Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

408-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Naegle, August

Titel/Untertitel:

Kirchengeschichte Böhmens. I. Bd.: Einführung des Christentums in Böhmen. 1. Teil 1916

Rezensent:

Loesche, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

407

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 18/19.

408

habe, aber keine Dekretale. Insbefondere weift er die Annahme
zurück, Bernhard habe gefälfchte Dekretalen Innozenz
' III. verarbeitet. Die Sammlung bringt unter den fchon
bisher bekannten eine Reihe bisher ungedruckter oder
doch nur im Regeft bekannter Dekretalen; fie werden
von Singer mitgeteilt; für die gedruckten werden die Fundorte
angegeben. In der Verteilung des Stoffes folgt B.
dem Syfteme der Compilatio prima. Singers Publikation
ift ein wertvoller Beitrag nicht nur zur Erweiterung unferer
Kenntnis um das Regifter Innozenz' III., fondern auch zur
Gefchichte der Arbeiten an dem päpftlichen Rechte im
Anfange des 13. Jahrhunderts.

Kiel. G. Ficker.

Bibliotheca reformatoria Neerlandica. Geschriften uit den
Tijd der Hervorming in de Nederlanden. Opnieuw
uitgegeven en van Inieidingen en Aanteekeningen voor-"
zien door Hoogl. Dr. S. Cramer, f, en Hoogl. Dr. F.
Pijper. Tiende deel: De geschriften van Dirk
Philipsz, bewerkt door Dr. F. Pijper. (XI, 723 S.)
Lex. 8°. 's-Gravenhage, M. Nijhoff 1914. fl. 8—; !

geb. fl. 10 —

An die Spitze diefes Bandes ift ein kurzes Wort in j
memoriam S. Cramer aus der Feder feines Mitarbeiters
Pijper geftellt. Mit Recht! Denn Cramer hat ein erhebliches
Teil von Arbeit für die Bibliotheca reformatoria
Neerlandica geleiftet. Im Übrigen ift der ganze zehnte j
Band dem Andenken an Dirk Philipsz gewidmet, deffen i
Werke ohne Ausnahme zum Abdruck gebracht werden;
auch die Briefe und Lieder find aufgenommen. Eine 1
Gefamtbiographie diefes bedeutenden Taufgefinnten hat
Pijper nicht voraufgefchickt (wir werden fie demnächft aus i
der Feder eines jungen, in Deutfchland gebildeten Men-
noniten ten Doornkaat-Koolman erhalten), wohl aber zu
den einzelnen Schriften eingehende Einleitungen fowohl j
nach der biographifchen wie der theologifchen Seite hin
geboten. Das bedeutendfte Werk von Dirk Ph. ift fein
Enchiridion: ,was die loci communes Melanchthons für
die Lutheraner, die Konfeffion von Beza für die franzöfi-
fchen, der Laienwegweifer für die niederländifchen Reformierten
war, das ift das Enchiridion für die Mennoniten j
gewefen'. Sehr deutlich tritt in diefer Schrift (wie auch in
anderen feiner Traktate, namentlich in den gegen Sebaftian 1
Franck gerichteten) heraus, daß Ph. kein Spiritualift ift.
Ebenfowenig ift er für die phantaftifchen, auf der Gewalt
bafierenden Reichsgottesgedanken von Bernt Rotmann zu
haben, feine Soziologie ift die des gemäßigten Täufertums.
Er huldigt dem Sektentypus, wünfcht den Bann aufrechterhalten
und die ftrenge Enthaltung von Mifchehen mit
,Ungläubigen', doch kann man auf der anderen Seite
gewiffe Zeichen einer Verkirchlichung beobachten, und
ich vermag Pijper nicht zuzuftimmen, daß fich ,diefe Theologie
durch einen Marken Spiritualismus kennzeichnet', die
S. 44 gebrachten Belegftellen beweifen das nicht, was fie
beweifen follen. Zuzugeben allerdings ift, daß in feinem
Kirchen begriff fich fpiritualiftifche Gedanken geltend
machen, aber auch nicht allzuftark (vgl. S. 46). In feiner
nähere n Dogmatik merkt man allenthalben die Ideen und
Frage Heilungen des Täufertums, aber fie ftreben deutlich
einer Verkirchlichung zu. So heißt es in der Chriftologie
(S. 63): ,empfangen vom h. Geifte in der Magd Maria,
geboren aus ihr'. Vgl. S. 140: ,in Maria durch die Kraft
und Wirkung des h. Geiftes ein Menfch geworden' und
S. 150 ff. Die Tauf lehre lehnt die Kindertaufe ab als
Schändlichen Mißbrauch', aber ebenfo energifch wird die
fpiritualiftifche Anfchauung, Taufe und dergl. Zeremonien
feien unnötig, zurückgewiefen und der Nutzen der Taufe
betont (S. 107 f.). Die Abendmahlsworte müffen ,geiftlich
verftanden' werden, Chriftus fitzt zur Rechten Gottes und
kann nicht herunterfteigen — man erkennt hier wie ander- I
weitig (z. B. S. 124 den Hinweis auf das Paffah) den Ein- I

