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Ausgabe:

1915

Spalte:

472-474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauschenbusch, Walter

Titel/Untertitel:

Christianizing the social order 1915

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Grade der Fall bei der vorliegenden Arbeit von Münch,
zu der zugleich feine Abhandlung über ,Kultur und Recht'
in der Zeitfchrift für Rechtsphilofophie 1914 und über
,Das Problem der Gefchichtsphilofophie' in den Kantftudien
XVII 1912 hinzuzunehmen ift. Die Übereinftimmung ift
wohl verftändlich, da die beiderfeitigen Ausgangspunkte
in der Windelband-Rickertfchen Faffung des Transzendentalismus
liegen, d. h. in der Auffaffung der Philofophie
als Inbegriff der Giltigkeitstheorien oder als Syftem des
Apriori in feinen verfchiedenen theoretifchen und atheore-
tifchen Bedeutungen, zugleich in der ftrengen Scheidung
diefer Giltigkeitstheorie von allem genetifchen Pfychologis-
mus, wie fie in der Schule der Marburger und Hufferls
herausgerbeitet ift, fchließlich in derBetonung des gefchicht-
lichen und des gefchichtsphilofophifchen Denkens, wie es
bei Eucken und den Neu-Hegelianern geübt wird. Aber
trotz diefer gemeinfamen Ausgangspunkte bleibt doch
gerade in den von hier aus weitergehenden Entwicklungen
der Gefchichtsphilofophie, Ethik und Religionsphilofophie
bei dem Verf. eine ftarke fpontane Übereinftimmung mit
Konfequenzen und Anwendungen, die ich bisher als mir
eigentümlich betrachtet hatte und die ich nun hier in wei-
teftem Umfang übereinftimmend von Münch gezogen
finde. Der Verfaffer bringt dazu noch weiter eine große
fprachliche und terminologifche Gewandtheit hinzu und
zeichnet fich durch ebenfo fcharffinnige als umfichtige Abgrenzung
feiner Aufftellungen gegenüber fremden Theorien
aus. Das kleine Buch ift dadurch überaus erleuchtend
und lehrreich und kann als eine ihrer Art mufterhafte Dar-
ftellung und Durchbildung der ganzen Pofition bezeichnet
werden. Bei dem Reichtum des Inhalts können die Einzelheiten
hier nicht erörtert werden.

