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Ausgabe:

1916 Nr. 10

Spalte:

227-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steinherz, S. (Bearb.)

Titel/Untertitel:

Nuntiaturberichte aus Deutschland, nebst ergänzenden Aktenstücken. 2. Abt. 1560 - 1572. 4. Bd 1916

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 10.

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Nachprüfung ift nötig. Das zeigt fich z. B. bei dem Brief
des Erasmus vom 31. Aug. 1523 CR. 95, 114, wonach '
Erasmus Luther fagen laffen foll (S. 138): Die Werke aller j
Heiligen feien Sünden, welche zu Unrecht durch Gottes j
Barmherzigkeit verziehen werden. Das ift vollftändig j
mißverftanden, denn Erasmus fchreibt: quae indigna igno-
scuntur dei misericordia, was nichts anders heißt als aus
unverdienter Barmherzigkeit. Zwingiis Eigenart ift nach
Farner Eklektizismus; Erasmus und Luther, Humanismus
und Paulinismus will er verbinden. Von Erasmus kommt
er erft allmählich los, zuletzt durch den Fall Hutten. Von
Luther zieht er fich äußerlich fchon feit der Bannandrohungsbulle
zurück, obwohl fein Denken in Luthers
Spuren geht und er verfchwiegenen Freunden gegenüber
im Ton höchfter Verehrung von Luther fprach und auf
ihn als den kommenden Elias hinwies. Farner fleht darin
Taktik, eine ftille kluge Art, die für ein erfreuliches Vorwärtskommen
praktifcher erfchien als ,Luthers Brauch,
der Welt mit feinen Entdeckungen maßlos vor den Kopf
zu ftoßen'. Wer auch nur W. A. 6 gelefen hat, wird zu
diefer Charakteriftik Luthers den Kopf fchütteln. F.
nennt Luther einen ftürmifchen Draufgänger. Aber ift
denn Zwingli das nicht gegenüber Bildern, Orgeln und
Kirchengefang, gegenüber den Täufern Grebel und Manz
und vollends, als er Zürich mit feinem gedrohten Abfchied
zu dem unglücklichen Kappeler Krieg zwingt, in dem er
fällt? F. nennt Zwingiis Stellung zu Luther zwiefpältig
(S. 162). Sie ift um fo auffallender, als er noch längere
Zeit den freundlichen Verkehr mit Vertretern der alten
Kirche dem Kardinal Schinner, deffen Sekretär Sander
und dem Generalvikar Faber pflegt. Noch hofft er auf
Reformation durch die kirchlichen Obern, noch am 31.
Dezember 1519 ift ihm die Kirche die immaculata Christi
sponsa (CR. 94, 245). Aber mit Recht nimmt F. an, daß
Z. allmählich an den Vertretern der Kirche irre wurde.
Das zeigt fein Brief vom 17. Juni 1520 an Beatus Rhenanus,
wo er die Bifchöfe die mehr mit dem Fett des böfen
Geiftes, als der Gnade des heil. Geiftes Befchmierten nennt
(CR. 94, 326). Den Bruch fleht F. am 24. Juli 1520 (CR.
,94, 34off.) vollzogen. Eine Selbfttäufchung war es, wenn
Zw. meint, fchon 1516 mit reformatorifchen Taten begonnen
zu haben, wie F. zugibt (S. 174). Der aller
Beachtung werte Beitrag zur Zwinglibiographie regt aufs
neue die Frage an, wieweit Zw. Luthers Gedanken in fich
aufgenommen hat. Man wird feine Briefe und feine
früheften Schriften genau darauf anflehen müffen. Hat
er z. B. die neue Auffaffung von Bifchof im Brief an
Rbenanus nicht von Luther übernommen? Hat zu dem
Bruch mit der alten Kirche, der am 24. Juli 152c zu Tag
tritt, nicht Luthers eben erfchienene Schrift ,Vom Bapftum
zu Rome wider den hochberumpten Romaniften zu Leiptzk'
beigetragen? Weiter ift Zwingiis Paulinismus einer genaueren
Erforfchung wert.

Von andern Arbeiten fei noch hervorgehoben die
wiedergefundene ,Befchribung beyder Capplerkriegen' von
Bernhard Sprüngli, einem Zeitgenoffen, die auch Bullinger
teilweife benützte.

Stuttgart G. Boffert.

