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Ausgabe:

1915 Nr. 1

Spalte:

4-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oppenheim, Max Frhr. v. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Inschriften aus Syrien, Mesopotamien und Kleinasien, gesammelt im Jahre 1899. II. Syrische und hebräische Inschriften 1915

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 1.

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man!). 4. Auf der femitifchen Linie befonders entwickelt !
fich aus .Macht' (und dem ihr entfprechenden Tabu) der J
Charakter des Überweltlich-Heiligen. — Kap. IV behan- j
delt die .Frambringar' (Urheber), diefe fonderbaren ,dii j
otiosi', die in dem neuerlichen Streite um den ,Urmono- !
theismus' befonders durch Andrew Lang und P. Schmidt
die Aufmerkfamkeit an fich gezogen haben. Das Kapitel
ift höchft lehrreich, allerdings mehr nach der negativen
als der pofitiven Seite. Es befreit uns wohl endgültig j
von der Gewalthypothefe des ,Urmonotheismus'. Zugleich j
fcheint es mir endgültig die Herleitung diefer Weien aus
Himmels- oder anderer Naturbefeelung und aus Seelen- I
und Ahnenkult zu widerlegen. Diefe Wefen find Pro- !
dukte des primitiven Mythus, aber was eigentlich das j
treibende Motiv ihrer Bildung war, und warum fie fich I
fo allgemein über faft die ganze Erde finden müffen,
bleibt doch auch hier noch ganz im Dunkeln. Der Medizinmann
ift ihr Modell. Sie find teils Urwefen, aus denen
und deren Teilen die Gefchöpfe hervorgehen, oder fie
find Urheber, die durch magifche Wirkung fchaffen. Sie
find nicht von Haus aus Götter, aber fie können offenbar
dazu werden, und werden dann dem eben angegebenen
Unterfchiede entfprechend entweder pantheiftifch oder
theiftifch gedacht. — (Sollte es richtig fein, daß Geftalten wie
Mawe, Ngai, Varuna, Shang Ti aus ihnen hervorgegangen
find, fo würde in der Hypothefe des ,Urmonotheismus'
doch immerhin das berechtigte Element ftecken, daß diefe
.Urheber' befonders geeignet gewefen find, die Ideen
des Göttlichen zu wecken und — unter Abklingen
des mythifchen Urfprungs — an fich zu ziehen!) —
Kap. V, .Religion och Magi', ift das feinfte des ganzen
Werkes und, wie mir fcheint, überhaupt das befte, was
man zurzeit über diefen Gegenftand lefen kann. Es enthält
eigentlich den erften umfaffenderen Verfuch, die
,Scheu' zu analyfieren nach ihrer negativen und pofitiven
Seite (Söderblom verwendet hier ganz entfprechend die
Ausdrücke ,rädsla och tillit'). Es proteftiert gegen die
bisherige Überfchätzung des Begrifflichen und Vorftel-
lungsmäßigen bei der Frage nach der Entwicklung der
Religion, z. B. der Götter- und Gottesvorftellungen, und
beftimmt richtig, daß Religion nicht da beginne, wo derartige
Götterbegriffe gebildet werden, fondern da, wo
die fpezififch religiöfen Kategorien der ,Macht' und damit
des .Heiligen' angewendet werden. Vortrefflich find die
Nachweife, wie aus folchem Werten durch bloße Gefühle
(der .Scheu'), noch faft ohne Begriff überhaupt, bereits
auf den primitiven Stufen auftralifcher Vorftellungsbildung
typifche Regungen von Andacht und Ergriffenheit vorkommen
können, und wie hier fchon die Religion anfängt,
gelegentlich .Selbftzweck' zu fein. In alledem liegen die
allerwichtigften Ergänzungen und Korrekturen unferer
bisherigen ethnologifchen und völkerpfychologifchen Aufriffe
, die zumeift auf die .Phantafie'-Erzeugniffe des Pro-
zeffes gerichtet, gerade die pfychologifche Hauptaufgabe
verkümmern ließen: die Analyfe der Gefühls- und
Wertungsketten, vom .Unheimlichen' bis zum Heiligen
aufwärts. (,Das bedeutungsvollere Kriterium für Religion
ift das Unterfcheiden von .Heilig' und .Profan'. Es
kann wirkliche Frömmigkeit geben ohne ausgeftalteten
Gottesglauben und ohne Kult. Aber es gibt keine Frömmigkeit
ohne Auffaffung des Heiligen.') Von Magie aber
kann man erft da reden, wo fich Vorftellungen legitimen
Gebrauchs und Verhaltens zu .Macht' gebildet haben,
dem dann illegitimer Gebrauch entgegentreten kann.
Magie ift Mißbrauch von .Macht'. — In Kap. VI und VII
macht Söderblom den Verfuch, den chinefifchen SchangTi
aus einem urfprünglichen .Urvater' und .Urheber' herzuleiten
, und in Kap. VII zeigt er den Urfprung des indi-
fchen Brahman und des perfifchen Hvarenah aus .Macht'-
Vorftellungen. — Kap. VIII gibt geradezu überrafchende
Ausführungen über das große Intereffe, das der weibliche
Deismus der Aufklärungszeit an den chinefifchen Vorftellungen
von Schang Ti nahm. Und Kap. IX verfolgt