Ich hebe nur die Punkte hervor, an denen ich noch weitergehende
Fragen zu Mellen hätte. I. Die Abgrenzung und Einftellung des Begriffs
Natur und naturwiffenfchaftliche Methode in Bezug auf phyfifche und
pfychifche Tatfachen und die rein logifche, nicht ontologifche Behandlung
diefes Begriffes billige ich vollkommen. Aber die mechaniMifchen
Konfequenzen diefes Naturbegriffes, die bei Kant fehr empfindlich find
und denen er fehr unzureichend durch die Unterfcheidung von empirifcher
und noumenaler Wirklichkeit ausweicht, find auch bei einer folchen bloß
logifchen Betrachtung fo lange nicht überwunden, als eben diefe Logik
felber mechaniMifch gedacht iM. Hier liegen die beachtenswerten Einwendungen
Bergfons, den Münch im Allgemeinen zutreffend abweift, dem
er aber gerade an diefem Punkt für meine Einficht nicht gerecht wird.
Manchmal fcheint Münch fich zu Münfterbergs Thefe von der Auseinanderhaltung
einer feinswiffenfehaftlichen und einer vom Subjekt ausgehendeu
Betrachtung zu halten, die aber doch das eigentliche Problem gerade
unerledigt läßt. In Kultur und Recht S. 346 fpricht er von einem ,Ge-
ftalturigsfpielraum, den die Naturgefetze für das wirkliche Wie ihrer an-
fchaulich-konkreten Erfüllung laffen'. Das aber muß dann auch in der
Logik des Naturbegriffes felber zum Ausdruck kommen, denn hier handelt
es fich um nichts geringeres als die Frage der logifchen Allgewalt oder Begrenztheit
des Mechanismus in fich felber. Die Aufweifung anderer daneben
geforderter apriorifcher Stellungnahmen hilft bei der Aufwerfung diefes Problems
für fich allein nichts. 2. Die bekannte Frage nach der Art der Begründung
der Axiome oder Giltigkeiten wird natürlich entgegen jedem Pfycho-
logismus und genetifchen Relativismus erledigt. Sie rückt aber diefem doch
wieder nahe dadurch, daß die Axiome aus dem tatfächlichen vorphilofo-
phifchen Gebrauch und ihrer Entwickelung in Natur- und Gefchichts-
wiffenfehaften erhoben werden müden, wie das auch zweifellos richtig ift.
Allein dann ift die Berufung auf ihre in der Selbftbefinnung fich enthüllende
Eigengründung doch fchließlich immer ein Appell an den ftellung-
nehmenden Willen, der eine Eigengründung als folche ausdrücklich anerkennen
und behaupten muß in der fehr perfönlichen Gewißheit, damit
den objektiven Sachzufammenhang und die Entwickelungstendenz ergriffen
zu haben. Die Demonftrierbarkeit und die logifche Begründbarkeit hört
hier auf, und gerade die Vorausfetzungen des Denkens kommen nur durch
Willenspofitionen und Entfcheidungen zu Stande, in denen der Giltig-
keitscharakter nicht fowohl erkannt, als anerkannt wird. Das war ja
bereits ein Satz Fichtes, und diefer Punkt bedürfte in diefem ganzen modernen
Tranfzendentalismus m. E. eine fchärfere Erörterung. 3. Die
Giltigkeitsphilofophie ift prinzipiell nicht ontologifch, fondern erfahrungsimmanente
Orientierung nach Geltungsprinzipien. Die Ontologie, foweit
fie hier möglich ift, liegt in der Anerkennung der Geltungsprinzipien und
in deren Zufammenknotung im religiöfen Gedanken eines einheitlichen und
allbeherrfchenden Sinn-Apriori des Univerfums. Allein es ift doch die
Frage, ob das ontologifch-metaphyfifche Element fich hierauf befchränken
läßt. Gewiß kann man Geltungs- und Sinnbegriffe nicht aus ontologifchen
oder feinswiffenfehaftlichen entwickeln, wohl aber ift das Umgekehrte
unvermeidlich, wo man doch nach der Eiubefaffung verfchiedener Subjekte
unter diefes Sinnganze, nach der Möglichkeit ihres gegenfeitigen
fich Verftehens und der Möglichkeit eines für fie alle geltenden Begriffs-

zufammeuhangs und Erfahrungsmaterials fragen muß. Will man nicht an
diefem Punkte den ausdrücklichen Verzicht auf alle ontologifchen und damit
auf die Hauptprobleme der bisherigen Philofophie erklären, fo bleibt
hier m. E. nichts anders übrig als eine Wiederaufnahme und Neubildung
der alten Mikrokosmuslehre oder der Monadologie, die m. E. von
Leibniz her auch bei Kant den verborgenen Hintergrund feiner Aufftellungen
bildet. Ich würde meinen, daß an diefem Punkte nur das
Zurückfinken in eine durch moralifche Poftulate fubftanziierte Als-Ob-Phi-
lofophie oder der Foitfcliritt zu einer neuen, freilich fehr viel komplizierteren
Mikrokosmoslehre oder eben der Verzicht auf die Hauptpunkte
der Philofophie übrig bleibt. Im letzteren Falle blieb dann aber auch
die Religionsphilofophie diefes neuen Tranfzendentalismus, die in ihm
eine fo zentrale Bedeutung hat, mit der alten Kantifchen Unfruchtbarkeit
gefchlagen, daß die Religion eine objektiv notwendige, aber immer nur
vom Subjekt aus vollzogene Ideenbildung ift, aber keine Realpräfenz des
Makrokosmus im Mikrokosmus.

Berlin. Troeltfch.

Raufchenbufch, Walter: Christianizing the sozial order.

(508 S.) 8°. London, Macmillan 1913. s. 6.6

Der Unterzeichnete hatte dies Buch zunächft bei Seite
gelegt unter dem Einfluß andrer dringender Arbeit. Wenn
es jetzt doch noch etwas verfpätet zur Befprechung kommt,
fo gefchieht es, weil es wirklich die Aufmerkfamkeit derer
verdient, die fleh mit den fozialen Problemen der Gegenwart
befchäftigen. Des Verfaflers Vater und Großvater
waren lutherifche Paftoren in Altena in Weftfalen. Er
felbft ift Profeflbr der Kirchengefchichte am theologifchen
Seminar in Rochefter, nach Empfindungsweife und Auffaffung
der Dinge ganz Amerikaner. Und doch klingt
noch etwas hindurch von warmem deutfehen Gemüt
und von deutfehem Idealismus. Die praktifchen Verhält-
niffe, welche die Erörterung vorausfetzt, find aber durchaus
die amerikanifchen. Darin liegt auch ein großer Reiz
des Buchs, denn es gewährt uns nicht nur einen intereffanten
Einblick in die Lage der Dinge drüben in der neuen
Welt; die neutrale objektive Stellung zu diefer Lage erleichtert
uns auch die reine Erfaffung der prinzipiellen
Grundgedanken des Buchs, die für uns unverworren bleiben
mit den aktuellen fozialpolitifchen Stimmungen unferes
Dafeins. Der Grundgedanke des Verfaflers ift, das Chriften-
tum als die Botfchaft vom realifierten Reich Gottes in
den Verhältniffen der Gegenwart als eine Religion der
fozialen Erlöfung auf Erden wirkfam zu machen. In diefem
Sinne möchte er feiner Zeit zurufen: ,Trachtet am Erften
nach dem Reich Gottes, dem Reich der fozialen Gerechtigkeit
auf Erden, dann wird Euch alles andere —
auch die perfönlichen fubjektiven Heilsgüter — von felbft
zufallen'.

Um diefen Gedanken durchzuführen macht er zuerft
auf das Erwachen des fozialen Intereffes im öffentlichen
Leben und in der Politik, im kirchlichen Leben und in
der Entwicklung der geiftigen Intereffen, befonders der
jüngeren Generation aufmerkfam; am meiften werden
deutfehe Lefer fich für die Ausführungen intereffieren,
durch welche die Stellung der einzelnen amerikanifchen
Kirchen zu den fozialen Problemen charakterifiert werden.
Darnach nehmen die deutfch-lutherifchen Kirchen eine
überwiegend ablehnende Haltung ein, in dem fie es als
alleinige Aufgabe der Kirche anfehen, Wort und Sakrament
darzubieten. Ob diefe Darfteilung nicht etwas einfeitig ift?

Im zweiten Kapitel wird dann der Verfluch gemacht,
Jefu Botfchaft vom Reich Gottes als foziale Erlöfung der
Menfchheit zu erweifen. So wichtig dabei die Abweifung
einer einfeitig individualiftifchen oder apokalyptifchen
Auffaffung der urfprünglichen Botfchaft vom Reich Gottes
ift, fo bedenklich ift es doch, wenn der Verf. nun feiner-
feits das urfprüngliche Evangelium mit demokratifierenden
Tendenzen belaftet oder wenn er fagt: Jefu Idee fei es
ganz und gar gewefen, das Reich Gottes auf Erden aufzurichten
. Hier wurzeln zwei Fehler in der Grundanfchau-
ung des Verfaflers. Als Mächte, die den Herrn in Zorn
gebracht haben, nennt R.: bigotry, priestcraft, despotism,
political corruption, militarism(1) and the mobspirit,