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Ausgabe:

1915 Nr. 4

Spalte:

80-82

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ursinus, Alfred

Titel/Untertitel:

Einleitung ins Apostolikum 1915

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 4.

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Lobenswerte Zurückhaltung zeigt K. auch in der
Textkritik. Die Grundfätze, die er hierüber in §7, 1 der
Einleitung entwickelt, werden alle billigen, die nicht der da-
felbft gegeißelten Illuffion verfallen find, wir könnten durch
kritifche Eingriffe den Text mit wiffenfchaftlicher Sicherheit
herftellen, den die erften Autoren felbft ihren
Lefern darboten. Ihm fteht die Frage der praktifchen
Brauchbarkeit eines Textes höher als die der vermeintlichen
, reftlofen wiffenfchaftlichen Korrektheit. Auch die
Bedeutung der Metrik für die textkritifche Behandlung
der Pfalmen wird von K. auf das richtige Maß einge-
fchränkt. Im wefentlichen hat er fich an den Text der
Pfalmen in feiner Bibl. Hebr. gehalten.

Noch eins möchte Ref. zum Lobe diefes Kommentars
hervorheben. Leffing hat einmal gefagt, man ift in
der Gefahr, fich auf dem Wege zur Wahrheit zu verlieren,
wenn man fich nicht um feine Vorgänger bekümmert, !
und man verfäumt fich ohne Not, wenn man fich um alle
bekümmert. Auch in diefer Hinficht hat K. mit ficherem
exegetifchen Gefühl den rechten Weg eingehalten. Den
Ballaft der alten Kommentare hat er über Bord geworfen,
das, was von bleibendem Wert geworden ift, läßt er je-
weilen zur Geltung kommen.

Jena. W. Staerk.

Godet, Georges: La seconde epitre aux Corinthiens. Com-
mentaire publie d'apres le manuscrit de l'auteur par
prof. Paul Comtesse Fils, avec une notice biogra-
phique par prof. Aug. Thiebaud et une preface de
prof. Ch. Porret. (LV, 362 S.) 8°. Paris, Prof.
L. Aubert 1914. fr. — 10

Diefes Buch ift ein opus posthumum, erfchienen
fieben Jahre nach dem Tode feines Autors, der Profeffor
an der unabhängigen evangelifch-theologifchen P'akultät
zu Neuchätel gewefen ift. Die Grundlage bilden Vor-
lefungen, die aber bereits G. für den Druck beftimmt
und zu diefem Zweck zu überarbeiten begonnen hatte.
Fertiggeftellt wurde das Manufkript durch G.s Nachfolger
im Amte, P. Comtesse, der fich der Beihilfe ihm nahe-
ftehender Theologen erfreuen durfte. Ein anderes Fakultätsmitglied
, A. Thiebaud, hat einen Lebenslauf des
Verblichenen verfaßt, endlich Ch. Porret eine Vorrede
beigefteuert.

Aus dem Buche redet in der Hauptfache G. felbft
zu uns. Der Bearbeiter hat feine Zufätze, die wefentlich
den neuerfchienenen Auslegungen von Bachmann, Lietz-
mann und Bouffet Rechnung tragen, in Klammern ein-
gefchloffen, fo daß fie fofort als folche kenntlich find.
Das Werk füllt infofern eine Lücke aus, als der franzöfifch
fprechende Proteftantismus bisher keinen Kommentar
zum EL Korintherbrief befeffen hat. Den I. Korintherbrief
hatte Fr. Godet, der bekanntere Vater unferes Verf., ausgelegt
. An deffen Arbeit fchließt fich die des Sohnes
an, nicht nur was den Stoff angeht, fondern auch in der
Methode. Da diefe die gleiche ift wie in den zahlreichen
exegetifchen Werken des Vaters, fo kann auf eine ausführlichere
Charakterifierung füglich verzichtet werden.
Den Standpunkt ftrengen Fefthaltens an der kirchlichen
Lehre verleugnet auch der Sohn nicht. So findet er
z. B., um eine Kollifiion zwifchen dem Dogma von der
Trinität und II. Kor. 3,17 zu vermeiden, an diefer Stelle
den Sinn: (Mofes ift der Buchftabe, aber) der Herr ift
der Geift (S. 122).

Doch nicht mit Unrecht urteilt die Vorrede (S. VIII)
von der Vater und Sohn gemeinfamen Weife: ,le pere
le fait avec plus de brillant, le fils avec plus de solidite'.
In der Tat ift hier pünktliche Arbeit geleiftet. In ausgedehntem
Maße geht G. auf die Meinung der Mitforfcher
ein. Indem er fich mit ihnen auseinanderfetzt, gewinnt
er die eigene Auffaffung. Vielleicht hätte die nicht in
Kommentarform gekleidete einfchlägige Literatur etwas

mehr Berückfichtigung verdient. Daß auch die alte Auslegung
herangezogen wird, ift erfreulich. Gewundert hat
mich dabei nur, dem Ambrofiafter nirgends begegnet zu
fein. — Die Zerlegungshypothefen, deren Gegenftand
II. Kor. gewefen ift, lehnt G. famt und fonders ab.

