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Ausgabe:

1916 Nr. 10

Spalte:

232-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oesterreich, Konst.

Titel/Untertitel:

Die religiöse Erfahrung als philosophisches Problem 1916

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 10.

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einer Überwindung der Krifis durch die Begründung der
Schriftautorität auf die Autonomie des praktifch-erbau-
lichen Schriftverftändniffes'. Dabei erklärt er offen, daß
es ,eine befriedigende theoretifche Löfung der Spannung'
nicht gebe, fondern nur ,eine praktiiche Überwindung
durch die Macht des tatkräftigen Glaubens'. Infofern gibt
er die Anweifung, die ganze kritifche Problemftellung zu-
nächft zu vergeffen und vielmehr unter dem praktifch-
erbaulichen Gefichtspunkt an die Schriftlektüre heranzutreten
. Bei einer folchen praktischen Wertung der heiligen 1
Schrift gilt es, fich nicht, wie die Wiffenfchaft, über diefe,
fondern unter fie zu ftellen, um nach dem zu fragen, was
die Schrift uns heute fagt, und um fo über das Zeit-
gefchichtliche hinaus zum Ewigen und Zeitlofen zu gelangen
. Dazu bedarf es einmal der Anwendung des Bibelworts
auf das eigne Ich und andererfeits einer Bibellektüre,
die in jedem Augenblick in Anbetung Gottes übergehen
kann. Unter dielen Vorausfetzungen aber foll man nicht
dabei bleiben, die wilfenfchaftliche Theologie zu ignorieren,
fondern mit deren kritifcher Schärfe foll fich die religiöfe
Kraft und Tiefe der Bibliziften zu einer Gefamtanfchauung
verbinden. Dann wird der Ewigkeitsgehalt der heiligen (
Schrift als folcher wirkfam und deutlich werden; was an
ihr aber nicht diefen Charakter trägt, der wiffenfchaftlichen
Kritik ruhig preisgegeben werden können. Nach diefen
Gefichtspunkten hat der Verf. mit feinen Studenten 1
mehrere Semefter hindurch mit günftigem Erfolg prak- i
tifch-erbauliche und zugleich doch auch ernft wiffenfchaft-
liche Bibellektüre getrieben. Wieweit fein Verfahren etwa
geeignet ift, auf andere theologifche Lehrer vorbildlich zu
wirken, wird wefentlich von deren perfönlicher Fähigkeit
zu ähnlichen Veranftaltungen abhängen. Daß es zur
religiöfen Anregung und Bildung der daran teilnehmenden
Studenten in hohem Grade wirkfam fein kann, wird nicht
zu bezweifeln fein. Als .Schriftbeweis' in der evange-
lifchen Dogmatik wird die Methode des Verf. jedoch nur
mittelbar angefprochen werden können. In jedem Falle
käme es doch wohl darauf an, wie etwa eine ausgeführte
Dogmatik geftaltet fein würde, die nach den Grundfätzen
des Verf. gearbeitet wäre.

Bonn. O. Ritfchl.

Oelterreich, Priv.-Doz. Dr. T. Konft.-. Die religiöfe Erfahrung
als philofophifches Problem. (Philofophifche Vorträge,
veröffentlicht v. der Kantgefellfchaft. Nr. 9.) (54 S.)
gr. 8°. Berlin, Reuther & Reichard 1915. M. I —

Das Büchlein ift die Skizze einer Religionsphilofophie,
die wie jede Philofophie auf einem Standpunkt beftimmter
philofophifcher Grundanfchauungen ftehen muß und gerade
in deren Einwirkung auf das in Rede flehende Phänomen
die wiffenfchaftliche Behandlung desfelben erzeugt. Etwas
anders gewendet heißt das: über den Wahrheitsgehalt der
religiöfen Phänomene entfcheidet die Anwendbarkeit des
im philofophifchen Syftem ausgebildeten Wahrheitsbegriffes
. Der Verfaffer ftellt fich in Gegenfatz zu der
neukritiziftifchen Schule und ihrem Wahrheitsbegriff; er
bekennt fich dagegen zu dem .erkenntnistheoretifchen
Realismus', wie ihn Lotze und jetzt Külpe und Frifch-
eifen-Köhler wieder geltend gemacht hätten und der, eine
transfubjektive Realität zu erkennen beanfpruchend, auch
eine Deutung im Sinne der Leibnizifchen Monadologie
nicht ausfchließe. Das heißt: er erkennt einen Wahrheitsbegriff
an, der auf Metaphyfik ausgeht und an der Über-
einftimmung oder doch Verträglichkeit mit diefer Metaphyfik
den Gedankeninhalt der religiöfen Erfahrungen
mißt. Bei folcher Meffung ergibt fich die Unhaltbarkeit
der Metaphyfik aller bisherigen Religionen. Von ihnen
bleibt nur die pfychologifche Tatfächlichkeit übrig, die es
mit den Mitteln analyfierender Pfychologie zu erfaffen und
zu beftimmen gilt. Wenn dem religiöfen Leben die Möglichkeit
der Fortfetzung und Behauptung zuerkannt werden

foll, dann muß fie auf die Eigentümlichkeiten diefer
pfychifchen Erlebnisgehalte begründet werden.

