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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

376-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sachsse, Carl

Titel/Untertitel:

Balthasar Hubmaier als Theologe 1916

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 16/17.

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tigten. Selbft diefe wird noch in Frage geftellt, wenn
im Vertrag eine Rückkaufsklaufel eingefügt ift. Der
Schenker genießt damit für ein Billiges alle Vorteile j
klöfterlicher Untertanfchaft. — Unter den Gründen des
Verfalls betont B. mit Recht die rückftändige Wirtfchafts-
führung. Während der Wert des Bodens um ein Vielfaches
ftieg, wurden die alten Wirtfchaftsformen und
Zinfen unverändert beibehalten. Zentral- und Lokalverwaltungen
waren ihrer Aufgabe nicht mehr gewachfen,
innere und äußere Gründe wirken in großer Zahl mit,
die Zerrüttung zu befchleunigen. — Es wäre fehr er-
wünfcht, wenn auch die Wirtfchaftsgefchichte anderer
größerer Klöfter aus verfchiedenen Gegenden Deutfch-
lands eine ähnlich forgfame Darftellung fänden. Unfere
Kenntnis der mittelalterlichen Wirtfchaftsgefchichte und
die Beurteilung der kirchlichen Wirtfchaftsleiftung würde
wefentlich dadurch gewinnen.

Berlin-Dahlem. Gerhard Bonwetfch.

Lockemann, Thdr.: Technilche Studien zu Luthers Briefen an
Friedrich den Weifen. (Probefahrten. Erftlingsarbeiten
a. dem deut. Seminar in Leipzig. 22. Bd.) (VIII, 208 S.)
gr. 8°. Leipzig, R. Voigtländer 1913. M. 5.80

Eine Studie zur Epiftolographie, in ihrem Hauptteil
S. 61 ff. eine forgfältige Analyfe der Briefe Luthers an Kur-
fürft Friedrich d. W. unter Berückfichtigung des Zweckes
und der zu feiner Erreichung verwendeten Darftellungs-
mittel, unter Beachtung des Verhältniffes zu den Gepflogenheiten
des damaligen Kanzleiftils einerfeits, des
humaniftifchen Briefftils anderfeits. Die Briefe find be-
fonders inftruktiv, weil die Situationen, aus denen heraus
fie gefchrieben wurden, und teilweife auch ihre Verwendung
zu diplomatifchen Zwecken befondre Sorgfalt dem
Schreiber geboten. ,In der Tat kann fich keine Gruppe
deutfcher Briefe diefer Epoche, weder was die individuelle
Geftaltung des einzelnen Schriftftücks noch die Höhe der
technifchen Kunft im Ganzen betrifft, mit der Gefamtheit
der Schreiben an den Landesherrn mefien. Sie zeigen
in zahlreichen Beifpielen und gleichmäßiger als die anderen
Luthers Fähigkeit, einen Brief organifch aufzubauen
und bis in die Einzelheiten der Konftruktion und der
Wortwahl hinein mit künftlerifcher Sorgfalt zu geftalten.
Er kann für die Feinheiten des Stils ein überrafchend
ficheres Verftändnis an den Tag legen und bewußt die
Wirkungen abfchätzen, mit denen eine gefchloffene Form
die Tendenzen des Stoffs unterftützt' (S. 183). Freilich
wird wohl oft nicht ficher zu fagen fein, wo bei einem
fo reich begabten Mann wie Luther von bewußter Kunft
oder von dem unmittelbaren ficheren Griff in der Wahl
der Ausdrucksmittel zu reden ift. Aber wer fich mit
diefen Briefen zu befchäftigen hat, wird gut tun, durch
Lockemann fich in ihr Verftändnis auch in formeller Beziehung
einführen zu laffen, denn er ift ein guter Beobachter
. Unterbaut hat er diefen Teil feiner Arbeit durch
eine wertvolle Erörterung der Vermittlerrolle, die Spalatin
fortgefetzt zwifchen L. und feinem Landesherrn fpielte
(S. 43 ff.) Fußend auf Kalkoffs Darfteilung des Verhältniffes
Friedrichs d. W. zur reformatorifchen Bewegung
und dem Reformator felbft, beleuchtet er aufs Neue die
Bedeutung der Mittelsperfon und ihrer regen Korrefpon-
denz miteinander. Es ift vielleicht der fchmerzlichfte Ver-
luft, den die Lutherforfchung zu beklagen hat, daß uns
Spalatins Briefe an L. fehlen und wir die Stellung des
Kairfürften zu Luther und dem Fortgang der Reformation
wefentlich aus Luthers Briefen an Sp. herauslefen müffen.
Lockemann zeigt im einzelnen, wie viel Fragen und Bedenken
, die Luther beantwortet, tatfächlich Fragen und
Bedenken des Kurfürften find, und wie Luther auch religiös
fördernd in diefen Briefen durch Vermittlung Sp.s
auf feinen Landesherrn einwirkt. Vorausgefchickt ift
S. 6 ff. ein guter allgemeiner Überblick über Luthers Korre-
fpondenz überhaupt und S. l6ff. über feine deutfchen

