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Ausgabe:

1916 Nr. 9

Spalte:

209

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delitzsch, Friedrich

Titel/Untertitel:

Psalmworte für die Gegenwart. Rede 1916

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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209

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 9.

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ebenfo notwendig ift, um dem äußern und innern Niedergang
untres Volkes zu fteuern; der Krieg als Not, als
heilige Not, der Krieg als Gericht über alles Ungefunde
und Unwahre im innern und äußeren Leben des Volkes.
Dann aber auch der Krieg als Erlebnis eines fchöpferifchen
Lebens, das viele von fich felbft erlöfte und ein Jungbrunnen
für unter Volk wurde; als Wefensentfaltung aus
dem unbewußten Menfchenkern heraus und als Auffchwung
zu der Höhe deutfchen Wefens, dem nur der Aufftieg
folgen muß, um dauernd Neues zu erzeugen; der Krieg
als Aufgabe für die Umgeftaltung unfrer fozialen, fittlichen
und religiöfen Lebensweife, weil er die tiefften Lebens-
gefetze ins Licht gefetzt hat. — Wundervoll klar und tief
ift das vierte Heft über den Tod fürs Vaterland, der die
Reife des perfönlichen Werdens fördere wie nichts fonft
und darum die Trauer der Hinterbliebenen verklären müffe.
M. hat einen großen Inhalt für fein dem Grund der Dinge
nachfpürendes Ahnen im Krieg, und für fein auf Wefensentfaltung
des Menfchheitskernes gerichtetes Wollen im
Volk und Vaterland gefunden. Faft fcheint es, als ob der
Ton von Heft zu Heft vaterländifcher, patriotifcher in jedem
Sinn des Wortes würde. M. kann manchem helfen,
den Krieg in der Tiefe zu erleben, wie auch manchem der
Krieg hilft, die fonft unzugänglichen Gedanken M.s durch
das konkrete Erlebnis des Krieges zu Erlebniffen und
Kräften werden zu laffen.

Mausbachs Schrift2 enthält eine Sammlung von
allerlei Reden und Auffätzen und zwar in einer Reihenfolge
, die ihrer ftets zunehmenden Tiefe entfpricht.
Zuerft fpricht er im Geift und Ton der erften Kriegswochen
vom gerechten Krieg und feinen Wirkungen.
Dann bietet er Mahn- und Troftgedanken in Kriegszeit:
der Zufammenbruch der Diesfeitsethik und der Kulturverherrlichung
als eine Mahnung, zum Ewigen aufzufteigen;
völkerrechtliche Organifation im Geift des Papftes als Weg
zum Weltfrieden; die Macht der Ideen und der chriftlichen
Sittlichkeit gegenüber dem gegenwärtig völlig verfagenden
Monismus; die Bindung des Ich an überragende Gedanken.
Endlich kommen eindringendere Erwägungen über Kampf
und Frieden im Sinn der Ethik des Chriftentums: Kampf
ift nötig in der Welt, wie fie gefchaffen ift, weil die An-
fpannung aller Kräfte die Tugend auf ihre Höhe bringt
und auch im Weltlauf die größten Schöpfungen zeitigt;
Zweck aber ift allein der Friede, fowohl der innere, fitt-
liche Friede wie auch der ewige himmlifche. Reich mit
Zitaten zumal aus Auguftin gefchmückt und voll ruhiger,
aber gründlicher Auseinanderfetzungen mit relativiftifchen
Gegnern, ift die Schrift eine gute populäre ethifche Monographie
, die eine weitreichende Übereinftimmung zwifchen
den Bekenntniffen zum Ausdruck bringt.

Die folgenden fünf Schriften haben irgend welche Beziehungen
zwifchen Krieg und Religion zum Gegenftand.
Delitzfch 3 umrahmt einlach und leicht fehr intereffante
Bemerkungen zum Krieg, darunter viele über eigne Er-
lebniffe, mit Pfalmworten; Bertholet4 verfolgt jene Beziehungen
durch die Religionsgefchichte von den Kriegsgöttern
an bis zur quietiftifchen Abfage der Religion an
den Krieg im Buddhismus und zur Auffaffung des Krieges
als eines Adiaphoron durch die ganz innerlich gewordene
chriftliche Religion, der aber die Ahnung davon innewohnt,
daß er, zwar ein Schickfal ift, aber doch nicht fein follte.
Birt5 erklärt fehr feffelnd das Gebot der Feindesliebe aus
dem Sinn des Wortes ,Feind' im Urtext, und aus der da-

2) Mausbach, Präl. Prof. Dr. Jofef: Kampfund Friede im äußeren
und inneren Leben. (VIII, 145 S.) 8°. Kempten, J. Köfel 1915. M. 2 —

3) Delitzfch, Prof. Dr. Friedrich: Pfalmworte für die Gegenwart.
Rede am 15. Dezember 1914 geh. (Deutfche Reden in fchwerer Zeit,
13.) (24 S.) 8°. Berlin, C. Heymann 1914. M. — 50

4) Bertholet, Prof. D. Alfred: Religion und Krieg. (Religions-
gefchichtl. Volksbücher. V. Reihe, 20. Heft.) (35 S.) 8°. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1915. M. — 50; geb. M. —80

