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Ausgabe:

1915 Nr. 5

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wohleb, Leo

Titel/Untertitel:

Die lateinische Übersetzung der Didache 1915

Rezensent:

Soden, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 5.

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fie gefchickt. Johannes Weiß' Auffatz über Mt. 11,25
bis 30 ift eine Auseinanderfetzung mit Nordens fo bekannt
gewordenen Aufftellungen. Wohl mit Recht lehnt Weiß
die Wertlegung ab, die Norden für die Entfcheidung der
Echtheitsfragen, dem in diefen Worten entdeckten Schema
beimißt M. E. nicht mit Recht beftreitet er die myftifche
Deutung, die Norden unter Vergleich helleniftifcher Stellen
für Mt. 11,27: ,Niemand kennet den Sohn, denn der Vater'
gewonnen hat. Ich glaube nicht, daß man hier mit dem
altteftamentlichen, babylonifchen (?) Sinn der Erwählung
auskommt. Dagegen ftimme ich Weiß mit Freuden in
der Behandlung der kritifchen Frage und der Empfindung
des Abftandes zwifchen Mt. 11,25fr. und 11,27 zu und
erkenne nachträglich gerne an, daß ich bei meinen Ausführungen
im Kyrios fchon auf die seinen in den ,Schriften
des Neuen Teftaments' hätte hinweifen müffen. R. A.
Hoffmann unterfucht das Wort Jefu von der Zerftörung
und dem Wiederaufbau des Tempels, er findet deffen
urfprüngliche Form in der abendländifchen Überlieferung
von Mk. 13,2, einem Gedanken, dem ich gerne zuftimme.
Dagegen glaube ich nicht, daß H. in feinen Ausführungen
über die Verhörs-Scene gegen Norden und Wellhaufen
Recht behalten wird. Über Johannes-Evangelium und
Gnofis handelt Leipoldt und fucht die antignoftifchen
Elemente des Evangeliums herauszuarbeiten. In einer
recht wunderlichen Weife verfucht Lütgert aus der un-
hiftorifchen und tendenziöfen Verwendung des Judennamens
im Johannes-Evangelium eine hiftorifch brauchbare Vor-
ftellung herauszufchlagen. In die myftifche, im Predigerton
vorgetragene Exegefe zu Phil. 1,21 von Otto Schmitz
habe ich mich nicht hineinlefen können und überlaffe das
Berufeneren. Böhlig handelt über das Thema tv v.vQim
Zu dem Hinweis darauf, daß die Formel fich vielfach auf
die Zugehörigkeit zu der Gemeinde Chrifti beziehe, möchte
ich vor allem auf die charakteriftifche Stelle I Kor. 7, 39
hinweisen. Das Wefentlichfte was hier zu fagen wäre,
deutet B. nur an, nämlich, daß die Formel kultifch ver-
ftanden werden könnte. Martin Dibelius handelt über
die Formel ,Erkenntnis der Wahrheit' in den Paftoral-
Briefen, er fieht hier eine Rationalifierung der myftifchen
Auffaffung von Erkenntnis innerhalb der paulinifchen
Frömmigkeit, eine Rationalifierung, zu der etwa der
Ephefer-Brief mit feiner Vulgarifierung der Myftik des
Paulus den Übergang bildet. In feiner Auffaffung von
dem myftifchen Charakter der Gnofis bei Paulus lehnt er
fich in richtiger Weife an Reitzenftein an und führt deffen
Auffaffung erfreulich weiter, namentlich durch die Hin-
einftellung von Phil. 3,12 in diefen Zufammenhang. II Kor.
4,6 wäre noch ganz anders und viel energifcher in den
Zufammenhang der griechifchen Myftik einzureihen. Vortrefflich
ift der Hinweis auf Ode Salomos 7,6. Georg
Schnedermann ift der Überzeugung, daß die gefchicht-
liche, jetzt religionsgefchichtlich genannte Betrachtungsweife
von ihm feit dem Anfang der 80er Jahre des vorigen
Jahrhunderts vom Standpunkt des kirchlichen Gewiffens,
als einem derErften inauguriert und jetzt allgemein durchgedrungen
fei. Seine ,religionsgefchichtliche Anfchauung'
faßt er freilich in dem Satz zufammen: ,das Chriftentum
ift feinem Urfprung und Wefen nach Erzeugnis und Angelegenheit
des Volkes — der Religion — Ifraels und
kann nur unter diefem Gefichtspunkt recht verftanden
werden'. Im übrigen ift die Sache höchft einfach und in
einem Ausfagefatz veranfchaulicht: ,Ifraelitifch ift die Bildung
des Satzgegenftandes „Gott", Jefus bildet die Satz-
Ausfage „gegenwärtig — durch mich". Paulus vollzieht:
„für alle Welt'". Paul Feine lehnt in einer kritifchen Studie
die konfequente Eschatologie Albert Schweitzers ab, mit
Recht. Über die Teufelsidee in den Evangelien handelt
Hönnicke. Rudolf Knopf bietet einen hübfchen Auffatz
über die Himmels-Stadt; befonders gefreut hat mich,
daß er die kosmologifch-mythologifche Vorftellung von
Himmelsgewölbe gleich Himmelsftadt auch in der dritten
Vifion und neunten Similitudo des Hirten des Hermas

