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Ausgabe:

1915 Nr. 6

Spalte:

124-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guthe, Hermann

Titel/Untertitel:

Geschichte des Volkes Israel. 3., vielfach verb. Aufl 1915

Rezensent:

Meinhold, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 6.

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einzelne Erzählungen zu Grunde. Diefe gewiffermaßen ' keine Parallele bietet, während es in diefer an Parallelen
noch ungeprägten Sagen wandern und können bei jedem I zur israelitifchen Kultuspoefie nicht fehlt.
Volk neue Geftalt gewinnen, anders ift das bei den Epen, In der fiebenten Abhandlung ,die Endhoffnung der

welche die Eigenart eines Volkes, feiner Kultur und Re- j Pfalmiften' zeigt G., wie diefe aus der Not der Zeit geboren
ligion tragen. In dem letzten Auffatz fucht G. zu zeigen, ! ift und ihre fortwährende Nahrung empfängt: wenn die
daß die Oden wohl in einem juden-chriftlichen Kreis von ' Zeit gekommen, tritt Jahve feine Königsherrfchaft an, dann
Gnoftikern, die fich aber nicht im Gegenfatz zur Kirche, ift die Herrfchaft der Götter vorbei und auch die der
fondern vielleicht im Gegenfatz zu den eigentlichen Gno- Völker gebrochen. Dann gibt er feinem Volke die Welt-
ftikern (teilten, alfo offenbar als in der Kirche befindlich herrfchaft, man hält gerechtes Gericht unter den Völkern,
zu denken find, ihren Urfprung haben. Freilich lichtet Jahve auch in Israel die Spreu von dem

Die übrigen acht Abhandlungen haben direkt oder Weizen, nur die Gerechten werden des Heils teilhaftig,
indirekt Beziehung zur altteftamentlichen Wiffenfchaft. Die aber die Gottlofen werden vernichtet. Dann wird alle
zweite: Ziele und Methode der Erklärung des A. T. hebt i Welt erkennen, daß Jahve der wahre Gott ift.
als für diefe von Bedeutung neben der Behandlung der Der achte und neunte Auffatz fuchen die ägyptifche

Probleme des Textes und der Literarkritik die äfthetifchen Literatur für das Verftändnis der israelitifchen fruchtbar
und literaturgefchichtlichen fowie die theologifchen Pro- zu machen. Jener gibt ägyptifche Parallelen zum A. T.
bleme heraus, wobei es, wenn wir zu einem gefchicht- ! G. beginnt mit den Mythen, Sagen und Märchen, fpricht
liehen Verftändnis kommen wollen, darauf ankommt, : kurz über die Lyrik, befonders die religiöfe, und über
die einzelnen Gedanken nicht für fich zu denken, fondern die Weisheitsdichtung und fchließt mit einem Hinweis auf
fie in Zufammenhang zu (teilen mit anderen Gedanken , die Berührung israelitifcher und ägyptifcher Eschatologie.
desfelben Schriftftellers wie auch mit den Gedanken jener > In der neunten Abhandlung endlich führt G. eine Reihe
Zeit über denfelben Gegenftand. Gewiffermaßen die prak- i von ägypt. Dankliedern vor, in denen im Unterfchied von
tifche Erläuterung zu diefer Auffaffung geben dieAbhand- den fonftigen kultifchen Hymnen, die meift in trockenem
lungen über Simfon und Ruth, die eine Fülle von An- Ton den gefeierten Gott fchildern, uns Äußerungen per-
regungen auch für den Fachmann enthalten. Nach einer fönlicher Frömmigkeit entgegentreten. G. faßt das Re-
Charakterifierung des Simfon, des kraftvollen Natur- fultat feiner Unterfuchung über das Verhältnis der israel.
menfehen, der im Gegenfatz zu den Philiftern von der und ägypt. Lieder dahin zufammen, daß die israelitifchen
Kultur noch unberührt ift, und nach einer Charakterifierung Danklieder kein völlig felbftändiges Erzeugnis Israels find,
diefer Simfonerzählungen zeigt G., daß diefe hier ver- fondern daß der Orient und in erfter Linie Ägypten den
einigten Sagen auf fehr verfchiedenen Stufen flehen: 1) wir
haben eine kurze, dem Volksmund entnommene ,Notiz'
von feiner erften Infpiration 13,25 2) die in ,knappem
Sagenftil' gehaltene Erzählung vom Tore zu Gazza 16,1—3

Dichtern Israels Vorbilder geliefert haben. Diefe kurze
Skizze des Inhaltes diefer Auffätze zeigt, welche eine
Fülle von Anregungen hier gegeben find. Will Jemand
fich über die Ziele und die Methode der ,religionsgefchicht-

3) zwei Gefchichten von Simfons Erniedrigung und Helden- liehen' Schule unterrichten, fo kann er nichts befferes
tod in ,ausgeführterem Stil', von denen die erftere, die mit tun, als diefe Arbeit G.s ftudieren. Daß ihr Studium für
feinem Tod gefchloffen haben mag, wohl urfprünglich den Fachmann unerläßlich ift, bedarf keines Wortes weiter,
für fich beftanden hat. Auch in dem Sagenkranz 14,1 —15, c „, .)T7 w x- ,

