Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1915 Nr. 2

Spalte:

537-539

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Jüdisch-Christlicher Schulbetrieb in Alexandria und Rom. Literarische Untersuchungen zu Philo u. Clemens v. Alexandria, Justin u. Irenäus 1915

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

537

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 25/26.

538

auch für die Hauptdifferenzen von ihm in Mt. und Lk.
und 3. fo feftzuftellen, daß die fpätern Evangeliften ihre
Vorlagen, ohne fich große Freiheiten zu erlauben, zuver-
läffig abfchrieben.

Druckfehler und fonftige kleine Verfehen zu notieren,
verzichteich; ein fehr feltfamer Einfall ift es, 1 Kor. 11,26
zu den echten Agrapha zu rechnen, weil es in den apo-
ftolifchen Konftitutionen und andern alten Liturgien als
Jefuswort zitiert fei. Wahrfcheinlich brachte die Stellung
des Verfes hinter 11,25 die alten Chriften auf den Gedanken
, daß Paulus auch hier noch Jelus zitierte.

Haverford U. S. A. Henry J. Cadbury.

Helbing, Dir. Dr. Robert: Auswahl aus griechilchen Inlchrif-
ten. (Sammlung Göfchen 757.) (138 S.) kl. 8°. Berlin,
G. J. Göfchen 1915. Geb. M. — 90

Von diefem Bändchen gilt im Allgemeinen dasfelbe
wie von der parallelen Papyrusauswahl desfelben Ver-
faffers, die ich im Jahrgang 1914, Sp. 377 angezeigt habe:
gute Auswahl, gute Überfetzungen, fprachlicher und fachlicher
Kommentar, ein einführender allgemeiner Teil (mit
Abfchnitten über Datierung, Schrift, Sprache ufw. der
Infchriften), alfo ein brauchbares billiges Hilfsmittel zur
erften Einführung in das Studium der Infchriften. Theologen
werden fprachlich nicht viel Wertvolles daraus
lernen. Denn wenn H. auf S. 33 erklärt, durch die Er-
forfchung der Papyri und Infchriften fei es .gelungen, die
Septuaginta und das Neue Teftament aus ihrer Ifolierung
herauszuheben und mit der helleniftifchen Volksfprache
in Verbindung zu fetzen', fo gilt das in erfter Linie von
den Papyri, obfchon auch diefe keineswegs .durchaus
intimer Natur' (S. 30) find; die Infchriften, die eine viel
weniger natürliche Sprache bieten, kommen (abgefehen
von der Lautlehre) nur zur Beftätigung und gelegentlichen
Ergänzung in Betracht. Dagegen werfen fie fachlich
für den Theologen genug ab, um eine Befchäftigung mit
ihnen lohnend zu geftalten. So findet man auch bei H.
die Kapitel Ehrendekrete, Ehreninfchriften, Weihinfchriften,
Opfervorfchriften, Orakelfragen, Heil- und Wunderberichte,
Grabinfchriften, Freilaffungsurkunden, Fluchtafeln mit cha-
rakteriftifchen Beifpielen vertreten.

An H.s fprachlichen Erklärungen hätte ich Vcrfchiedenes auszufetzen:
S. 39 heißt e*, die Gemination der Konfonanten fei in der älteften Zeit
nicht vorhanden', ftatt ,in der Schrift nicht ausgedrückt'. S 47 Zeile I
mußte H. nach feiner richtigen Bemerkung zu ZI. 3 der InCchrift fchreiben
Ii Sijfiog 6 i&rjvalu)V ftatt o S. Xwv A9-. Die richtige Schreibung für
Cnejus (S. 100 und 101) ift bekanntlich Gnäus. (Xovzo ift natürlich nicht
aus dem fpätern iXoitXo (Xotoai wurde Xovoai; daraus wurde ein Präfens
Xoveiv herausgeholt) .fynkopiert' (S. 118). ZOVZSI ift nur dem Sinn nach
— zaiztj und darf nicht lautlich daraus abgeleitet werden (S. 119f.).
Kevilionsbedürftig ift befonders Text und Kommentar von No. 1 und 2:
z. B. wird xaiaXeuevoi S. 37—39 dreimal nur teilweife ins Attifche umgefetzt
, wodurch die Unfornien xaiijXt/ievot, xadaXniievoi, xazaSaXl-
ftevoi entftehen, bis endlich auf S. 39 das richtige xazaÖTjXovusvoi folgt;
auch das Gebiet des ,unechten fr' muß fich S. 44 feltfame Ausdehnungen
gefallen laffen; bei No. 2 ift dreimal bei der Zeilenbrechung ein Konfonant
bei EL fälfehlich wiederholt (ZI. 6/7, 33/4, 37/8J. Von fonftigen Druckfehlern
will ich nur die folgenden verbeffern: S. 48 ZI. 33 f. lies AO-nvtjOtv
ftatt 'A&ijvjjOV, S. 64 ZI. Iii lies öiaoxonovair ft. Siaxonovoiv; S. 99
ZI. 4—8 lies avTOXpäxoQCC xaxaXvaavxa zolg xazdoyorzag zäv olxij-
[tlvav noXxfxoig xal xuxet yäv xal xaza &aXaaaav . Awpx'AXeog . . .
ftatt avzoxäzopaxazaXvoavxa zolg xaxnoyovxag, zav olx. noX. xal
x. y. x. x. iXAXaooav, dmolArt-og . . .

Zürich. A. Debrunner.

