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Ausgabe:

1916 Nr. 11

Spalte:

247-251

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Geschichtliche Studien, Albert Hauck zum 70. Geburtstage dargebracht 1916

Rezensent:

Köhler, Walther

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247

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. Ii.

248

Gefchichtliche Studien, Albert Hauck zum 70. Geburtstage
dargebracht v. Freunden, Schülern, Fachgenoffen u.
dem Mitarbeiterkreife der Realenzyklopädie f. prote-
ftantifche Theologie u. Kirche. (XII, 352 S.) gr. 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1915. M. 13.50; geb. M. 15 —

Am 9. Dezember 1915 vollendete Albert Hauck in
Leipzig fein fiebzigftes Lebensjahr. Wenn bei derartigen
Anläffen in der Gelehrtenwelt Feftfchriften üblich geworden
find, fo ift im vorliegenden Falle mehr als der
löbliche Brauch beftimmend gewefen: die freudige Pflicht
der Dankbarkeit gegenüber dem Manne, der uns das
klaffifche Werk der Kirchengefchichte Deutfchlands und
die dritte Auflage der proteftantifchen Realenzyklopädie
gefchenkt hat, von den zahlreichen Einzelarbeiten ganz
zu fchweigen. Die Wiffenfchaft der Kirchengefchichte,
die Haucks Lebensarbeit dem Ziele, Beftandteil der Allgemeinbildung
zu werden, fpürbar ftark näher geführt
hat, mußte einfach als Geburtstagsgratulant erfcheinen
und das Angebinde überreichen, das ihr ziemt: Proben
eigener Kraft, die teils unmittelbar, teils mittelbar, am
Meifter fleh fchulte. Aber eine Feftfchrift in der Kriegszeit
zuftande zu bringen, war nicht leicht; der ftattliche
Band, der jetzt vorliegt, wäre wohl auf den doppelten
Umfang mindeftens geftiegen, wenn nicht manche Feder
durch die Waffe derzeit erfetzt wäre. So haben viele fleh
begnügen müffen, unfreiwillig, nur ihren Namen auf die
Gratulantenlifte zu fetzen. Immerhin liegen 31 Beiträge
vor, fleh erftreckend über alle Teile der Kirchengefchichte,
die Archäologie und Miffionsgefchichte; manche von ihnen
knüpfen direkt an Haucks Kirchengefchichte an. Eingehende
Erörterung verbietet hier der Raum; ein kurzer
Überblick mit einigen anknüpfenden Bemerkungen muß
genügen.

v. Dobfchütz beobachtet das Werden der Legende,
die es liebt, große, weltgefchichtliche Momente in Form
perfönlicher Erlebniffe darzuftellen, fei es als Begegnung,
fei es in Korrefpondenzen. Beifpiele aus der alten Kirchengefchichte
belegen das. Böhmer handelt in fehr
wertvollen, mit reichem Material arbeitenden Ausführungen
über die Entftehung des Zölibates. Ins-
befondere wird dem Motiv zu feiner Einführung nachgegangen
und es in der Anfchauung der Antike gefunden,
daß der Beifchlaf kultusunfähig macht. Man hat daher
die Händige Enthaltfamkeit erft dann gefordert,
als tägliche Euchariftiefeier Brauch wurde. Dafür wird
der exakte Beweis erbracht, Rom ift führend. Mit der
Hochfehätzung der Virginität hat die Kontinenzbewegung
alfo nichts zu tun.

Als ergänzendes Beifpiel zu B.s Exempeln darf ich wohl auf
Alexander Severus hinweifen, der als Kultpriefler nicht auftrat, wenn
er in der Nacht vorher ehelichen Verkehr gepflogen hatte. Unter
diefen Umftänden wird natürlich die Abfchaffung des Zölibates nicht
fo einfach fein wie bei der landläufigen Meinung, er fei Priefter-
herrfchfucht entfprungenl).

Schmeidler gibt Beiträge zu den Stilelementen
der Patriftik, die fortwirken auf das Mittelalter — die
Märtyrerakten z. B. werden Vorbild für die Hagio-
graphie — wie fie ihrerfeits von der antiken Rhetorik
beeinflußt find. Damit fchließt der erfte, allgemeine Teil
der Feftfchrift ab.

Lietzmann eröffnet fehr glücklich die Beiträge ,zur
Gefchichte der alten Kirche' mit einer Exegefe der
liturgifchen Angaben des Pliniusbriefes an Trajan. Von
dem Gefichtspunkte aus, daß in den Ausfagen der Chriften
Antworten auf beftimmte Fragen vorliegen, wird die m. E.
überzeugende Deutung gewonnen, daß in dem Berichte
von Taufe und Abendmahlsfeier die Rede ift, erftere in
der Vigilie von Samftag auf Sonntag, letztere, in Verbindung
mit der Agape am Abend. Carmen secum invicem

1) Inzwifchen ift aus der Feder meines Kollegen L. Köhler ein
nicht unwichtiger Beitrag zu der Frage erfchienen: Archäologifches Nr. 13:
Sexuelle Kontinenz vor Heiligtumsbefuch (ZAW 36, 25 ff.)

