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Ausgabe:

1916 Nr. 10

Spalte:

224-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stimming, Manfred

Titel/Untertitel:

Die Entstehung des weltlichen Territoriums des Erzbistums Mainz 1916

Rezensent:

Lerche, Otto

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223

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 10.

224.

würde zu weit führen, aus diefen Tatfachen hier die archäo-
logifchen Schlüffe zu ziehen. Ich möchte nur noch darauf
hinweifen, daß Michel mit vorliegender Arbeit dem
größeren Werke, zu dem fie laut Vorbemerkung gehört
und das gleichfalls in den Fickerfchen Studien erfcheinen |
foll, über den .Bildfchmuck der Baptifterien und die Tauf- I
liturgie in altchriftlicher Zeit' vortrefflich präludiert. Da
auch der Text mehrfach auf diefe Unterfuchung verweift
, können wir nur lebhaft fragen: wo bleibt fie? Bitte
aber nie wieder Bulletino 1 (S. 44 A. 2) Und Revue de
l'art chretien, nicht chretienne (S. 38 A. 3).

Berlin. Georg Stuhlfauth.

Koebner, Rieh.: Venantius Fortunatus, feine Perfönlichkeit
u. feine Stellung in der geiftigen Kultur des Merowinger-
Reiches. (Beiträge zur Kulturgefchichte desMA. u. der
Renaiffance. 22. Bd.) (III, 150 S.) gr. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1915. M. 5—

Die intereffante Perfönlichkeit des Venantius Fortunatus
, des letzten Italieners, den noch die lateinifche
Rhetorenfchule des Altertums zum weltlichen Dichter
gebildet hat, und der zugleich der einzige bedeutende
Dichter des Merowingerzeitalters ift, ift häufig, zuletzt in
ausgezeichneter Weife von Wilhelm Meyer Abh. d. K. G.
d. W. in Göttingen Hiftor.-phil. Kl. N. F. Bd. IV, Nr. 5 1901
zum Gegenftand der Forfchung gemacht worden. Wenn
jetzt Koebner eine Neubearbeitung der Gefamterfcheinung
des Dichters unternommen hat, fo tut er dies mit der
Abficht, für das pfychologifche Problem, das uns feine
Erfcheinung ftellt, eine Löfung zu fuchen. Er will einmal
die feelifche Komplikation, die bei Fortunatus zu Tage tritt,
das Hinübergleiten aus dem wirklichen Erlebnis in das
vorgetäufchte, aus dem lebendigen Fühlen in die dämmernde
Suggeftion, aus der Dichtung in die dichterifche
Phrafe erklären und zweitens verftändlich machen, wie
feinen Dichtungen ein urfprünglicher Erlebnisgehalt zugrunde
liegt, obwohl feine beften und innerlichften Werke
den ephemeren Zwecken der Gelegenheitsdichtung dienen.
Fortunatus ift für die Charakteriftik des Merowingerzeitalters
von Bedeutung, da er uns zeigt, daß neben der
ungezügelten Wildheit und neben den grobmateriellen
Zügen des ftaatlichen und kirchlichen Lebens deutlich
beftimmte Tendenzen der Geiftigkeit in diefer Zeit wahrnehmbar
find. In der Darftellung der äußeren Schickfale
des Mannes, der Zeitfolge, Veranlaffungen und Technik
feiner Gedichte fchließt fich Koebner im wefentlichen an
Wilhelm Meyer mit einigen kleinen Modifikationen an.
Er fchildert das Leben des Fortunatus in 3 Abfchnitten:
Fortunatus in Italien und am Hofe König Sigiberts 54°
—67, inPoitiers 567—76 und die letzten Lebensjahre bis zu
feinem Tod am Anfang des 7. Jahrhunderts. Drei Exkurfe
folgen: der erfte handelt von Bifchof Vitalis, dem Adreffaten
der beiden erften Gedichte des Fortunatus, den er als
Bifchof von Altinum, nicht, wie man früher annahm, als
Bifchof von Ravenna nachweift. Im zweiten wird die
Überarbeitung der Gedichte, im dritten das Lobgedicht
auf Maria unterfucht. Aus inhaltlichen Gründen tritt
Koebner für die beftrittene Echtheit des Marienlobes ein
und weift es den letzten Lebensjahren zu, da der Mangel
an Ordnung es zu einem wirklichen Alterswerk ftempelt.
Was die Auffaffung der Dichtungen des Fortunatus betrifft
, fo zeigt fich nach Koebner bereits in den am Hofe
Sigiberts verfertigten panegyrifchen Höflingsdichtungen
ein Tieferes, der Kult des feelifchen Adels. Innerlich weit
ftärker durchfeelt ift dann die im Dienfte der Thürin-
gifchen Königstochter und Nonne Radegunde und ihrer
geiftlichen Tochter Agnes inPoitiers entftandene Dichtung
des Fortunatus. Sein Leben mit den Nonnen war felbft [
Poefie, und die kleinen Ereigniffe des Tages wurden ihm
der Anlaß zu feinen Gedichten. Die persönliche Erfcheinung
der Frauen, ihre Zartheit, Güte und Heiligkeit werden I

