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Ausgabe:

1915 Nr. 2

Spalte:

427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Siecke, Ernst

Titel/Untertitel:

Der Vegetationsgott 1915

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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427

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 20/21.

428

Siecke, Ernft: Der Vegetationsgott. (Mythologifche Bibliothek
VI, 3.) (24 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1914.

M. 1.25

Das Thema ift: Sind Tamuz-Adonis, Dionyfos und
Mars von Haufe aus Vegetations- oder Mondgötter?
Wer Siecke kennt, weiß die Antwort im voraus. Ich
erlaube mir ein Urteil nur über Tamuz-Adonis, dem auch
die ausführlichfte Darftellung gewidmet ift.

Der Verfaffer leugnet die Zufammenhänge des Gottes
mit der Vegetation nicht, erklärt fie aber für fekundär
gegenüber den Zügen, die Mondcharakter aufweifen.
Selbft wenn man diefe zugeftehen wollte, könnte man
doch ihren Primat bezweifeln. Nach Siecke ift der Tod
des Mondgottes finnlich anfchaulicher als der des Vegetationsgottes
. Aber fehen kann man das eine fowenig
wie das andere. In beiden Fällen handelt es fich nicht
um Perfonifikationen oder Abftraktionen, fondern um
die Auffaffung naturhafter Vorgänge nach menfchlicher
Art. Wenn der Mond (die Vegetation) verfchwunden
ift, dann ift der Mond-Menfch (der Vegetations-Menfch)
tot; es ift kein Grund einzufehen, warum das eine primär,
das andere fekundär fein foll.

Ebenfo anfechtbar ift das zweite Axiom des Verfaffers,
ein volkstümlicher Sterndienft fei die Urreligion der Semiten
gewefen. Zum Beweife dafür beruft er fich auf
die Autoritäten: Hommel und Nieifen. Wenn fich nun
aber diefe Autoritäten irren? Tatfache ift, daß fich bei
den Weftfemiten nur wenige und unfichere Spuren einer
Aftralreligion finden. Und felbft wenn man zugeben wollte,
daß einmal der Mondgott in prähiftorifcher Zeit der Hauptgott
gewefen fei, muß darum Tamuz-Adonis, muß darum
jeder Gott urfprünglich ein Mondgott gewefen fein?

So bleiben nur die fpeziellen Gründe übrig, von denen
Siecke acht zufammen getragen hat.

Davon fcheiden Nr. I (Verwandtfchaftsverhültnifle), 3 (Alter des
Tamuz) und 5 (Kampf mit dem Eber) aus, weil fie fekundär novelliftifche
Motive verwerten; folange man, wie Siecke tut, die Literargefchichte völlig
vernachläffigt, ift jede Verftändigung unmöglich. Nr. 2 (,Als Kleiner liegt
er in einem verfinkenden Schiffe') und 4 (,er ift im Berge eingefchloffen')
ftützen fich auf dunkle, mehrdeutige Worte, die vom Verfaffer willkürlich
ausgelegt werden. Nr. 7 und 8 beruhen auf einer pfychologifchen
Verwechflung; Tamm ift Hirten- und vielleicht auch Heilgott gewefen.
Wenn nun auch der Mond — bei den Indern und Mexikanern vielleicht,
aber nicht bei den Babyloniernl — einmal als Hirte oder Arzt aufgefaßt
fein mag, fo ift darum doch nicht jeder Hirte oder Arzt ein Mondgott.

Ernfthafte Erwägung verdient nur Nr. 6: die Wiederkehr
des Tamuz-Adonis am dritten oder vierten Tage.
Aber Siecke bleibt den Beweis fchuldig, daß diefe An-
fchauung überhaupt vorhanden war und feit wann fie
zu belegen ift. Und felbft wenn fie fich wahrfcheinlich
machen läßt, find noch zwei fchwere Fragen zu beantworten
: Hängt dies Motiv wirklich mit dem Monde zufammen
? Ift dies Motiv nicht erft fekundär auf Tamuz-
Adonis übertragen? Für eine fichere Antwort fehlen
alle Mittel, und der Glaube muß an die Stelle des Wiffens
treten.

Eine Schreibweife wie Shamafh, Ifhtar, Afhtarte ift
als Engländerei zu verpönen: das tfchechifche s ift wohl
kaum wieder auszurotten.

Zehlendorf bei Berlin. Hugo Greßmann.

Baumgärtel, Lic. Friedrich: Elohim auBerhalb des Pentateuch.

Grundlegung zu e. Unterfuchg. über die Gottesnamen
im Pentateuch. (Beiträge zur Wiff. vom Alten Teft.
Heft 19.) (VIII, 90 S.) 80. Leipzig, J. C. Hinrichs 1914.

