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Ausgabe:

1916 Nr. 10

Spalte:

230

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scholander, H.

Titel/Untertitel:

Studier öfver auktoriteten i religionen 1916

Rezensent:

Schmidt, Reinhold

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229

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 10.

230

rede weifen auf die Grenzen hin, die auch für die Darfteilung
eines fachkundigen und durch feine frühere amtliche
Tätigkeit in vielen Beziehungen befonders orientierten
Verfaffers beftehen. Trotzdem ift es mir nicht
zweifelhaft, daß dem Buch ein nicht geringer Wert zukommt
. Denn es ift eine Einführung in die Entwicklung
der deutfchen Kolonialpolitik, wie wir fie bislang nicht
befaßen. Das Buch gibt eine klare und gediegene Überficht
über den äußeren Gang der Ereigniffe, mancher
Vorgang und manche wichtige Frage, wie z. B. die nach
der Stellung Bismarcks zu dem Einlenken Deutschlands
in koloniale Bahnen, werden unter neue Gefichtspunkte
geftellt und der Verzicht auf Befchönigungen begangener
Mißgriffe bei gleichzeitiger Zurückhaltung in Perfonalien
weckt Vertrauen. Dabei muß freilich zur Zeit dahingeftellt
bleiben, ob kritifche Ausführungen wie die über das Militärregiment
in den Kolonien zutreffend find und ob die Bewertung
der einzelnen Leiter der Kolonialregierung von
fpäteren Hiftorikern, die mehr Material zur Verfügung haben
und die den Ereigniffen ferner ftehen, aufrecht erhalten
werden wird. Zu bedauern ift, daß der aus dem Vollen
fchöpfende Verfaffer in feinen Literaturangaben fich fo
große Zurückhaltung auferlegt hat, daß in bezug auf die
wichtigften Materien dem Lefer überlaffen bleibt, wo er die
Unterlagen bei einer Nachprüfung oder zum Zweck weiteren
Studiums zu fuchen hat. Um falfchen, durch den
Titel des Werkes leicht erregten Erwartungen vorzubeugen
, fei noch darauf hingewiefen, was der Verfaffer
unter Gefcbichte der deutfchen Kolonialpolitik verfteht.
Er ftellt fich die Aufgabe, zu zeigen, wie Deutfchland
eine Kolonialmacht geworden ift, wie die einzelnen Kolonien
erworben und Gegnern gegenüber behauptet worden
find und welche Wandlungen die deutfche Kolonialregierung
durchlaufen hat, d. h. es intereffiert ihn fozufagen
die äußere Kolonialpolitik. Dagegen werden die Stellung
der Regierung gegenüber den Eingeborenen, die koloniale
Gefetzgebung und Verwaltung, das Rechtswefen,
die Wirtfchaftspolitik und zahlreiche andere Stücke aus
den Beziehungen zwifchen Europäern und Eingeborenen
entweder gar nicht behandelt oder nur fummarifch erwähnt
, d. h. es liegt die innere Kolonialpolitik außerhalb
des Rahmens der Darftellung. Daß diefe ftoffliche Abgrenzung
möglich ift, zeigt allerdings eben fein Buch,
aber wir verdanken es ihr zugleich, daß viele kolonial-
politifche Probleme, und zwar gerade die für den Miffions-
oder Religionshiftoriker wichtigften, ausgefchaltet werden.

Das Buch umfpannt die Zeit von den erften Anfängen
der kolonialen Bewegung in den 60er und 70er
Jahren des vorigen Jahrhunderts und verfolgt die Entwicklung
der Kolonialpolitik des deutfchen Reiches wie
die Gefchichte der einzelnen Schutzgebiete bis zum Jahre
1907. Diefe beiden Aufgaben werden unter Heranziehung
der wichtigften Ereigniffe m. E. vortrefflich gelöft, fo
daß das Buch fowohl nach Seiten der Orientierung über
tatfächliche Vorgänge, als auch als Einführung in die
außerordentlichen Schwierigkeiten, die dem Gedeihen unterer
Kolonien im Wege ftanden, gute Dienfte leiften
kann. Wie das Übelwollen and erer Nationen, vor allem
Englands, wie der Mangel an kolonialen Erfahrungen,
wie die Fehler einzelner Perfonen, das Knaufern des
Reichstages, die Unklarheit über die zu erftrebenden
Ziele zufammen gewirkt haben, um die Entfaltung der
für die koloniale Politik erreichbaren Kräfte zu hemmen,
tritt eindrucksvoll hervor. So ift das Buch alfo geeignet,
zu einem richtigen Verftändnis deffen, was bis zu dem genannten
Zeitpunkt kolonialpolitifch geleiftet worden ift, anzuleiten
. Mehrere nützliche Beigaben — u. a. eine chrono-
logifche Zufammenftellung der wichtigften Ereigniffe in den
Kolonien — bilden den Schluß. Es fei noch darauf hingewiefen
, daß das Buch zugleich den Schlußband des 1895
begonnenen Werkes ,Die europäifchen Kolonien' bildet.

