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Ausgabe:

1915 Nr. 2

Spalte:

539-540

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Turchi, Nicola

Titel/Untertitel:

La civiltà bizantina 1915

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 25/26.

540

cliarismatifchen ,Lehrern' geleitet worden ift, neben denen
der Gemeindeklerus noch eine ganz befcheidene Rolle
/hielte. Diefe Lehrer brachten in ihrer ,Gnofis' eine Freiheit
des Gedankens zum Ausdruck, die anderswo in der
Kirche nicht mehr erträglich fchien; fie gehörten einer j
philofophifchen Richtung an, die fich für uns erft im 3. !
Jahrhundert deutlich enthüllt, und fie ftanden in einer i
kirchlichen Gemeinde, die fich efoterifche Theologien j
charismatifcher Lehrer noch gefallen ließ. Erft der Bifchof i
Demetrius von Alexandrien hat diefem archaiftifchen Zu- [
ftande ein Ende gemacht; aber in Clemens und Origenes j
ragt er noch in die klerikalifierte Kirche hinein. Presbyter
und ,Lehrer' haben ägyptifche Kirchen noch in der
Mitte des 3. Jahrhunderts regiert, und in Laranda, Ikonium
und Synnada hat fich das Lehrertum länger erhalten als
in Alexandrien.

Die hinter Philo und Clemens liegende Schulüberlieferung
fucht Bouffet, fo weit möglich, auch fachlich J
verftändlich zu machen. Das ftarre, aber z. T. disparate I
Relief der philonifchen Lehren wird dadurch lebendig, j
und Clemens' theologifche Lehre wird eindeutiger und i
eindrucksvoller, wenn fie von ihrer Folie unterfchieden j
wird. Eine gewiffe Schwierigkeit liegt natürlich darin, daß
man auch mit Wandelungen der Lehre bei Philo und 1
Clemens felbft zu rechnen hat: aber, foviel ich fehe, werden
Bouffets Ausführungen durch diefe Erwägung nicht
bedroht; denn die Abgrenzung des aus ,Lehrvorträgen' |
flammenden Gutes ift größtenteils ficher. Ob man diefe j
fo oder als ,Predigten' bezeichnen will, ift ziemlich gleichgültig
: es find religiöfe, erbauliche Vorträge für Geförderte j
gewefen, die an diefe allerdings nach höhere Anfprüche [
/teilten als die gleichartigen fpäteren Vorträge des Ori- [
genes. Schickte man die Vorträge an Andere und verfall
fie mit einem Kopf und einem Schluß — und das ift
vielfach gefchehen —, fo wurden es ,Briefe'. Solche ,Briefe' j
haben wir fchon im Hebräer-, Jakobus-, II. Clemensbrief; j
der I. Clemensbrief ift z. T. ein Cento aus Vorträgen, und !
vollends bei Cyprian fällt Traktat und Brief in mehreren j
P'ällen zufammen.

Auf Valentins Schule hat Bouffet in feinen Ausfüh-
rangen hin und her Rückficht genommen; aber es hätte j
hier wohl noch mehr gefchehen können. Sie war aller
Wahrfcheinlichkeit nach in Alexandrien felbft eine Zwil- !
lingsfchwefter der Schule des Pantänus. Sie hat auch
die eigentlich theologifche und exegetifche Aufgabe des
Chriftentums zu erft erfaßt; weder zeitlich noch fachlich
gebührt der Pantänusfchule diefer Ruhm. Valentin ift
der Begründer der chriftlichen exegetifch-philo-
fophifchen Theologie (wie Marcion der Begründer
jeder zukünftigen Reformation, die fich auf den Spuren
des Paulus hält); Pantänus, Clemens und Origenes
haben fie ftufenweife zum ,Mythus' der Kirche j
zurückgeführt und mit ihm verfponnen.

Unter den Einzelausführungen feien die als befonders
lehrreich hervorgehoben, welche vom Logos handeln
(S. 158//). Bei den ,Namen' S. l66ff. hätte daran erinnert
werden follen, daß die valentinianifche Schule (wie uns 1
ausdrücklich berichtet ift und wir auch noch zu konftatieren
vermögen) den Verfuch gemacht hat, den Namen ,d öcor^p'
für Jefus an die Stelle aller übrigen Bezeichnungen zu fetzen.

Sehr wohltuend berührt im ganzen Verlaufe der Un-
terfuchungen, daß der Verfaffer feine Vorgänger nicht
zitiert, um fie zu /trafen, fondern um fie anzuerkennen
und auf ihren Arbeiten weiterzubauen. Da Strafen oder
Ignorieren heute mehr Mode ift, fo fei diefe Haltung befonders
hervorgehoben.

Berlin. A. v. Harnack.

