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Ausgabe:

1915 Nr. 5

Spalte:

117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Ludwig

Titel/Untertitel:

Die Forderung einer Weiterbildung der Religion auf ihre Grundlagen untersucht 1915

Rezensent:

Mulert, Hermann

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H7

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 5.

118

mng, wie feft abergläubifche Vorftellungen trotz aller Arbeit des
Rationalismus und der modernen Kulturverbreitung noch haften:
wo es fleh um wichtige Vorteile handelt, die Eroberung oder das
Erkennen eines Bräutigams, die Herrfchaft in der Ehe, da will
man die Möglichkeit nicht fahren laffen, daß es vielleicht doch
nützt! Für die Völkerpfychologie ift neben der überwiegenden
Gleichartigkeit das Vorkommen grade entgegengesetzter Gebräuche
zu beachten, z. B. in Bezug auf die Totenblumen, die Namen-
gebung. — Ein Verfuch, Bezirke abzugrenzen, wie es im Sinne der
Dialektgeographie und der Trachtenkunde doch einmal gefche-
hen muß, ift nicht gemacht.
Berlin. R. M. Meyer.

Girgenrohn, Prof. D. Karl: Zwölf Reden über die chriftliche Religion
. Ein Verfuch, modernen Menfchen die alte Wahrheit zu
verkündigen. 3., neu bearb. Aufl. (5. u. 6. Taufend.) (VIII,
410 S.) 8". München, C. H. Beck 1913. Geb. M. 4 —

Über den Erfolg diefes Buches kann man fleh nur mitfreuen
. Es gibt eine tiefe chriftliche Religiofltät in Verbindung
mit einem Denken, das den alten Ausdrucksformen diefer Frömmigkeit
wie auch dem Geift modernen Denkens gerecht werden
will. Vielleicht ift nur fo ein Fortschritt der Erkenntnis in der
Maffe der Theologen und Laien möglich. Die neue Auflage zeigt,
zumal in dem Abfchnitt über das Werk Chrifti, allerlei Ab-
fchwächungen der früheren Auffaffung, die uns eine Ahnung von
einem neuen, einem über die Richtungen übergreifenden Lehrtypus
nahe bringen. Das Vorwort betont fehr ftark die Notwendigkeit,
wiffenfchaftlich zu den Dingen des Glaubens Stellung zu nehmen,
ohne daß fleh die Theologie ihre wifTenfchaftliche Unabhängigkeit
rauben laifen dürfte. Das Buch ift fehr geeignet, einen guten
Eindruck von den modern-pofitiven Beftrebungen zu erwecken
und ebenfo einen dogmatifch-gebundenen Geift in die Weite wie
einen nur freien in die Tiefe zu führen.

Heidelberg. F. Niebergall.

König, Geh.-Rat Prof. D. Dr. Eduard: Das antifemitirche Hauptdogma
, beleuchtet. (III, 64 S.) 8°. Bonn, A. Marcus u. E. Weber
1914. M. 1.50

Es ift fehr dankenswert, daß K. fleh der Aufgabe unterzieht,
eine Pfeudowiffenfchaft zu bekämpfen, die heutzutage manchem
das unbefangene Urteil verwirrt. Es handelt fleh ihm dabei in
erfter Linie um die Urteile der Antisemiten über das Alte Tefta-
ment, und zwar um die Behauptungen Tb. Fritfch's, ,daß der
erhabene Gottesbegriff der Propheten nicht rein jüdifch fei', daß
alles Wertvolle im A. T. von Nichtjuden ftamme, daß ,ein raf-
fifcher Unterfchied zwifchen Ifrael und Juda beftehe', daß ,die
Bevölkerung des alten Paläftinas nur zum geringften Teil aus
wirklichen Juden, d. h. Raffejuden, beftanden habe', daß Jefus
als Galiläer kein Jude gewefen fei. Mit vornehmer Sachlichkeit
und wiffenfehaniieher Ruhe und Gründlichkeit weift K. nach, daß
>die Antifemiten, die fleh in ihrem Urteil von gegenwärtigen Erscheinungen
des jüdifchen Lebens leiten laffen, gegen die hifto-
sifche Gerechtigkeit verftoßen'. Sowohl den Antisemiten als
denen, die ihnen gern Gehör Schenken, ift K.'s Schrift aufs wärmfte
zu gründlichem Studium zu empfehlen.
Gotha. Fiebig.

Mitteilung.

4. Eine re ligionsgefchichtliche Bibliographie wird
der Unterzeichnete mit andern zufammen künftig bei B. G. Teub-
ner errcheinen laffen, um wenigftens für die religionsgefchicht-
liche Abteilung des theologifchen Jahresberichts, der ja mit dem
laufenden Jahrgang leider fein Erfcheinen einftellt, einen Erfatz
zu fchaffen. Allerdings wird fie keine Kritik üben und auch den
Inhalt nur dann genauer angeben, wenn der Titel eines Buches
oder Artikels nicht ohne weiteres deutlich ift; es handelt fleh alfo
um eine reine Bibliographie nach Art der im gleichen Verlag
erfcheinenden für die volkskundliche Literatur. Sie foll in der
Regel in dem auf das Berichtsjahr folgenden Herbft erfcheinen,
wenn das auch das erfte Mal, da feit dem Herbft v. J. aus den
mit uns im Krieg liegenden Ländern nur wenig Literatur nach
Deutfchland gekommen ift, kaum möglich fein wird.
Bonn. Carl Clemen.

Entgegnung.