17 find eine Reihe urfprünglich felbftändiger Erzählungen atiaßburg !/£-. VV. Nowack.

zu einem Sagenkranz verbunden. In trefflicher Weife__

behandelt G. auch die mythologifche Deutung der Simfon- j

gefchichte, die er völlig ablehnt und gegen die er als Haupt- ! Guthe, Prof. D. Dr. Hermann: Gelchichte des Volkes Israel,
fehler mit Recht geltend macht, daß fie fämtliche Züge 3. vielfach verb. Aufl. (XVI, 373 S. m. 5 Abbildgn. u.
der Simfon-Sage aus einem einheitlichen Prinzip hat ver- 4 Karten.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1914.

flehen wollen. In gleich anregender Weife behandelt G. ^ __. ^ _

die Ruthgefchichte, zeigt die Anlage der Erzählung, ihre _-. ' ' '

Kunft, ihre Abficht: den Heroismus der Treue der Ruth Ein Zeitraum von 10 Jahren liegt zwifchen der zweiten

und ihren göttlichen Lohn darzuftellen, den religiöfen und dritten Auflage der Guthefchen Arbeit. Es fcheint
Charakter des Buches ufw. Beachtenswert ift G.s Behaup- ! mir ein Zeichen für die Solidität diefer Gefchichtsdar-
tung, daß nicht nur die letzten Vv. 4, 18—22 einer fpäteren ! Heilung, daß Guthe fich nicht genötigt gefehen hat, an
Hand ihr Dafein verdanken, fondern daß auch 4,17 b Ein- j der Anlage und Ausführung wefentheh etwas zu ändern,
fatz fei, denn die Etymologie 4,17a beweife, daß in 17b Die Zahlen der §§, ihre Überfchriften bleiben diefelben.
einft ein anderer Name als 'Obed geftanden habe. Der j Damit ift nicht gefagt, daß nicht im Ausdruck fowie in
dritte Auffatz gibt einen kurzen Bericht über die Haupt- ; den fachlichen Darlegungen mancherlei geändert worden
grundfätze von Gunkels in der ,Kultur der Gegenwart', I ift- Vielmehr finden wir durch das ganze Buch hin die
I S. 51 ff. erfchienenen Schrift über die israelitifche Lite- j beffernde Hand. Trotzdem ift der Umfang des Ganzen
ratur, in der er den Gedanken durchführt, daß Israelitifche nicht viel größer (zweite Auflage 354 S., dritte 373). Die
Literaturgefchichte die Gefchichte der literarifchen Gat- | Abbildungen im Text [1) Jerusalem und die Refidenz der
tungen Israels ift, die G. dann in knappen Zügen zeichnet, davidifchen Könige nach den Bauten Davids und Salomos,
Ein Beifpiel zu diefer Literaturgefchichte gibt der fechfte | 2) Jerufalem mit dem Neubau der Ringmauer durch
Auffatz: die Pfalmen. G. zeigt hier, daß die ältefte reli- : Nehemia, 3) das jüdifche Gebiet unter dem perfifchen
giöfe Lyrik ein Stück des Gottesdienftes gewefen ift. Die > Statthalter Nehemia, 4) das Gebiet der Religionsgemeinde
Lieder des Pfalters find felber zu einem Teil Kultuslieder j um 430 v. Chr., 5) Jerufalem vor der Zerftörung im Jahre 70
oder kommen zu einem anderen, wichtigeren und um- I nach Chr.] Rheinen mir eine willkommene Zutat. Ebenfo
fangreicheren Teile wenigftens daher. Im Laufe der Ent- I bedeuten die 3 Karten (1. Das Reich Davids und Salomos,
wicklung wird dann das kultifche Lied vom geiftlichen j 2. das affyrifche und babylonifche Reich im 8. und 7. Jahr-
Lied abgelöft, Kultus und Gemeinde treten in den Hinter- ; hundert, 3. Paläftina zur Zeit der Makkabäer) eine wefent-
grund, und es handelt fich ausfchließlich um die Beziehung ; liehe Bereicherung gegenüber den 2 Karten der 2. Auflage,
der einzelnen Perfönlichkeit zu ihrem Gott. Am deut- ! Gewiß fehlt der Guthefchen Arbeit der Schwung Well-
lichften läßt fich diefer unter dem Einfluß der prophe- j haufenfeher Sprache und Kraft. Aber als Vorausfetzung
tifchen Gedanken vollzogene Umbildungsprozeß bei den ; fU1' das Verftändnis von Wellhaufens Werk wird Guthe
Klageliedern des Einzelnen beobachten, in ihnen erreicht > mit feinen ruhigen Darlegungen, feinen pofitiven Angaben
die israelitifchen Religion ihren Höhepunkt, fie find fpe- ! vielen Lefern, namentlich Studenten, für die doch die
zififch israelitifches Gut, zu denen die heidnifche Literatur ! Grundriffe des Mohrfchen Verlages in erfter Linie be-