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Ausgabe:

1916 Nr. 1

Spalte:

356

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grunwald, M. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. 17. u. 18. Jahrg. (1914 u. 1915.) Je 4 Hefte 1916

Rezensent:

Fiebig, Paul

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355

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 15.

fonft haben. Sie find fämtlich Variationen über das
Thema Chriftentum und Krieg, und nicht nur im weiteften
Zufammenhang diefer beiden Größen. Die Spannung, die
zwifchen beiden befteht, wirkt ftark mit. Hier findet fich
auch die vielbefprochene Ausführung ,Der Bankerott der
Chriftenheif (S. 19fr.). Vielleicht geben diefe Andachten
folchen Lefern am meiften, die in ähnlicher Stimmung
wie R. find, die alfo um des Chriftentums willen an der
einfachen Tatfache des Krieges faft überfchwer innerlich
zu tragen haben und fich mühfam in fie zu finden fuchen.
Doch forgt ihre eigenartige und feine Geftaltung, auch
der große Ernft des chriftlichen Gewiffens, der aus ihnen
fpricht, dafür, daß fie auch anders geftimmten Lefern
hilfreich find. — Unter dem Titel ,FeIfengrund in
eherner Zeit'20 hat Wilcke unter Mitwirkung anderer,
insbefondere von Militärpfarrern, 26 Betrachtungen (darunter
einige Gedichte und eine Predigt an Bismarcks
Sarge) gefammelt. Sie find insbefondere für Kadetten
beftimmt, im weiteren Sinn für alle Mitkämpfer, und bieten
manches recht Gute. Aber ob fie (oder manche) nicht
noch etwas knapper gefaßt fein follten? Merkwürdig
berührt die Aufzählung der Titel des Herausgebers: fürft-
licher Erzieher, Prinzenerzieher, Zivilerzieher. — Sehr
praktifch erfcheinen mir die von Pfarrer v. d. Heydt,
Domprediger Lic. Baumann, Garnifonpfarrer Lic. Gabriel,
Prediger Renkewitz verfaßten ,Ernften Gedanken eines
Feldgrauen'21. Sie knüpfen überall ans wirkliche Leben
des Soldaten an, und führen — oft ganz unmerklich — von
da in die Tiefe religiöfen Erlebens. Dabei werden fie
niemals langatmig. — Heber22 fchreibt an einen befreundeten
, im Lazarett liegenden Offizier vier Briefe über
das Abendmahl. Die Faffung ift trotz alles Bemühens
noch etwas zu pädagogifch; der Inhalt ift ganz praktifch
und recht gut. Die zugrunde liegende Auffaffung ift die
finnbildliche; die Gnadengabe des Sakraments ift die
perfönliche Lebensgemeinfchaft mit dem erhöhten Herrn.
— ,An den frühen Gräbern'23 ftellt allerhand Worte,
die zum Troft dienen können, zufammen; folche aus
ältefter, alter und neuer Zeit, aus der Bibel und den
Klaffikern, in Poefie und Profa. — E. Krebs24 hat im
Kath. Gemeindeblatt von Freiburg i. Br. die Kriegsereig-
niffe mit fortlaufenden Betrachtungen religiöfen und ethi-
fchen Inhalts begleitet, die nun gefammelt vorliegen. Wir
freuen uns des Zeugniffes für die Gefinnung der füd-
deutfchen Katholiken, das hier niedergelegt ift, und vieler
ernfter und guter Gedanken. Die katholifche Sonderart
tritt wenig hervor; das Schlußkapitel mahnt fo dringend
als nur möglich, die Einigkeit auch nach dem Krieg zu
halten. ,Wird dann die Einigkeit noch möglich fein? Sie
wird es, denn fie muß es'. —

7. Anderes. Geißler26 ftellt aus Berichten an den
Guftav-Adolf-Verein zufammen, was über die Lage der
evangelifchen Gemeinden und befonders der deutfchen
Auslandsdiafpora in den feindlichen und den neutralen
Ländern wiffenswert ift. Überfichtliche Ordnung, klare
Tatfachendarbietung zeichnen das Heft aus.