Göttingen. Carl Mirbt.

Scholander, H.: Studier öfver auktoriteten i religionen. I.

Auktoritetsproblemet. (173 S.) 8°. Lund, Gleerup 1915.

Kr. 2.50

Es ift nicht möglich, abfchließend über das Werk zu
urteilen; denn der Verf. hat nur den I. Teil veröffentlicht.
Das aber ift wohl nicht allein der Grund, weshalb das
Buch den Lefer auch bei wiederholtem Lefen unbefriedigt
läßt. Verf. hat die neuere religions- und gefchichtsphilo-
fophifche, erkenntnistheoretifche, religionsgefchichtliche,
religionspfychologifcheLiteratur gründlichdurchgearbeitet
Aus diefer Lektüre bringt er das Bedürfnis mit, zu allen
Problemen, die nur irgendwie, oft ganz lofe, mit feinem
Thema zufammenhängen, feine Meinung zu fagen. Darüber
vergißt er die methodifche Vertiefung in das Problem
felbft. Nachdem er z. B. das Wefen der Religion im
,Heiligen' gefunden hat, daraus dann folgert, daß ihr dem
Wefen nach etwas Autoritäres anhafte müffe, wird die
Behandlung des Autoritätsproblems in der modernen
Religionsphilofophie fkizziert. Der Individualismus und
Kollektivismus werden dargeftellt, jener vertreten durch
Höffding und Sabatier, diefer befonders durch Comte,
Drews und vor allem Tyrrel. Die Kritik, die an beiden
geübt wird, ift aber rein negativer Art: Eine Würdigung
der von diefen Philofophen herausgearbeiteten pofitiven
Anfätze zur Löfung des Problems wird nicht gegeben.
Vielleicht will der Verf. wirklich fagen, das alles fei antiquiert
durch die Tatfache, daß die neuere idealiftifche
Philofophie die fchöpferifchen Perfönlichkeiten als Offenbarer
würdige. Aber warum dann die Negation auf etwa
70, die Pofition auf 25 Seiten bieten? Man muß fich fo
bei letzterer mit Andeutungen begnügen, zumal auch hier
1 eine ganze Reihe von Problemen geftreift wird. Auf den
letzten 38 Seiten wird dann als Ertrag der Religions-
gefchichte dargelegt, daß alle wirklich religiöfe Autorität
perfönlicher Natur fei, im Chriftentum fei esJefus. Welcher?
Der gefchichtliche oder der erhöhte?, wie der Zufammen-
hang zwifchen beiden, in welchem Maße der hiftorifche
zu faffen, wie er gegenwärtig wirken kann? all das bleibt
unbeantwortet oder höchftens angedeutet. Aber vielleicht
befriedigt der IL Teil die Wünfche, die im erften unberücksichtigt
bleiben.

Lauenburg (Elbe). Reinhold Schmidt.

Girgenfohn, Prof. D. theol. Karl: Der Schriftbeweis in der
evangelifchen Dogmatik einlt und jetzt. (III, 78 S.) gr. 8°.

Leipzig, A. Deichert Nachf. 1914. M. 2 —

Die Befprechung der vorliegenden Schrift kann ich
nicht beginnen, ohne der gegenwärtigen Lage ihres Verfaffers
, der in Folge der Aufhebung der theologifchen
Fakultät in Dorpat zur Zeit feiner akademifchen Wirk-
famkeit beraubt ift, in aufrichtiger Teilnahme zu gedenken.
Möge es nach dem Kriege irgendwie gelingen, die bewährte
Kraft des Verf. an einer feinen Fähigkeiten und
Leiftungen voll entsprechenden Stelle für das deutfche
Vaterland zu gewinnen. — Nach einer Einleitung, in der
das zu fuchende Ergebnis der Bemühungen des Verf.
vorbereitet wird, ftellt diefer zuerft ,die Unmöglichkeit
einer Reftauration der altorthodoxen Stellung zur Schrift'
feft. Dann erörtert er ,die Unmöglichkeit der Aufrechterhaltung
der biblifchen Autorität unter der uneingefchränk-
ten Herrfchaft des wiffenfchaftlichen Denkens'. Zeigt fich
in jenem erften Abfchnitt, daß der Verf. offene Augen
für die Mängel der herkömmlichen konfervativen Theologie
hat, fo beweift er in dem zweiten Abfchnitt ein
weitreichendes Verftändnis für die kritifchen Forderungen
der wiffenfchaftlichen Theologie. Gleichwohl führt ihn
feine Auseinanderfetzung mit einigen von deren Vertretern
zu dem Ergebnis, daß in ihrer Konfequenz die Alternative:
entweder Wiffenfchaft oder Glaube, liege. Demgegenüber
wagt der Verf. in einem dritten Abfchnitt den ,Verfuch