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Ausgabe:

1916 Nr. 12

Spalte:

284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoffmann, Heinr.

Titel/Untertitel:

Die Aufklärung 1916

Rezensent:

Zscharnack, Leopold

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Seite 1

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283

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 12.

284

zu iWnrtl ti'm n1l!)j der deutfche Text wimmelt von orthogra-
phifchen, grammatifchen, ftiliftifchen und logifchen Fehlern, ganz
abgefehen von den fachlichen Irrtümern. Ein vollftändiges
Fehlerverzeichnis würde zwei volle Nummern diefer Zeitfchrift
füllen. Über das im Titel angegebene Thema handeln eigentlich
nur S. 24—37, obendrein in dürftigfter Weife und z. T. fogar irreführend
. Hoffentlich verhindert nicht nur der Krieg die Veröffentlichung
des in der Vorrede erwähnten größeren Werkes'.
Leipzig. Erich Bifchoff.

Moog, Ernft: Antoine Arnaulds Stellung zu den kirchlichen Verfaffungs-
fragen im Kampf mit den Jcfuiten. Eine Abhandlung. (Diff.
Bern.) (VII, 74 S.) gr. 8». Bern 1914.
In diefer Erftlingsarbeit (Doktor-Abhandlung) ift das Wiffens-
werte über den Inhalt der Auffchrift des Schriftchens im allgemeinen
gut zufammengeftellt. Wunder nimmt allerdings, daß
die berüchtigte jefuitifche fourberie de Douai nicht einmal erwähnt
wird, obwohl diefer Schlechte Streich' derjefuiten, ,stellionatus',
wie Leibniz ihn nennt (es handelt fich um den betrügerifchen
Mißbrauch von Arnaulds Namen und um Fälfchung von Briefen
Arnaulds durch die Jefuiten), viel Staub aufgewirbelt und vier
öffentliche, fehr intereffante ,Klagen' (plaintes) Arnaulds hervorgerufen
hat. Reufch, deffen wertvolle ,Beiträge' Moog in feiner
Quellen-Angabe merkwürdigerweife nicht aufführt, hat die fourberie
als ,IlIuftration des Satzes: Der Zweck heiligt die Mittel'
ausführlich behandelt (Beiträge zur Gefchichte des Jefuitenordens,
München 1894, S. 169—197).

Berlin. Graf Hoensbroech.

Pfannkuche, Pfr. Dr. Aug.: Staat u. Kirche in ihrem gegenteiligen
Verhältnis feit der Reformation. Gefchichtlich dargeftellt. (Aus
Natur u. Geifteswelt. 485. Bdchn.) (IV, 118 S.) kl. 8''. Leipzig,
B. G. Teubner 1915. M. 1—; geb. M. 1.25

Zweck der Schrift ift nicht, zu den gegenwärtig in Deutschland
fich geltend machenden Bestrebungen auf anderweitige Regelung
des Verhältniffes von Staat und Kirche kritifch Stellung
zu nehmen; fie will einen Überblick geben über die Gefchichte
des Problems ,Staat und Kirche' feit den Tagen der Reformation
bis zur Gegenwart. Diefer Überblick wird in knapper, fehr klarer
und lebendiger Weife geboten, mit guter Kenntnis der neueften
theologifchen und kirchenrechtlichen Literatur zu unfrer Frage
— die übrigens nur ganz ausnahmsweife zitiert wird. Befonderes
Gewicht hat Verf. auf die Schilderung der Entwicklung des 19.
Jahrhunderts gelegt; 85 von den 118 Seiten entfallen auf diefen
Teil der Darfteilung. Daß die Behandlung des umfallenden
Problems auf dem zur Verfügung ftehenden Raum nicht voll-
ftändig fein kann, ift ebenfo verftändlich wie das andere, daß
Auswahl wie Gruppierung des Materials nicht unbeeinflußt vom
perfönlichen Standpunkt des Verf. ift. Zu direkten Fehlern,
wie bei der Behauptung, Auguftana Art. 14 halte an Luthers Auf-
faffung von 1523 feft, die örtliche Einzelgemeinde als das Zentrum
der Kirchenbildung anzufehen, führt den Verf. fein perfönlicher
Standpunkt fonft nicht. Aber man kann nicht fagen, daß man
von den Grundfätzen Luthers und Calvins bezüglich der ,Kirche'
ein richtiges Bild bekäme. Dagegen wird der Lefer über die
Hauptpunkte der Entwicklung vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart
im allgemeinen recht gut orientiert.