Gießen. M. Schian.

20) Wilcke, Erzieher P.: Felfengrund eiferner Zeit! Worte f. alle
Mitkämpfer. Unter Mitwirkg. v. Militärpfarrern daheim u. im Felde gefammelt
u. hrsg. (68 S.) 8». Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1915.
M. — 50

21) Ernfte Gedanken aus dem Felde. Für unfere Feldgrauen. (62 S.)
160. Berlin, Verlag des Ev. Bundes 1915. M. —20

22) H eber, Paft. Dr.: Vom heiligen Abendmahl. Briefe an e. Offizier
. (38 S.) kl. 8». Leipzig, A. Strauch 1915. M.

23) Gilow, Herrn.: An den frühen Gräbern unferer Helden. Stimmen
der Klage u. Erhebg. aus Dichter- u. Denkermund. Ein Troftbrevier,
gefammelt v. G. (55 S.) kl. 8°. Berlin, Weidmann 1915. M. — 80

24) Krebs, Engelb.: Das Geheimnis unferer Stärke. Dritte Reihe
der Gedanken über den großen Krieg. I. u. 2. Aufl. (VII, 139 S.) 8°.
Freiburg i. B., Herder 1916. M. 1.50; Pappbd. M. 1.80

25) Geißler, Gen.-Sekr. Bruno: Die evangelifchen Gemeinden in
den Kriegsgebieten. Schilderungen aus Berichten an den Guftav-Adolf-
Verein, hrsg. v. G. 3. (ergänzte) Aufl. (10 bis 12. Tauf.) (80 S.) 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1915. M. —50

Referate.

Glittmann, Jacob: Die religionsphilorophirchen Lehren des lfaak
Abravanel. (Schriften, hrsg. v. d. Gefellfch. z. Förderg. d. Wiff.
d. Judentums.) (XII, 116 S.) gr. 8». Breslau, M. u. H. Marcus
1916. M. 4.80; geb. M. 6.30

Der Glanz der gefchichtlichen Perfönlichkeit des Abravanel
(1435—1509), der u. a. in Portugal, Spanien, Neapel und Venedig
hohe Finanzftellungen innehatte, ift bisher vielfach einer vollen
Würdigung feiner wiffenfchaftlichen Bedeutung abträglich gewefen.
Diefem Mangel hilft die vorliegende Schrift in vollendeter Weife
ab. Meifterliche Beherrfchung des fpeziellen wie des allgemein
religionsphilofophifchen Stoffes, lichtvolle, intereffante Darftel-
Iungsweife, wiffenfchaftliche Zuverläfflgkeit find bei dem Nachfolger
Manuel Joels (deffen Andenken das Werk gewidmet ift) Selbft-
verftändlichkeiten. Religionsphilofophifch wie dogmengefchicht-
lich überaus wertvoll ift die Darftellung der Lehren A.'s über
Gottes Attribute, Vorfehung und Wiffen, über die menfchliche
Willensfreiheit, die Zeitlichkeit der Schöpfung, Wunder und Propheten
, über die Seele, den Meffias und die jüdifchen Grundlehren
. Befonderes Intereffe erweckt der Nachweis der von A.
benutzten jüdifchen, griechifch-römifchen, arabifchen und chriftlichen
Literatur (hier befonders A.'s rühmende Urteile über
Augustinus, Albertus Magnus, Thomas von Aquino, Nicolaus de
Lyra fowie die Behauptung chriftlichen Urfprungs der Erzählung
von Bei und dem Drachen zu Babel). — S. 16 lies: ,unter den
jüdifchen Schriftftellern Spaniens'; S. 46 u.: ,Biblia'; S. 72,
I Z. 7: ,glauben'. Im übrigen entfprechen Druck und Ausftattung
dem wiffenfchaftlichen Werte der Schrift.
Leipzig. Erich Bifchoff.

