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Ausgabe:

1915 Nr. 23

Spalte:

495-496

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauer, Friedrich

Titel/Untertitel:

Reformation und Gegenreformation in der früheren nassau-badischen Herrschaft Lahr-Mahlberg 1915

Rezensent:

Diehl, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 23.

496

und manchmal hat man faft den Eindruck, als ob folch
ein weiterer Gefichtspunkt erft nachträglich der Arbeit
aufgepfropft wäre z. B. Troeltfchs Anficht vom Sektentypus
. Wo ich die Einzelheiten nachprüfen kann, wie
bei der Haller Sekte oder der erften Ausbreitung des
Clariffenordens, freue ich mich mit dem Verfaffer im
ganzen übereinftimmen zu können. Aber es koftet uns
in gegenwärtiger weltgefchichtlicher Zeit Mühe, das In-
tereffe für diefe Einzelheiten aufzubringen. Ein Gedanke
aber hat fich mir aufgedrängt: Wie felbftverftändlich find
doch im .finfteren Mittelalter' die internationalen Beziehungen
durch kirchliche Beamtungen und Zufammenhänge
gewefen, wie wenig haben die nationalen Verfchiedenheiten
die menfchlichen Verbindungen geftört! Ift es nicht ein
Rückfehritt, wie in unferer Zeit das Nationalitätsprinzip
eine trotz aller Eifenbahnen und Telegraphen faft un-
überfteigliche Mauer zwifchen den Völkern aufgerichtet hat?
Stuttgart. Lempp.

Bauer, Pfr. a. D. Kirchenr. D. Frdr.: Reformation u. Gegenreformation
in der früheren naiiau-badiiehen Herrfchaft Lahr-
Mahlberg. (VIII, 360 S.) 8«. Lahr i. B., M. Schauenburg
(1915). Geb. 4.50

So zahlreich die Arbeiten find, die über die Einführung
der Reformation in den einzelnen deutfehen Territorien vorliegen
, fo mangelhaft ift immer noch unfre Kenntnis über
die .Reformationen', d.h. die Glaubensänderungen, die nach
der Reformation eintraten, infonderheit die Gegenreformation
. Es hängt das damit zufammen, daß das Material,
das hierüber vorliegt, meift fehr zerftreut ift und nicht
feiten dem Forfcher abfichtlich vorenthalten wird; fodann
damit, daß man auf diefem Gebiet zu ficheren Refultaten
nur durch eingehende ortsgefchichtliche Studien kommen
kann, die bekanntlich in den Augen manches zünftigen Ge-
fchichtsforfchers als kleinlich und minderwertig erfcheinen.
Jedes Werk, das uns die Gefchichte der Gegenreformation
eines beftimmten Gebietes auf Grund eindringender Studien
enthüllt, ift darum mit Freuden zu begrüßen. Bauers
Buch verdient diefe freudige Aufnahme. Es befaßt fich
nur kurz (S. 4 bis 47) mit der Reformation, dafür um
fo gründlicher mit der Gegenreformation der Herrfchaft
Lahr-Mahlberg, die mit Ernft in dem Zeitpunkte einfetzte,
als die Herrfchaft unter ihre beiden Oberherrn, die fie bislang
gemeinfam befeffen hatten, Nafläu und Baden-Baden,
geteilt ward; juft in dem Schreckensjahr 1629, das für fo
viele Gebiete der Ausgangspunkt fchwerer religiöfer Bedrückungen
ward. Die Gegenreformationsarbeit bildet
in dem an Baden-Baden gefallenen Mahlberger Teil der
früheren Gemeinherrfchaft nicht, wie in anderen Territorien,
nur eine Epifode; fie dauert ein ganzes Jahrhundert an.
Unterbunden werden ihre letzten Ausläufer fogar erft
142 Jahre nach Beginn der Gegenreformation: im Jahre
1771, als die Herrfchaft Mahlberg, nach dem Ausfterben
des Haufes Baden-Baden, an Baden-Durlach kam. Was
die einzelnen Gemeinden zwifchen den Jahren 1629 und
1771 erduldet haben, wird in dem Buch anfehaulich ge-
fchildert und zwar in einer empfehlenswerten Teilung,
daß immer zuerft die allgemeinen Maßnahmen befprochen
und dann mitgeteilt wird, wie diefe allgemeinen Maßnahmen
in den einzelnen Gemeinden in eine von den
übelften Folgen begleitete Praxis umgefetzt wurden. Diefe
Teilung bedingt es, daß in dem Buch ebenfo der auf
feine Rechnung kommt, der nur von den .Hauptgängen'
der Entwicklung etwas erfahren will, wie ein anderer, der
fich mehr für Lokalgefchichte intereffiert. Dem Buch find
einige Beilagen beigegeben. Befonders wertvoll ift das
.Verzeichnis der evangelifchen Geiftlichen in den Gemeinden
bis zur Teilung der Herrfchaft Lahr-Mahlberg im
Jahr 1629'.