Briefe bis Juni 1525. Am Schluß ein Exkurs über das
Datum des Briefes an Staupitz vom Ende 1518. Enders
I 318 hat ihn nach Rörers Abfchrift in Jen. Bos. q. 241 178b
auf Luciae, 13. Dezember, gefetzt. Aber Lockemann weift
aus der Verwandtfchaft mit dem Brief an Langenmantel,
Enders, I, 305, nach, daß er fchon auf den 25. November
gehört, — übrigens hatte fchon Brieger diefes Datum
vermutet. Ich bemerke dazu, daß von dem Brief an
Langenmantel das Original noch in Privatbefitz exiftiert
und von N. Müller kollationiert worden ift. Danach ergeben
fich einige Textberichtigungen; die wichtigfte ift,
daß L. fich nicht pulicem occisum (S. 39) nennt, fondern
es ift zu lefen: saltem occisum. — Im Einzelnen fei bemerkt
: das ,Schreiben an die Wittenberger' Ende Februar
1522 ift zu ftreichen, denn es ift Entwurf zu den berühmten
Predigten nach der Heimkehr von der Wartburg,
Weim. Ausg. X, 3, LVII ff. — In dem Satz S. 74 find die
Worte ,diefe Befchränkung .. . fich . . . aufzuerlegen' durch
12, bzw. 25 dazwifchengefchobene Worte auseinandergezogen
; da geht dem Lefer der Atem aus. — Undeutlich
ift die Anmerkung auf S. 193 zu Erl. Ausg. 53, 711, wo
die Worte ,im Text' nicht, wie man zunächft annimmt,
fich auf den Text des Briefabdrucks in Erl. Ausg., fondern
auf den Text feiner eigenen Schrift S. 39 beziehen
follen. — Unfchön und auch unbequem finde ich die im
Druck befolgte neue Sitte, auch alle lateinifchen Zitate
mit deutfchen Lettern zu drucken. Schreiben wir das
Lateinifche mit lateinifcher Schrift, fo follte man es doch
auch dem entfprechend drucken.

Berlin. G. Kawerau.

Sachfle, Lic. Carl: D. Balthafar Hubmaier als Theologe.

(Neue Studien zur Gefchichte der Theologie u. der
Kirche. 20. Stück.) (XVI, 274 S.) gr. 8°. Berlin, Tro-
witzfch & Sohn 1914. M. 10.40

Von dem allgemeinen Intereffe, das gegenwärtig dem
Täufertum gefchenkt wird, hat auch Balthafar Hubmaier
profitiert; etwa gleichzeitig mit der vorliegenden, von H.
Böhmer angeregten Arbeit von Sachfle hat Mau dem
Waldshuter Täufer eine monographifche Studie gewidmet,
und der, wie man glauben durfte, erledigte Streit um
Hubmaiers Autorfchaft an den zwölf Artikeln der Bauern
ift wieder lebhaft im Gange (S. fpricht fich wie Böhmer
— wohl mit Recht — gegen Hubmaiers Verfafferfchaft
aus). S.s Buch hat den Vorzug der Gründlichkeit und
Sorgfalt; mit großem Eifer ift Verf. den Spuren Hubmaiers
nachgegangen und hat manches Unbekannte zutage gefördert
; im Anhange find aus der Bibliothek des Grafen
Hugo von Walderdorff bei Regensburg verfchiedene
Aktenftücke betr. Hubmaiers Wirkfamkeit an der Kapelle
,zur fchönen Maria' in Regensburg mitgeteilt, aus dem
Statthaltereiarchiv in Innsbruck ein Bericht des Bifchofs
von Konftanz über Hubmaier von 1524, aus dem k. k.
Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu Wien Hubmaiers Rechen-
fchaft an König Ferdinand vonÖfterreich 1528, eine ausgezeichnete
Darftellung der Hubmaierfchen Theologie.
Alle Quellen find freilich auch von S. noch nicht aus-
gefchöpft; wie mir Herr Kollege Greving in Münfter mitteilt
, bietet das von ihm zur Veröffentlichung vorbereitete
Dekanatsbuch der Ingolftadter Univerfität noch neues
Material. Daraus kann man S. keinen Vorwurf machen;
wenn ich hinfichtlich der Stofffammlung etwas auszufetzen
hätte, fo wäre es diefes, daß S. die neue kritifche Zwingli-
Ausgabe, die man doch ebenfo benutzen muß wie die
Weimarer Lutherausgabe, ganz ignoriert und Baurs: Theologie
Zwingiis zwar nennt, aber allem Anfchein nach nicht
benutzt, ftatt deffen vielmehr mit dem veralteten Buche
von Chriftoffel arbeitet.

Im erften Teile feiner Arbeit gibt S. ein Verzeichnis
der Schriften Hubmaiers, echtes und unechtes Gut von
einander fcheidend. Die Druckfchriften find eingehend
befchrieben (erwünfcht wäre nur die Angabe der Zeilen-