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1916 Nr. 11

Spalte:

253-254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

d‘Alembert, Einleitung in die französische Enzyklopädie von 1751. Hrsg. u. erläut. v. Eugen Hirschberg. 2 Teile. (Philosophische BIbliothek. Bd. 140 a. b.) 1916

Rezensent:

Zscharnack, Leopold

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. Ii.

254

aber follte nicht doch der gefchichtliche Kern für die
fpätere phantafievolle Ausfchmückung feiner Begegnung
mit Frau Cotta eben im Kurrendefingen gegeben fein ? —
Auch die Frage berührt Sch., welchen Eindruck das Bild
der Heiligen Eifenachs, der heiligen Elifabet, auf L. gemacht
habe. Er fucht aus Eifenacher Quellen zu ermitteln, was
man fich dort von ihr erzählte. Wäre es nicht erwünfcht,
hier feftzuftellen, was L. felbft fpäter von ihr zu fagen
wußte? vgl. außer Schäfer, L. als Kirchenhiftoriker 438f.
Erl. Ausg. 39, 241. Der Eindruck fcheint nicht eben tief
und nachhaltig gewefen zu fein. — Das Glanzftück ift die
Behandlung des Erfurter philofophifchen Studienganges L.s.
Hier füllt Sch. eine empfindliche Lücke in den bisherigen
Darftellungen aus. Gründliche Studien in den philofophifchen
Lehrbüchern von Trutvetter und Ufingen ermöglichen
es ihm, uns zu zeigen, was der Student L. damals
gelernt hat. Es ergibt fich ein weit günftigeres Bild von
dem, was tatfächlich gelehrt wurde, und von der bleibenden
Bedeutung, die diele Grundlegung auch noch für den
religiös und theologifch neue Wege einfchlagenden L.
behalten hat, als bisher angenommen wurde. Ift in den
früheren Abfchnitten die Lutherforfchung Sch. zu Dank
verpflichtet wegen der gründlichen Nachprüfung der Überlieferung
, der Ausfcheidung von allen Legendenbildungen,
auch wegen der fortgefetzten Betonung des nur begrenzten
Wertes der eignen Ausfagen des fpäteren Reformators
über Jugenderfahrungen und Jugendeindrücke, da fie von
feiner fpäteren Erkenntnis aus abgegeben werden und
dogmatifche Urteile einmifchen, fo ift er hier der kundige
Führer durch eine bisher wenig erfchloffene Welt des
Geifteslebens. Hier empfängt L. feine erkenntnistheore-
tifchen Grundlagen und hier fein Weltwiffen, und beides
bleibt Beftandteil feiner Geiftesbildung. Den Ertrag diefer
Unterfuchungen hat Sch. felbft in feinem Beitrag zur Feft-
fchrift für Hauck zufammengefaßt. Diefe Abfchnitte feines
Buches find keine leichte Koft, aber durch fie hat er fich
unfern wärmften Dank verdient. Höchft dankenswert ift
auch die Betonung der Tatfache, daß der Erfurter Hu-
maniftenkreis, der fich an den Gothaer Mutianus anfchloß,
erft fich fammelte, als Luthers philofophifcher Studiengang
beendet und er im Klofter war. Von einem Einfluß auf
den Studenten L. von diefer Seite kann alfo nicht geredet
werden. Das Contubernium, an das ihn Crotus fpäter
erinnert, ift daher nicht von einem humaniftifchen Studen-
tenkreife zu verftehen, in dem L. fich bewegte, fondern von
dem Leben in der gleichen Burfe. Für Mutian ift Luther
noch 1515 ein Unbekannter. Vorzüglich ift auch die Dar-
ftellung der ganzen Univerfitätseinrichtung, all der Vor-
fchriften und der Regelung des Studienganges, der Prüfungen
und Lehrpflichten der Graduierten. So eingehend
find diefe Verhältniffe fonft noch nirgend dargelegt worden.
— Kurz, eine vollgewichtige, die Lutherforfchung in ihrer
Kritik, wie in dem Neuen, das fie erfchließt, auf Schritt
und Tritt fördernde Arbeit, deren Vollendung wir mit
hohen Erwartungen entgegenfehen.

Berlin- G. Kawerau.

d'Alembert: Einleitung in die franzörifche Enzyklopädie v.
1751. (Discours preliminaire). Hrsg. u. erläutert v. Dr.
Eugen Hirfchberg. 2 Tie. (Philofophifche Bibliothek
140a. b.) 8°. Leipzig, F. Meiner 1912. M. 4 —

L Text. (XXIII, 164 S.) M. 2.50 —. II. Erläuteruogen. (VIII,
192 S.) M. 1.50.