Breslau. Walter Bauer.

Goetz, Pfr. Lic: Das apoltolifche Glaubensbekenntnis. (Re-
ligionsgefchichtliche Volksbücher. IV. Reihe, 17. Heft.)
(64 S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1913.

M. —50; geb. M. —80
Thieme, Prof. D. Karl: Das Apoltolifche Glaubensbekenntnis.
(Wiffenfchaft u. Bildung 129.) (144 S.) kl. 8°. Leipzig,
Quelle & Meyer 1914. M. 1—; geb. M. 1.25

! Urfinus, Oberlehr. Dr. Alfred: Einleitung ins Apoltolikum.
(VIII, 67 S. m. 1 färb. Tafel.) 8«. Quedlinburg, H.
Schwanecke (1911). M. —90; geb. M. 1 —

Die wiffenfchaftlich bedeutfamfte unter diefen drei
neueren Schriften über das Apoftolikum ift die mittlere.
Ja Thieme hat unfraglich in feiner, an fich fogut wie die
beiden andern auf einen weiteren Leferkreis angelegten
Arbeit der wiflenfchaftlichen Forfchung kraftvolle Anregungen
geboten, nicht nur durch feine überall felb-
ftändiges Quellenftudium offenbarende überlegfame, um-
fichtige Kritik deffen, was frühere Forfcher geleiftet, fondern
auch durch die eigene Auffaffung der Probleme, um
die es fich handelt. Seine Schrift ift auch die umfang-
reichfte der drei obengenannten. Immerhin ift fie knapp
genug, um als erfte Einführung in den Stand der
Forfchung dienen zu können; fie wird jedem, der zunächft
mal Orientierung fucht, in vortrefflicher Weife zu Hilfe
kommen, um dem vielverfchlungenen Gefchichtsproblem,
das uns das Apoftolikum aufgibt, nahe zu treten. Thieme
hat feine Schritt mir gewidmet, und ich freue mich deffen
als einer Anerkennung meiner Studien auf diefem Gebiete
durch einen Theologen von fo großer Gelehrfamkeit und
fo vorfichtiger maßvoller Haltung, wie er es ift. Ich habe
begreiflicherweife zunächft Bedenken getragen, fein Buch
hier anzuzeigen. Aber ich habe diefes Bedenken doch
zurückftellen zu dürfen geglaubt angefichts deffen, daß
Thieme an meinen Aufftellungen fo nachdrücklich und
einfchneidend Kritik übt, als an irgendeinem feiner Mitforfcher
; ja ich glaube, daß er fich fachlich vielfach, jedenfalls
in der Grundauffaffung, felbft — wenn er gedrängt
würde — als Reinhold Seeberg näher ftehend denn
mir bezeichnen würde. Ich habe nur um fo mehr Grund
mich deffen zu freuen, daß er meinen Namen mit feiner
Schrift, deren Grundcharakter der Wille zur gewiffenhaften
Sachlichkeit ift, verbunden hat. Es ift ja nun, feit ich den
erften Band meines Werks über das apoftolifche Symbol
herausgab, ein Doppeldezennium dahin gegangen und feit
1900, wo der Schluß meines zweiten Bandes erfchien, habe
ich keinen Anlaß mehr gehabt, von meiner weiteren ftillen
Mitarbeit an dem Komplex der Fragen, die zu dem
Thema gehören, Kunde zu geben. Ich kann natürlich
auch hier an diefem Orte und auf die mir im Moment
gebotene Gelegenheit hin nicht irgendwie genauer mich
ausfprechen. Am meiften Eindruck auf mich haben die
Unterfuchungen gemacht, die den formelhaften Wendungen
bei der Bezugnahme auf den Gemeinglauben oder die
,Überlieferung' bezüglich des Inhalts des ,Chriftenglaubens'
im N. T. und fonft in den älteften chriftlichen Dokumenten
gewidmet find. Ich habe in Bd. II, S. 335—347 diefe
Wendungen zwar auch fchon, in Berückfichtigung einer
Reihe damals bereits erfchienener Studien, genauer in
Überlegung gezogen, aber feither find Gefichtspunkte gefunden
, die demgegenüber doch neu find und Beachtung
verlangen, zumal der, daß es anfcheinend im Judentum
fchon Sitte war, den heidnifchen Profelyten nach feftem
Schema(Formeln ? zum Auswendiglernen ?) Unterricht in der