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Ausgabe:

1916 Nr. 8

Spalte:

171-172

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Budde, Karl

Titel/Untertitel:

Die schönsten Psalmen, übertragen und erläutert 1916

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1916 Nr. 8.

172

das meifte in fpätalexandrinifcher Zeit auf Anregung des
Ariftoteles entftanden ift. Die älteften fakralen Bücher
und Urkunden verfolgten den praktischen Zweck, die
überkommenen gottesdienftlichen Satzungen und Zeremonien
feilzuhalten und darnach den Kult zu ordnen. In
fpäterer Zeit wandten fich die Kultfchriftfteller mehr dem
Studium des Sakralrechts zu, fo z. B. die attifchen Exe-
geten, die ihre Aufgabe geradezu in der Erklärung des
heimifchen Sakralrechts fahen. Im alexandrinifchen Zeitalter
entftand dann eine umfangreiche Literatur fakral-
antiquarifchen Inhalts. Auch die Myfterien und Orakel
haben vielfache Darftellung gefunden. Bezeichnend für
diefe Schriftsteller ift ihr Streben nach dem Rufe großer
Belefenheit, weshalb recht häufig Dichter angeführt werden.
Mit einem Ausblick auf die Benutzung der Kultfchriftfteller
in der Literatur Schließt die Einleitung. Die Benutzung
der Fragmente felbft wird durch ein Sachregister
recht bequem gemacht.

Königsberg i. Pr. Kurt Cybulla.

Budde, Karl: Die fchönften Pialmen, übertragen und erläutert
. (124 S.) kl. 8°. Leipzig, C. F. Amelang (1915).

Kart. M. 1.20; in Halbperg. geb. M. 1.60

Den erften Anftoß zu diefer während des Krieges
erfchienenen Überfetzung einer Auswahl von Pfalmen gab
die in demfelben Verlage vor fünf Jahren erfchienene
Gefchichte der althebräifchen Literatur, in der Budde
einige uberfetzungsproben der hebräifchen Poefie gab,
die den Verleger veranlaßten, Budde zu diefer nun veröffentlichten
Arbeit zu beftimmen. Sie wird grade in
diefer Zeit doppelt willkommen fein, wo unter Freude wie
Leid die Herzen empfänglicher für die Töne geworden
find, die in diefen Pfalmen erklingen. Es fehlt uns ja
freilich an Überfetzungen derfelben von Berufenen und
Unberufenen nicht, dennoch war Buddes Arbeit keine
überflüffige, weil die Schwierigkeiten, die dabei überwunden
werden müffen, nicht geringe find. Ich denke
dabei nicht nur an die zahlreichen Verderbniffe und die
Bearbeitungen, welche der hebräifche Text erfahren hat,
fondern auch an die bis vor wenig Jahren herrfchende
Unficherheit über die poetifche Form diefer Lieder. Sind
auch alle Rätfei noch nicht gelöft, fo find wir doch heute
über die Eigenart diefer Poefie und ihre Hauptformen zu
einem gewiffen Einverständnis gekommen, Budde Speziell
hat durch feine Untersuchungen über die Kinaftrophe fehr
wefentlich zu diefem Erfolg beigetragen. Von nicht
geringerer Wichtigkeit find zwei andere Forderungen,
welche ein Verdolmetfcher der Pfalmen erfüllen muß: er
muß etwas den alten Pfalmenfängern Kongeniales haben
und muß als Künftler das Instrument der Sprache zu
handhaben verstehen, wenn er unfere Zeit nicht nur in
die Gedanken diefer Sänger einführen, fondern den Eindruck
ihrer Lieder auf die ,Gegenwart fo Steigern will, daß
er dem der hebräifchen Lieder auf ihre Gegenwart möglichst
nahe kommt'. Die hymnologifchen Verfuche, mit
denen Budde dann und wann hervorgetreten ilt — ich
erinnere nur an feine Überfetzung des niederländischen
Dankgebets — haben bewiefen, daß er auch in diefer
Hinficht wie wenig andere ausgerüstet ift.

Aus der erften David-Sammlung find die Pfalmen
2—15 exkl. 9. 10. 19—21 23. 24. 29 und 32, aus dem
Korachiten-Pfalter die Lieder 42. 43—46 und 49, aus dem
Afaphpfalter 50. 73. 74. 82 und 83 und aus der letzten
Sammlung die Lieder 90. 91. 96. 103. 104. 110. Ell. 137
und von den Wallfahrtsliedern 121—128. 133 und 134
ausgewählt.

