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Ausgabe:

1916 Nr. 14

Spalte:

325-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hergenröther, Joseph

Titel/Untertitel:

Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte. 2. Bd. 5. Aufl. Neu bearb. v. Johann Peter Kirsch 1916

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 14.

326

hatte und als deffen Autor Brody Eleazar b. Jakob ha- j
babli feftftellte; auch gelang es einige andere Gedichtfragmente
, die z. T. auch veröffentlicht waren, als zu diefem
Diwan gehörig zu erweifen. Endlich verdankt der Autor
Herrn Prof. Goldziher den wichtigen Hinweis auf eine |
arabifche Beftallungsurkunde für den Bagdader Gaon
Daniel, die fich in einem Fragment des Kitab elgämi'
elmuhtasar fl 'inwän ettärlh wa'ujün essijar des Ibn as-
Sfi'i findet, das in der Kairenfer Monatsfchrift el-Moqtabas
im Jahre 1908 veröffentlicht war und nun von Poznanski j
S. 37ff. ausführlich befprochen wird.

Auf Grund diefer Quellen, die er mit bewährter Sorgfalt
und Sachkenntnis behandelt, legt Posnanski zum erften
Male eine fortlaufende Darftellung diefer bisher wenig bekannten
Periode jüdifcher Gelehrtengefchichte vor. In Anhängen
gibt er zunächft feine wichtigften Quellen, ein
Responsum Samuel b. 'Alis an Mofe aus Kiew und eine
Erklärung von ihm zu Ketubot 63a, einen Teil eines ara-
bifchen Briefes von Maimonides an feinen Schüler Jofef
b. Jehuda ibn 'Aknin, hiftorifch wichtige Gedichte aus
dem bereits erwähnten Diwan des Eleazar b. Jacob haba-
bli und eine akroftichifche 'Aqeda des Gaon 'Ali II. In einem
weiteren Anhang behandelt P., den Rahmen feiner Aufgabe
überfchreitend, die ,Nicht-Geonim mit dem Titel Gaon'
und endlich die Exilarchen in nachgaonäifcher Zeit. Die
Abfchrift der Gedichte verdankt Poznanski der Gefälligkeit
Brodys von dem auch ein Teil der inftruktiven Anmerkungen
zum Text derfelben herrührt.

Die Behandlung der Quellen und ihre hiftorifche Auswertung
durch den gelehrten Verfaffer find durch Scharfblick
und richtiges Urteil gekennzeichnet. So wird die
fleißige und umfichtige Arbeit auf den Dank aller Be-
nützer rechnen können.

Wien. H. Torczyner.

Hergenröther's, Jofeph Kardinal, Handbuch der allgemeinen
Kirchengetchichte. Neu bearb. v. Päpftl. Hausprälat
Prof. Dr. Johann Peter Kirfch. 2. Band: Die
Kirche als Leiterin der abendländifchen Gefellfchaft. Mit
1 Karte: Provinciae eccles. Europae medio saec. XIV.
5. verb. Aufl. (XIV, 798 S.) gr. 8°. Freiburg, Herder
1913. M. 12—; geb. M. 13.60

Hergenröthers Kirchengefchichte ift wegen ihrer
Gründlichkeit und Reichhaltigkeit immer viel benutzt
worden, bei Proteftanten wie bei Katholiken. Befonders
der das Mittelalter behandelnde Teil war wertvoll, weil
hier der Verfaffer am beften zu Haufe war und feine
Spezialforfchungen gut verwerten konnte. Damit hing
es zufammen, daß auch die byzantinifche Kirche reichlichere
Berückfichtigung fand, als man fie in anderen
Lehrbüchern antraf. Freilich zeigte fich auch hier der
römifche Standpunkt des Verfaffers, der es zu einer
vollen und gerechten Würdigung der griechifchen Kirche
nicht kommen ließ. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
es richtig ift, das Werk immer wieder neu aufzulegen
und es für die Bedürfniffe der Gegenwart zurechtzumachen
. Der vorliegende 2. Band ift in der 5. Auflage
von Prof. Kirfch in Freiburg-Schweiz bearbeitet worden
und zeigt fchon äußerlich gegenüber den früheren Auflagen
die eine große Änderung, daß das fpätere Mittelalter
(vom Anfang des 14. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts
) weggeblieben und für den 3. Band aufgefpart
worden ift. Der 3. Band foll nach der von Kirfch im
1. Bande begründeten Anordnung die Zeit bis zur Mitte
des 17. Jahrhunderts umfaffen. Mir fcheint diefe Anordnung
, wenn fie etwas anderes fein foll als eine Zerlegung
des Stoffes in vier möglichft gleiche Teile, für eine katho-
lifche Kirchengefchichte recht anfechtbar zu fein. Innerhalb
des behandelten Zeitraumes vom endenden 7. bis
beginnenden 14. Jahrhundert find nur wenige wichtigere
Änderungen vorgenommen worden. Sichere Ergebniffe