fluß Zwingiis. Der Name .Wiedertäufer' wird abgelehnt,
,wir find nur einmal auf das Bekenntnis unferes Glaubens
getauft'. Die fehr intereffante Schrift ,van der Sendinge
der Predicanten' unterfcheidet eine doppelte Berufung:
eine durch Gott allein, doch ift auch hier eine Prüfung
notwendig, da auch der Satan feine Diener ausfendet, und
eine durch Gott .und Gemeinde (wertvoll ift dabei die
Auffaffung des Älteftenamtes). Aufgabe der Lehrer ift
es, erft das Gefetz, dann das Evangelium zu predigen.
,Aber die falfchen Lehrer predigen den Leuten, auch den
Unbußfertigen, nichts als Gnade'. In diefem Zufammen-
hange kann (S. 232) ein Kirchenbegriff gewonnen werden,
der ganz an Luther orientiert ift: die Kirche ift überall
da, wo das Wort Gottes recht gelehrt und die Sakramente
nach dem Worte recht gebraucht werden. Scharf grenzt
fich Philipsz von Bernt Rotmann ab, wenn er die ,Refti-
tution' nur ,geiftlicher Weife' verftanden wiffen will. Die
Obrigkeit hat lediglich Polizeigewalt, die Frommen zu
befchirmen und dieBöfen zu ftrafen, aber geiftliche Sachen
darf fie nicht richten, darum kein Ungläubiger mit Gewalt
zum Glauben gezwungen werden (S. 406). Wenn Ph.
die Ehe eines Taufgefinnten mit einem .Ungläubigen' verwirft
, fo will er doch die Ehe nicht getrennt wiffen, wenn
beide Teile bei Abfchluß der Ehe noch .ungläubig' waren
und nachträglich ein Teil .gläubig' wurde. — Die beigefügten
Regifter find forgfältig, der Text ift nach den
nicht allfeitig befriedigenden Grundfätzen hergeftellt. —
Zur Bibliographie trage ich noch folgenden, auf der Züricher
Univerfitätsbibliothek (Signatur III R 715) befindlichen
Druck nach: Een körte | Bekentenisse ende | Belydinge,
van den Eeni- | gen, Almachtigen, Leuen | dige Godt
Vader, Soon | ende heylige Geest oc. | Mit noch sommige
ander | Leerachtige Boecxkes, in | dat naestuolgende Blat
an | geteykent, by den Autoer | desseluige gemaeckt,
voer | tijts verscheide. Gedruckt, | ende nu an des Lee-
sers | geryffelicheit by een ge- | uoeghet. D. P. | Ghedruckt
intjaer | 1564. | Voraufgeht ein Titelblatt eines Almanachs
auf das Jahr 1564, herausgegeben durch Martin Carolus,
doch bin ich nicht ganz ficher, ob diefes Titelblatt (in
holländifcher Sprache) zu dem Drucke des Philipszfchen
Werkes gehört. Nach einem Eintrag auf dem Deckel des
Buches wäre der von Pijper S. 52 Anm. 2 genannte fran-
zöfifche Druck s. 1. in Amfterdam gedruckt von dort
fandte ihn 1660 ein Täufer Hans Vlamingh nach Bern.

Die Bibliotheca reformatoria Neerlandica findet mit
vorliegendem Bande ihren Abfchluß. So bleibt die Herausgabe
der Werke des Menno Simons eine Zukunftsaufgabe
. Aber wir danken für das, was Pijper und Cramer
der Reformationsgefchichte neu erfchloffen haben. Es ift
eine große und wertvolle Gabe gewefen.

Zürich. Walther Köhler.

1) Über diefen vgl. jetzt C. Bergmann: Die Täuferbewegung im
Kanton Zürich bis 1660. Leipzig, Heinfius 1916.

Naegle, Prof. Dr. Auguft: Kirchengelchichte Böhmens.

Quellenmäßig u. kritifch dargeftellt. i. Bd.: Einführung
des Chriftentums in Böhmen, i. Tl. (XIV, 226 S.)
gr. 8°. Wien, W. Braumüller 1915. M. 5 —

Rofenberg, Dr. Art.: Beiträge zur Gelchichte der Juden in
Steiermark. (Quellen u. Forfchungen zur Gefch. der
Juden in Deutfch-Öfterreich. VI. Bd.) (X, 200 S.) Lex. 8».
Wien, W. Braumüller 1914. M. 6 —

Holzknecht, Dr. Georgine: Urfprung und Herkunft der Reformideen
Kaifer Jofef II. auf kirchlichem Gebiete. (Forfchungen
zur inneren Gefch. Öfterreichs. 11. Fleft.)
(XII, 108 S.) gr. 8°. Innsbruck, Wagner 1914. M. 5 —

Monumenta Hofbaueriana. I. Der heilige Klemens Hofbauer
u. das Auswanderungspatent vom 10. Auguft 1784.
Sammlung der diesbezügl. Documente. Miscellanea.