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Ausgabe:

1916 Nr. 9

Spalte:

197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf von

Titel/Untertitel:

Über den Spruch: „Ehre sei Gott in der Höhe“ und das Wort „Eudokia“ 1916

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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197

Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 9.

198

Harnack, Adolf v.: über den Spruch „Ehre fei Gott in der j
Höhe" und das Wort „Eudokia". (S.-A. aus: Sitzungsber. I
d. preuß. Akad. d.Wiff., S. 854—875.) Lex. 8°. Berlin, |
G. Reimer. M. [ — I

Zu Weihnachten hat Harnack uns mit einer kleinen [
Studie über Luk. 2, 14 befchenkt, einem jener feinen Ka- '
binettftücke, die als Vorbilder methodifcher Arbeit jedem
Studenten in die Hand gegeben werden follten. Zeigte
die Abhandlung über die ältefte griechifche Kirchen-
infchrift die Kunft, aus drei Zeilen großzügige Kirchen-
gefchichte he.auszulefen, lo ftellt die Interpretation des
Gloria das Mufter einer allfeitigen Beleuchtung eines
Bibelwortes dar. Wie klar wird die Überlieferung nach
ficherem und unficherem, nach fprachlichen und zeitlichen
Gruppen befchrieben! Bei der Unterfuchung des
Baues kommen auch die geringfügigften Stellungsvarianten
zur Geltung. Die Zweigliedrigkeit erfcheint durch Har-
nacks Erwägungen erwiefen.

Himmel und Erde umfchreiben das All; das fchein-
bare Nachklappen von ,und auf Erden' legt darauf einen I
Ton. Nicht ganz fo überzeugend ift die Annahme eines
Hyperbaton im 2. Gliede: elnr)v>] evöoxlaq zufammenzu-
faffen, wenn auch dem Hinweis darauf, daß diefe Kon-
ftruktdon von Origenes und vermutlich auch von Irenaeus j
vertreten ift, großes Gewicht zukommt: ,Verleih uns
Frieden gnädiglich' wäre die entfprechende Bittformel.
Bezeichnend definiert Suidas evöoxia als ro äya&ov &e-
Xrifia cov &eoö. Auch die altlateinifche Überfetzung, die
Hieronymus einfach unberührt läßt, kann bonae volun-
tatis, das fich fo nur noch Phil. 1,15 und 2,13 als Wiedergabe
von evöoxia findet (fonft meift placitum, beneplaci-
tum, propositum Eph. 1, 5), im Sinne des guten Willens
Gottes verftanden haben.

Zu den vier für evöoxiag eintretenden griech. Majuskeln
kommt jetzt noch die Freer-Handfchrift. Die Liturgie
der abeffynifchen Jakobiten bezeugt evöoxia av-
tioojJtoig, die der perfifchen Neftorianer xal evöoxia
ävvQcöjroiq (Brightman 227, 17 252, 12); die Umftellung
icheint überhaupt liturgifch verbreitet — fo im engl. Book
of Common Prayer. Die LA evöoxia ift zuletzt von
F. Spitta (Monatsfchrift 1905, 44—51) verteidigt worden,
der unter Hinweis auf jüdifche Parallelen aus Luk. 19, 38
und 2,14 einen urfprünglichen Vierzeiler erfchloß, in dem
2 Zeilen vom Himmel, 2 von der Erde bezw. den Men-
fchen reden — wobei freilich ftört, daß das xal beim
3. Gliede fteht, beim 4. fehlt.

Halle a/S. von Dobfchütz.

Wendt, Prof.D.HansHinrich: DieApoftelgelchichte. 9-Aufl.
(Krit.-exeget Kommentar über das N. T. Dritte Abteiig
.) (IV, 370 S.) gr. 8°. Göttingen, Vandenhoeck
& Ruprecht 1913. M. 8—; geb. M. 9.20

Die neue Auflage von W.s Kommentar hat äußerlich
das Gewand angezogen, das der Meyer'fche Kommentar
in feinen Neubearbeitungen zu tragen beftimmt ift. Auch
innerlich ift die Neugeftaltung in der Form auf Schritt
und Tritt zu fpüren, indem von der alten gloffatorifchen
Weife ein gutes Stück weitergerückt wird: die Erklärung
ift in ihrer Faffung ftark umgearbeitet, die literarifche,
hiftorifche, religiöfe Wertung des Erzählten, weiter die
Textkritik find von der Wort- und Sinnerklärung ge-
fchieden. So geht das Werk, fchon von hier aus an-
gefehen, in wefentlich verbefferter Neugeftalt hinaus.