der Forfchung find aufmerkfam berückfichtigt, unhaltbare
Angaben befeitigt oder verbeffert, die neuere Literatur
reichlich, vielleicht mitunter zu reichlich nachgetragen;
bei noch ungelöften Fragen werden die entgegenftehen-
den Meinungen mitgeteilt und die Möglichkeit zu eigener
Orientierung des Benutzers geboten. Als befonders wertvoll
wurden immer die Angaben über die Quellen betrachtet
; und auch hier hat der Bearbeiter mannigfache
Verbefferungen eingetragen. Doch hätte ohne Beeinträchtigung
der Ehrfurcht vor der Grundlage des Werkes
noch mancherlei geändert werden können und müffen.
Der Aufbau innerhalb der gewählten Abfchnitte ift
immer noch zu fchematifch und läßt den Benutzer ein
Bild von dem Fortfehreiten der mittelalterlichen Kirchengefchichte
nicht gewinnen; die Perfönlichkeiten treten oft
nicht fcharf genug hervor und die treibenden Kräfte find
an ihrer Stelle nicht deutlich genug herausgearbeitet. Die
Rückfichtnahme auf das dogmatifche Gebiet tritt ftärker
hervor als die auf manche andere Gebiete, die dank der
Beftrebungen der neueren Forfchungen berückfichtigt
werden müffen; das Künftlerifche ift doch nur wenig berührt
, den Erfcheinungen des Volkslebens kaum Genüge
getan. Man erwartet von einem Werke, das über weite
Gebiete fo reichhaltig ift und Vollftändigkeit anftrebt,
eine Einführung in das Gefamtleben der mittelalterlichen
Kirche; aber vielleicht ift das ein Ideal, das zu verwirklichen
jetzt die Zeit noch nicht gekommen ift.

Kiel. G. Ficker.

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte und Unterfuchgn.
In Verbindg. m. dem Verein f. Reformationsgefchichte
hrsg. v. D. Walter Friedensburg. 12. Jahrg. (IV,
320 S.) gr. 8°. Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1915.

M. 10.75; Einzelpreis M. 15 —

Der neue Jahrgang bringt zwei große Arbeiten.
Pallas gibt 54 Urkunden zur Gefchichte des Allerheiligen-
ftiftes, die außer einer von Pallas beigegebenen von
f Nik. Müller gefammelt und bearbeitet find und ein
wehmütiges Denkmal feiner gründlichen Forfchertätigkeit
bilden. Sie füllten einen Ausfchnitt des groß angelegten
Urkundenwerkes über die Entwicklung des ganzen Kir-
chenwetens Wittenbergs von 1521 bis 1533 bilden, zu
deffen Ausführung er aber nicht kam. Die jetzt veröffentlichten
Urkunden zeigen das allmähliche Abbröckeln
der alten gottesdienftlichen Formen im Allerheiligenftift,
den Sieg der reformatorifchen Gedanken vom Gottes-
dienft, aber auch die vorfichtige Haltung des Kurfürften
gegenüber dem ftürmifchen Eifer Luthers. Müller gibt
in feinen reichhaltigen Anmerkungen einen Einblick in
die Menge von Gottesdienften und Prieftern des Stifts,
die 4010 Lichter benötigen, und die Förderung des St.
Annakultes durch den Kurfürften und Biographien,
welche feine ,Wittenberger Bewegung' ergänzen. Wichtig
find die Gottesdienftordnungen vom 24. Dez. 1524 und
vom Herbft 1528 und deren hartes Urteil über die bisherigen
Stiftsherren (S. 125). S. 31,22 ift ftatt mitValten Gewalt
wohl zu lefen mit vollem Gewalt (Vollmacht).

O. Albrecht und P. Flemming veröffentlichen
Knaakes Abfchrift des einft im Befitz des Seminardirektors
Schneider in Neuwied befindlichen, jetzt ver-
fchollenen Manuscriptum Thomafianum, einer überaus
wichtigen Sammlung von Reformatorenbriefen, deren
Inhalt und Gefchichte Flemming befchreibt. Auch
Seidemann hat eine unvollftändige Abfchrift des Manu-
fkripts gefertigt, die fo gut wie ausnahmslos mit der
Knaakes übereinftimmt, welche fomit als guter Erfatz
des Manufkripts gelten darf. Auch Th. Preffel hat das
Manufkript für feine Biographie des Juftus Jonas und
noch mehr für feine Anecdota Brentiana benützt, aber
feine Texte bedürfen der Nachprüfung, deren Ergebnis
jetzt gegeben ift. Wir erhalten Nr. 1—25 meift Briefe