Daher fetzt die Abhandlung mit einer folchen Analyfe
ein. Ihr bieten fich als die fchlechthin charakteriftifchen
religiöfen Phänomene die der ekftatifchen Myftik dar, wie
fie denn in der Tat für die Pfychologie die am eheften
erfaßbaren find und darum die Freude der Pfychologen
bilden. Als Abfchwächungen diefer erfcheint die gemäßigtere
und mehr mit Denkelementen gefättigte Religion
des Durchfchnitts. Das Wefentliche diefer Vorgänge wird
dann in der ,fpezififchen Werthöhe' der religiöfen Zuftänd-
lichkeit erkannt. Diefe Werthöhe zeigt fich als in be-
ftimmten Beziehungen zu den anderen Werten ftehend
und zeigt in fich felber zwifchen den religiöfen Zuftänd-
lichkeiten einen Unterfchied der Werthöhe, der gefchichts-
philofophifche Abftufungen erlaubt. In der Anerkennung
diefer Werthöhe liegt die bejahende Stellungnahme zur
Religion. Weiteres kann freilich heute darüber bei dem
unvollkommenen Ausbau der Wertlehre noch nicht gefagt
werden. Aber das Ergebnis ift wichtig genug: Die Religion
ift wiffenfchaftlich zunächft ganz von innen als
pfychifche Zuftändlichkeit mit fpezififcher Wertempfindung
zu nehmen. Es gibt keinen Wahrheitsgehalt und keine
objektive Giftigkeit, es gibt nur die durch ihre Weitempfindung
fich durchfetzende Zuftändlichkeit, die durch
Einverleibung in ein Syftem normaler Werte eine weitere
Befeftigung erfahren mag.

Genau kann das nur von den myftifch-ekftatifchen
Erlebniffen gelten, die eine Seligkeitsempfindung ohne
jede Gottesidee find. Bei der breiteren Durchfchnitts-
maffe find mit der religiöfen Wertempfindung beftimmte
metaphyfifche Vorftellungen verbunden, die man Glauben
zu nennen pflegt, und umgekehrt gehen von folchen
Glaubensvorftellungen religiöfeZuftändiichkeiten aus. Diefe
Vorftellungen find nun freilich in wiffenfchaftlichen Zeitaltern
rettungslos der Kritik verfallen und werden von
ihr meiftens vernichtet oder gefchwächt. Jedenfalls ift das
mit der Dogmatik aller pofitiven Religionen unwiderruflich
der Fall. Für die Zukunft wird daher nichts anders
möglich fein, als von einem rationalen metaphyfifchen Syftem
die Durchfetzung und gleichzeitig die Anfetzung religiöfer
Zuftändiichkeiten an ein folches Syftem zu erwarten. Die
Erfolge des vom Verfaffer übrigens nicht geteilten Monismus
und vor allem das Beifpiel der indifchen Religionsentwicklung
laffen etwas derartiges als durchaus möglich
erfcheinen. Eine folche Religion wird auch die Fähigkeit
das Gemeinfchaftsbildung befitzen. Freilich muß das erft
die Zukunft bringen. Alfo kurz: die Ankündigung einer
neuen Religion, die ihr intellektuelles Gerippe in der
wissenfchaftlichen Metaphyfik hat, aber in den daran angefetzten
religiöfen Zuftändiichkeiten ihren fpezififch
religiöfen Charakter zeigt.

Der Verfaffer erwähnt auch fehr anerkennend meine
Arbeiten, lehnt fie aber in der Hauptfache ab. Er verwirft
den neokritiziftifchen Wahrheits- und Gegenftands-
begriff, von dem fie ausgehen, alfo ihre philofophifche
Grundlage; außerdem ihre Stellung zu dem Vorftellungs-
element der Religion, das ich als Symbolismus betrachte.
Er meint, daß das von dem ftets beanfpruchten Realitätscharakter
der religiöfen Vorftellung, an ihrem mit der
Philofophie doch immer gleichartig konkurrierenden Er-
kenntnisanfpruch, fcheitere. Nicht Symbolismus, fondern
Erkenntnis wolle das religiöfe Denken, und das könne nur
von wirklich philofophifcher Metaphyfik geleiftet werden,
fobald kritifche Wiffenfchaft überhaupt populär geworden
ift. Diefen Einwürfen erwidere ich folgendes: 1. Der
Wahrheitsbegriff meines religiöfen Apriori fcheint mir von
der Wertlehre des Verf. doch nicht fo fehr verfchieden.
2. Die Anfetzung der religiöfen Zuftändiichkeiten an eine
ftreng bewiefene philofophifche Metaphyfik ift natürlich
nicht unmöglich, fondern oft genug der Fall. Ich glaube
nur, daß folche Metaphyfik in folchen Fällen, wo fie fich
dazu eignet, gleichfalls keine ftrenge Wiffenfchaft, fondern