Boulfet, Prof. Dr. W.: Jüdifch-Chriltlicher Schulbetrieb in
Alexandria und Rom. Literarifche Unterfuchgn. zu Philo
u. Clemens v. Alexandria, Juftin u. Irenäus. (For-
fchungen zur Religion u. Literatur des Alten u. Neuen
Ted. N. F. 6. Heft.) (VIII, 319 S.) gr. 8°. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht 1915. M. 12 —

Wie ift die alexandrinifche Gemeinde entftanden und
welche Entwicklung hat fie bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts
erlebt? Woher kommt es, daß man in der alt-
chriftlichen Literatur, auch fchon in der des 2. Jahrhunderts,
feiten auf etwas ftößt, was den Stempel der Originalität
trägt, fondern faft immer den Eindruck hat, Epigonen zu
hören? Welche Spuren haben die urchriftlichen .Lehrer'
in der Literatur zurückgelaffen und warum find fie ver-
i fchwunden? Diefe Fragen aus dem großen Fragekaften
der alten Kirchengefchichte fcheinen ganz disparat zu
fein; aber daß fie zufammengehören, ahnte man feit einiger
Zeit, und die vorftehende Unterfuchung hat, indem fie
diefe Probleme als einzelne gefördert hat, auch ihren
Zufammenhang dargetan. Geftützt auf die Unterfuchungen
von Brehier, Gronau, Jäger, Ernft, Collomp u. A.,
vor allem aber gefchult durch Norden's grundlegendes
Werk, zeigt Bouffet an einer Reihe philonifcher Werke,
fodann durch eine eindringende Kritik der letzten Bücher
der Stromata des Clemens fowie feiner .Exzerpte' und
.Eklogen', daß diefe Schriftfteller auch in Abfchnitten, in
denen fie nicht als Griechen, fondern als Vertreter ihrer
Religion fchreiben, nicht fie felbft find, obgleich fie es
fcheinen, fondern tradiertes Gut wiedergeben. Diefes
tradierte Gut war nicht .ediert', aber es war auch nicht
bloß mündlich vorhanden, fondern exiftierte in Nach-
fchriften von Lehrvorträgen mannigfacher, befonders
exegetifcher Art. Hinter Philo und Clemens lag alfo
fchon je eine .Schule', dort eine jüdifch-hellenifche — ihr
Alter kann nicht hoch über Philo hinaufgehen —, hier
eine chriftlich-hellenifche. Beide waren noch unbefangener-
hellenifch als die Meifter, die, indem fie die Bemühungen
ihrer Schule ans Licht bringen, die Ergebniffe zu verkirchlichen
beginnen. Dies gefchieht indeß nicht durch
Kritik, fondern fo, daß fie jene Schulüberlieferungen als
folche gar nicht kenntlich machen, vielmehr wie ihr Eigentum
bringen (es ift eine Ausnahme, wenn Clemens hin
und her einmal und ziemlich vage, feine Quelle nennt),
aber ihre eigenen Ausführungen dazufetzen und augen-
fcheinlich die fo entftandene concordia discors für die
richtige Form des Fortfehritts und der Publizität
erachten. Die Pietät gegen die Schule, durch die fie
gegangen, ift ihnen einfach felbftverftändlich (wie dem
Melanchthon die humaniftifche Schule); daher addieren
fie das, was fie anders anfehen, bez. nunmehr der kirchlichen
Öffentlichkeit vortragen wollen, der Schulüberlieferung
hinzu (anders hat es Melanchthon fehr oft auch
nicht gemacht mit dem von Luther erworbenen Gute).

Bouffet hat die Beweife hierfür, die fchon gegeben
waren, für Philo und Clemens erweitert und vertieft Man
wird über diefe oder jene Einzelheit ftreiten können —
für die Hauptfache macht es nichts aus. Dann aber wird
man in Bezug auf die dunkle Urgefchichte der alexan-
drinifchen Chriftengemeinde herzhaft folgendes Fazit ziehen
dürfen: In Erwägung, 1) daß die Werke des Clemens von
der älteften Gefchichte des Chriftentums in Alexandrien
fo gut wie nichts enthalten außer der Schul Überlieferung,
2) daß diefe Schulüberlieferung (.Presbyter'; Pantänus)
offenfichtlich viel .liberaler' (hellenifcher) war als Clemens
felbft, 3) daß fich ihre Vertreter .kollegialifch' mit Valentins
Schule auseinandergefetzt haben — wovon felbft noch
der Kommentar des Origenes zum Joh.-Ev. einen fchwachen
Nachhall bietet —, 4) daß die fpätere Schule Valentins
noch immer den Zufammenhang mit der großen Kirche
ftreng fefthalten wollte, alfo aus einem Zuftande ftammt,
in welchem fie zur Kirche felbft gehörte, 5) daß Clemens
für die Kirche das Beftehen einer befonderen gnoftifch-
didaskalifchen Tradition vorausfetzt und anerkennt, 6) daß
Origenes nach feinem eigenen Zeugnis als Jüngling in dem
Haufe einer kirchlichen, vornehmen Dame lebte, die
gleichzeitig einen antiochenifchen gelehrten .Häretiker,
Paulus als Wohngaft beherbergte, der bei ihr feine Lehrvorträge
auch vor rechtgläubigen Chriften hielt (Eufeb.
h. e. VI, 2,13 f.) — in Erwägung diefer Tatfachen wird
man anzunehmen haben, daß die alexandrinifche Chriftengemeinde
Jahrzehnte hindurch im 2. Jahrhundert von

mt