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Ausgabe:

1915 Nr. 23

Spalte:

491-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauschen, Gerhard

Titel/Untertitel:

Prof. Heinrich Schrörs und meine Ausgabe von Tertullians Apologetikum 1915

Rezensent:

Soden, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 23.

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um die größtenErfcheinungendes Urchriftentumszu erklä- | Callewaert, Pres. C: La valeur du Codex Fuldensis pour

ren, zu weit geht und einfeitig wird. Er zeigt uns mindeftens
dies, welche religiöfen Kräfte in der Welt damals lebendig
waren, und wie das Chriftentum Anknüpfungen fand,
gedeutet und erfaßt wurde. So wird jeder, der auf diefem
Gebiete arbeitet, mit dauerndem großem Danke das Buch
benützen: wird auch Paulus und Johannes felber nicht
vollkommen .erklärt', fo wird uns doch der Chriftusglaube
in den Gemeinden des paulinifchen und johanneifchen
Kreifes klarer.

Die Einwände freilich gegen die Aufftellungen und Be-
weife von Bouffet ftellen fich dem Lefer leicht ein. Der
Haupteinwand ift der, daß die ganze Darftellung B.s
zu geradlinig ift und dadurch ftark das Ausfehen einer
Konftruktion bekommt. In der Wirklichkeit war die
Entwicklung der Dinge viel mehr Verfehlungen, Älteres
und Späteres lag viel ftärker beifammen als B. es darftellt,
der uns das Weitergehen in fich ablöfenden Kreifen zeigt.
Ein paar der wichtigften Einzeleinwände möchte ich hier

noch erheben. Der Frage nach dem meffianifchen Selbft- j wurde die in Rede" flehende Hf. im Jahre 1584 von
bewußtfein Jefu geht B. nicht nach, zeigt aber durch j Franciscus Modius kollationiert, die Kollation wurde von
feine Kritik an der evangelifchen Überlieferung, daß nach j Junius in feiner Tertullianausgabe 1597 veröffentlicht, die

le retablissement du texte de l'Apologeticum de Ter-
tullien. (Extrait des Melanges Charles Moeller.) (14 S.)
gr. 8°. Louvain, Bureau du Recueil de Travaux 1914.

Auf wie unficherem Grund unfere patriftifche Überlieferung
ruht, kann mit beunruhigender Eindrücklichkeit
das Beifpiel von Tertullians Apologetikum zeigen. Wir
befitzen es in zahlreichen Hfl*., die von einander nicht
ftärker abweichen, als es der Regel entfpricht, und die
recenfio nicht fchv/ieriger machen als bei anderen Schriften.
Wir würden keinen Anlaß haben zu bezweifeln, daß der
dabei refultierende Text im Wefentlichen das Werk Tertullians
ift, — wenn uns nicht ein Zufall eine einzige Hf.
oder vielmehr nur die Kollation einer folchen erhalten
hätte, die von jener reich bezeugten Vulgata fo durchgehend
und gewichtig verfchieden ift, daß man zwifchen
beiden wählen muß. Es ift allgemein zugeftanden, daß
die Lesarten des fog. Codex Fuldensis (denn in Fulda

feiner Meinung Jefus fich nicht für den Menfchenfohn-Mef
fias gehalten haben könne. Für mich liegt die Sache fo,
daß die fynoptifche Überlieferung und dazu noch das
Leben Jefu in wichtigen Teilen unverftändlich wird, wenn
Jefus fich nicht als den Meffias, und zwar als den Men-
fchenfohn angefehen hat. Was B. S. 90 f als echtes, ur-
fprüngliches Vermächtnis Jefu zeichnet, ift zufammenge-
ftrichen und für unfer Bewußtfein und unfere Bedürfniffe
hergerichtet. Hat fich aber Jefus für den Meffias gehalten
, dann fallen die beiden erften Kapitel der Darfteilung
wefentlich anders aus. — Gegen die Annahme, daß in
der älteften Gemeinde Jefus noch nicht als .Herr' verehrt
worden fei, wird immer maran atha Einfpruch erheben,
eine Verbindung, in der mar doch unmöglich als Lehrer
gedeutet werden kann. — Und wie fteht es mit dem Got-
tesfohn in der Urgemeinde und dann wieder bei Paulus? —
Bei Paulus weiter ift es mir ganz unmöglich, anzunehmen,
daß er nicht fchon längft, in feiner vorchriftlichen Zeit
eine fertige Chriftologie gehabt haben follte, unmöglich,
daß er Titel und Kult eines Kyrios erft aus der hellenifti-
fchen Urgemeinde übernommen haben follte. Seine Chriftologie
läßt fich auch garnicht einfach bloß als Kyriosglau-
ben und -lehre behandeln, fondern ift ein viel verwickel-
teres Gebilde; auch der Menfchenfohn blinkt ja I Kor 15
durch. Verfehlt fcheint es mir weiter, auf Grund von II
Kor 3,7 zu fagen, daß die Ineinsfetzung von Kyrios und
Pneuma das Wefen des paulinifchen Chriftusglaubens
ausmache, und dann von hier aus weiter zu bauen; Paulus
fcheidet doch noch im gleichen Vers den Herrn und
den Geift voneinander, und feine Chriftologie ift gewiß
nicht nur myftifch-pneumatifch beftimmt, fondern eben-
fo ftark auch jüdifch-meffianifch. — Ein Ähnliches gilt
von Johannes, bei deffen Darftellung der jüdifche Ein-
fchlag ebenfalls viel zu fehr zurücktritt

