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Ausgabe:

1915 Nr. 1

Spalte:

400-402

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frankenberg, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Euagrius Ponticus 1915

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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399

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 18/19.

400

er den Lefer häufig, in ganz anderer Weife als Weizfäcker,
felbft an folchen Unterfuchungen teilnehmen, die nach
feinem eigenen Geftändnis fchließlich zu keinem fichern
Refultate führen. Vom Standpunkte des vorausgefetzten
Leferkreifes ift auch die aus der Literatur getroffene Auswahl
nicht recht verftändlich. Wenn fofort zum Beginne
mehrfach gegen Maurenbrecher polemifiert wird, fo hängt
das wohl damit zufammen, daß hier Erwägungen aus dem
kurz vorher im Archiv für Religionswiffenfchaft er-
fchienenen Auffatze über das Problem der Entftehung
des Chriftentums in das größere Werk herübergenommen
worden find. In jedem Falle gibt der Wechfel von gelehrten
, für die Fachgenoffen beftimmten Ausführungen
neben folchen erbaulicher und apologetifcher Art dem
Buche im Gegenfatze zu Weizfäckers aus einem Guße
entftandenen Werke etwas Unausgeglichenes. Und man
möchte wünfchen, daß der Verfafler feiner Neigung, fich
durch fcharffinnige Beobachtungen auf Nebenwege leiten
zu laffen, etwas mehr widerftanden hätte. Andererfeits verbreitet
gerade die Offenheit, mit der Weiß häufig die Unmöglichkeit
einer entfchiedenen Antwort eingefleht und
darauf verzichtet, im Intereffe einer ftärkern Wirkung die
Probleme einfacher zu machen, als fie in Wirklichkeit
find, dem Buche einen ganz befondern Wert. Und eben
wegen der überall fich geltend machenden Befonnenheit
und der Befcheidenbeit, mit der Weiß feine im Gegenfatz
zu der herrfchenden Meinung flehenden Hypothefen vorträgt
, macht dann auch die Entfchiedenheit der Polemik
gegen weit verbreitete Auffaffungen um fo größern Eindruck
. So fein Widerfpruch gegen ,einen der feltfamften
theologifchen Irrgänge', nämlich die Annahme, nur Paulus
habe unter allen urchriftlichen Verkündigern darauf verzichtet
, feine Botfchaft durch Erzählungen aus dem Leben
Jefu zu veranfchaulichen, gegen ,die ftubengelehrte Behauptung
', Paulus habe vonjefus überhaupt nichts gewußt,
er hätte Jefus als den Herrn verkündigen können, wenn
er nicht gut über ihn unterrichtet gewefen wäre, gegen
die Darftellung, wonach fich der Jünger nach dem Tode
Jefu eine vollftändige Verzweiflung bemächtigt habe ufw.

Diefe letzte Frage, ift für Weiß deshalb von ganz
befonderer Wichtigkeit, weil mit ihr die nach dem Einfluß
Jefu auf die Entwicklung des Gemeindechriftusglaubens
zufammenhängt. Hier weiß er fich auch zu Weizfäcker
im Gegenfatz. An welchen Punkten fich die Forfchung
feit deffen Darftellung vor neue Aufgaben gefleht fieht,
fo daß auch eine neue Zufammenfaffung der Ergebniffe
berechtigt und notwendig geworden ift, zeigen vor allem
die Kapitel über Paulus den Chriften und Theologen,
befonders Kapitel 13: Der Schriftfteller und Kapitel 14:
Der theologifche Denker. Was Weiß hier mit voller Be-
herrfchung des fprachlichen und religionsgefchichtlichen
Materiales auf Grund felbftändiger Forfchungen ausführt,
bildet den wertvollften Teil feines Werkes. Wie fehr hier
gerade auch er unfere Kenntnis gefördert hat, ergibt fich
aus der Vergleichung mit der Darftellung Weizfäckers,
z. B. dem Kapitel über die Quellen der Lehre des Paulus.
Je fympathifcher die Umficht und die Befonnenheit berührt
, mit der Weiß die wichtigen in Betracht kommenden
Fragen, fo auch die vor Kurzem von Bouffet gründlich
behandelte nach der Entftehung des Kyrioskultes,
befpricht, defto fchmerzlicher empfinden wir, daß wir auf
die weitere Mitarbeit diefes Forfchers verzichten müffen,
der uns mit feinem liebevollen Blicke auch für die kleinen,
von Vielen nicht genügend beachteten Züge, feinem feinen
Verftändniffe für das religiöfe Leben und feiner gründlichen
Kenntnis der Welt, in der das Chriftentum ent-
ftanden ift, noch Vieles hätte fagen können.

Bafel. Eberhard Vifcher.

Rudberg,Gunnar: NeuteltamentlicherText und Nomina sacra.

