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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

397-399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kohl, Heinrich

Titel/Untertitel:

Antike Synagogen in Galiläa 1916

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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397

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 18/19.

398

12. Bd.: Mayer, Pfr. Lic. Dr. Gottlob: Der Prophet Hofea.
(III, 162 S.) 1914. M. 2.40; geb. M. 3 —

13. Bd.: Ebeling, Pfr. Osk.: Joel, Arnos u. Obadja. (VI,
150 S.) 1911. M. 2.40; geb. M. 3 —

14. Bd.: Bufch, Pfr. Dr. Wilh.: Die Bücher Jona, Micha u.
Nahum. (VI, 160 S.) 1914. M. 3 — geb. M. 3.60

15. Bd.: Mayer, Päd. Lic. Dr. Gottlob: Die Propheten Zephanja,
Haggai, Sacharja, Maleachi. (VI, 144 S.) 1913. M. 2.40; geb. M. 3—

Nachdem an diefer Stelle der Band über Jefaia
fchon befprochen worden ift, faffen wir die andern Bände
über die Propheten zufammen. Sie zeigen äußerlich
dasfelbe Bild: Auf einen kurzen, gefchichtlich unterrichtenden
Eingang folgt in neuer TJberfetzung Abfchnitt
um Abfchnitt, nicht ohne Weglaffungen bei den größern
Propheten, und dann eine erbauliche Auslegung, die
ftark auf die Gegenwart und die Lage moderner Menfchen
Rückficht nimmt. Es ift gut, daß fich verfchiedene
Geifter in die große Arbeit geteilt haben. So kommt
Abwechflung in das Ganze hinein und Einfeitigkeit ift
vermieden. Mayer felbft fchlägt einen ernften predigthaften
Ton an; wo es nur geht, fucht er eine Beziehung
auf Jefus anzubringen, fo fehr er fonft grundfätzlich den
gefchichtlichen Standpunkt einnehmen will. Von allegori-
fchen Auslegungen, die eine Gegenwartsbeleuchtung mit Gewalt
herftellen, bleibt er nicht frei; fo wenn erSach. 5,5—II,
wo von dem Weib im Epha die Rede ift, die nach der
babylonifchen Ebene fliehen muß, auf die Lokalifierung
der Unzucht deutet. Beinahe journaliftifch im Geift des
Reichsboten faßt Ebeling feine Aufgabe an; Arnos ermutigt
ja auch geradezu zu einer Auslegung im Sinne
chriftlich-fozialer Politik. Wenig Fragen des öffentlichen
Lebens zieht er nicht heran. So bei Joel die Schundliteratur
, die wie ein I leufchreckenfchwarm daherkommt (!).

Bufch hält ohne Hartnäckigkeit am Jonawunder feft,
holt aber die Gedanken aus dem Buche heraus, die die
heutige Großftadt angehen. Am geiftvollften und gefchick-
teften ift Hackenfchmidt; hier lebt alles und fpricht an,
weil er unerfchöpflich ift an Zitaten, Erinnerungen und
Gefchichtchen, die die Gegenwart im Geifte Jeremias beleuchten
. Er geht auch recht weit in kritifchen Äußerungen,
ohne dadurch dem religiöfen Gehalt etwas zu vergeben. —
Der moderne Menfch kommt nicht immer gut weg; oft
fchreibt man mehr gegen ihn als für ihn, es fei denn,
daß die oft allzu journaliftifch zugefpitzten Überfchriften
feine müden Nerven anpeitfchen follen; z. B. Hofintrigen
Daniel 3, Michael, nicht Michel, Dan. 10; das Gottesgericht
über England Hef. 26; Dämon Alkohol Arnos 2, die
zärtlichen Verwandten zu Anatot Jer. 11, Schmiede und
Schloffer rangieren mit Räten erfter Klaffe Jer. 24. Im
ganzen wird man fich des Werkes freuen; es kommt doch
das A. T. überhaupt einmal und dann in einer möglichft
gefchichtlichen Auffaffung zur Darfteilung, und im Bund
mit der konfervativen Grundgefinnung mag das manchem
Bibellefer eine Befreiung aus Mofes Deke bringen.

Heidelberg. Niebergall.

Kohl, Heinrich, u. Carl Watzinger: Antike Synagogen in

Galiläa. (29. Veröffentlichung der Deut. Orient-Ges.) (VII,
231 S. m. 18 Tafeln u. 306 Abbildgn.) Fol. Leipzig, J.C.
Hinrichs 1916. M. 60 —; geb. M. 66 —

Judentum und Heidentum haben an der Wiege des
jungen Chriftentums geftanden und ihm ihre Gaben ge-
fpendet, und mehr wie je fucht jetzt die Wiffenfchaft den
Anteil eines jeden von beiden zu ergründen. Faft kein
Jahr vergeht, ohne daß wir Neues und Bedeutfames über
heidnifche Einwirkungen erfahren: fpröder ift der Stoff
und fpärlicher der Ertrag auf jüdifchem Gebiet, und die
Entdeckung einer Gebetfammlung der helleniftifchen
Synagoge durch W. Bouffet (Göttinger Nachr. 1915, 435
—489) war ein feltenes Ereignis. Aber auch das Gute
kommt oft nicht allein: wenige Monate nachher hat uns