dicere heißt: einen feierlichen Spruch wechfelfeitig d. h. in
Frage und Antwort auffagen, nämlich das Taufbekenntnis,
v. Harnack bietet eine außerordentlich feinfinnige Analyfe
der Stellen Eufeb. h. e. V, 13,2-4 und 5—7 d. h. der
Äußerungen des Rhodon über Apelles. Harnacks Meifter-
kunft, Quellen auszufchöpfen, bewährt fich wieder einmal
glänzend: die theoretifche Spekulation ftand bei den
Marcioniten hinter der Erlöfungslehre zurück, und der
greife Apelles mit feiner Hoffnung auf den Gekreuzigten
und feinem xivtlod-ai zu einem Prinzip wird in Zinzen-
dorffche oder Kantifche Beleuchtung gerückt. Zahn gibt
nach neuer Kollationierung einen Abdruck der von A.
Amelli unter d. T. prophetiae ex omnibus libris collectae
in den Miscellanea Cassinese 1897 veröffentlichten S. Galler
Handfchrift und erläutert ihn als Kompendium der bi-
blifchen Prophetie aus der afrikanifchen Kirche um 305
—325 (vgl. dazu inzwifchen G. Wohlenberg in Theol.
Literaturbl. 1916 Nr. 4). Loofs ergänzt feine zahlreichen
Studien zur Gefchichte des arianifchen Streites durch eine
feine, Berichtigungen zu RE3 XII47 bringende Darfteilung
der Entwicklung der homöufianifchen Partei, um die
Chriftologie der Mazedonianer von da aus zu fixieren. Denn
fie waren Homöufianer, aber ihre Chriftologie war nicht
die der alten Homöufianer; fie entwickelten fich aus der
Partei der Homöufianer unter homöifchen Einflüffen,
machten den Übergang zum Nicaenum nicht mit. G. Grützmacher
analyfiert die Biographie des Ambrofius von
feinem Sekretär Paulinus, fieht in ihr ein einheitliches Werk,
in Afrika entftanden, und beftimmt ihren Wert.

Die Arbeiten ,zur mittelalterlichen Gefchichte
und Kirchengefchichte' leitet Adolf Hofmeifter mit
einem bedeutfamen Auffatz zur deutfehen Rechtsgefchichte
und Quellenkunde ein. Es wird nämlich die Auslage Huk-
balds von S. Amand in der vita Lebuini über die genera-
liter gehaltenen conventus publici der Gefamtheit der
Sachfen ficher geftellt, dadurch, daß ihre Quelle in einer
älteren vita Lebuini nach dem Vorgange von Moltzer
und Levifon gefunden wird; die Quelle wird in der Zeit
zwifchen 840 und 864, vielleicht in Werden, entftanden
fein. Tangl bietet die kurze Gefchichte des von Bonifatius
gegründeten Bistums Erfurt, eine feine Rechtfertigung
der Darftellung Haucks in feiner Kirchengefchichte
Deutfchlands.

Mir perfönlich war es eine Freude, meine Auffaffung von dem Untergange
Buraburgs infolge von Machinationen des Mainzer Erzbifchofs Lul
(Ztfchr. f. Kirchengefch. 25, 197 ff.) für Erfurt beftätigt zu feheu. Das
Erfurter Bistum ift + 775 eingegangen.

Brackmann weiß dem fchwierigen Probleme der Erneuerung
der Kaiferwürde im Jahre 8oo noch neue Seiten
abzugewinnen durch eine ftrenge Unterfcheidung der
kurialen und kaiferlichen Auffaffung des Aktes bezw. der
Frage nach Entftehung des Kaiferprojektes und nach dem
Urheber des Krönungsaktes. Auffaffungen und Frage-
ftellungen dürfen nicht ausgleichend in einander gemengt
werden. Die Kaiferkrönung durch den Papft bedeutete
den Abfchluß des Gebäudes, das die Päpfte feit Stephan II.
errichtet hatten; fie trug zugleich den wirklichen Macht-
verhältniffen Rechnung. Der Unwille Karls d. Gr., der
die Ziele und Abfichten der päpftlichen Politik kannte,
verfteht fich von da aus leicht; die Initiative des Papftes
bei der Erneuerung der Kaiferwürde im Jahre 800 hat er
verworfen. Nicht aber den Imperiumsgedanken als folchen;
den hat er in Anknüpfung an die Antike vertreten, während
die Kurie mit der Ideenwelt der donatio Constantini
arbeitete. Kaiferliche und päpftliche Auffaffung fetzen
fich dann in ihrem Gegenfatz durch die Folgezeit fort.
Referent fucht die moderneldee der Amneftie für Kriegsteilnehmer
aus einer Übertragung der beim Kreuzablaß
üblichen Amneftie auf das Gebiet des weltlichen Rechtes
zu erklären; die Amneftie beim Abiaffe ift ficher, die
Übertragung Hypothefe, die aber nach Möglichkeit wahr-
fcheinlich gemacht wird.

Einige Ergänzungen zu Gunften meiner Thefe hat mir inzwifchen
mein verehrter Kollege P. Schweizer gegeben: Waitz (Deutfche Ver-