Halle a. S. K. Eger.

Bergmann, Priv.-Doz. Ernft: Ernft Platner u. die Kunftphilofophie
des 18. Jahrh. Nach ungedruckten Quellen dargeftellt. Im
Anh.: Platners Briefwechfel m. dem Herzog v. Auguftenburg
üb. die Kantifche Philofophie u. a. (XV, 349 S. m. 1. Bildnis.)
8°. Leipzig, F. Meiner 1913. M. 10—

B.s beachtenswerte Studie intereffiert zunächft den Kunft-
hiftoriker und Kunftphilofophen, in deffen Fach fchon B.s frühere
Arbeit über ,Die Begründung der deutfchen Äfthetik durch A. G.
Baumgarten und G. Fr. Meier' (1911) fiel. Betrieb der berühmte
Baumgarten, bekanntlich der Bruder des Hallenfer Theologen Sigmund
Jakob B., die Äfthetik als Schönheitslehre und Gefchmacks-
kritik, fo liegt der Fortfehritt bei Platner, deffen ungedruckte
,Vorlefungen über Äfthetik' neben Briefen Pl.s die Hauptquelle
für B. bilden, darin, daß er die Äfthetik als kunftphilofophifches
Syftem auf der Grundlage der Leibnizfehen Philofophie, zu deren
Hauptvertretern er ja in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gehört
hat, entwickelt hat. Fällt fchon bei der Darfteilung der philofo-
phifchen Grundlagen und des fyftematifchen Aufbaus fowie der
Nachwirkungen der Pl.fchen Äfthetik (auch bei K. Ph. Moritz
und Goethe!) vielerlei für den Theologen ab, fo intereffleren diefen
infonderheit doch die Ausführungen über den Zufammenftoß Pl.s

mit dem fächfifchen Oberkirchenrat wegen feiner religiös-aufkläre-
rifchen Beftrebungen, von denen feine Schriften — angeklagt
waren die ,Philofophifchen Aphorismen' v. J. 1776 — und noch
deutlicher feine Vorlefungen Zeugnis ablegen. B. hat in den
Perfonalakten der Leipziger Univerfitätskanzlei die gegen Pl.s
.Aphorismen' und ihren ,hiftorifchen Skeptizismus', ihre Eber-
hardfehen Anfchauungen und fonftigen ,dem Gemeinen Wefen
fchädlichen Principia' gerichtete König!. Kabinettsorder vom 26.
Nov. 1777 aufgefunden (Abdruck in Anhang I, S. 313-318; vgl.
dazu S. 61 ff.); er betrachtet diefe Order als kleines Seitenftück
zur Maßregelung Kants durch Wöllner, hätte fie aber vor allem
wohl im Zufammenhang mit dem kurfächflfehen Edikt gegen die
Neologie v. J. 1776 würdigen müffen. Pl.s Verantwortungsfchrei-
ben ift bisher nicht aufgefunden worden.
Berlin-Steglitz. Leopold Zfcharnack.

Hoff mann, Lic. Prof. Dr. Heinr.: Die Aufklärung. 1.—5. Tauf.
(Religionsgefchichtl. Volksbücher. IV. Reihe, 19. Heft.) (48 S.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1912. M. —50; geb. M. — 80

