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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grützmacher, Georg

Titel/Untertitel:

Synesios von Kyrene, ein Charakterbild aus dem Untergang des Hellenentums 1916

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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373

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 16/17.

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lieh eine Fundgrube für die Gefchichte des chriftlichen
Orients geworden, wo ein mächtiger Stoff aus den mannig-
fachften Gebieten mit Wiffenfchaft und Gefchmack geordnet
ift.

Hannover. Ph. Meyer.

Grützmacher,Prof. Dr. Geo.: Synefios v. Kyrene, e. Charakterbild
aus dem Untergang des Hellenentums. (VII,
180 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert Nachf. 1913.

M 6 —

Um nicht länger auf die Anzeige des vorliegenden
Buches warten zu laffen, muß ich mir erlauben fie zu
fchreiben, ohne daß es mir möglich gewefen wäre, eine
Prüfung bis ins Einzelne vorzunehmen. Ein Lebensbild
des nachmaligen Bifchofs Synesios von Kyrene zu entwerfen
und es in den Rahmen feiner Zeit zu ftellen, ift
eine dankbare und anziehende Aufgabe; ihre Löfung ift
auch fehr erwünfeht, da feit Volkmanns Arbeit 1869 eine
zufammenfaffende Darftellung nicht erfchienen ift und eine
Reihe von wertvollen Einzelunterfuchungen eine Zufammen-
faffung erforderten. Grützmacher hat ein lehrreiches und
lefenswertes Buch gefchaffen, das feinem Helden nichts
von feinen anziehenden Zügen nimmt, fich aber auch vor
Übertreibung des Anziehenden und Bedeutenden hütet.
Sein Hauptaugenmerk ift auf den Menfchen und Chriften
Synesios gerichtet; hier läßt fich feine Eigentümlichkeit
erfaffen, während der Philofoph und der Schriftfteller
keineswegs eigenartige Züge zeigen. Der Chrift und Bifchof
Synesios kann als Typus vieler gebildeter heidnifcher
Konvertiten gelten, da er ganz in der neuplatonifchen
Gedankenwelt wurzelte und zeigt, wie leicht diefe mit
dem Chriftentum feiner Zeit in Einklang zu bringen war.
Von den Bifchöfen des orthodoxen Staatskirchentums
unterfchied er fich dadurch, daß er feine Vergangenheit
nicht verleugnete und feinen alten Idealen treu blieb.
Auch als Chrift blieb er noch Hellene; er glaubte aber
fich dem Dienfte nicht entziehen zu dürfen, den er dem
Vaterlande dadurch leiften follte, daß er Bifchof wurde.
Man bekommt aus Grützmachers Darftellung einen lebendigen
Eindruck von den Kräften einer untergehenden
und einer auffteigenden Welt. Das Ganze ift forgfam
gefchöpft aus den Werken und Briefen des Mannes und
aus den verhältnismäßig wenigen Quellen, die uns fonft
für ihn und das Chriftentum der Cyrenaica zu Gebote
flehen.

Kiel. G. Ficker.

Bikel, Dr. Herrn.: Die Wirtfchaftsverhältnilfe des Klofters
St. Gallen von der Gründung bis zum Ende des 13. Jahrb..
Eine Studie. Mit 1 Plan des Klofters St. Gallen. (XIV,
351 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder 1914. M. 7—

Die deutfehe Wirtfchaftsgefchichte, einft von Lamprecht
unverdienter Nichtachtung entriffen und eine Zeitlang
in den Vordergrund des hiftorifchen Intereffes gerückt
, hat in jüngfter Zeit durch die hochbedeutfamen
Unterfuchungen von Alfons Dopfch über die Wirtfchafts-
entwicklung der Karolingerzeit (2 Bde., 1912 u. 1914)
wenigftens für eine Epoche die wichtigfte Förderung und
vortrefflichfte quellenkritifche Grundlegung erfahren.
Leider ift diefes Werk auch in feinem 1. Teil von dem
Verfaffer der vorliegenden Spezialunterfuchung nur flüchtig
benutzt und in feiner Bedeutung nicht erkannt worden
(im Literaturverzeichnis als Topfch angeführt!). So muß
man von vornherein darauf verzichten, die St. Galler
Wirtfchaftsgefchichte und ihre fymptomatifchen Erfchei-
nungen in einen größeren Zufammenhang gerückt zu
finden. Mit faft ängftlicher Scheu vermeidet es Bikel,
über fein feft umgrenztes Thema hinauszugreifen, obwohl
gerade St. Gallens hervorragende Stellung in Süddeutfch-
land diefen Gedanken nahe legt. Auch haben wir für

kein andres oberdeutfehes Klofter eine gleich reichhaltige
Überlieferung aus früher Zeit. Neben den erzählenden
Quellen bot vor allem das St. Galler Urkundenbuch
von Wartmann das Material dar. Wie es fcheint, hat
B. auf eine Einficht in die Urkunden felbft verzichtet.
Sie hätte vielleicht in manchen Punkten weitergeführt
(eine St. Galler Archivgefchichte fcheint dringend notwendig
!), allein fie hätte allerdings eine große Erfchwernis
der Arbeit mit fich gebracht.

Diefe Einfchränkungen vorausgefetzt, kann man die
eingehende, alle Gebiete des St. Galler Wirtschaftslebens
umfaffende Unterfuchung lebhaft begrüßen. Bikel entwirft
ein anfehauliches Bild von dem Werden und Vergehen
der ftolzen Reichsabtei und führt uns mitten
hinein in das Leben und Treiben der weitverzweigten
und doch im Grunde höchft primitiven Wirtfchaft. Am
bellen gelungen ift der 2. Abfchnitt, der uns die Verwaltung
der Kloftergüter fchildert. Was er da zu erzählen
weiß von der mannigfachen Tätigkeit im Klofterge-
biet, von Ackerbau, Vieh-, Fifch-, Geflügel-, Bienenzucht,
von der Bewirtschaftung der ferngelegenen Klofterhufen
und den Transportfchwierigkeiten, von der Art des Verbrauchs
ufw., ift ein prächtiges Stück Kulturgefchichte.
Nur eine ftiliftifche Unart, die undeutfehe Stellung des
Prädikates, ftört die Freude an der Lektüre etwas.
Dankbar begrüßt man die im Anhang gegebenen vergleichenden
Zins- und Werttabellen, aus denen fich doch
ein ungefähres Bild der Wertverhältniffe zwifchen Münze,
Befitz an Land und Menfchen, Feldfrucht und menfeh-
licher Arbeitsleiftung ergibt. Ift doch gerade der Wert-
maßftab ein befonders fchwieriger Punkt in der Beurteilung
mittelalterlicher Wirtfchaftsleiftung. An diefer Stelle
wären wohl auch die Angaben auf S. 238 über den Wert
von Hörigen aufzunehmen gewefen. Sie finden fich in
dem dritten Abfchnitt, der von der perfönlichen Stellung
der Mönche und Gotteshausleute handelt. Aus ihm ift
befonders die Gefchichte der St Galler Minifterialität
hervorzuheben. Seit 1204 haben die St. Galler Dienft-
mannen Anteil an der Abtswahl. Um fo lehrreicher find
die Befchränkungen, die ihnen trotz ihres großen perfönlichen
Einfluffes bis zum Ende des Mittelalters anhaften.
So haben fie zwar fpäteftens feit der Mitte des 13. Jahrhunderts
echtes Eigen, feine Veräußerung bleibt aber an
die Zuftimmung des Herren gebunden. In der Frage
nach der Herkunft der Minifterialen fchließt fich B., ohne
neues Material beibringen zu können, der Meinung Schuttes
an, daß fie ganz überwiegend im unfreien Stande zu
fuchen ift, und zwar ,aus der Dienerfchaft, die im Haufe
des Herrn Lebensunterhalt und Kleidung und alles Notwendige
erhält' (S. 266).

In den Abfchnitten I und IV unterfucht B. die Ent-
ftehung des Klofterbefitzes und den wirtfehaftlichen Niedergang
. Der Gewinn an Land vollzog fich in den
üblichen Formen der Schenkung, Rodung und des Kaufs
bez. Taufchs. Letzterer fpielt in St. Gallen faft gar keine
Rolle, nicht gerade zum Ruhm feiner Abte. Über den Umfang
der Rodungsarbeit läßt fich ein Bild nicht gewinnen,
da naturgemäß über Neubruchland keine Urkunden vorliegen
; nur die Zinsrodel enthalten hie und da Abgaben
von .novalia'. Sicher ift, daß der größte Teil des Grund-
befitzes durch Landfchenkungen zufammengekommen ift.
Eine inftruktive Tabelle verauschaulicht das ftarke Anwachsen
diefer Schenkungen bis zum Ende des 9. Jahrhunderts
, dann ihr plötzliches und faft vollftändiges
Aufhören. Aus anderen Tabellen wieder kann man den
Charakter der Schenkungen ablefen. Anfänglich überwiegen
die bedingungslofen Schenkungen, während im
9. Jahrhundert die Bedingung des Lebensunterhaltes —
alfo eine Art Rentenverficherung — oder der Wahrung
des Erbrechts damit verbunden werden. Letztere, die
fog. Prekarien, werden fchließlich am häufigften. Sie
bringen dem Klofter nur einen Zins und die Möglichkeit
des Erwerbs nach dem Tode des letzten Erbberech-