W. Köhlers ,Erwiderung' in Nr. 26 diefer Zeitungjahrg. 1914
veranlaßt mich zu folgender Feftftellung:

1. An der ,Unklarheit und Inkonsequenz' ,meines' Reformkatholizismus
, die er fchon in Nr. 8 Jahrg. 1914 diefer Zeitung
bemängelte und in Nr. 14 ,wieder' beanftandete, würde er meines
Erachtens fchwerlich Anftoß genommen haben, wenn er meinen
ausführlichen Darlegungen in der Zeitfchr. f. Politik V. Bd. (1911)
(befonders S. 208ff.), in welchen ich mich gerade über das Verhältnis
des Modernismus zum herrfchenden Kirchenfyftem verbreitete
, Beachtung gefchenkt hätte. Ich kann fomit die Berechtigung
des mir von ihm wiederholt gemachten Vorwurfs nicht
zugeben und muß ihn immer wieder zurückweifen.

2. Daß es, wie W. Köhler behauptet, allgemein üblich fei,
unter Reformkatholizismus im weiteren Sinne auch den Modernismus
zu befaffen, kann ich nicht zugeben. Die offiziellen kirchlichen
Behörden wenigftens bedienen fleh in ihren Erlaffen immer
nur des Ausdruckes ,Modernismus', den fie auf die frühere re-
formkatholifche Bewegung meines Wiffens nicht anwandten; es
fehlte nicht an Reformkatholiken, die fleh ausdrücklich dagegen
verwahrten, als Moderniften angefprochen zu werden, wie es nicht
an Moderniften fehlt, die dem Reformkatholizismus fern ftanden.
Auf keinen Fall aber durfte fleh W. Köhler für eine folche Zu-
fammenfaffung auf mich berufen. Denn wenn ich auch in Religion
in Gefchichte und Gegenwart' unter dem Schlagworte
, Reformkatholizismus' beide Bewegungen behandelte, fo waren
hiefür technifche Gründe maßgebend; er durfte auch nicht über-
fehen, daß ich fchon in den erften Worten diefes Artikels erklärte:
,Was man anfangs als Reformkatholizismus, fpäter als Modernismus
bezeichnete, find engverwandte, jedoch keineswegs identifche
Strömungen im Schöße der röm.-kath. Kirche feit Ende des 19.
Jahrhunderts'.

3. Wenn W. Köhler mein ,Verb!eiben innerhalb der katho-
lifchen Kirche bei ftärkfter Kritik an feitens diefer Kirche legitimierten
Dogmen' als Unklarheit und Inkonfequenz auffaßt und
meint, ,dem Schwanken zwifchen betonter Kirchlichkeit und tat-
fächlicher Unkirchlichkeit fehle ein fefter Maßftab', fo beruht
feine Auffaffung eben auf mangelhafter Kenntnis meines von ihm

Gaur, Prof. Dr. Ludw.: Die Forderung e. Weiterbfidung der Religion , getadelten Standpunktes, dem es an einem ,feften Maßftabe« keines-
auf ihre Grundlagen unternicnt. (Apologetifche Tagesfragen, | s gebricht und auch kein .Schwanken' zur Laft fällt. Eben
12. Heft.) (106 S.) 80. M.-Gladbach, Volksvereins-Verlag 1912. j desl]a,b muß ich ihm das Recht zu feinem wiederholten Tadel

entfehieden beftreiten.

4. Wie W. Köhler in diefem Zufammenhang zu der Ver-
ficherung kommt, über ,Unklarheit und Inkonfequenz' des Zentrums
fleh auszulaffen, fei hier nicht der Ort, verliehe ich nicht.
Ich gab ihm hiezu keinen Anlaß.

München. J. Schnitzer.

Schlußerklärung.

Es widerftrebt mir, im gegenwärtigen Momente, der wahrlich
Anderes von uns fordert, eine literarifche Fehde mit einem
von mir persönlich ftets hochgeschätzten Manne weiter zu verfolgen
. Da Schnitzer neues Tatfachenmaterial nicht beibringt,
überlade ich das Urteil über Punkt 1 und 3 dem Leier.

Zu Punkt 2 bemerke ich, daß es fleh lediglich um einen
Wortftreit handelt. Die Sonderart des fogen.,Modernismus' habe
ich nie beftritten, ftehe aber keineswegs damit allein, wenn ich
ihn mit ,engverwandten, jedoch keineswegs identifchen Strömungen
' in Zufammenhang bringe und für die Gefamtbew egung
den Namen,Reformkatholizismus'im weiteren Sinne gebrauchte.
Wäre das fo abfolut unrichtig, fo hätten auch ,technifche Gründe'

M. 1.20

B. behandelt nicht fpeziell diele Forderung (daß fle einft
deshalb befonders erörtert wurde, weil Wilhelm IL fie fleh angeeignet
hatte, erfährt man nicht), Sondern überhaupt das (katho-
bfche) Chriftentum und die Gegenftrömungen, namentlich den
modernen Monismus, dogmatifch nicht völlig gebunden (einige
Naturanfchauungen der Bibel erklärt er für überholt), und
nicht ohne einzelne gute Bemerkungen, wie: Der Menfch Herr
der Natur? O daß er doch Herr feiner Natur wäre! (S. 67).
A°er die Auswahl aus der nichtkatholifchen Literatur erfcheint
ungleichmäßig, ihre Wiedergabe ftellenweife eigentümlich (S. 30/31
ut eine Zufammenfaffung von Troeltfchs Gedanken in indirekter
Rede doch in Anführungszeichen gefetzt), in einigen Fällen unerfindlich
(z. B. wenn S. 27 unten als Vertreter pragmatifcher
«ehgionsphilofophie ,W. James und Schiller' genannt werden),
er Stil oft verbefferungsbedürftig, der Druck z. T. nachläffig, und
*u grundrätzlichen Erwägungen über das Verhältnis katholischer
u proteftantircher Apologetik, die lehrreich fein können, werden
andere Werke belfere Gelegenheit bieten.
Berl'n. H. Mulert.