der Mittelpunkt diefer Dichtung. Aber neben diefer
Improvifationsdichtung treten durch den Verkehr mit
Radegunde repräfentative Dichtungen, wie das Lehrgedicht
auf die Jungfräulichkeit und das im Namen Radegundes an
ihren Vetter Amalafrid nach Konftantinopel gerichtete
poetifche Schreiben de excidio Thoringiae, das von ftarkem
dramatifchen Gehalt ift. Auch die Elegie auf die gemordete
fränkifche Königin Gelefuintha, eine weftgotifche
Prinzeffin, zeigt Fortunatus noch auf der Höhe dichterifchen
Schaffens. Dann geht es mit der gereimten Vita Martini,
die vielleicht auf Anregung Gregors von Tours verfaßt
ift, abwärts, und was Fortunatus fpäter gefchaffen hat,
wie z. B. den Panegyricus auf König Chilperich mit feinen
aufdringlichen Schmeicheleien und die ekftatifche Altersdichtung
, das Marienlob, ift minderwertig. Nicht als erften
mittelalterlichen Dichter Frankreichs wie Wilhelm Meyer,
fondern als Epigonen antiker Dichtung und Rhetorik hat
Koebner Fortunatus uns verftehen gelehrt, und damit wird
er, der eine überaus feine pfychologifche Einfühlung für
die Dichtung des merkwürdigen Mannes befitzt, m. E.
Recht behalten, felbft wenn er das Charakterbild des
bald als Sybarit fchwelgenden und fchmeichelnden Hofdichters
, bald als glühenden Verherrlicher des Chriften-
tums und des jungfräulichen Ideals uns entgegentretenden
Dichters vielleicht etwas zu freundlich gezeichnet hat.

Münfter i. W. G. Grützmacher.

Stirnming, Priv.-Doz. Dr. Manfred: Die Entltehung des weltlichen
Territoriums des Erzbistums Mainz. (Quellen u,
Forfchungen zur heff. Gefchichte, III.) (XII, 166 S.) gr. 8«.
Darmftadt, Großh. heff. Staatsverlag 1915. M. 5.50

Der Herausgabe diefer Arbeit find verfchiedene Hin-
derniffe in den Weg getreten. Nachdem fchon vor mehr
als zwei Jahren ungefähr die Hälfte als Breslauer Habi-
litationsfchrift erfchienen ift hat die Verwendung des
Autors auf dem Kriegsfchauplatze als Krankenpfleger eine
längere Stockung des Drucks hervorgerufen. So ift die
Arbeit allerdings nicht ganz frei von Mängeln, einige
Unebenheiten muß man in Kauf nehmen. Die neuere
Literatur (feit 1913 Ende) fcheint noch nicht ganz aufgearbeitet
zu fein. Das Buch von Vi gen er über die
Mainzer Dompropftei (vgl. ThLZtg. 1915, Sp. 159) hat
wohl auch noch nicht benutzt werden können.

Trotz alledem aber kann die Gefchichte der Kirchen-
verfaffung in dem neuen Buche Stimmings eine wertvolle
Bereicherung erblicken. St. hat durch feine frühere Arbeit
über die Mainzer Wahlkapitulationen (1909) fchon enge
Fühlung mit dem Werden des Mainzer Staates genommen
und befonders durch feine Tätigkeit an dem neu zu bearbeitenden
Urkundenbuch — Erfatz für V. F. de Gu-
denus, Codex diplomaticus — reichlich Gelegenheit gehabt
, fern liegende und auch ungedruckte Quellen zu
benutzen. St. betont ausdrücklich, daß er keine hiftorifche
Geographie des Erzftifts bieten will, auch will er keine
vollftändige Aufzählung der famtlichen Mainzer Befitzungen
bieten. Er legt die verfaffungsgefchichtlichen Grundlagen
der Mainzer Gebietsherrfchaft klar und führt dieEntwicke-
lung des Territoriums im Rahmen der Reichsgefchichte
bis zum Ende des 13. Jahrhunderts vor. St. hält fich
nicht damit auf, auseinanderzufetzen, daß Hoheitsanfprüche
mit den Gebietsgrenzen nicht immer einen Weg gehen,
er weift darauf hin, daß die weit verftreute Lage des
Mainzer Grundeigentums in verfchiedene Gebiete völlig
von einander abweichender Rechtsentwickelung führt und
daß darum die Entwickelung des Territoriums im Eichsfelde
etwa andre Vorausfetzungen gehabt hat wie in Heften,
daß einem Zufammenfchluß der Herrfchaftsgebiete am
Rhein in der Mainzer Gegend andre Schwierigkeiten ent-
gegengeftanden find wie etwa in Oftfranken (Oberftift mit
dem Mittelpunkt in Afchaffenburg). St. unterfchätzt nicht
die ftaatenbildende Kraft hoheitlicher Rechte, der Immu-