findet, nur hat er nicht gefehen, daß die Himmelsmythologie
auch in den Zahlen der Steine des Himmelsbaues
fich wiederfpiegelt, denn 10 4- 25 (fo ift ficher zu lefen) -j-
35 ift = 70; 70 oder 72 aber die bekannte Himmelszahl,
und wenn dann noch 40 Steine hinzugefügt werden und
fpäterhin fpeziell chriftlich gedeutet werden, auf Apoftel
Bifchöfe ufw., fo haben wir hier außerdem den neueren
Nachweis einer Überarbeitung. Aus Taufend und eine
Nacht ließen fich übrigens noch mehr Belege für die
Mythologie der Himmelsftadt beibringen. Windifch verfolgt
die Zufammenhänge zwifchen der jüdifchen Weisheitslehre
und der jüdifchen transfzendenten Meffiano-
logie, fo wie der Chriftologie des Paulus und der fpäteren
Logos-Theologie. Trotz manches Beachtenswerten, das
er hier beibringt, fcheint er mir diefe doch gewaltig
zu überfchätzen. Es mag ja fein, daß die fupranaturale
Menfchenfohn-Theologie des Spätjudentums hie und
da von der Weisheitsfpekulation beeinflußt ift, obwohl
doch im Henoch-Buch, auf das W. vor allem rekurriert,
beide Geftalten völlig neben einander flehen bleiben.
Jedenfalls aber hat die Idee des präexiftenten Menfchen-
fohnes ihre eigenen Wurzeln im orientalifchen Mythos und
kann und muß zunächft von dorther verftanden werden.
Was Paulus betrifft, fo mag feine Chriftologie hier und da
tatfächlich von der Weisheitsfpekulation beeinflußt fein
(ob man freilich I Kor. 1,24 in diefen Zufammenhang ein-
zuftellen berechtigt ift, ift mir mehr als fraglich), aber was
hier in Betracht kommt, ift doch nur ein Stückchen der
Theologie des Paulus. Daß feine Chriftus-Myftik von
dorther begreiflich fei, leugne ich beftimmt, wie ich denn
überhaupt bei meiner Meinung verharre, daß Kyrios Kult,
Chriftus-Myftik und damit auch ein beträchtlicher Teil der
Chriftologie des Paulus nicht aus der jüdifchen Meffiano-
logie abzuleiten fei. Darin, daß ich in der Darfteilung
der Logos-Theologie die Weisheitsfpekulationen, auf die
ein Hinweis übrigens nicht fehlt, ftärker hätte betonen
können, gebe ich W. Recht und bin ihm dankbar für den
Hinweis auf Sap. 18,14fr. (fo zu lefen ftatt 18,4ff.). Eine
Gefchichte der Exegefe, der alten Chnftenheit zu Mt. 19,12
von dem Gnoftiker Bafilides an, bietet Walter Bauer.
Erich Kloftermann trägt Origeniana bei, er vermutet
in der jetzt im griechifchen Text bekannt gewordenen
Vorrede des Prokop von Gaza zum Deuteronomium Ori-
gines als Quelle. Über die erfte Grammatik des neu-
teftamentlichen Griechifch von Georg Pafor, von feinem
Sohn Matthias Pafor herausgegeben hat, wie über das erfte
Septuaginta-Wörterbuch von Zacharias Rofenbach berichtet
Heinrich Schloffer.

Göttingen. Bouffet.

Wohleb, Leo: DielateinifcheÜberletzung derDidache, kritifch
u. fprachlich unterfucht, m. e. Wiederherftellg. der
griech. Vorlage u. e. Anh. üb. das Verbum ,altare' u.
feine Kompofita. (Studien zur Gefchichte u. Kultur des
Altertums. VII. Bd., 1. Heft.) (VII, 142 S.) gr. 8«.
Paderborn, F. Schöningh 1913. M. 6 —

Wohleb gewinnt für feine fprachgefchichtliche Unter-
fuchung der lateinifchen Didache die Grundlage durch
textkritifche Erörterungen, deren Ergebnis auch felb-
ftändigen Wert hat. Es wird nämlich gezeigt, daß die
Korrekturen in der (einzigen vollftändigen) Hf., dem cod.
Monac. 6264, nicht auf einer Revifion an der Vorlage
beruhen, wie der Entdecker und Herausgeber Schlecht
meinte, fondern aus Willkür flammen und daher für die
Textherftellung zu ignorieren find. Weiter wird wahr-
fcheinlich gemacht, daß die Varianten zwifchen dem
griechifch und dem lateinifch überliefertem Text der Didache
nicht dem Überfetzer zugefchrieben werden dürfen,
fondern auf eine abweichende griechifche Vorlage zurückzuführen
find, die mit vollem Gewicht in die Konkurrenz
der Textzeugen einzuftellen ift. Eine Rekonftruktion diefes