Nuntiaturberichte aus Deutichland, nebft ergänzenden Akten-
ftücken. Zweite Abteiig. 1560—1572. 4. Bd. Nuntius
Delfino 1564—1565. Im Auftrage der Hiftor. Kom-
miffion der Kaiferl. Akademie der Wiffenfchaften bearb.
v. S. Steinherz. (CXXV, 553 S.) Lex. 8°. Wien, A.
Holder 1914. M. 23.80

Die von der hiftorifchen Kommiffion der kaiferlichen
Akademie der Wiffenfchaften in Wien herausgegebene
Sammlung von Nuntiaturberichten aus Deutfchland erreicht
im vorliegenden, von S. Steinherz herausgegebenen Bande
die Nuntiatur Zaccaria Delfinos in Wien 1564—65. Das
in forgfältiger Edition dargebotene, mit gutem Regifter

und fachdienlichen Erläuterungen verfehene Aktenmaterial
flammt hauptfächlich aus dem Vatikanifchen Archive,
dem Staatsarchiv in Florenz und dem Haus-, Hof- und
Staatsarchiv in Wien. Eine vorzügliche Einleitung orientiert
über den Hauptinhalt und vorab über die Perfön-
lichkeit des Nuntius. Er fchneidet moralifch fchlecht ab,
und feine Handlungsweife wirft grelles Licht auf die
fkrupellofe Naivität damaliger politifcher und diploma-
tifcher Verhältniffe. Hat doch Delfino, ohne daß Pius IV.
oder Kardinal Borromeo darum wußten, feine Berichte
gleichzeitig nach Rom und Florenz gefchickt, alfo zwei
ganz verfchiedenartig intereffierten Herren gleichzeitig
gedient! Inhaltlich führen die Akten in die Periode unmittelbar
nach Schluß des Konzils von Trient ein; Papft
Pius IV. bemüht fich um die Einführung der Konzilsdekrete
in den katholifchen Ländern, und Kaifer Ferdinand
verlangte den Preis für feine Zuftimmung zur Schließung
des Konzils, nämlich die Bewilligung von Laienkelch und
Priefterehe für Deutfchland und Ofterreich. Es gelang
ihm, den Laienkelch durchzufetzen, aber bald darauf ftarb
er, und das Problem: Maximilian II. tauchte auf. Der
neue Herr ift in gewiffem Sinne problematifche Natur
geblieben; über ihn bieten die Akten viel neues und
wertvolles Material. Maximilian hat in der Religionsfrage
anfänglich Neuerungen vermieden, er fuchte mit allen
Mitteinden Papft zu bewegen, nach dem Laienkelch auch
noch die Priefterehe wenigftens in den öfterreichifchen
Ländern zuzulaffen. Delfino ift fein befter Freund zu-
nächft gewefen; nur dank der kaiferlichen Rückenftärkung
gelang ihm der Triumph über feine Feinde und die Erreichung
des Zieles feines Ehrgeizes, der Kardinalswürde.
Die Einzelheiten der Verhandlungen können hier nicht
gefchildert werden; Delfino hat u. a. den Papft irregeführt
durch Vorfpiegelung kaiferlicher Unterftützung im Streite
der Kurie mit Spanien, genau fo wie er dem Papfte den
Kaifer als Förderer der katholifchen Reftauration hin-
ftellte. Steinherz faßt — und das ift wohl das Richtige —
die vielumftrittene Stellung Maximilians zur Religionsfrage
ganz von der politifchen Seite: ,er wollte keine der beiden
Parteien zurückftoßen, fondern mit beiden regieren und
fich beider für feine Zwecke bedienen. Deshalb war er
ein abgefagter Gegner aller fcharfen und gewaltfamen
Maßregeln in Sachen der Religion, und deshalb wollte er
fich eine unabhängige Stellung bewahren gegenüber
beiden Religionsparteien' (S. XLVII). Hingewiesen fei auf
die neuen Nachrichten über Primus Trüber, über dem
Maximilian feine Hand hielt (S. 258 f.), ferner über Martin
Eifengrein (S. 104), Georg Witzel (S. 130), Julius Pflug
(S. 2 u), die Ketzerei in Italien (S. 241), die holländifchen
Täufer (S. 337), die Hugenotten (S. 330) oder die allgemeinen
Sittenzuftände (S. 141). Deutlich kann man
auch zwifchen den Zeilen die Angft vor dem Calvinismus
lefen, der auch als Zwinglianismus figuriert (S. XCVIII).
Alles in Allem ift der neue Band der Nuntiaturberichte
eine fchätzenswerte Bereicherung der Gefchichte der
Gegenreformation, fpeziell was die Beziehungen zwifchen
Öfterreich und der Kurie anbetrifft.

Zürich. Walther Köhler.

Zimmermann, Dr. Alfred: Gefchichte der deutfchen Kolonialpolitik
. (XVI, 336 S.) gr.8°. Berlin, E. S. Mittler &
Sohn 1914. M. 7—; geb. M. 8.50

,Noch find nicht alle Einzelheiten der Ereigniffe aufgeklärt
, und noch ift es nicht möglich, ihre Gefchichte
vollftändig zu überfehen. Zu eng ift fie vielfach mit der
allgemeinen Politik des Reichs im Innern wie nach außen
verknüpft, und zu nahe flehen wir noch den Dingen, als
daß es in abfehbarer Zeit möglich fein dürfte, alle
Schleier davon zu lüften. Was von amtlicher wie von
privater Seite im Laufe der Jahre bekannt geworden ift,
geftattet aber, wenigftens die Grundzüge der deutfchen
Kolonialpolitik heute darzuftellen.' Diefe Worte der Vor-