Bauer ift zu feiner Arbeit aus der kirchlichen Praxis
des Dekans der Diözefe Lahr heraus gekommen. Das
Buch ift eine wiffenfehaftliche Arbeit geworden, die den

Fachgenoffen neue Materialien und Gefichtspunkte eröffnet.
Ganz wird es feinen Zweck aber erft dann erfüllen, wenn
es nun wieder für die Praxis nutzbar gemacht wird.
Mögen die, die es da in erfter Linie angeht, nach ihm
greifen, es gründlich ftudieren und im Dienft der Gemeinde
benutzen.

Friedberg i. H. Diehl.

Zeitfchrift der Gelelltchaftfür niederlächlifche Kirchengefchichte,

unter Mitwirkung v. Geh. Konf.-Räten Drss. Ph. Meyer
u. Prof. Mirbt hrsg. v. Konf-R. Superint. D. Ferdinand
Cohrs. 19. Jahrg. (IV, 290 S.) 8°. Braunfchweig,
A. Limbach 1914. M. 5 —

Für die Gefchichte der Kirche Hannovers feit 1650
bietet der neue gehaltvolle Jahrgang 2, bezw. 3 größere
Arbeiten. Die kirchlichen und fittlichen Zuftände in den
Herzogtümern Bremen und Verden 1650—1725 unter-
fucht auf Grund der Akten der Generalkirchenvifitation
Dr. Wolters. Er fchildert den rafchen Wechfel der
Herrfchaften (Schweden, Dänemark, Hannover) und ihren
Einfluß auf die Kirche, das ftarke Selbftändigkeitsgefühl
der einzelnen Teile (die Calenberger Nation!) und den zäh-
konfervativen Volkscharakter. Von befonderer Wichtigkeit
ift der dritte Abfchnitt .Kirchliche Einrichtungen
und Zuftände', der auch außerhalb Hannovers Beachtung
verdient.

Sieg der hochdeutfehen Sprache, Mangel einer allgemeingültigen
Kirchenordnuug, ihr buntes Mancherlei und der Agenden, darunter auch
die württembergifche, ficher die von 1559, die ohne Zweifel durch die
von Jak. Andrea' nach Braunfchweig gebrachten Schwaben Boden fand,
der Ernft, aber auch die Korten der Kirchenvifitationen, die Prediger-
fynoden, die den altwürttb. Difputationen ftark gleichen und wohl einen ge-
meinfchaftlichen Urfprung haben, die Gültigkeit der F. C. für Verden,
nicht für Bremen, Bedeutung der Verpflichtung auf die fymbolifchen
Bücher, Schwarmgeifter, Pietiften. Von befonderer Wichtigkeit ift die
Gottcsdienftordnung und die Predigt. Eine Angabe der Predigttage
fehlt. S. 79 tauchen plötzlich Apofteltage auf, die bisher für fchwäbifche
Eigenart galten.

Eine Art Portfetzung bildet die Schilderung des
kirchlichen Lebens im Zeitalter der Aufklärung auf Grund
der Kirchen- und Schulberichte (feit 1736) in derlnfpektion
Jeinfen, deren Quellenwert Paftor Ph. Meyer als eine
i für alle Gebiete des kirchlichen Lebens feiner Zeit wichtige
Quelle nachweift und deren Durchforfchung er für das
ganze Land empfiehlt.

Er behandelt die Gefchichte des geiftlichen Amts, der Gertaltung
der kirchlichen Feiern, der kirchlichen Unter weifung der Jugend, der
Kirchlichkeit der Gemeinden und hilft zum billigen Urteil über Auf-
| klärungstheologen, die doch meift fittlichen Ernft bei aller dürren Ver-
ftandesrichtung und Rührfeligkeit beweifen und nirgends deftruktiv vorgehen
. Aber unleugbar ift feit 1803 der Niedergang der Kirchlichkeit,
deffen Gründe forgfam erwogen werden (Verhalten der Gebildeten, Krieg,
Einquartierung — preußifche Soldaten aber befuchen 1806 den Gottes-
dienft — wirtfehaftliche Nöte, dann Luxus und Leichtfinn).

Ein kleines Spiegelbild der hannoverschen Kirchengefchichte
feit dem Verfchwinden der Aufklärung bietet
Superint. Wachsmut mit der Gefchichte der Guftav-
Adolfvereine in Hannover. Die Lieder der Herzogin
Elifabeth von Braunfchweig-Lüneburg aus ihren Leidensjahren
1553—55 veröffentlicht Prof. v. d. Goltz, dereine
Charakteriftik der tragifch endenden Ftirftin und ihrer
poetifch nicht gerade wertvollen, aber inhaltlich beachtenswerten
Lieder beifügt. Paft. Regula fchildert die treue
Fürforge der Regierung und der Göttinger für die vom
Fürftpropft Cajetan Nothaft nach dem Vorgang des Erz-
bifchofs Firmian von Salzburg ausgewiefenen Berchtesgadener
Evangelifchen und die Gründe ihres Abganges
aus Göttingen nach Nürnberg ufw.

Stuttgart. G. Boffert.

Hall, Univerfit-Präf. Stanley: Die Begründer der modernen
Pfychologie (Lotze, Fechner, Helmholtz, Wundt).
Überf. u. m. Anmerkgn. verfehen v. Raymund Schmidt.
Durch Vorwort eingeführt v. Dr. Max Brahn. (Wirten