Hf. felbft und das Original der Kollation find verfchollen)
nicht auf dem regelmäßigen Weg der Überlieferung durch
Fehler und Korrekturen, Verftümmelungen und Interpolationen
entftanden fein können, fondern daß wir hier eine
vollftändige, eingreifende und bewußte Rezenfion des
Textes vor uns haben. Umftritten ift, ob F oder S (fo
fei die Vulgata bezeichnet) den Text des Autors darfteilt,
oder ob wir in beiden Texten vielleicht zwei Bearbeitungen
des Werkes von der Hand des Verfaffers zu fehen
haben, und welcher im Fall diefer Annahme als die Ausgabe
erfter Hand zu gelten hat. Mehr und mehr gewann
¥ die Gunft der Kritiker; durchfchlagend war dafür die
Unterfuchung von Callewaert (Le Codex Fuldensis, Rev.
d'hist. et de litt. rel. VII 1902, 322 — 353), damals durchgeführt
an den erften 7 Kapiteln der Schrift, inzwifchen
in der oben angeführten Arbeit für c. 48 gegen das von
Raufchen in feiner bekannten Spezialausgabe befolgte
eklektifche Verfahren fortgefetzt. Es blieb feitdem nur
noch ftrittig: 1) ob F durchweg zu folgen fei, von offenbaren
Fehlern der handfchriftlichen Überlieferung abge-
fehen, oder ob F eine vorzügliche Überlieferung mit einer
korrumpierten kompiliere, fodaß eine Entfcheidung von
Fall zu Fall gefacht werden müfie, und 2) wie über S
zu urteilen fei, ob man eine fpäte Rezenfion der Karolingi-
fchen Renaifiance (fo Callewaert u. A.) oder eine von
Tertullian felbft herrührende Neuauflage feiner Schrift
darin zu erkennen habe. Die all diefen Varianten entgegengefetzte
Anficht, S ftelle die Ausgabe I. Hand dar,
und ¥ fei die fpätere (Tertullianifche oder nachtertullia-
nifche) Bearbeitung, wurde in neuerer Zeit nur von Walt-
zing (Les trois prineipaux manuscrits de l'Apologetique
de Tertullien, LeMusee beige XVI 1912) ohne Begründung
geäußert und widerlegt fich bei jeder eingehenderen Unterfuchung
. Weiter hat F. di Capua die Klaufeltech-

Zu den letzten Kapp, des Buches möchte ich nichts ; njk in F und S verglichen, (Le claufole metriche nel
weiter bemerken, da es nur verhältnismäßig kleinere Dinge j Apologetico di Tertulliano e le varianti del Codex Fulden-

find; vc m Ganzen aber fcheide ich mit Hochfehätzung
vor der großen hier geleifteten Arbeit und mit Dank für
die erfahrene Förderung.

Bonn. Rudolf Knopf.

Schrörs, Prof. Dr. Heinr.: Zur Textgefchlchte und Erklärung
von Tertullians Apologetikum. (Texte u. Unterfuchungen
zur Gefch. der altchriftl. Literatur. III. Reihe, X. Bd.,

4. Heft.) (VI, 125 u. III. S.) Leipzig, J. C. Hinrichs

_ lf1^' _ . __, _ , . _ .. Umbm_i. « ° ! Nach Haverkamp und Ohler, aber unabhängig von
Raufchen, Prof. DD. Gerhard: Prof. Heinrich Schrors und diefen und auf Grund weit umfaffenderer Unterfuchungen

meine Ausgabe von Tertullians Apologetikum. (VII, 136 j ift neueftens Schrörs dafür eingetreten, daß S eine ver-

5. ) gr. 8°. Bonn, P. Hanftein 1914. M. 2— i befferte Neuauflage von des Autors eigener Hand und

sis, Scuola cattolica 1912 XXII. XXIII, der Auffatz ift
Schrörs und Raufchen entgangen) und gefunden, daß F
die .befferen', alfo die fpäteren Klaufein habe; aber felbft
wenn die Klaufein in F die befferen wären (hier ift darauf
nicht einzugehen, und eine Unterfuchung darüber
müßte noch andere Schriften Tertullians heranziehen), fo
müßten fie deshalb nicht die fpäteren fein. Endlich ift
es auch verfehlt, wenn Waltzing in der von Junius gedruckten
Kollation die Vereinigung mehrerer Hff. fieht,
wodurch F zu einer völlig fchattenhaften Größe würde;
f. dagegen zutreffend Schrörs S. 3 — 7.