Ob d'Alemberts berühmter ,Discours preliminaire' zur
Enzyklopädie vom Jahre 1751 mit feiner logifch-fyftema-
tifchen, an Bacon angelehnten Gliederung der Wiffen-
fchaften als Kernftück und dem intereffanten hiftorifchen
Rückblick auf die intellektuelle und äfthetifche Entwicklung
feit der Renaiffance wirklich, wie der Herausgeber
der vorliegenden Verdeutfchung (Bd. I, S. XVII) meint,
in unferen höheren Lehranftalten ebenfo wie in den I

franzöfifchen als philofophilche Propädeutik benutzt
werden follte, kann zweifelhaft fein; bezw. wer nicht
Hirfchbergs oft doch wohl zu weitgehende Begeifterung
für die franzöfifche Aufklärungsphilofophie und den f. ET.
bei der künftigen Renaiffance der Philofophie zugrunde
zu legenden d'Alembert-Comtefchen Pofitivismus teilt,
wird gegenüber jener pädagogifchen Benutzung eines
unferm deutfchen Denken doch in fo vielem entgegengefetzten
und u. E. unterlegenen Buches die größten Bedenken
erheben, weil fie einem innerhalb der hiftorifchen
Entwicklung unbedingt wertvollen Dokument einen ihm
gleichwohl nicht zukommenden Gegenwartswert beilegen
würde. Damit foll aber natürlich gegen das Studium
diefes Discours feitens der für die neuere Geiftesgefchichte
Intereffierten nicht das Minderte gefagt fein. Man wird
im Gegenteil Hirfchberg Dank wiffen, daß er durch feine
Ausgabe energifch daran erinnert und durch feine reichen,
vielleicht fogar allzureichen Erläuterungen zu einer durchdachten
Lektüre des Discours Anleitung gegeben hat;
man wird ihn vielleicht auch einmal in fyftematifch-theo-
logifchen oder in kirchenhiftorifchen Übungen zugrunde
legen können, — eventuell in einer der vorhandenen,
leicht erhältlichen franzöfifchen Original-Textausgaben
(bef. denen von Louis Ducros oder F. Picavet), die uns
einen noch befferen Eindruck von der meifterhaften Stiliftik
und klaffifchen Form diefes d'Alembertfchen Werkes vermitteln
. In Hirfchbergs Überfetzungsausgabe füllen die
Texte nur wenig über 100 Seiten; alles Übrige in den
beiden Bänden find Zutaten Hirfchbergs, der dem Bd. 1
außer dem Vorwort über die franzöfifche Aufklärungsphilofophie
Anhänge über die Entftehung der Enzyklopädie
fowie über Diderot und d'Alembert beigegeben hat
und in Bd. 2 teils biographifche Ausführungen über die
im Discours genannten Philofophen, teils Abhandlungen
über die dort berührten fachlichen Probleme bietet Daß
H. mit dem franzöfifchen Geiftesleben um die Mitte des
18. Jahrhunderts vertraut ift, hat er fchon in feinem Buch
über ,Die Enzyklopädiften und die franzöfifche Oper im
18. Jahrhundert' bewiefen. Dementfprechend wird man
auch gerade das, was er in feinem neuen Buch über den
Kreis der Enzyklopädiften zu fagen weiß, dankbar hinnehmen
, und infonderheit in feinen mannigfaltigen Auslührungen
über d'Alembert (Bd. I, S. 118—140; Bd. II,
S. Ißff. i8ff. 31 f. u. ö.) einen willkommenen Erfatz für die
uns immer noch fehlende d'Alembertbiographie fehen.
Deffen bei aller Zurückhaltung und äußerlich konfervativer
Art kaum zu überfchätzende Bedeutung für die Verbreitung
der Aufklärung und feinen Anteil an der Vorbereitung
der politifchen Umgeftaltung Frankreichs hat H. ebenfo
wie feine mathematifch-phyfikalifchen Leiftungen gut herausgearbeitet
.

Berlin-Steglitz. Leopold Zfcharnack.

Reinhard, Dr. Ewald: Karl Ludwig v. Haller. Ein Lebensbild
aus der Zeit der Reftauration. Auf Grund der
Quellen dargeftellt. (2. Vereinsfchrift der Görres-Gefell-
fchaft f. 1915.) 103 S. gr. 8°. Köln, J. P. Bachem
1915. M. 1.50

Der eigenartige Staatsrechtslehrer, ein begabter, federgewandter
Gelehrter, der Enkel Albrecht Hallers, verdiente
ein Lebensbild. Der Verfaffer hat dazu neue Quellen
benützt, aber gefleht, daß feine Arbeit nicht erfchöpfend
ift. Anzuerkennen ift, daß er bei aller Hochachtung des
Konvertiten fich ein nüchternes Urteil bewahrt. Unbestreitbar
hat Haller die Wahrheit geflieht (S. 61), aber hat er
die erkannte Wahrheit auch feilgehalten? Ganz klar ift,
daß es Haller am offenen Blick für die Wirklichkeit der
Dinge und die gefchichtliche Entwicklung wie am nüchternen
Urteil und am Feilhalten feiner Überzeugungen
fehlte. Ihm ift die Macht das höchfte Gut. Das Staatsrecht
ift nur Privatrecht. Der Staat hat keinen Eigen-