M. 3—; geb. M. 4 —

Kein Vorwurf gegen die jetzt herrfchende Pentateuch-
kritik ift in den letzten Jahren häufiger erhoben worden,
als der, daß fie ihre unterfte Grundlage in einem metho-
difchen Fehler befitze. Denn der im hebräifchen AT.
vorliegende Wechfel der Gottesnamen fei feit Astrucs
Zeit zum Ausgangspunkt der Literarkritik des Pentateuchs

gemacht worden, und doch habe man nicht zuerft die
Autorität der Gottesnamenüberlieferung des hebr. AT.
feftgeftellt. So ift die Anklage ja in der Nachfolge Klofter-
manns hauptfächlich von Dahfe neueftens immer und immer
wieder ausgefprochen worden. Ift es da ein Wunder, daß
die Vertreter der neueren Pentateuchkritik teils die Begründetheit
des Vorwurfs, unmethodifch vorgegangen zu
fein, anfechten und teils die methodifche Art der Pen-
tateuchforfchung zu fteigern verfuchen? Das erftere ge-
fchieht in meiner gegen Dahfes Aufftellungen gerichteten
fyftematifch umfaffenden Gegenfchrift ,Die moderne Pentateuchkritik
etc.' (1914), und das letztere erftrebt Baumgärtel
in dem oben genannten Buche. Nämlich um fchließ-
lich ganz ficher über die Verwendbarkeit der Gottesbezeichnungen
als eines Mittels zur Pentateuchanalyfe
urteilen zu können, muß bei der einen Gottesbezeichnung,
dem Ausdruck elohim, erft feftgeftellt werden, ob fie
nicht in einer Reihe von Fällen als Appellativum zum
Ausdruck von ,göttlich und ähnlich' und in einer anderen
Reihe von Fällen unter dem Einfluffe eines herrfchenden
Sprachgebrauchs geletzt worden ift, infofern fie ein Be-
ftandteil einer alten Ausdrucksweife war.

Diefe Unterfuchung hat nun B. in feinem Buche fo
durchgeführt. In einem erften Teile forfcht er nach, an
welchen Stellen elohim aus inneren Gründen als ein Gattungswort
anzufehen ift. Dies ift aber z. B. der Fall, wenn
es heißt ,Und du, Jahve, wurdeft ihnen zu elohim', wie in
2 Sam. 7,24; Jr. 24,7 etc. (B. hat an diefem Punkte leider
die Stellen weggelaffen). Nicht fo einfach liegt die Sache,
wenn in Pf. 14, 1 die Ausfage ,Es gibt nicht elohim' begegnet
; aber mit hinreichender Sicherheit urteilt B., daß
es in diefem Gedicht um Leugnung der Exiftenz der
Gottheit überhaupt fich handelt. So geht er diefen inneren
Gründen, aus denen ein elohim als ein Gattungswort anzufehen
ift, weiter nach. Sodann folgt die P'eftftellung
derjenigen elohim, die aus äußeren Gründen für Appel-
lativa zu halten find. Das find die, welche in beftimmten
Verbindungen auftreten, in denen Jahve niemals und auch
fogar trotz jahviftifcher Umgebung fich zeigt. So ift es
zunächft bei ,der Mann Gottes', das z. B. in Pf. 90,1 begegnet
, obgleich diefer Pfalm zu den jahviftifchen gehört.
Ebenfo heißt es ftets nezir elohim ,Gottgeweihter' oder
gan elohim ,Gottesgarten' ufw. Dazu treten die in einem
dritten Teile des Buches unterfuchten elohim, die in beftimmten
Redewendungen erfcheinen. Sehr auffallend ift
es ja z. B., daß in der bekannten Selbftbedrohung ,So
foll mir Gott tun', die elfmal vor der Schwurausfage wirklich
noch vorkommt und nicht bloß hinzugedacht wird,
an neun Stellen (1 Sam. 3,17; 14,44; 2 Sam. 3,9. 35; 19,14;
1 Kön. 2,13; 19,2; 20,10; 2 Kön. 6, 31) elohim und nur an
zwei Stellen (1 Sam. 20,13 und Ru. 1,17) Jahve gebraucht
ift, übrigens an erfterer Stelle d-tög von LXX B und Luc.
geboten wird. Ebenfo wird in der euphemiftifchen Redensart
berekh elohim wämelekh ,Gott und den König
fegnen (ftatt: fluchen)' elohim gebraucht (1 Kön. 21,10.
13) ufw. Dann werden in einem vierten bis fechften Teile
die elohim der übrigen Stellen, die elohim in Chron., Efr.
und Neh. unterfucht und endlich die Schlußfolgerungen
gezogen, die B. begründet zu haben meint.

Was aber ift über die da vorgelegte Arbeit zu urteilen?
Nun auch diefe Vorunterfuchung ift nichts abfolut Neues.
Denn längft ift man fich mehr oder weniger deutlich
bewußt gewefen, daß die elohim nach ihrem Werte für
die Quellenanalyfe in zwei Klaffen zerfallen. Nicht etwa
bloß Möller und Zimmermann und Vetter, die B. hervorheben
zu müffen meint (S. 21), haben dies gefehen, fondern
wir alle haben z. B. bei ,Söhne elohims' (Gen. 6,2. 4)
das elohim als ein vom Sprachgebrauch diktiertes an-
gefehen und deshalb trotz diefes zweimaligen elohim den
Abfchnitt 6,1—8 zum Jahviften gerechnet. Wir Vertreter
der Pentateuchkritik haben nicht erft durch ihre Gegner
auf den richtigen Betrieb derfelben aufmerkfam gemacht
werden müffen. Aber es war zweckmäßig, daß jener längft