Turchi, Nicola: La civiltä bizantina. (VII, 327 S.) 8°-
Turin, Frat. Bocca 1915. L. 5 —

Byzantinifch, lange Zeit ein Stichwort für Stagnation,
Korruption, Niedergang, erfreut fich jetzt allfeitiger Bewunderung
. Es ift nicht nur der Glanz, der wie einft die
Barbaren, fo jetzt die P'orfcher blendet: es ift die wunderbar
zähe, allen Todesftößen hartnäckig widerftehende und
immer neueBlätter und Blüten treibende Lebenskraft, welche
ein fozufagen biologifches Intereffe in Anfpruch nimmt. Das
lebenskräftige in der byzantinifchen Kultur; das bis in unfere
eigene Kultur fortwirkende, das ift das Thema der zahlreichen
neueren Arbeiten zur Sache von H. Geizer, C. Neumann
, K. Dieterich, A. Rambaud, Ch. Diehl u. a., denen
fich jetzt N. Turchi mit einer guten populären Darfteilung
in italienifcher Sprache anfchließt.

T. beginnt (Kap. 1) mit einer Charakteriftik des By-
zantinifchen, als einer Mifchung von Chriftlich-Helleniftifch-
Orientalifch, die doch das Römerreich darfteilen will, daher
hier zugleich eine Schilderung des Hofes und der (Zirkus-)
parteien geboten wird; wendet fich dann in Kap. 2 zu feinem
Lieblingsgebiet, der Handels- und Agrarpolitik; verrucht
(Kap. 3) einen kurzen Überblick über die politifche Ge-
fchichte; hebt (Kap. 4) aus der Literatur die hervorftechend-
ften Typen heraus; fchildert (Kap. 5) die byzantinifche Reli-
giofität; wiederholt (Kap. 6) die Charakteriftik des Patriarchen
Job.. Chryfoftomus aus der Feftfchrift XgvooOTOfiixa
von 1907 und fchließt (Kap. 7) mit der Kunft. Schon diefer
Überblick zeigt, daß hier nicht wie in H. Geizers kleiner
gleichnamiger Schrift, über die Ph. Meyer in Jahrg. 1910
Nr. 15 Sp. 464 berichtet hat, ein einheitlicher Wurf vorliegt
; es ift Sammelarbeit. Uneinheitlich ift auch teilweife
die Beurteilung, indem der über ausgebreitete Kenntnis
der modernen Literatur verfügende Verf. fich oft von
diefem oder jenem Autor leiten läßt. Römifcher Priefter
und Profeffor an den Schulen der Propaganda, vermag
er z. B. den ikonoklaftifchen Kaifern gegenüber, fo feiner
fich bemüht ihrer Sozialpolitik gerecht zu werden, von
der herkömmlichen Ketzerverurteilung nur fchwer loszukommen
. Man fühlt durch feine Schilderung die Strangulierung
des Rhomäerreiches durch die italienifchen Kaufmannsrepubliken
durch; aber der bis heute nachwirkende
Haß aller echten Byzantiner auf die Lateiner wird doch
nicht verftändlich. Photius heißt der größte Gelehrte feines
Jahrhunderts und der Urheber des griechifchen Schismas:
für Byzanz bedeutet er doch wohl mehr. Wenn Johannes
v. Damaskus der erfte und letzte der byzantinifchen Theologen
heißt S. 159, während doch unmittelbar darauf der
von Loofs entdeckte Leontius als fein größter Vorläufer
und eine Reihe fpäterer Dogmatiker mit Anerkennung
vorgeführt werden, fo zeigt fich hierin nur, wie fchwer
es ift, von überlieferten Formeln loszukommen.

Überhaupt ift es eine fchwierige Aufgabe, eine Kultur
zu fchildern, die fich durch ein Jahrtaufend lebensvoll, d. h.
in fteter Umbildung, erhalten hat; hebt man das Typifche
heraus, fo wird das Bild farblos, geht man ein auf das
Wechfelnde, fo wird es unruhig und unklar. Man wird
T's Darfteilung nachrühmen dürfen, daß er beide Einfeitig-
keiten vermieden hat. Der Abriß der politifchen Gefchichte
auf 30 S., bei dem doch jeder, auch der unbedeutendfte
Kaifer, Erwähnung findet, ift ein an G. Krügers Päpfte
erinnerndes Kunftftück; bei der Literatur wird mit Recht
auf chronologifche Anordnung verzichtet; für die Kunft
werden reichliche Details geboten; im übrigen wird
gerade hier die Gefamtcharakteriftik des Byzantinifchen
als Chriftlich-Helleniftifch-Orientalifch gut illuftriert. Am
wenigften befriedigt der Abfchnitt über die Frömmigkeit:
wenn nur auf übertriebenen Intellektualismus hingewiefen,
einige Gefchmacksverirrungen in der Madonnenpoefie kriti-
fiert und Auswüchfe des Aberglaubens gegeißelt werden,
fo fehlt die Hauptfache: die alles durchziehende Myftik.
Eine Schilderung, in der weder der Areopagite noch Ca-
bafilas oder die Hefychaften vorkommen, kann der byzantinifchen
Frömmigkeit nicht gerecht werden.

Halle a. S. von Dobfchütz.