vortrag des verdienten
Präfidenten des bayrifchen Oberkonfiftoriums in München
i das angegebene Thema. Man merkt dem Verfaffer die
Wärme der auf den Glauben fich gründenden Liebe für
unfer Volk und für die evangelifche Kirche in ihm an.
Es ift höchft informativ, zu beobachten, wie er den unver-
J kennbar fich feit Jahrzehnten vollziehenden Wandel in der
j Beftimmung der Aufgaben und deren Löfung feitens der
Innern Miffion mit klarem Blick erkennt und, wie ich
glaube, durchaus zutreffend beurteilt. Weitblickend bezeichnet
er auch die neuen Gebiete der chriftlichen Liebestätigkeit
, welche der evangelifchen Kirche als Folgen des
großen Krieges und der Notftände, die er täglich mehr
hervorruft und hervorrufen wird, fich erfchließen werden,
und fordert fchon jetzt auf, fich auf die dadurch erwach-
fenden neuen Aufgaben zu rüften. Wenn er bei feinen
Ausführungen im einzelnen auf die Männer und Anftalten
der Innern Miffion in feiner heimatlichen Kirche, der
evangelifchen Kirche Bayerns, zu fprechen kommt, fo rechtfertigt
fich das ohne weiteres, beeinträchtigt deren Wert
! aber keineswegs, fondern fteigert diefen noch vielmehr
dadurch, daß er alles, was er bemerkt und vorfchlägt,
auf allgemein geltende Grundfätze zurückführt und durch
diefe im einzelnen ftützt, fodaß die von ihm vorgetragenen
prinzipiellen Gedanken für die Fortentwicklung der Innern