(,Skrifter utgifna af k. humanistiska vetenskaps-sam-

fundet i Uppsala' 17:3.) (88 S.) gr. 8°. Leipzig,
O. Harraffowitz 1914. M. 2 —

Die Endergebniffe der Abhandlung find paläogra-
phifche: 1. Der von H. v. Soden als I-H-K-Text bezeichnete
Archetypus unferer Evangelienhandfchriften fei ein
Pergamentkodex (nicht eine Papyrusrolle) mit Kolumnen
von 16 Zeilen zu je 10—12 Buchftaben gewefen (Methode
von Clark). 2. Die ,graphifche Kontraktion' der .Nomina
sacra', d. h. die Schreibungen y.g = xvQiog u. dgl., gehe
nicht auf die jüdifche Scheu vor den Gottesnamen zurück
(Traube), fondern fei eine Nachbildung profaner Schreibgebräuche
auf Oftraka und in der Kurfive, befonders der
.Verfchleifung' von Kaifernamen und -titeln auf Infchriften.
Die Richtigkeit von R.'s Beweisführung ließe fich nur auf
Grund von eingehenden paläographifchen und fprachlichen
Unterfuchungen der Handfchriften nachprüfen, wie
fie mir nicht zu Gebote flehen.

Aber R. fpielt feine Thefen auch auf das Gebiet der
Handfchriftenkritik hinüber: Der fog. «-Text des cod.
D Ciarom. der Acta fei aus dem /?-Text durch Weg-
laffung von Sinnzeilen entftanden. Die Anficht v. Soden's,
cod. D Cantabr. der Evangelien fei der ältefte Vertreter
der getreueften Textrezenfion der Evangelien (Ia), will
R. durch den Nachweis ftützen, D fei in orthographifchen
und technifchen Äußerlichkeiten fehr konfervativ. Man
kann das ruhig zugeben; bevor man jedoch daraus die Berechtigung
ableitet, D für die urfprünglichfte Handfchrift
zu halten, müßte man feftftellen, ob nicht die andern
alten Handfchriften ebenfalls in manchem ähnlichen Punkt
befonders altertümlich ausfehen und welche Handfchrift
dann am meiften konfervative Züge aufweift. Es wäre
dabei auch vorfichtig zu prüfen, ob wirklich alles Vulgäre
in der Schreibung alt fein muß. Man fieht jedenfalls, wie
notwendig genaue und nicht bloß ftatiftifche Darftellungen
der Orthographie der einzelnen Handfchriften auf Grund
der modernen helleniftifchen Laut- und Formenlehre wären.

Zürich. A. Debrunner.

Frankenberg, W.: Euagrius Ponticus. (Abhandlungen der
Kgl. Gefellfchaft der Wiff. zu Göttingen. Philolog.-
hiftor. Kl. N. F. Bd. XIII. Nro. 2.) (635 S.) 40. Berlin,
Weidmann 1912. M. 48 —

Daß Evagrius die Vernachläffigung, deren er fich
erfreut, nicht verdient, weiß jeder, der fich einmal mit den
Überreden feiner Schriften befaßt hat. Leider ift noch
nicht einmal alles, was griechifch erhalten ift, genügend
herausgegeben, gefchweige daß die Überfetzungen ausreichend
verwertet wären. F. hat fich daher ein unbeftreit-
bares Verdienft erworben, indem er wenigftens die Haupt-
fchriften, die fyrifch vorhanden find, herausgegeben und
durch eineÜberfetzung allgemein zugänglich gemacht hat:
den Antirrhetikus, die Schrift von den acht Laftergedan-
ken, den Gnoftikus und die Briefe. Dazu haben drei
Londoner, eine Berliner und eine vatikanifche Handfchrift
beigefteuert. Die Überlieferung der Centurien bezeichnet
der Herausgeber in der fehr knappen Vorrede (S. 2) als
gut. S. 3 f. wird nach Berol. 37, den fchon Baethgen benutzt
hatte, eine Anzahl Stellen verbeffert. Irgendwelche
kritifche Bemerkung zu dem Abdruck findet fich aber
nicht. Für den Gnoftikus liegt zu Grund die Handfchrift
Lond. Mus. Brit. add. 14578 — warum fie S. 7 nur als
addit. bezeichnet ift ohne Ortsangabe, vermag ich nicht
einzufehen —, zu der noch Lond. add. 12175 verglichen
ift. Letztere Handfchrift hat nach S. 5 einen fchlechteren
Text; immerhin laffen fich einige Stellen danach verbeffern.
Warum nun aber auch diefe Verbefferungen nur in der
Vorrede genannt, nicht aber an der Stelle in dem fyrifchen
Text eingetragen find, wird man nur dann begreifen, aber
fchwerlich billigen, wenn man diefe Ausgabe nur als die
Mitteilung von Rohftoff betrachtet. Dafür fcheint auch