1 die gemeinfame Arbeit des bereits am 26. Sept. 1914 für
| das Vaterland gefallenen Architekten Kohl und des Gie-
ßener Archäologen Watzinger diefe wahrhaft glänzende
Monographie über elf von der Deutfchen Orientgefellfchaft
ausgegrabene Synagogen Galiläas befchert. Endlich, zum
erften Mal, Brauchbares und Zuverläffiges über antike
Synagogen, deren Refte noch heute ftehnl Eine Leiftung,
deren Bedeutung für die Gefchichte des Spätjudentums
und Frühchriftentums nicht leicht hoch genug angefchlagen
werden kann — und zweifellos bei der allgemeinen Gleich-
giltigkeit gegen archäologifche Arbeit nicht hoch genug
angefchlagen werden wird: ja, wenns die Befchreibung
einer Synagoge auf einem Papyrus wäre; aber wirkliche
fteinerne Synagogen? Apagel

Bekannt waren die Trümmer nämlich längft, aber
I völlig ungenügend unterfucht und irreführend veröffent-
I licht. Was wir fonft an alten Synagogen befitzen, ift
I fchnell aufgezählt: die in Hammän-Lif bei Tunis (bei
Cagnat et Gauckler, Monum. antiques de la Tunisie I 1898)
aus dem 3. Jahrhundert p. C. und die kürzlich aufgedeckte
griechifche Synagoge auf Delos (Plaffart in den Melanges
Holleaux 1912, 201 ff.) aus dem I.Jahrhundert a. C. Dazu
die fpärlichen, dem 5. oder 6.Jahrh. angehörigen Synagogen-
refte zu Elche in Spanien (vgl. Boletin de la Real Acad.
de la historia 1906, 1191T. Bulletin Hispanique 1907, I20ff).

Das Werk zerfällt in zwei Teile. Zuerft wird jede Synagoge
genau befchrieben, die Ruinenftätte und die einzelnen
Werkftücke abgebildet und die Rekonftruktion des
Ganzen vorgenommen: da hat vornehmlich der archäo-
logifch gefchulte Architekt das Wort. Dann folgen
Watzingers grundlegende Unterfuchungen ,zur hifto-
rifchen Stellung der galiläifchen Synagogen', in denen die
großen Zufammenhänge aufgedeckt werden, welche die
neuerftandenen Trümmer mit der Entwickelungsgefchichte
der fyrifchen Architektur und den Nachrichten über jü-
difchen Gottesdienft verbinden. Ruhig und nüchtern
bringt W. das Vergleichsmaterial herbei; es gibt keine
phantaftifchen Irrfahrten in entlegene Länder und ferne
Jahrhunderte, dafür aber unmittelbar überzeugende Darlegung
und geficherte Ergebniffe. Alle unterfuchten Synagogen
zeigen einheitlichen Stil, der fie feft mit den um
200 p. C. entftandenen fyrifchen Bauten verbindet: und
jedes einzelne Bauglied beftätigt das aufs Neue. So ift
die Vermutung einleuchtend, daß fie alle zufammen einer
einheitlichen Anregung entfprungen find. W. ift geneigt,
fie als kaiferliche Stiftung des Septimius Severus anzu-
fehn, über deffen Judenfreundlichkeit er S. 2o6ff. allerlei
Lehrreiches beibringt. Das erklärt vielleicht auch den für
ftrengjüdifche Anfchauung ungehörig reichen bildlichen
Schmuck der Werkftücke, der augenfcheinlich fchon in
ältefter Zeit von Puriften beanftandet und deshalb vielfach
abgefchlagen ift.

Das reichfte Material haben die Refte der Synagoge
von Kapernaum geliefert: hier allein ift auch die Kleinarchitektur
der Wand des Thorafchreines erhalten. Das
Bild der Synagoge ift im Wefentlichen folgendes: ein
länglicher rechteckiger Raum; an drei Wänden erheben
fich faulengetragene Emporen für die Frauen, an der
vierten, nach Süden, (d. h. nach Jerufalem) gerichteten
Wand befinden fich die drei Eingangstüren, über deren
mittelfter ein großes Rundbogenfenfter in halber Wandhöhe
die Mauer durchbricht. Statt der Säulenftellung für
die Emporen ift hier eine ornamental verzierte halb hohe
Mauer quer durch den Raum gezogen, welche den Hintergrund
für den hölzernen Thorafchrank bildete. An der
Oft- und Weftwand find fortlaufend noch die Stufen erhalten
, welche den Andächtigen zum Niederfitzen dienten.
Eine Tür durchbricht die Weftmauer und führt in den
auf drei Seiten von fäulengetragenem Pultdach umgebenen
Vorhof, in dem fich das Wafferbecken für die Wafchungen
befand. Die anderen Einrichtungsftücke, Bänke für die
Presbyter, Tribüne für den Vorlefer ufw. werden aus Holz
gewefen fein: in Delos fteht der fchön ornamentierte