5) Birt, Theodor: Was heißt .Liebet eure Feinde'? Ein Wort der
Beruhigung in Kriegszeiten. (30 S.) 8°. Marburg a. L., Verlag der Chrilll.
Welt 1915. M. — 40

maligen übernationalen Zeitftimmung mit ihrer Achtung
vor der römifchen Zentralgewalt und ihrem Völkerfrieden,
bezweifelt aber nicht, daß Jefus Römer und Juden zu den
Waffen gerufen und feine Predigt vom Reich Gottes vertagt
hätte, wenn von der Sinaiwüfte her ein Zug von
Gurkhas ufw. über Paläftina hergefallen wäre. Das ift aus
dem Göttlichen gebornes Chriftentum, wenn man noch
das fchwache Rinnfal tatfächlicher Liebe zum überwundenen
Feinde dazu nimmt. Baumgarten6 unterfcheidet
klar und richtig zwei Stockwerke unfres innern Lebens:
das nationale Gewiffen, das die energifche Geltendmachung
aller nationalen Kräfte für das Volk und Staatsleben verlangt
, und das Chriftentum der Bergpredigt, das es mit
dem Einzelnen und mit dem Innenleben zu tun hat; das
Friedens- und Liebesreich hat in diefer Welt der Tatfachen
keinen Platz, fondern muß in ein anderes höheres
Leben geflüchtet werden, von wo aus es jetzt fchon Gedanken
der Bergpredigt in die harten Notwendigkeiten
der Zeit einmifchen kann. Ausgezeichnet tief und eigenartig
behandelt Wehnert7 das Recht des Krieges, die
Nationalität als Vorausfetzung unfres ganzen geiftigen
Wefens, die Feindesliebe, den Glauben der Soldaten an
Jefus und Jefu Opfertod im Verhältnis zum Krieg — tat-
fächlich fowohl für tüchtige Religionslehrer wie für jeden,
den die Probleme anziehen. —

Auf wenig religiöfe Schriftfteller hat der Krieg fo
mächtig und fo überrafchend gewirkt wie auf Johannes
Müller; er ift ihm zu einem Erlebnis geworden, das ihn
in feiner Ruhe erfchüttert hat. Der Prophet des perfönlichen
Lebens ift ganz und gar eingegangen auf die
Fragen und Aufgaben des Volkes und Vaterlandes. Die
Bindeglieder find die bekannten Gedanken von M.: Aufbruch
des innerften Wefens in einem Gefchehen objektiver
Art, das aus dem Unbewußten im Menfchen heraustritt
und ihm die rechte Haltung zu dem Leben gibt, tätige
Hingebung an die Gemeinfchaft zur Überwindung des
eignen Ich und zum dauernden Gewinn einer neuen Höhe
des ganzen Lebens. Die erfte Schrift8 vereinigt Auffätze
aus den Grünen Blättern und der Chriftlichen Welt mit
einer Rede über ,Ein freies Volk auf freiem Grund';
überrafcht wird mancher Lefer der Schriften von M. fein
wie ficher er von feinen Vorausfetzungen und Zielen aus
auch in die Einzelheiten der Gegenwart hineintritt. Die
zweite Schrift9 die neufte .Rede über den Krieg', gibt mit
unverminderter Kraft und Frifche, die unter der bekannten
Ausdrucksweife nimmer leidet, dem Erlebnis von Gott
und feinem fchöpferifchen Leben Ausdruck, das im Krieg
für viele die Grundlage zu einem neuen Leben gebildet
hat; wenn nur ein Wort aus einem Erlebnis und über Erleben
felber folches herbeiführen helfen kann, fo ift es diefes
frifche Marke Heft.

Meyer10 vereinigt neun kleine halb betrachtende halb
erbauliche Skizzen zu einem Ganzen; Inhalt und Form
gehen nicht über das durchfchnittliche Mittelmaß hinaus.

Eberhard11, ein Landrichter aus Mecklenburg, fpannt
feine Gedanken über den Krieg in eine fehr anfprechende,
theomoniftifche Philofophie, die die wichtigften Welt-
und Lebensfragen auf Grund reichen Studiums in klarer
und oft erhebender Weife befpricht, ein manchem Theo-

6/ Baumgarten, Prof. D.: Der Krieg und die Bergpredigt. Rede
am to. Mai 1915. (Deutfche Reden in fchwerer Zeit, 24.) (24 S.) 8°.
Berlin, C. Heymann 1915. M. —50

7) Wehnert, Dr. Bruno: Sechs Kriegs-Religionsftunden auch für
Solche, die nicht mehr in die Schule gehen. (44 S.) 8°. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht 1915. M. —80

8) Müller, Johs.: Die deutfche Not. Erlebnifie u. Bekeuntniffe.
(VII, 301 S.) 8». München, C. H. Beck 1916. M. 4 —

9) Müller, Johs.: Der Krieg als religiöfes Erlebnis. I. bis 14. Tauf.
(Reden über den Krieg 5.) (39 S.) 8° München, C. H. Beck 1916. M. — 50

10) Meyer, Wilhelm: Vom ehrlichen Krieg. Ein Büchlein v. Gott
u. uns Deutfchen. (V, 89 S.) 8". Marburg, N. G. Elwert (1915). M. I—

11) Eberhard, Landricht. Raimund: Weltordnung und Weltkrieg.
Auch ein Kriegsartikel. (VI, 82 S.) 8«. Halle a. S., R. Mühlmann 1915.
Kart. M. 1.50