Eine volle Würdigung der Leistung Buddes wird nur
dem möglich fein, der den bald nach diefer Überfetzung
erfchienenen Auffatz Buddes in der Zeitschrift für altteft.
Wiffenfchaft 1915 S. 175 ff. heranzieht, hier findet fich die
wiffenfchaftliche Begründung feiner Überfetzung. Ilt auch
eine nicht unerhebliche Zahl von Verbesserungen dem

Fachmann längfl; bekannt, fo finden fich doch auch nicht
wenige, in denen Budde feinen eigenen Weg geht, und
nicht feiten trifft er den Nagel auf den Kopf, namentlich
da, wo es fich unter möglichster Schonung des überlieferten
Textes um Wiedergewinnung des zerstörten
Rythmus handelt. Es ift leider nicht möglich, hier im
Einzelnen auf den durch B. gewonnenen Fortfehritt unfers
Verftändniffes aufmerkfam zu machen, nur einzelne Hinweife
feien geftattet. In Pf. 2 werden vorhandene Schwierigkeiten
durch Umstellung der v. 5 und 6 befeitigt. Pf. 3. 4
werden, wie B. Ichon 1906 vorgefchlagen, als ein Lied
dargetan: 3,9 ift als liturgifcher Zufatz zu Streichen, fo
daß 4,2 der Abfchluß zu der 3,4—8 dargelegten Stellung
des Dichters zu Jahve ift, eine wohl nicht von allen Kritikern
gebilligte Anficht. Zu Pf. 5 fucht B. wahrscheinlich
zu machen, daß der urfprünglich rein individuelle
Pfalm durch einen längeren Einfchub (v. 9b—12) in ein
Rachegebet umgewandelt ift, vielleicht um ihn für den
Gebrauch der Gemeinde herzurichten. Ebenfo ift das
Danklied eines Königs Pf. 21, das in v. 8 feinen Abfchluß
findet, durch Anfügung von v. 9—13 zu einem Gelegen-
heitsliede ähnlich Pf. 20 ergänzt, während doch diefe Verfe
nach Form wie Inhalt nicht den geringsten Zusammenhang
mit dem vorher abgefchloffenen Liede haben. Sehr
anfprechend find die Vorfchläge zu Pf. 110,6. 7, fo daß
der bisher rätfelvolle v. 7 nur den Gedanken ergibt, daß
der Priefterkönig, da er Jahve immerfort an feiner Seite
hat, in der Lage des Wanderers ift, deffen Weg ein
fließender Bach begleitet, deffen Kräfte daher nie verfiegen.
Für Pf. 126 lehnt B. mit Recht aus Sprachlichen wie
inhaltlichen Gründen die Deutung auf die Zukunft ab:
Der Dichter Schaut auf das Wiederaufleben Jeruf's nach
der Befreiung zurück, das war der Anfang der Befreiung,
der die Hoffnung auf die der noch in der Knechtschaft
befindlichen nahe legt. Daß nicht alle Verfuche in gleicher
Weife auf Zustimmung rechnen können, ift angefichts der
Tatfache, daß der Erklärer oft nur auf die Konjektur
angewiefen ift, Selbstverständlich, ändert aber an dem Wert
der vorliegenden Leistung nichts.

Die der Überfetzung vorausgefchickte Einleitung
orientiert vorzüglich über die literarkritifchen Probleme:
B. zeigt hier, wie unfer Pfalter aus drei größeren Sammlungen
entftanden ift, von denen jede fchon eine Gefchichte
hinter fich hat; handelt von der Bedeutung der
Überfchriften, die Sich nicht auf die Verfaffer der Lieder
beziehen, fondern die Tempelfängerfamilie bezeichnen, der
das einzelne Liederbuch zugehörte, während die Davidlieder
der Tempelbefitz als Solcher find, der durch diefe
Überfchrift von dem Sonderbefitz der einzelnen Sängerfamilien
unterfchieden wird. In fehr befonnener Weife
wird dann die Frage nach dem ,Ich' der Pfalmen erörtert:
find auch alle Lieder des Pfalters zunächst Bekenntniffe
der jüdifchen Gemeinde des 2. Jahrhunderts, fo ift andrerseits
doch nicht zu zweifeln, daß nicht wenige Lieder das
erft durch Umbildung geworden find, urfprünglich waren
fie Ausdruck der Empfindung des Einzelnen. Zuletzt
endlich behandelt B. in Kürze die Frage nach der Form
der hebräifchen Poefie und die mufikalifchen Überfchriften.
Die letzten 30 Seiten geben die zum Verständnis jedes
einzelnen Liedes nötigen Anmerkungen, die einzelne feine
auch für den Fachmann beachtenswerte Gedanken enthalten
.

Möchte das Buch, das eine muftergiltige Arbeit ift,
recht viel Freunde finden und mit dazu beitragen, für
unfere Zeit wieder die Quellen zu erfchließen, aus der fo
viele in vergangenen Tagen Kraft und Erquickung ge-
fchöpft haben.

Straßburg. W. Nowack.

Nikel, Prof. Domkapit. Dr. Johs.: Der Hebräerbrief. Bibli-
fche Zeitfragen VII. Folge, (6. Heft.) (47 S.) gr. 8°.
Münfter, Afchendorff 1914. M. —60