den Einfchlag der ,Mana-Brahma-Religion' in die abend-
ländifche Ideenentwicklung. In Kap. X werden die bisherigen
Unterfcheidungen und Ergebniffe angewandt auf
die Entwicklung der Jahvereligion. Es wird unterfchieden
zwifchen der älteren Grundlage der El-Elohimvorftel-
lung, die durch ihren milden fanften Zug den Typus
des .Urvaters' und .Urhebers' an fich trage und vielleicht
indogermanifchen Einfchlag verrate, und im Gegen-
fatz dazu der Typus Jahves, der — durch Mofe's pro-
phetifches Erleben verfittlicht — animiftifche Züge trage
in feinem dämonifchen, willenmäßigen, gewaltfamen und
hoheitsvollen Charakter. Ausführlicher noch als im erften
Kapitel werden dann diefe Züge für die ,animiftifchen'
Göttergeftalten in Anfpruch genommen und in diefer
Hinficht die Bedeutung des Animismus für die Entwicklung
der Gottesvorftellung kräftiger gewürdigt. — Diefe
Annahmen, befonders die erftere, die El-Elohim auf den
Urhebertypus zurückführen möchte, erfcheint recht gewagt
. Ganz verfehlt aber fcheint mir hier die, wenn auch
eingefchränkte, Rehabilitation des Animismus als religiöfer
Theorie zu fein. Animismus und ,Animatismus', der Seelenglaube
und die von diefem fcblechterdings unabhängige,
nur durch den fchillernden Ausdruck .Animismus' in
Zufammenhang geratene Naturbefeelung rücken wieder
wunderlich ineinander. Der dem Jahweglauben zu
Grunde liegende Gottestypus ift zwar ausgezeichnet cha-
rakterifiert. Aber eben fein Charakter erklärt fich
doch fchlechterdings weder aus dem Umftande, daß man
jemals Naturobjekte für befeelt anfah (Animatismus) —
denn warum müffen fie deswegen ,gewaltfam, grandios,
übermächtig, willensftark' fein —, noch aus dem Umftande
, daß man je .Seelen' (Animismus) erfand und
zu Körpern in Gegenfatz fetzte. Weder Jahve noch andere
,animiftifche' Gottheiten find .Seelen', fondern fehr reali-
ftifche Dinglichkeiten. Und daß fie durch die Luft fliegen,
meiftens nicht gefehen werden, an vielen Orten fein
können ufw., das macht aus ihnen keine .Seelen', denn
alles das kann jeder ordentliche Medizinmann auch. Nicht
aus ,Seelen'-Phantafien, fondern eben aus ,rädsla och
tillit', aus der fpezififchen, dem religiöfen Gebiete charak-
teriftifchen .Scheu' find auch diefe Wefen geboren, aus
der Scheu, die das Objekt, das fie dunkel fühlt (oder,
um ganz exakt zu fein, zu fühlen wähnt), ausgeftaltet mit
den Mitteln der Phantafie — der bisweilen animiftifch und
meiftens ganz und gar unanimiftifch beftimmten Phantafie.

Söderbloms Werk erfcheint mir als einer der wichtigften
Beiträge der letzten Jahre zur Forfchung nach den religiöfen
Urfprüngen. Hoffentlich dürfen wir es bald in
deutfcher Überfetzung habenl). Um es knapper und den
Studenten leichter zugänglich zu machen, könnten vielleicht
in diefer die Kapitel VIII und IX fehlen. Sie find
hervorragend intereffant und befonders VIII wirft auf
die Zeit der Aufklärung ganz neue Lichter. Aber für
den Gegenftand des Buches felber find fie ja nicht notwendig
.

Göttingen. Rudolf Otto.

Infchriften aus Syrien, Melopotamien und Kleinafien, gefammelt
im J. 1899. Mit Beiträgen von Max van Berchem, Julius
Euting u. Bernhard Moritz hrsg. v. Max Frhrn. v. O p p e n-
heim. II. Syrifche u. hebräifche Infchriften, bearb. v.
Bernh. Moritz u. Jul. Euting. (Beiträge zur Affyrio-
logie u. femit. Sprachwiffenfchaft VII, 2.) (S. 157—179
u. IV S. m. 7 Abbildgn. u. 5 Fkfms.) Lex.-8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1913. M. 2 —

Die von Moritz bearbeiteten fyrifchen Infchriften find
zum Teil fchon aus Pognon bekannt (Inscriptions Semi-

') Der Druck ift bereits bis Bogen 12 beendet, fo daß das Werk benimmt
im Laufe des Winters erfcheinen kann. Beftellungen werden
fcbon jetzt entgegengenommen. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung.