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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

371-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumstark, Anton (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Oriens Christianus. Halbjahreshefte f. die Kunde des christl. Orients. Neue Serie. 3. (2. Heft), 4. (2 Hefte) u. 5. (1. Heft) Bd 1916

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 16/17.

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der bekannten Monographien von Everling und M. Di-
belius, den im Titel feines Buches genannten Gegenftand
nicht erledigt hätte. So meldet er fich zum Wort. Seine
Vorgänger befriedigen ihn nicht, weil fie unter Heranziehung
eines weitfchichtigen Vergleichsmaterials dem
Apoftel Anflehten zufchieben wollen, die niemand bei ihm
finden würde, der nur auf feine Briefe fieht. Vor allem
aber begehen fie den Fehler, anzunehmen, der Engelglaube
des Paulus enthielte disparate Elemente, was nichts
anderes bedeuten könne, als ihm den Charakter des von
Gott infpirierten Völkerlehrers abzuerkennen. Von derartigen
Exzeffen der Forfchung hält fich K. fern. Damit
ift die Art feiner Behandlung des Themas angedeutet,
zugleich auch auf die Grenze hingewiefen, die ihm gefleckt
ift. Seine Art, den Gegenftand anzufaffen, mag
vom katholifchen Standpunkt aus kirchlich korrekt fein,
wiffenfehaftlich befriedigend ift fie nicht.

Daß ich fie aus diefem Grunde als Ganzes ablehnen
zu müffen glaube, befagt natürlich nicht, daß fie auch in
allen Einzelheiten verfehlt ift. Im Gegenteil freue ich
mich feftftellen zu können, daß folide Arbeit in dem
Werke fteckt und das Ergebnis feiner exegetifchen Bemühung
vielfach Beifall verdient. Auf die Auslegung fällt
bei der Methode, Paulus wefentlich durch fich felber zu
erklären, naturgemäß das Hauptgewicht. Das Buch ftellt
fich fozufagen als ein Kommentar zu jenen Schriftftellen
dar — auch die Apoftelgefchichte und der Hebräerbrief
werden berückfichtigt —, die über den Engels- und
Teufelsglauben des Paulus Auffchluß gewähren. Dabei
ift einer Zweiteilung befolgt. Die erfte Hälfte befpricht
die Vorftellungen, die der Apoftel aus dem Juden- und
Urchriftentum übernommen hat. Die zweite Hälfte hat
es mit jenen Stellen zu tun, die nach der Meinung des
Verfaffers lehren, wie Paulus die gemeinchriftlichen Geifter-
anfehauungen vertieft hat. Hier find vor allem die Ge-
fangenfehaftsbriefe, unter ihnen in erfter Linie der Ko-
lofferbrief verwertet. ,Die Hinordnung der Geifter auf
Chriftus, das ift das Charakteriftifche an der paulinifchen
Angelologie; das ift jener Punkt, worin Paulus, erleuchtet
durch den göttlichen Offenbarungsgeift, den Engels- und
Teufelsglauben feiner Umgebung durchdacht und vertieft
hat' (S. 158).

■ Breslau. Walter Bauer.

Oriens christianus. Halbjahrshefte f. die Kunde des chriftl.
Orients. Begründet vom Prieftercollegium des deut-
fchen Campo Santo in Rom, im Auftrage der Görres-
gefellfchaft hrsg. v. Dr. A. Baumftark. Neue Serie.
(Bd. 3, 2. Heft 221—399 S.) Lex. 8°. Leipzig, O. Har-
raffowitz 1913.

— Dasfelbe. 4. Bd. (IV, 389 S.) Lex. 8°. Ebd. 1914.

M. 20 —

— Dasfelbe. 5.Bd. (IV, I.Heft 1— 220S.) Lex8°. Ebd. 1915.

Zu meinem größten Bedauern komme ich erft jetzt
dazu, die Anzeige des Oriens Christianus fortzufetzen.
Meine Behinderungsgründe haben jedenfalls mit dem trefflichen
Inhalt der vorliegenden Jahrgänge der Zeitfchrift
nichts zu tun.

Die Auffätze aus den biblifchen Wiffenfchaften in den
vorliegenden Jahrgängen haben für eine Umgeftaltung des
Bibeltextes oder für die Kritik nicht eine folche Bedeutung,
daß fie gerade befonders hervorzuheben wären. Über
Nikos A.Bees ift fchon vonDeißmanninSp.245 berichtet
worden. Rücker (IV, 219ff.) veröffentlicht aus einer fy-
rifchen Handfchrift des 16. Jahrhunderts eine Schilderung
der Einkleidung eines Mönchs mit dem großen Schema
bei den Syrern, und trägt damit wefentlich zur Kenntnis
der inneren Gefchichte des fyrifchen Mönchtums
bei. Ich habe nur Bedenken gegen die angewandten
Vergleiche mit dem griechifchen Mönchtum; dafür fcheint

