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Ausgabe:

1915 Nr. 2

Spalte:

536-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holdsworth, W. W.

Titel/Untertitel:

Gospel Origins: a study in the synoptic problem 1915

Rezensent:

Cadbury, Henry Joel

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 25/26.

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auch die famaritanifchen Texte des hebräifchen Pentateuch
einen fo einheitlichen Charakter an fich, daß die Manu-
fkripte nicht nach Familien zu ordnen find; das ift fehr
begreiflich, wenn man bedenkt, daß es immer nur ganz
kleine famaritanifche Gemeinden außerhalb von Sichern
gab und diefe (in Damaskus und Kairo) durch Verwandt-
fchaft ftets in engem Verkehr mit der Hauptgemeinde
ftanden. Diefe große Ähnlichkeit und relativ einheitliche
Herkunft aller Handfchriften machen es auch erklärlich,
daß von Gall nicht, wie man von vornherein etwa ge-
wünfcht hätte, eine Handfchrift als Normaltext feiner
Ausgabe zu Grunde legte, fondern fich veranlaßt fah, die
Herftellung des Textes zu verfuchen, auf den alle vorhandenen
Formen zurückzugehen fcheinen. Dabei handelte
es fich im Wefentlichen allerdings nur um ziemlich geringfügige
Dinge, wie um den Entfeheid, daß jeweilen der
scriptio defectiva vor der plena, der grammatifch richtigen
Form vor der unrichtigen, der älteren grammatifchen
Form vor der jüngeren der Vorzug gegeben wurde (vgl.
S. LXVIII).

Dem Texte fchickt von Gall auf LXX Seiten wertvolle
Prolegomena voraus. Zunächft gibt er darin Auskunft
über die in Europa vorhandenen Handfchriften.
Sie werden (foweit möglich, auch die nicht felber einge-
fehenen) mit einer minutiöfen Genauigkeit befchrieben,
fodaß man für das ganze Werk das Gefühl bekommt,
der Leitung eines durchaus ficheren Führers zu folgen.
Nichts ift unbeachtet geblieben: die Nachfchriften und
Kryptogramme am Rande oder im Innern, die in den
meiften famaritanifchen Manufkripten das Datum der
Herftellung verzeichnen, werden auf das gründlichfte
behandelt, fowie die Kaufkontrakte, die über die fpäteren
Schickfale der Handfchrift Auskunft erteilen. Aus diefen
Beifchriften ift mit Sicherheit zu erfchließen, daß alle
diefe famaritanifchen Pentateuche erft dem zweiten chrift-
lichen Jahrtaufend angehören. In zweiter Linie befpricht
von Gall mit der gleichen Akribie die Fülle von Fragmenten
, die hauptfächlich aus der Sammlung von Abraham
Firkowitfch flammen und jetzt im Befitz der kaiferlichen
Bibliothek zu St. Petersburg find. Zum Schluß erftattet er
noch Bericht über die Einrichtung der famaritanifchen
Handfchriften und über die Grundfätze für die Bearbeitung
feiner Textausgabe, auf die fchon hingewiefen wurde.

Zum Vorbild für die Textdarbietung ift die Anlage
der großen Cambridger Septuaginta-Ausgabe genommen.
Unter dem Texte werden unmittelbar die Siglen der
Handfchriften gegeben, die für die betreffende Seite in
Betracht kommen. Der kritifche Apparat verläuft in drei
Abfätzen: der erfte bietet die Varianten, der zweite die
kritifchen Zeichen und die Vokalzeichen und der dritte
die Interpunktionen. Das dritte Verzeichnis nimmt den
größten Raum ein; aber nur die Vollftändigkeit verleiht
ihm Wert.

In einem Punkt ift von Gall von feinem Programm
von 1906 abgewichen. Der Vergleichung mit dem mafo-
retifchen hebräifchen Text follte urfprünglich ein Kapitel
in den Prolegomena gewidmet werden. Referent begreift,
daß dies Kapitel nicht gefchrieben wurde, aber bedauert,
daß nicht ein Erfatz dafür in einem vierten Abfatz von
Anmerkungen unter dem Texte geboten ift. Dies hätte
den Gebrauch bedeutend erleichtert und den hohen Wert
der ganzen Publikation mit einem Schlag ins hellfte Licht
gefetzt, hätte auch keine befondere Mühe bereitet, da
unabläflig bei der Feftftellung des Textes der maforetifche
hebräifche Text verglichen wurde (S. LXVIII).

Daß die äußere Ausftattung eine vortreffliche und
der Druck ein äußerft korrekter ift, braucht nicht noch
hervorgehoben zu werden, da die Sorge für beides bei
dem Verleger und Herausgeber in bewährten Händen
lag. Unter den wenigen bemerkten Druckfehlern fei nur
erwähnt, daß S. XXVIII Z. 3 die für den, S. XXXIX Z. 4
T»»X für T?D»S und S. LXVII Z. 8 v. u. doch wohl n»K
rittnp na»'' zu lefen ift.