Mitteilungen zur jüdifchen Volkskunde. Zugleich Organ der Ge-
fellfchaft f. jüd. Volkskunde in Hamburg. Hrsg. v. Rabb.
Dr. M. Grunwald. 17. u. 18. Jahrg. (1914 u. 1915.) Je 4 Hefte,
gr. 8». Wien (XV, Mariahilferftr. 167), Dr. M. Grunwald.

Je M. 5-

Auch diefe Jahrgänge bieten wieder viel Lehrreiches und
Wertvolles, fo der 17. Jahrgang vor allem einen gründlichen
Auffatz von A. Z. Idelfohn (Jerufalem) über die Juden in Jemen
und Perfien und der 18. Jahrgang aus der Feder des bekannten
S. Krauss (Wien) Ergänzungen zu deffen Talmudifcher Archäologie
, betitelt: ,Aus der jüdifchen Volksküche'. Hier werden die an
den jüdifchen Feften und Feiertagen üblichen und üblich ge-
wefenen Gerichte behandelt, wobei Krauss eine Fülle von Gelehr-
famkeit ausbreitet. Im 18. Jahrg., Heft 3—4 veröffentlicht der
Herausgeber felber eine höchft lehrreiche Handfchrift, die jüdifche
Frauengebete enthält, und zwar in jüdifch-deutfcher Sprache.
Gotha. Fiebig.

Börner, Aloys: Die Pilgerfahrt des träumenden Mönchs. Aus der

Berleburger Handfchrift hrsg. (Deutfche Texte des Mittelalters.
Bd. XXV.) (XX, 328 S. m. 3 Tafeln.) gr. 8». Berlin, Weidmann
1915. M. 12.60
Der Zifterzienfer Guillaume de Deguileville aus dem Klofter
Chaalis (Departement Oise) verfaßte in den Jahren 1330—32 ein
Traumgedicht, betitelt Le Pelerinage de Vie humaine. Es fand
großen Beifall und wurde vielfach bearbeitet und überfetzt, befonders
ins Englifche. Neuerdings find auch drei deutfche Über-
fetzungen aufgefunden worden, zwei poetifche und eine in Profa.
Die ältefte diefer deutfchen Übertragungen, eine der beiden poe-
tifchen, findet fich in einer Hf. der Schloßbibliothek des Fürften
Sayn-Wittgenftein; diefe Bearbeitung legt uns der Herausgeber
in feiner Ausgabe vor. Die umfangreiche, faft 14000 Verfe umfallende
Dichtung ift ein allegorifches Lehrgedicht. Gottes Gnade,
Rechtes Verftändnis, Natur, Wahre Liebe und Buße ufw., alle als
Perfonen gedacht, treten auf, disputieren und belehren. So disputieren
z. B. Ariftoteles und Weisheit über das wunderbare
Brot im Altarfakrament. Oder: Gottes Gnade gibt dem Pilger
Sack und Stab. Der Sack ift die Hoffnung. An ihm hängen 12
Schellen, die 12 Glaubensartikel. Dazu drei kleine Schellen: das
ift die Trinität. Es find auch Blutstropfen am Sack; die rühren
von den Märtyrern her. Oder: Gottes Gnade führt den Pilger
in ihre Waffenkammer und gibt ihm ein Wams (Geduld), einen
Panzer (Stärke), einen Kragen (Nüchternheit) ufw. Diefe Beifpiele
mögen die Art der Dichtung verdeutlichen. Dem Herausgeber,
der diefe intereffante Quelle typifcher mittelalterlicher Frömmigkeit
uns erfchloffen hat, gebührt aller Dank. Über fein germa-
niftifches Können vermag ich nicht zu urteilen.

Leipzig. Karl Heuffi.