Zwifchen der vorletzten (1899) und der gegenwärtigen
letzten Auflage des Kommentars liegt die lebhafte Erörterung
über die Apgfch., die meift im Anfchluß an
Harnacks Lukas der Arzt (1906), Die Apgfch. (1908), Neue
Unterfuchungen zur Apgfch. (1911) geführt wurde. In der
Auseinanderfetzung mit den verfchiedenen Anfchauungen
und Unterfuchungen, die im Hin und Her des Streites

auftauchten, liegt der Hauptteil des Neuen, das die vorliegende
Auflage, verglichen mit der früheren, bringt. Der
§ 5 der Einleitung, der von den Quellen der Apgfch.
handelt, faßt die literarkritifchen Ergebniffe zufammen, und
fehr viele Einzelbemerkungen in der Auslegung zeugen
von der fteten Auseinanderfetzung mit den andern Meinungen
. W. hat infonderheit fich mit H.s Aufftellungen
eingehend und fehr befonnen befchäftigt und lehnt
die lukanifche Herkunft der Apgfch. ab. Mit guten
Gründen bleibt er bei feiner fchon früher vertretenen An-
fchauung, daß der lukanifche Wirbericht eine Quelle, und
zwar die Hauptquelle der Apgfch. fei, und daß das Buch
als Ganzes von einem uns unbekannten Heidenchriften
des ausgehenden 1. Jahrhunderts verfaßt fei. Auch die
Benützung des Jofephus in Apgfch. hält er aufrecht. Bei
jedem einzelnen Abfchnitte der Erklärung erwägt W.
gründlich die Frage nach dem hiftorifchen Werte des
Berichteten, wobei er nach Möglichkeit der Überlieferung
gerecht zu werden trachtet. Für meine Anfchauung ift
er an einer Reihe von Stellen zu vorfichtig, aber im Ganzen
kann ich den Urteilen, die er fällt, nur zuftimmen, wie
ich auch bereits in meiner Erklärung der Apgfch. (Schriften
des NT. hrsg. von J. Weiß I) fehr oft zu ähnlichen
Ergebniffen wie VV. in feiner 8. Auflage gekommen bin,
an der ich viel gelernt habe.

Da Holtzmanns Erklärung der Apgfch. in der 3. Auflage
bereits 1901 erfchienen ift, Preufchen und Hönnicke
nur kurz gefaßte Kommentare zur erften Einführung liefern
konnten, fo haben wir gegenwärtig in W.s Kommentar
die befte und umfaffendfte Erklärung der Apgfch. Sie
führt den Lefer fehr gut in das kritifch-hiftorifche und das
religiöfe Verftändnis des Buches ein und gibt ihm in den
reichen Literaturnachweifen die Mittel zu weiterem Arbeiten
an die Hand.

Bonn. Rudolf Knopf.

Lodder, Pred. Willem: De godsdienstige en zedelijke denkbeeiden
van 1 Clemens. (Proeffchrift. Groningen.) (VIII,244
u. IV S.) gr. 8°. Leiden 1915.

Selbftändige Beiträge zur Erforfchung des Urchriften-
tums, die die Wiffenfchaft wirklich fördern, liefert man in
Holland zumeift in Geftalt von 'proefschriften', die in der
Regel umfangreicher und gehaltvoller find als die deutfchen
Lizentiaten-Differtationen, wie fie denn auch Ter verkrij-
ging van den graad van doctor in de godgeleerdheid'
dienen. Zu diefen wirklich verdienftlichen Arbeiten, die
auch außerhalb Hollands beachtet werden möchten, gehört
auch die Groninger Doktoralfchrift des reformierten
Predikanten W. Lodder über die religiöfen und fittlichen
Vorftellungen des 1. Clemensbriefs. Man erfchrickt zwar
beim erften Blick, weil die Anlage das Schema der ausgebildeten
kirchlichen Dogmatik zugrunde legt und dem
entfprechend der Reihe nach von Vater, Sohn und Geift,
von der Schrift, von der Anthropologie, Soteriologie (Heilsbedeutung
Jefu Chrifti, Rechtfertigung, Berufung und ihre
Früchte), Eschatologie, von dem Verhältnis zwifchen
Chriftentum und Obrigkeit und vom chriftlichen Leben
handelt; aber die Ausführung zeigt doch, daß der Verf.
keineswegs die Gedanken des Briefs in ein ungefüges
dogmatifches Schema einpreßt, vielmehr der unfyftema-
tifchen Denkweife, der Ünentwickeltheit und Unausgeglichenheit
feiner dogmatifchen Vorftellungen Rechnung
trägt. Auch ift er bemüht, zum Teil im Gegenfatz zu
der fonft herrfchenden Auffaffung, dem 1. Clem. feinen
beftimmten Platz innerhalb der geiftigen Bewegungen
feiner Zeit und innerhalb der dogmengefchichtlichen
Entwicklung des Chriftentums anzuweifen.

Zwei Thefen treten in diefer Hinficht befbnders ftark
hervor. Die eine betrifft die ftarke Beeinfluffung des I.
Clem. durch die zeitgenöffifche, befonders in Rom gelehrte
Philofophie. L. findet ihre Spur vor allem in der nicht
| mehr foteriologifchen fondern kosmologifchen Vater-