Referent kann die Anzeige nicht fchließen, ohne nochmals
feiner Freude über die mit dem Werke gebrachte
Erfüllung eines längft von der Wiffenfchaft gehegten
Wunfehes und über die Art und Weife, wie diefer Wunfeh
erfüllt ift, Ausdruck zu verleihen und es auszufprechen,
daß die altteftamentliche Wiffenfchaft um fo mehr der
Hochherzigkeit, Opferwilligkeit und Uneigennützigkeit
derer, die die Vollendung des fchönen Werkes ermöglichten
, zu Dank verpflichtet ift, als keine gelehrte Ge-
fellfchaft oder Akademie fich zu feiner Unterftiitzung bereitfand
.

Bern. Karl Marti.

Holdsworth, W.W.:Gospel origins: a study in the synoptic
problem. (226 S.) 8°. London, Duckworth 1913. s. 2.6

In einer Serie populärer Handbücher erwartet man
kaum irgendwelche ungewöhnliche und originale Gefichts-
punkte für das fynoptifche Problem anzutreffen, H.s Buch
aber bildet eine Ausnahme. Natürlich hält er an der
Zweiquellentheorie feft, dem Urfprung von Mt. und Lk.
von Markus und Q, arbeitet aber befonders an dem Au bau
weiterer, recht unficherer Hypothefen. Von A. Wrghts
Proto-, Deutero- und Trito-Markus (von mündlichen bis
zu fchriftlichen Quellen) ausgehend, nimmt er an, daß
Markus felbft 3 verfchiedene Verfionen feines Evangeliums
fchrieb, je eine in Cäfarea, Alexandria und Rom. Die
erfte ift in Lk. gebraucht, die zweite in Mt., die dritte ift
unfer Mk. So gehen die Differenzen zwifchen den drei
Evangelien, namentlich die Auslaffungen und Hinzufügungen
im Erzählungsmaterial, meift auf Markus felbft zurück,
der fein Evangelium fpeziellen Bedürfniffen anpaßte,
mehr als auf den erften und dritten Evangeliften. Die
,vivid touches' des zweiten Evangeliums werden als
distinctly secondary features bezeichnet (p. 119); fie
wurden von Markus beim fpäteren Wiedererzählen der
Gefchichte eingefügt. Die Latinismen • wurden nicht von
Lk. und Mt. befeitigt, fondern vielmehr erft der letzten
Redaktion feines Evangeliums für römifche Lefer eingefügt
. Der fekundäre Charakter von Mk. zeigt fich auch
an den Pauline characteristics und dem reichlichen Gebrauch
von Eigennamen.

Von der zweiten Quelle gilt Ähnliches. Auch fie
exiftierte in verfchiedenen Verfionen, welche in die Hände
des erften und dritten Evangeliften kamen; diefe Verfionen
haben keine gemeinfame fchriftliche Quelle; die
Ähnlichkeit des Wortlauts kann durch den Charakter der
Ausfprüche, ihre epigrammatifche Form und die Ehrfurcht
vor dem Wortlaut erklärt werden (p. 59). H. betont
befonders, daß die Lk. und Mt. gemeinfamen Erzählungen
, wie die Verfuchung Jefu und die Heilung des
Knechts des Centurio, aus Q ausgefchloffen werden muffen.
,Es würde vor Verwirrung in der Diskuffion bewahren,
wenn die Formel Q nicht für ein Werk gebraucht würde,
das teils aus Ausfprüchen und teils aus Erzählungen be-
ftünde' (p. 158). Diefe Erzählungen waren wahrfchein-
lich in Markus vorhanden, wiewohl fie in der kanonifchen
(dritten) Edition fehlen.

Es fehlt an Raum, um diefe Hypothefen und die
weiteren Vermutungen über die Quellen des dritten
Evangeliums hier vollftändig zu erörtern. Die logifchen
und hiftorifchen Schwierigkeiten von H.s Auffaffung find
jedem, der fich mit dem fynoptifchen Problem befchäftigt,
deutlich, und von Andern wird fein Buch kaum gelefen
oder verftanden werden. Er baut zuviel auf Einzelbeobachtungen
auf ,und feine Erklärung einer Schwierigkeit fchafft
viele neue. Auch ift die zu Grunde liegende apologetifche
Tendenz feines Werkes H. vielleicht unbewußt, dem Lefer
aber nicht zweifelhaft. Sein Standpunkt befähigt ihn,
1. durch Ausfchluß der Erzählungsftoffe Q mit den bei
Papias erwähnten Logia des Apoftels Matthaeus zu identifizieren
. 2. Die Autorität des Markus d. h. des Petrus
I nicht allein für das zweite Evangelium zu fichern, fondern