mir die herangezogene Gefchichte des melchitifchen Patriarchats
von Cyrill Charon doch eine verdächtige Quelle zu
fein. Für die Kunde des griechifchen Mönchtums darf
man nur aus der Literatur des griechifchen Orients fchöp-
fen. Die Athosklöfter find doch wohl ziemlich maßgebend
für das, was fich für einen griechifchen Mönch gehört.
So ftimmen denn auch die beiden S. 236 u. 237 gegebenen
Bilder des fyrifchen und griechifchen ,Schemas' nicht
zueinander. Dem .fyrifchen Schema' würde bei dem Griechen
das jtolvGiavQiov entfprechen, das die Griechen über
dem .Schema' tragen. Ich berufe mich dafür abgefehen
von meinen Aufzeichnungen auf eine größere Bleifederzeichnung
des Mönchs Michael von der Prodromosfkiti
auf dem Athos, die er im Juli 1887 für meine Belehrung
hergeftellt hat. Die kirchliche Legendenliteratur bereichert
Kluge (IV, 246*.) mit feinem Bericht des Joseph von Ari-
maatia über den Bau der erften chriftlichen Kirche in
Lydda. Die Vorlage des georgifchen Textes, aus dem
der Verfaffer überfetzt, ift wahrfcheinlich eine fyrifche ge-
wefen. Die Legende, die nur zum Teil fich mit der von
Tifchendorf in den Evang. apokr. (1853 S. 436) veröffentlichten
vcpjyrjOig des Jofeph denkt, foll bis auf das 5. Jahrhundert
hinaufgehen. Die Studie Allgeiers über die
Siebenfchläferlegende (IV, 279 und V.ioff.) behandelt eingehend
und gründlich die fyrifchen Quellen diefer Erzählung
. Die Texte zerfallen in zwei Gruppen und ihnen
entfprechen eine längere und eine kürzere Überlieferung
des Stoffs. Diefe Teilung der Überlieferung beftand fchon
568. Die Schlußunterfuchung, die fich mit den Homilien
Jakobs von Sarug (+ 521) beschäftigt, kommt zu dem Ergebnis
, daß fchon die längere Form der Legende um das
Jahr 500 in Umlauf war.

Mit Vorliebe fcheint in den vorliegenden Jahrgängen
des O. Ch. die chriftliche Kunft in ihren vielartigen Er-
fcheinungen behandelt zu lein. Baumftark und Strzy-
gowski find da die Führer. Diefer tritt in dem Auffatz
Raenna als Vorort aramäifcher Kunft (V, 83) mit gewohntem
Nachdruck gegen die Überlieferung auf, Rom und
Byzanz als die Quellen chriftlicher Kunft anzufehen. Es
liegt ein Stück ausdrücklichen Gegenfatzes gegen den
abendländifchen Humanismus darin, der vielleicht darum
einen verftärkten Ausdruck erfahren hat, weil der Auffatz
eigentlich für eine ruffifche Zeitfchrift beftimmt war. Die
Sache felbft berührt das gewiß nicht. Und man läßt fich
gern belehren. In diefelbe Richtung, nämlich, den nicht-
griechifchen Orient als Urfprungsgebiet chriftlicher Kunft
hinzuftellen, geht Baumftark in den Ausführungen über
das .flehende Autorenbild etc.' (III, 305). In einer glänzend
durchgeführten Auseinanderfetzung macht Baumftark
IV, 64!!.) wahrfcheinlich, daß die auf dem elfenbein-
gefchnitzten, fpäteftens aus der karolingifchen Renaiffance
flammenden Diptychon als Hintergrund für das Leiden
und die Auferftehung Jefu dargeftellten Bauten die von
Konftantin und Helena auf Golgatha errichteten zur An-
fchauung bringen. Das Diptychon flammt aus dem Mailänder
Domfehatz. Einen wenig beachteten Kunftgegen-
ftand führt Kaufmann vor, nämlich den orthodoxen
Hoftienftempel und zwar in einem ältern Stück, das
zwifchen den gewohnten d/ivotg mit ihrem 12 X2 NIKA
die Bilder Konftantins und der Helena zeigt (IV, 86).
Meine vier auf dem Athos erworbenen modernen Stempel
zeigen diefe Eigenart nicht. Es wäre aber wohl zu
unterfuchen, ob diefe Stempel, die ftets mit einer Art
von Strahlenkranz umgeben find, nichtauchmitder Gottes-
licht-Myftik zufammenhängen, nur daß hier der Jefusname
eingetragen ift. Das was neuerdings Herr Profeffor Arnold
über die abendländifche Verehrung des Jefusnamens veröffentlicht
hat(Gefchichtl.Stud. für A.Hauck 1916S. 191fr.)
läßt eine gleichlaufende abendländifche Entwicklung möglich
erfcheinen, die aus derfelben Quelle flammt.

Aus diefen zur Probe angeführten Artikeln läßt fich
erkennen, über welche Stoffülle der Oriens Chriftianus verfügt
. Er ift unter der Leitung Baumflarks recht eigent-