Hoffmanns Volksbuch ift mit um fo größerer Freude zu begrüßen
, als man bekanntlich leider weithin auch in theologifchen
Kreifen noch immer einem wenig fachlichen Urteil betreffs des Zeitalters
der Aufklärung und infonderheit der kirchlichen Wirkungen
diefer grundlegenden modernen Geiftesbewegung begegnet. Wie
in der ,Religion in Gefchichte und Gegenwart', wo er in Bd. I.
S. 765—788 denfelben Gegenftand knapp und kurz behandelt hat,
fo gibt H. auch hier in ruhig abwägender Darftellung die Ergeb-
niffe unterer neueren Bemühungen um Erfchließung jener Ge-
fchichtsperiode. Er fchildert in einem kürzeren Kapitel das
Wefen der Aufklärung und ihre Wirkung auf die verfchiedenen
Lebensgebiete, wie Wiffenfchaft, Staat, Recht, Wirtfchaftsleben,
Moral, Erziehungswefen, Toleranzfrage und endlich auch auf die
Religion, wobei die Mannigfaltigkeit der Anfchauungen der verfchiedenen
Zweige der Aufklärungsbewegung gut zur Darftellung
kommt. Der Hauptteil des Büchleins Hellt dann den gefchicht-
lichen Verlauf der Aufklärungsbewegung in Holland, England,
Frankreich, Deutfchland dar, wobei H. auch in wohlabgewogener
Weife von der Vorbereitung der Aufklärung durch Reformation und
Renaiffance redet, — im Blick auf Troeltfchs heiß umftrittene Theten
, doch — wie dies für das ganze Büchlein charakteriftifch ift —
in durchaus pofitiver Form ohne Polemik. Als wichtigften Beitrag
der Reformation zur Entftehung der Aufklärung bezeichnet
Hoffmann die bekanntlich für das Verftändnis der franzöflfehen
Bewegung einerfeits und ihrer holländifchen, englifchen, deutfchen
Parallelen anderfeits nicht unwichtige Tatlache, daß die Reformation
,eine Seelenart gefchaffen hat, die geeigneter war als die
in der Schule der Katholiken erzogene, fich den Autoritäten frei
entgegenzuftellen, ohne dabei radikal oder frivol zu werden'.
Daß H. trotz jener in der Reformation vorhandenen ,vorbereitenden
' Elemente die Aufklärung keineswegs ohne weiteres als eine
Tochter des Proteftantismus' anfleht, foll, um Mißverftändniffen
vorzubeugen, noch ausdrücklich betont werden.
Berlin-Steglitz. Leopold Zfcharnack.

Wolf, Gymn.-Prof. Dr, Heinr.: Angewandte Kirchengefchichte. Eine
Erziehg. zum nationalen Denken u. Wollen. (XV, 470 S.)
gr. 8». Leipzig, Dieterich 1914. M. 5—; geb. M. 6—

Ein Tendenzwerk, aber ein gründliches und mindeftens me-
thodifch lehrreiches. Der Verf. will den Ultramontanismus, den
politifchen (nicht den religiöfen) Katholizismus, zumal in der
Form des Jefuitismus bekämpfen, indem er ihn aus der Gefchichte
als den Feind jeder gefunden, völkifchen, freiheitlichen Frömmigkeit
und Kultur aufweift. Zu dem Zweck Hellt er ihn in den
Rahmen eines großen von den Tagen der babylonifchen und
ägyptifchen Kultur bis in die Gegenwart wogenden Geilterkampfes,
in dem das Prieftertum gegen die Laienfrömmigkeit, ein gewalttätiger
Univerfalismus gegen die natürliche Mannigfaltigkeit nationaler
Staaten und Kulturen, Herdenmenfchentum gegen Perfön-
lichkeitsausbildung kämpft. Die Ideale des Verfaffers find: Harmonie
zwifchen Volkstum, Staat und Religion, charaktervolle
Befonderheit, innere Freiheit, die er als deutfche Eigenart fchon
zu fchildern weiß. Seine kirchenpolitifchen Urteile find nicht
immer ganz billig und auch feine politifche Stellung (alldeutfch,
rechtsnationalliberal) hat etwas Unduldrames, aber das Buch ift
nicht nur charaktervoll, fondern auch methodifch lehrreich durch
die immer wiederholten Rückblicke und Vergleiche. So ift ein gewaltiger
Stoff geiftig beherrfcht, und der Lehrer lernt, feine
Schüler zu ähnlicher Beherrfchung anzuleiten. Deshalb habe
ich es bis zum Ende mit Intereffe geleren.
Hannover. Schufter.